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12.08.2017  |  Text: Fips  |   Bilder: Archiv Huber Verlag
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Back to the Roots Teil 14


BIKERS-NEWS-Gründer Fips blickt in den Rückspiegel und erzählt von den frühen Tagen der MC-Szene. Dieses Mal geht’s noch weiter zurück: Fips schildert seine frühesten Kindheitserinnerungen – denn auch in denen spielen Zweiräder schon eine wichtige Rolle …


Zwangsläufig beginnt mein Leben mit meiner Kindheit, die ich in der gebotenen Kürze grob skizzieren werde. Meine Mutter stammte aus Mannheim und mein Vater aus Ludwigshafen. 1939 wurde mein Bruder geboren. Während des Krieges wurde mein Vater bei der Marine in Ostfriesland stationiert. Mannheim wurde bombardiert und meine Mutter zog mit meinem Bruder hinterher. Nach dem Krieg blieben sie erst einmal dort hängen. Dann kam ich auf die Welt, am 15. März 1946. Wir wohnten in einem Dorf namens Weener bei Leer (Leer ist mein Geburtsort) in Ostfriesland. Mein Vater arbeitete als Polizist und meine Mutter als Reporterin für die örtliche Zeitung. Sie mussten beweglich sein und so legte sich mein Vater einen Motorroller Marke Goggo zu.
Es war ein Genuss ganz besonderer Art, wenn ich hinten drauf saß, der Roller mit viel Schwung losbrauste und es im Bauch kitzelte. Der Geruch von Benzin und Öl und der vorbeiziehenden Landschaften hatte es mir angetan; Motor, Technik, Metall, Gangschaltung, Gasgriff – alles wollte ich wissen und kennenlernen. Einmal fuhr mein Vater zu einem Fußballspiel zur Insel Borkum. Ich hörte, wie er den Roller startete, wollte wie immer mit, wurde von ihm hinten drauf gepackt und los ging es. Unterwegs fing es an zu regnen, eine langgezogene Kurve kam auf uns zu, Kopfsteinplaster, Vater rutscht hinten weg und wir lagen urplötzlich auf der Straße. Mein erster Sturz mit einem „Motorrad“ – keiner verletzt, weiter ging’s.

Wann immer es ging, saß Fips auf dem Familien-Roller

Ich war sechs Jahre alt, als meine Eltern mir zu Weihnachten einen heiß ersehnten Ballonroller schenkten. Nachdem alle schlafen gegangen waren, wuchtete ich das Ding aus dem Fenster – wir wohnten im Erdgeschoss – und fuhr die ganze Nacht durch die Gegend, bis mich die Polizei nach Hause brachte. Das war meine erste Begegnung mit einem eigenen Zweirad – geradezu schicksalhaft aus heutiger Sicht, denn meine damalige Begeisterung sollte sich als wegweisend für meine Zukunft entpuppen.

Mit Mutter frontal an die Bretterwand

Das nächste nachdrückliche Zweiraderlebnis war da schon etwas heftiger. Meine Mutter hatte einen 4er-Führerschein gemacht und durfte damit Autos und Motorräder bis 250 Kubikzentimeter fahren. Sie hasste es, mit dem Roller zu fahren, aber als Reporterin musste sie mobil sein. So fuhr sie denn sehr ängstlich. Eines Nachmittags musste sie wieder einmal zu einem Ereignis. Ich hörte den Motor anspringen, rannte zur Straße, schwang mich ganz selbstverständlich hinten drauf und ab ging die Fahrt. Nach kurzer Strecke kam uns in einer langgezogenen Linkskurve ein großer LKW mit Anhänger auf der anderen Straßenseite entgegen. Der war wohl zu groß für meine Mutter. Sie rief mir zu: „Halt dich fest!“, das tat ich dann auch brav und anstatt der langgezogenen Linkskurve zu folgen, fuhr sie geradeaus, direkt auf den Randstein zu. Dahinter war ein Bretterzaun und genau auf den knallten wir ungebremst. Dabei löste sich die Sitzbank aus ihrer Verankerung und bohrte sich seitlich tief in mein Knie. Das musste genäht werden und ich durfte in unendlich langen Wochen das Laufen neu erlernen. Meine Mutter blieb unverletzt. Eigentlich denkbar schlechte Anfangserfahrungen, aber mein Enthusiasmus für motorisierte Zweiräder blieb ungebremst.

Abschied von der Nordsee

Kurz nachdem ich den schicksalhaften Ballonroller geschenkt bekommen hatte, trennten sich meine Eltern. An meinem siebenten Geburtstag (1953) traten sie beide vor mich hin und forderten mich auf, nun zu entscheiden, ob ich mit Vater zu seiner neuen Freundin ziehen oder bei Mutter bleiben wolle. Eine liebevolle Geburtstagsüberraschung, die auch noch heute in der Erinnerung weh tut. Von einer solchen „Entscheidung“ war ich weit entfernt und flüchtete mich in den Gedanken, ich müsse nun die Ehe meiner Eltern retten: Hilflos sagte ich ihnen, ich wolle bei beiden bleiben! So trafen sie die Entscheidung selbst und ich blieb bei meiner Mutter. Peng! Meinen Bruder hatten sie bereits in den Ruhrpott abgeschoben, um Bergmann zu lernen. Beide zogen dahin zurück, woher sie gekommen waren, mein Vater mit Freundin nach Ludwigshafen.

Fips’ Vater in voller Montur: Er arbeitete in Ostfriesland als Polizist

Weil er besoffen Auto gefahren war, kam er mit seinen Kollegen in Streit, bezwang sie während einer wüsten Schlägerei in der Wache – alle Zeitungen der Region berichteten darüber – und quittierte damit gleichzeitig seinen Dienst. Ich musste mit meiner Mutter mit dem Zug nach Mannheim, in ihre alte und meine neue Heimat! Mein einziges mir wichtiges Gepäckstück war dabei, mein Ballonroller.
Meine Mutter sang im Zug mit mir zweistimmig „Nun ade, du mein lieb Heimatland“, ein paar Tränen flossen und jetzt wusste ich auch, wie Heimweh sich anfühlt. Wegen der Kriegsschäden musste der Zug über Heidelberg fahren und als Heidelberg kam, staunte ich nur noch. Mein ganzes bisheriges Leben hatte ich nur die flache Landschaft der Nordseeküste gesehen, die höchsten Erhebungen waren die Deiche an der Ems, die ließen sich im Winter gut zum Schlittenrasen nutzen. Nun sah ich Berge, ein Schloss, dichten Wald und Burgen vor mir, ein Traumland, ein Paradies für wilde Jungs. Da gibt es vielleicht noch echte Ritter, mit denen man spielen konnte, spekulierte ich. Und Schlitten fahren konnte man da wohl auf endlos langen Abhängen. Erste vorsichtige Euphorie machte sich breit …

In einer der nächsten Folgen lest ihr, wie Fips sich im zerbombten Mannheim einlebte

Zuerst veröffentlicht im Buch „Rocker in Deutschland – die 60er Jahre“ und BIKERS NEWS 09/2016



 

Text: Fips
Bilder: Archiv Huber Verlag

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