Checkpoint der Rocker

Szeneshop-Angebote
19.04.2017  |  Text: Fips  |   Bilder: Archiv Huber Verlag/Stadtarchiv Mannheim
Alle Bilder »

Rocker-Geschichte: Back to the Roots, Teil 18


BIKERS-NEWS-Gründer Fips blickt in den Rückspiegel, schildert seinen Werdegang und erzählt von den frühen Tagen der MC-Szene. Dieses Mal erinnert er sich unter anderem an seine erste handgreifliche Auseinandersetzung …


Alle Männer verfügten nach dem Krieg über einen Handwagen, so selbstverständlich, wie sie heute ein Auto besitzen. Überall gab es Schrotthändler, sogar in der Innenstadt. Und sehr viele Kinder, so auch ich, suchten in den Ruinen Mannheims nach Schrott. Hatte man einen Handwagen voll, gab es dafür schon mal eine Mark und man fühlte sich damit reich! Einmal hatte ich ein Bleirohr im oberen Stockwerk unserer Ruine „gefunden“. Für Blei gab es viel mehr Geld. Aber das Rohr war noch angeschlossen, so „lieh“ ich mir aus Opas Werkstatt einen Hammer und einen Meißel und versuchte das Rohr abzumeißeln. Ich schaffte aber nur, ein Loch hineinzuklopfen – und schon schoss Wasser heraus. Mit der Zeit überschwemmte es das ganze zerstörte Obergeschoss und lief dann auch in unsere Kellerwohnung. Ich legte Hammer und Meißel wieder an ihren Platz und tat so, als wäre nichts gewesen; und es gab auch keine Schimpfe, weil man mich nicht im Visier hatte. Glück gehabt!

Umzug in die Quadrate

Eines Tages kam ein großer, wohl reicher Mann und stadtbekannter Autohändler, ein Herr Islinger, in unsere Ruine und teilte uns mit, dass wir jetzt ausziehen müssten. Er habe in der Innenstadt eine bessere Wohnung für uns. Offensichtlich hatte er unsere Ruine gekauft und wollte sie nun wieder aufbauen und selbst nutzen.
Den neuerlichen Umzug fand ich gar nicht gut. Ich hatte mich so an die Ruine und an meinen alten Kirschbaum gewöhnt und jetzt sollte ich schon wieder weg? Doch Trauern und Lamentieren halfen nichts, wir zogen mit Sack und Pack zwei Kilometer weiter in die Innenstadt. Immer wieder luden wir Opas Handkarren voll und zogen ihn alle zusammen zur neuen Wohnung, Mutter, Oma, Opa, Cousine Inge und ich; hin und her, bis wir endlich unser gesamtes Hab und Gut dort untergebracht hatten.

Chaotische Familie

Die neue (aber alte) Innenstadtwohnung in einem 4-stöckigen Mietshaus hatte drei Zimmer, eine Küche und ein Klo mit Wasserspülung innerhalb der Wohnung, kein Bad und lag im ersten Obergeschoss.
Allerdings lief das Baden jetzt „professioneller“ ab: Im öffentlichen Schwimmbad, dem Herschelbad, das nur wenige hundert Meter von unserem Mietshaus entfernt lag, gab es lange Reihen von Badewannen. Man kaufte eine Eintrittskarte, ein „Bademeister“ ließ warmes Wasser in die Wanne und rief dann die wartenden Leute mit „der Nächste“, ohne „bitte“, auf. War man drin, dann knallte er die Tür zu und verriegelte sie. Außen war ein Minutenzähler angebracht, der laut tickte, den stellte er auf zwanzig Minuten, in dieser Zeit musste man fertig sein. Fünf Minuten vor Ende der Badezeit klopfte er laut hämmernd an die Tür und erinnerte daran, dass nur noch fünf Minuten Zeit wäre. Danach entriegelte er die Tür und öffnete sie. War man noch nicht fertig, dann stand man jetzt nackt da, deswegen beeilte man sich und jeder war fertig! Und so war man sonntags frisch gebadet und kam sich „vornehm“ vor! Verglichen mit der Zinkbadewanne in der Ruine war das schon ein großer Fortschritt.

