Kippenschnipper

05.04.2018  |  Text: Ahlsdorf  |   Bilder: Rost/Reick
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Kippenschnipper
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Kippenschnipper sind ein Fall fürs Strafrecht. Leider nimmt niemand sie ernst, außer betroffene Biker
Das hier ist kein Scherz. Die aus dem Autofenster geschnippte glühende Kippe ist ein Fall fürs Strafrecht! Unser Fotograf Volker Rost sollte es gleich zweimal zu spüren bekommen. Nichts Böses ahnend auf dem Motorrad unterwegs, hatte ihm eine aus dem Auto geworfene glühende Kippe den Pelz versengt.

Ein Brandloch in der Lederhose zeugte im Nachhinein davon, dass der erste Vorfall glimpflich abgegangen war. Der verantwortliche Autofahrer war bis dahin natürlich über alle Berge verschwunden. Beim zweiten Mal landete die Kippe im Visier seines Helmes. Wie eine wildgewordene Wespe flatterte sie dort umher. Panisch riss Volker das Visier auf, und die Kippe verabschiedete sich wieder schnell. Auch da hatte er also Glück gehabt.

Diesmal gelang es ihm, die Insassen des Wagens vor ihm zur Rede zu stellen. Er winkte sie auf den nächsten Parkplatz. Und dann stieß er auf das übliche Unverständnis: Er solle sich mal nicht so anstellen. Ein herbeigerufener Motorrad-Polizist klärte die Insassen darüber auf, dass sie hier kein Kavaliersdelikt auf dem Konto hätten. Und Volker strengte ein Gerichtsverfahren an. Aber seine Aussage stand gegen die der vier Insassen. Das Verfahren wurde eingestellt.

Damit ging es ihm, wie den meisten Bikern in dieser Situation. Meistens sind sie allein unterwegs. Sie können keine Zeugen aufbieten und manchmal nicht mal sagen, aus welchem Auto die glühende Kippe geflogen ist. Selbst, wenn sie in der Lage waren, sich das Kennzeichen des Autos zu merken, so steht der Verursacher damit noch lange nicht persönlich fest. Um den auszumachen, müssten sie den Wagen noch mal überholen oder sich neben ihm an die Ampel stellen, um ihn später vor Gericht einwandfrei zu identifizieren.

Das ist jedenfalls der magere Rat, den Jörg-Matthias Bauer von der Deutschen Anwaltshotline geben kann. Dabei handelt es sich bei einer aus dem fahrenden Auto geworfenen Zigarettenkippe wirklich nicht um ein Kavaliersdelikt. Grundsätzlich käme da, wie in vielen nicht weiter definierten Fällen, die beiden Absätze von §1 der Straßenverkehrsordnung zum Tragen:

(1) Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
(2) Jeder Verkehrsteilnehmer hat sich so zu verhalten, dass kein Anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.

Aber es geht noch mehr. Rechtsanwalt Dr. Lars Nozar ist anerkannter Strafverteidiger. Er hält das Werfen von glühenden Kippen aus Fahrzeugen "gelinde gesagt für eine Sauerei". Und als Strafrechtler ist auch er der richtige Mann für’s Thema. Denn wenn einem Biker die Kippe in die Kombi fliegt, greift das Strafrecht mit den Straftatbeständen der fahrlässigen Brandstiftung, der fahrlässigen Körperverletzung oder gar der fahrlässigen Tötung.

Der Vorwurf der Unfallflucht ließe sich darüber hinaus auch noch erheben. Sogar eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU), also einen Idiotentest für den Verursacher, könnte der Geschädigte fordern. Die Bußgelder für eine mögliche Umweltverschmutzung würden dann jedenfalls kaum mehr ins Gewicht fallen.

Doch leider kommt es kaum so weit, denn zuvor müssen Beweislage und Reaktionsfähigkeit des Bikers stimmen. Der nämlich dürfte sich nicht erschrecken und auch nicht ärgern, sondern er müsste umgehend reagieren und sich das Kennzeichen merken. Wenn er dann noch rechts ran fahren und über’s Handy die Polizei rufen könnte, ließe sich der Verursacher vielleicht ermitteln. So erklärt es Jörg-Matthias Bauer mit einer gewissen Hilflosigkeit, denn ohne weitere Zeugen steht ein einzelner Biker gegen die Aussagen möglicherweise mehrerer Auto-Insassen eben schlecht da.

