Checkpoint der Rocker


Szeneshop-Angebote
13.08.2017  |  Text: Peter Ilg  |   Bilder: Peter Ilg
Alle Bilder »

Compadre MC


Viele Rocker träumen davon, in der ersten Liga mitzuspielen. Dies ist die Geschichte von Männern, die den umgekehrten Weg gegangen sind


Er ist Rocker seit er Motorrad fahren darf. Robby ist um die 50 Jahre alt.  Er kommt aus einem kleinen Dorf in Franken und wird mit 18 Jahren Mitglied bei den Motorradfreunden im Nachbardorf. Seinen nächsten Club gründet er selbst mit und stellt dabei fest, welche Folgen es haben kann, wenn man sich so mir nichts dir nichts ein dreiteiliges Colour auf die Kutte näht. „Die ortsansässigen MCs machten Schwierigkeiten. Bevor sie uns erlaubten, mit Colour durch die Gegend zu fahren, mussten wir uns artig bei allen in der Gegend vorstellen.“ Gesagt, getan, genehmigt. Aber die Motorradfreunde von Robby fahren nicht wirklich. Nach zwei Jahren verlässt er den Verein deshalb und ist fortan mit Mitgliedern aus dem Ansbacher Outlaws MC unterwegs. Es kommt, was naheliegend ist, nämlich das Angebot „Mach doch bei uns mit!“ Robby ist ein lernwilliger Prospect – allerdings für nicht mal ein Jahr, dann wird das Chapter intern geschlossen. „Die Gründe kannte ich nicht so recht, es wurde spekuliert und ich war maßlos enttäuscht.“ Männer sollten nicht weinen, Rocker schon gar nicht. Aber Robby gibt zu: „Damals sind Tränen geflossen.“

Die Männer des Chapters wollen zusammenbleiben und gründen deswegen den Black Virus MC Ansbach. „Schwarz ist wie ein Virus, wenn man die Farbe mal getragen hat, hängt sie einem ein Leben lang an – deshalb der Name.“ Und wieder erlebt Robby Stress wegen einer Clubgründung. Diesmal lässt sich das Problem aber nicht mit Vorstellen und Vorsprechen lösen. Man kennt sich schließlich. Bei Partys bleibt das Clubhaus leer, die Miete musste dennoch bezahlt werden und der Black Virus MC sich nach zweieinhalb Jahren umorientieren. In großen Club kennen die Member sich aus, dorthin wollen sie zurück, in die erste Rocker-Liga. Und weil schwarz-weiß Pflicht ist, bleibt nur ein anderer Club übrig: der Gremium MC.

Robby ist damals Vize-Präsident des Black Virus MC und in dieser Funktion fährt er mit seinem Präsident nach München, um beim Gremium-Chapter in der bayrischen Hauptstadt vorzusprechen. 2006 werden sie Hangaround-Chapter, fahren noch drei Monate mit Black-Virus-Kutte, darunter aber schon mit Gremium-Shirts. Dem folgt eine Probezeit, bis ihnen nach 17 Monaten der Voll-Chapter-Status verliehen wird. Diesmal ist Robby ein gutes Jahr Member. Dann verlässt er den Club wegen persönlicher Differenzen mit einem anderen Member des Chapters. Vier Jahre ist er danach solo unterwegs.

Auch Jacko hat ordentlich Szeneerfahrung, als er den MC 1989 in Nürnberg gründet. Er war Member bei den Fighting Angles, im Wolfsrudel, dem Uncommon Ghost und den Ghost Shadows, bevor er in Nürnberg Prospect im ersten Trust-Chapter überhaupt wird. „Kurz vor der Ernennung zum Member gab es Theater und ich bin raus“, erzählt er. Ein halbes Jahr später gründet er den Compadre MC. Nur für sich, deshalb die Einzahl im Namen. Compadre ist spanisch und bedeutet ‚Bruder‘. Der Begriff spiegelt sich auch im Colour wider, das zwei gekreuzte Unterarme bei der rituellen Besiegelung der Blutsbruderschaft zeigt. „Ich habe meinen eigenen Club aufgemacht, weil es bei denen, in denen ich davor Member war, nicht so lief, wie ich mir das vorgestellt habe.“ Jacko findet nie die dicke Freundschaft, die angeblich gelebt wird.

