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15.06.2017  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: Volker Rost/Carsten Heil
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MOTO GUZZI V9 BOBBER


Gibt es noch echtes Motorradfahren? Die Moto Guzzi V9 Bobber ist nicht wirklich ein echter Bobber – aber sie ist ein echtes Motorrad! …


… Wir haben ja schon alles durch. Aber wir müssen es zugeben, es ist verdammt lang her, dass wir so was unterm Hintern hatten: Ein ladenneues, luftgekühltes Motorrad mit zwei Zylindern, vier stößelgesteuerten Ventilen und sich selbst genügenden 55 PS. Könnte das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft werden?
Man muss schon ein echter Underdog sein, wenn man so starrsinnig wie Moto Guzzi an einem Konzept festhält. So konsequent ist nicht mal Harley. Die Italiener bauen seit Jahrzehnten V-Motoren mit 90 Grad. Wenn sie dann mal richtig durchknallen, spendieren sie ihren Triebwerken vier Ventile pro Zylinder oder gar eine Doppelzündung. Aber dann kehren sie wieder um zur reinen Lehre, obendrein mit Euro 4. Dass so was überhaupt noch erlaubt ist!
Die V9 ist gewissermaßen die Große unter den kleinen Guzzis. Sie überbietet die V7 und ihre 744 Kubikzentimeter mit gerade mal 100 weiteren Kubikzentimetern. Die füllen nicht mal die Vorgabe der „9“ im Namen aus. Nur nach dem Schulbuch darf man ihre 853 Kubikzentimeter zu 900 aufrunden.
Viel Technik ist sowieso nicht drin. Die beiden Ventile hatten wir schon erwähnt, aber das mit der Luftkühlung wollen wir bis zum Schluss nicht glauben. Ist da echt nicht irgendwo was versteckt? Ein kleines Kühlerchen nur, wenigstens für eine punktuelle Kopfkühlung, die niemand sehen darf? Nein. Die V9 ist wirklich luftgekühlt.
Damit ist die V9 authentisch, obwohl der Begriff der Authentizität heutzutage ja für Dinge gebraucht wird, die nur so aussehen, als wären sie es. Aber nein, wir wiederholen uns, da ist keine Wasserkühlung versteckt. Nochmal: Die V9 Bobber ist luftgekühlt.

Die reine Lehre: Die Guzzi ist wirklich nur luftgekühlt

Zündung an. Mit einem echten Schlüssel, der wirklich noch gedreht wird. Dann gibt das Mäusekino im Tachogehäuse seine übliche Vorstellung: Ein leichtes Surren, die Tachonadel schlägt aus, alle Lämpchen blinken. Es darf gestartet werden. Knopfdruck.
Urgewalten sind anders. Kein Brüllen, kein Radau. Aber ein spürbar zu vernehmendes Poltern. Und dann dieses herrliche Kippmoment eines Motors mit längsliegender Kurbelwelle. Gas aufdrehen, die Guzzi neigt sich nach rechts. Und dann noch der Blick nach unten. Sagenhaft: Dieser Motor vibriert! Rahmenzüge und Fußrasten schütteln sich freudig nach links und rechts, wie wir es schon lange nicht mehr gesehen haben. Wieder Verwunderung: Dass so was noch erlaubt ist!
Der Gang ist drin, ohne ein Geräusch von sich zu geben. Nur das Erlöschen der grünen „N“-Leuchte sagt uns, dass wir die Kupplung kommen lassen dürfen. Na ja, und dann fährt diese Guzzi einfach los. Kein Tier, keine Bestie, die zu bändigen wäre. Sie fährt halt. Das aber unter diesem charmanten Poltern des echten, unausgeglichenen V-Motors.
So war das früher mit 50 PS. Für den Alltag haben sie genügt, für die Reise auch. Obendrein ist die V9 natürlich sagenhaft leicht zu händeln. Es ist ja kaum was dran, das zu bewältigen wäre.



Und damit sind wir bei der Gattung, die diese V9 repräsentieren soll. Sie nennt sich „Bobber“. Das waren die großvolumigen amerikanischen Bikes, denen die Biker der ersten Stunde die Schutzbleche abgenommen oder wenigstens gekürzt hatten wie den Schwanz eines Bobtail-Hundes. Was sonst noch überflüssig war, kam auch weg, damit das Bike leichter und schneller wurde. Nur die Ballonreifen, die blieben dran.
So auch an der V9 Bobber, die ihre Ballonreifen allerdings nachträglich erhalten hat, um den Namen zu rechtfertigen. Damit sieht sie recht knuffig aus, aber es tut ihr nicht gut. Ballonreifen wollen über breite Reifenflanken gehebelt werden. Weil die Guzzi obendrein eine unverhältnismäßig hohe Sitzposition hat, müsst ihr sie in den Kurven regelrecht ausbalancieren.
Überhaupt ist das Fahrwerk ziemlich hart, alles andere als amerikanisch. Und thronend auf diesem hohen Sattel hinter einem verhalten hohen, aber immerhin breiten Lenker ist die Haltung ein wenig zwielichtig. „Bobber“ würden wir das nicht nennen – eher „Scrambler auf Ballonreifen“. Damit beginnt der Ritt, der auf der V9 Bobber noch der Ritt auf einem echten Motorrad ist. Das müsst ihr wissen, wenn ihr euch für die V9 entscheidet. Umso mehr bietet sie auf dem Haben-Konto. Erlebnisse, die wir längst vergessen haben: Sie sieht nicht nur so echt und authentisch aus wie all diese Hipster-Bikes für die neureiche Szene der lumber-sexuellen Biker. Sie ist echt und authentisch, meldet unverstellt zurück, was sich auf der Fahrbahn abspielt, hat kein verstecktes Kühlsystem, dafür aber wahnsinnig echte Vibrationen. Dass so was noch erlaubt ist!

TECHNISCHE DATEN „Moto Guzzi V9 Bobber“

Motor
Typ: 90°-V2-Viertaktmotor
Ventile: zwei pro Zylinder
Ventilsteuerung: Stoßstangen und Kipphebel
Hubraum: 853 ccm
Leistung: 55 PS bei 6250 U/min
Drehmoment: 65,0 Nm bei 5500 U/min
Kühlung: Luft/Öl
Abgasnorm: Euro 4

Fahrwerk
Rahmen: Doppelschleifenrahmen aus Stahlrohr mit geschraubten Unterzügen
Vorderradführung: 40-mm-Teleskopgabel
Hinterradführung: Aluminium-Zweiarmschwinge, zwei Federbeine
Bremsen
vorn: schwimmend gelagerte 320-mm-Bremsscheibe, 4-Kolben-Bremssattel
hinten: 260-mm-Bremsscheibe, 2-Kolben-Bremssattel
Bremssystem: Continental 2-Kanal-ABS
Reifen
vorn: 130/90 – 16 67H
hinten: 150/80 – 16 77H

Masse
Sitzhöhe: 785 mm
Leergewicht: 210 kg
Tankinhalt: 15 Liter
Preis: 10.390 Euro

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 12/2016

Text: Michael Ahlsdorf
Bilder: Volker Rost/Carsten Heil

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