Historische Aufnahme: So sahen die öffentlichen Badewannen im Mannheimer Herschelbad aus

Auf jeden Fall wohnten wir jetzt mitten in Mannheim, in der Quadratestadt. Unsere neue Adresse: Straße (Quadrat) K3, Hausnummer 5.
Inzwischen war auch mein Bruder nach Mannheim nachgekommen, den meine Eltern wegen ihrer Streitereien ins Ruhrgebiet geschickt hatten, wo er als Bergmann in die Lehre gegangen war. Jetzt war die Familie komplett: Oma, Opa, mein Bruder, meine Mutter, Inge, Baby Peter und ich. Sieben Personen in einer 3-Zimmer-Wohnung!

Gebiss auf dem Sonntagstisch

Ekel Alfred Tetzlaff? Den gab es damals schon, nämlich in Form meines Opas. Er geriet bei jeder Gelegenheit in Wut und fing dann an zu drohen.
Sonntags wurde immer der Tisch mit einer weißen Tischdecke gedeckt, man wollte ja vornehm sein. Dann gab es meistens Markklößchensuppe, Kotelett, Kartoffelbrei und Rotkraut. Ich bekam Opas und Omas Knochen zum Abnagen. Opa hatte immer wieder Schwierigkeiten mit seinem Gebiss. Der untere Teil verhedderte sich manchmal mit dem oberen. Einmal wurde er mal wieder richtig ungeduldig, er bekam das Gebiss nicht mehr in die richtige Lage, weil sich Speisebrocken darunter geschoben hatten. Er explodierte! Er nahm sein Gebiss und pfefferte es mitsamt dem Essen, das daran hängengeblieben war, über den weißgedeckten Tisch. So leid es mir tat und so gefährlich es auch war, ich musste laut hinauslachen, was Opa wiederum veranlasste drohend auszuholen, aber mehr traute er sich nicht. Er verschwand im Schlafzimmer und ließ sein Gebiss samt Essensresten einfach zwischen unseren Schüsseln und Tellern liegen.
Im Gegensatz zu Opa mit seinem Gebiss hatte Oma nur noch einen einzigen Zahn, vorn. Der war ungeheuer lang gewachsen und wenn sie lachte, sah sie aus wie eine Hexe, aber eine liebe!
So lernte ich direkt zuhause live die Menschen einer Arbeiter-Großstadt kennen und sie so zu nehmen, wie sie waren.

Zorro greift ein

In der Nähe unseres neuen Mietshauses war ein Spielplatz mit einem Klettergerüst und einem Sandkasten. Die „Filzbächler“, wie sich die Bewohner unseres Stadtteils in der Innenstadt nannten, bezeichneten den Spielplatz als I-Plätzel, weil er in den I-Quadraten lag. Dieses I-Plätzel sollte noch lange Mittelpunkt mancher Geschehnisse sein.
Zwar erzählten die Leute, dass die Innenstadt ein gefährliches Pflaster sei, ich konnte mir aber überhaupt nicht vorstellen, was sie damit meinten. So begab ich mich eines Tages völlig unbekümmert und alleine zu diesem Spielplatz. Niemand schien von mir Notiz zu nehmen und ich baute mir ganz selbstvergessen eine Sandburg. Kaum war ich damit fertig, kam ein Junge, der noch um einiges kleiner war als ich selbst, und trampelte mit voller Absicht meine schöne Burg kaputt. Empört ging ich auf ihn los, als auf einmal sein großer Bruder sich mit eindeutigen Absichten schützend vor ihn stellte.

Showdown im Sandkasten: Seine erste handgreifliche Auseinandersetzung erlebte Fips, nachdem ihm ein anderes Kind die Sandburg zertrampelt hatte