Im Laufe der Zeit stoßen weitere Member zu ihm. Als es fünf Compadres sind, wählen sie einen Vorstand und ziehen von der Stadt aufs Land. In Heilsbronn finden sie ein geeignetes Clubhaus. Die Stadt hat knapp 10.000 Einwohner und liegt zwischen Nürnberg und Ansbach im geografischen Zentrum Mittelfrankens. Jacko wird zum Präsidenten gewählt. „Als wir nach Heilsbronn kamen, sagten andere Clubs, das gehe nicht. Ich frage aber keinen, ob ich einen Club gründen darf oder nicht.“ Sein Vorpreschen wurde letztendlich akzeptiert. Obwohl Jacko kein Blatt vor den Mund nimmt, kommt es in den 27 Jahren, in denen es den Compadre MC nun schon gibt, zu keiner einzigen handfesten Auseinandersetzung mit einem anderen MC. Darauf ist er sehr stolz.

Compadre MC: Die Member der Chapter Heilsbronn und Nomad

Seit einem Jahr unterhält der MC sein drittes Clubhaus, es liegt in Petersaurach, keine zehn Minuten auf dem Motorrad von Heilsbronn entfernt. Zuvor ist es Lagerhalle von Jackos Baugeschäft. Das hat er aufgegeben, er arbeitet nun als angestellter Bauleiter und der Vermieter hat nichts dagegen, dass seine Räumlichkeiten anders genutzt werden. Der Compadre MC zählt sieben Mann. „Wir waren schon mal doppelt so viele, haben aber Leute verloren, weil denen Familie und Beruf wichtiger wurden.“ Arbeit und Familie gehen im Club vor. Seit drei Jahren gibt es ein zweites Chapter, die Nomads, dessen Präsident Robby ist. Damals, bei seiner ersten Vorstellungsrunde vor vielen Jahren, hat Robby auch den Compadre MC besucht und dort Jacko kennengelernt, den Gründer und Präsidenten des Clubs. „Er kam auf mich zu, erzählte von seinen Plänen und dass er einige Männer mitbringen würde.“ Das Motherchapter von Jacko fährt mit der Namensbezeichnung Monastery als Side-Rocker. Es ist das englische Wort für ‚Kloster‘; ein solches gab es in Heilsbronn. Die Männer des Nomad-Chapters tragen auf dem Rücken keine Ortsbezeichnung.

„Der Landkreis Ansbach ist so dicht mit MCs bevölkert, dass kein Platz für einen weiteren Städtenamen blieb. Und da wir kein Clubhaus haben und auch keines wollen, ist Nomade für uns das Ideale“, sagt Robby. Ein Clubhaus kann eine gewaltige Last sein. Es muss finanziert und unterhalten werden. Dafür braucht man ausreichend Arbeitskräfte und Geld. „Wir treffen uns in einer Kneipe in einem Nachbarort. Dort halten wir alle vier Wochen Sitzungen ab.“

In der Szene gilt ein Wechsel wie Robbys, von ganz groß zu ganz klein, als Abstieg. Er aber meint: „Ich fühle mich in meiner neuen Rolle sehr wohl. Denn in großen Clubs steht man ziemlich unter Druck und das Clubleben ist teuer.“ Heute muss er sich nicht mehr überlegen, auf welche Party er geht. Er kann auf jede Party, in einem großen Club geht das nicht. Auch die Strecken sind kürzer, er hat wieder ein Privatleben und lernt neue Leute kennen. „In einem großen Club fährt man überwiegend zu internen Veranstaltungen, trifft immer dieselben Leute.“ Die Clubbrüder in der großen weiten Welt fehlen ihm nicht. „Die kennt man ja eh nicht wirklich.“

Dennoch schwärmt er auch von den Zeiten, als er in der ersten Liga fuhr: „Mit hundert oder mehr Mann auf einen Platz einzufahren, das macht schon verdammt stolz.“ Und Größe gibt Sicherheit. „Wenn wir als Compadres zu fünft oder sechst auf einer Party sind, sind wir viel leichter angreifbar.“ Bei einem großen Club ist diese Gefahr gering. Größe bedeutet Macht.