Über Schädigungen von Motorradfahrern durch aus Autofenstern fliegende glühende Kippen gibt es keine Zahlen oder statistischen Erhebungen. Die Dunkelziffer wäre aus den genannten Gründen sowieso noch um ein Vielfaches höher. Unser subjektiver Eindruck, der uns an zahllosen Stammtischen auch immer wieder bestätigt wird, besagt aber, dass Autofahrer sich in den letzten Jahren in dieser Hinsicht immer rücksichtsloser verhalten.

Bastian Roet ist Verkehrssoziologe beim Automobilclub von Deutschland (AvD). Er hatte im Jahr 2005 eine Umfrage über das Rauchverhalten von Autofahrern durchgeführt und brachte uns auf einen bemerkenswerten und nachvollziehbaren statistischen Lichtblick. Seine Umfrage ergab nebenher, dass knapp die Hälfte aller rauchenden Autofahrer in geleasten oder anders finanzierten Fahrzeugen unterwegs ist. In denen sollte oder darf nicht geraucht werden. Ihre Fahrer tun es trotzdem. Weshalb sie nicht nur die Kippe, sondern vorher auch die Asche aus dem Fenster schleudern.

Und schließlich scheint die Verkehrsaufklärung in früheren Jahrzehnten wirksamer gewesen zu sein. Damals informierten noch Spots im öffentlich-rechtlichen Fernsehen über die Folgen und Gefahren glühender Zigarettenkippen aus Autofenstern. Auch Fahrschulen übten sich in ihren Theorie-Stunden in Aufklärung. In der modernen Spaßgesellschaft aber scheint es kaum mehr einen zu interessieren, dass man seinen Müll nicht einfach auf die Straße schmeißt.

Nun ist eine Motorradzeitschrift wie BIKERS NEWS nicht in erster Linie das richtige Medium, um zu einem allgemeinen Um­denken aller Verkehrsteilnehmer aufzufordern. Schließlich werden wir von Motorradfahrern gelesen, nicht aber von Autofahrern, also von den Verursachern des Problems. Aber unsere Anfrage bei der ADAC-Motorwelt wurde kurz angebunden beantwortet: Vor vielen Jahren habe es einen Artikel zu diesem Thema in der Motorwelt gegeben, aktuell bestehe kein weiterer Handlungsbedarf.

[Michel P. Winter, Motorradbeauftragter des AvD: „Kippen gehören generell in den Aschenbecher. Sie dürfen nicht durchs Autofenster entsorgt werden.“
Michel P. Winter, Motorradbeauftragter des AvD: „Kippen gehören generell in den Aschenbecher. Sie dürfen nicht durchs Autofenster entsorgt werden.“

Kooperativer zeigte sich Michel P. Winter, der Motorradbeauftragte des AvD. Kein Wunder, er fährt selbst Motorrad und weiß gleich noch von einem ähnlichen Problem zu erzählen: „Für Motorradfahrer sind solch glühende Geschosse noch gefährlicher als das unbedachte Betätigen der Scheibenwischanlage, deren Wasser den Bikern ins Gesicht und aufs Visier spritzt. Der Automobilclub von Deutschland ruft die Autofahrer zu gegenseitiger Rücksichtnahme auf. Wer die Scheibenwischanlage betätigt, sollte sich vorher im Rückspiegel vergewissern ob er andere damit gefährdet. Und Kippen gehören generell in den Aschenbecher. Sie dürfen nicht durchs Autofenster entsorgt werden.“

Ein Anfang der öffentlichen Bewusstseinsbildung ist gemacht. Wir haben nun Aufkleber angefertigt. Sie sind so gestaltet, dass sie gleichermaßen auf Motorrädern wie auf Autos angebracht werden können. Auch ihr fahrt neben einem Motorrad sicher noch einen Zweitwagen, weshalb wir alle wenigstens mit unseren bescheidenen Mitteln zur Aufklärung beitragen. Was am Ende daraus wird, könnte nicht zuletzt an euch liegen.

Die Aufkleber kriegt ihr kostenlos bei uns. Schickt einen Brief mit dem Stichwort "Kippenschnipper" und mit einem frankierten Rückumschlag an:

Redaktion BIKERS NEWS
Markircher Straße 9a
68229 Mannheim

Außerdem haben wir Euch das Motiv hier zum Download (163 KB) bereitgestellt.



Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 04/2007
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Stand:22 April 2018 16:18:24/blog/kippenschnipper_18405.html