Es sollte die erste ernsthafte körperliche Auseinandersetzung in meinem Leben werden. Angst hatte ich nicht, denn eine solche Situation war mir völlig fremd. Geprügelt hatte ich mich bisher nur spielerisch, außerdem hatte mein Vater in Ostfriesland als Polizist gearbeitet und vor Polizisten und deren Söhnen hatte man dort Respekt, ich hatte deshalb sogar vor mir selbst Respekt!
Ich stand also dem großen Jungen voller Selbstbewusstsein und Optimismus gegenüber. Zudem glaubte ich, solche Situationen aus Zorro-Filmen zu kennen und überlegte, was Zorro, mein großes Vorbild, jetzt wohl machen würde. Zorro würde ihm an die Beine springen, ihn zu Fall bringen und sich auf ihn setzen – so wäre der Kampf schnell gewonnen. Gedacht, getan. Mit einem Hechtsprung packte ich die Beine meines Kontrahenten, zog diese weg und zu meiner eigenen Überraschung ging mein Plan voll auf: Ich thronte als Sieger auf meinem Gegner, fragte ihn nach Zorro-Cowboy-Indianer-Art, ritterlich, fair und anständig, norddeutsch eben, ob er sich ergäbe. Er bestätigte, ich ließ ihn los. Doch das hätte ich besser nicht getan! Kaum hatte ich diesen Typ siegessicher losgelassen, knallte es nur noch. Ich sah, oder besser gesagt, ich spürte nur noch Fäuste. Das passierte so schnell, dass ich nicht einmal dazu kam, auch nur ans Wegrennen zu denken. Als er mit mir fertig war, blutete ich aus Nase und Lippen, hatte überall Beulen und Platzwunden und beide Augen waren angeschwollen. Das war das erste – und übrigens auch das einzige – Mal in meinem Leben, das ich fürchterlich zusammengeschlagen worden bin. Jetzt wusste ich plötzlich ganz genau, was die Leute damit meinten, wenn sie sagten, die Innenstadt sei ein gefährliches Pflaster. Oh Gott, mein zukünftiges Pflaster!

Endlich ein Monnemer, endlich genauso „bleed“!

Tag für Tag war ich in der Schule in der Rolle des Außenseiters, was mir zwei Jahre Stottern einbrachte. Doch irgendwann beherrschte ich den Dialekt und fand die ersehnte Anerkennung meiner Mitschüler. Mit der Zeit lernte ich auch die Jungs in meiner Straße kennen und es entwickelten sich neue Freundschaften. Jetzt konnte ich durchstarten: Meine Zeugnisse wurden besser, mein Verstand entwickelte sich merklich und schnell. Ich beherrschte den Dialekt, kannte die Stadt und ihre Gefahren, war mittlerweile ein ehrgeiziger und erfolgreicher Torwart in einem Handballverein (SG Mannheim) und hatte mir ein Fahrrad vom Schrott selbst zusammengebaut. Ich fühlte mich wie ein echter Großstädter und nun auch wie ein echter „Monnemer“. Wer anders redete als wir, war mir nun genauso suspekt, wie ich es einst meinen Klassenkameraden gegenüber gewesen war. Die, die anders waren, hatten keine Ahnung vom wahren Leben und irgendwie waren sie auch nicht so richtig echt.
Ich war Teil einer Clique von Jungens geworden, die alle ein bisschen älter waren als ich. Regelmäßig trafen wir uns am I-Plätzel, an dem ich so schlimm verprügelt worden war.
 

Günther Brecht aka „Fips“ hat vor 35 Jahren die BIKERS NEWS ins Leben gerufen und ist Besitzer unseres Verlags – ein paar Buchprojekte hat er mittlerweile auch umgesetzt. Der hier abgedruckte Text ist ein Auszug aus dem ersten Teil seines autobiografischen Rückblicks „Rocker in Deutschland – die 60er Jahre.“

Alle Titel erhaltet ihr hier:
SzeneShop, Markircher Straße 11a, 68229 Mannheim, Tel 0621 - 483 61 4700, www.szeneshop.com


Text: Fips
Bilder: Archiv Huber Verlag/Stadtarchiv Mannheim

Kommentare zum Artikel


weitere Blogeinträge




Aktuell am Kiosk: BIKERS NEWS 12/17

Artikel aus der Ausgabe: 12/17

20 Jahre Dragons MC Greifswald
20 Jahre Dragons MC Greifswald
Norddeutsche  Präsidenten-Versammlung
Norddeutsche Präsidenten-Versammlung
Harley-Davidson „Red and Gold“
Harley-Davidson „Red and Gold“
Harley-Davidson Sportster: Leg’s starr, Baby!
Harley-Davidson Sportster: Leg’s starr, Baby!
Technik: Kabelsalat
Technik: Kabelsalat
Hell on Wheels
Hell on Wheels

Ausgabe 1/18 erscheint am 15. Dezember

Im Huber-Verlag erscheinen auch:


Stand:24 November 2017 21:28:00/blog/rocker-geschichte+back+to+the+roots+teil+18_174.html