Sein Ex-Club hat kein Problem damit, dass er wieder in einem MC fährt. Doch die persönliche Fehde besteht weiterhin über Clubgrenzen hinweg. So wird Jacko geraten, das Nomad-Chapter zu schließen, mit der Begründung, im Landkreis Ansbach dürften keine neuen MC und keine neuen Chapter entstehen. Das wird 1999 auf der Landkreissitzung der MCs in und um Ansbach einstimmig so beschlossen. Die BIKERS NEWS berichtete darüber. Doch die Clubs halten sich nicht daran. „Ein halbes Jahr später gab es schon die erste Neugründung und keiner hat etwas gesagt“, so Jacko. Er war es übrigens, der die Landkreissitzung initiiert hatte. Er selbst spielte 2010 mit dem Gedanken, zum Mongols MC zu wechseln. „Wir liefen damals ein Jahr lang mit deren Shirts, aber letztendlich hat es nicht gepasst.“ Auch Robby drängt es nicht mehr nach oben. „Ich habe dieses Leben kennengelernt. Und wenn es beim ersten Mal nicht passt, dann braucht es keinen zweiten Versuch.“
Robby ist einer von dreien aus großen Clubs im Compadre MC. Psycho ist der zweite. Er war im Gremium-Chapter Franconia, jetzt ist er Member im Heilsbronner Compadre Chapter. Der dritte ist Stefan. Er hat beim King Cobra Franken seine Rocker-Karriere angefangen, war bei den Rules in Ansbach und dann Gründungsmitglied des Black Virus MC, dem Übergangsclub zwischen ehemaligem Outlaws- und heutigem Gremium-Chapter Ansbach. Auch dort war er Member und wechselte dann ins Chapter Nürnberg. „Es wurde neu aufgebaut und dafür wurden erfahrene Leute gebraucht.“ Der Weg dorthin ist für ihn nicht weiter als nach Ansbach und die Männer ebenfalls gut. Stefan war eine Leihgabe, die dann geblieben ist. Zuletzt ist er Security Chief. Fünf Jahre bleibt er im Gremium MC, dann ist er raus. „Finanziell, gesundheitlich und zeitlich“, zählt er als Gründe auf. Nach einem schweren Motorradunfall ist langes Fahren eine Qual für ihn. „Das habe ich meinem Präsidenten gesagt und er hat mich im Guten entlassen.“ Gremium ist eine schöne Zeit für Stefan. „Man vermisst sie manchmal, aber es ist vorbei und ich habe es auch so gewollt.“

In der clublosen Zeit hat er sich regelmäßig mit Robby getroffen; die beiden sind seit Jahrzehnten befreundet. „Wir haben überlegt, was wir machen können.“ So schön ein großer Club sein kann – beide wollen es nicht mehr. Sie haben sich umgeschaut und den Compadre MC gefunden. Auch Stefan ist es damals wichtig, Nomade zu sein. Sich weitere Verpflichtungen aufhalsen, das will auch er nicht mehr. In ihrem Nomads-Chapter dürfen sie nun viel mehr Rocker sein, als sie es jemals waren.

Compadre MC Heilsbronn
Altendettelsauer Str. 20
91580 Petersaurach
www.mc-compadre.de
Jeden 1., 3. und 5. Freitag ab 20:00 Uhr Open House
17. September: Clubhaus-Party ab 20:00 Uhr

Zuerst veröffentlicht in der BIKERS NEWS 09/2016
 

Text: Peter Ilg
Bilder: Peter Ilg

Kommentare zum Artikel


weitere Blogeinträge




Aktuell am Kiosk: BIKERS NEWS 10/17

Artikel aus der Ausgabe: 10/17

Hells Angels organisieren Biker-Demo gegen das Colour-Verbot
Hells Angels organisieren Biker-Demo gegen das Colour-Verbot
Polizei unter Verdacht: Die Rocker-Affäre von Kiel
Polizei unter Verdacht: Die Rocker-Affäre von Kiel
Harley-Davidson Modelle 2018
Harley-Davidson Modelle 2018
Motorradclub Kuhle Wampe
Motorradclub Kuhle Wampe
Bike and Music Weekend Geiselwind: French Connection in Franken
Bike and Music Weekend Geiselwind: French Connection in Franken
Harley-Davidson Night Train „Iron Cross“
Harley-Davidson Night Train „Iron Cross“

Ausgabe 11/17 erscheint am 20. Oktober

Im Huber-Verlag erscheinen auch:


Stand:18 October 2017 22:19:01/blog/compadre+mc_178.html