Checkpoint der Rocker



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  38. Jahrgang • Heft 425 • 09/2017  

 
  STORYS und EVENTS  
Rocker-Hochzeit: Frank Hanebuth und Sarah geben sich das Ja-Wort
Hells Angels MC: Demo gegen Colour-Verbot
Rockerkriminalität: Ein Fall für die Wissenschaft?
Born to be Wild MC: Motorcycle Jamboree 2017
    
ZU GEWINNEN!
SWM Gran Milano
                  


  CLUBLEBEN  
Bandidos MC: National Run in Frankreich
Gremium MC: Euro Run in der Mitte Deutschlands
Bastards MC: Junger Club mit alten Werten
Celler MC: 40 Jahre in der Szene
Biker-Demo in Mannheim: Biker für Rechte von Kindern und Vätern
Back to the Roots, Teil 26: Fips muss sich im Knast behaupten

                              
   BIKES und TECHNIK   
Zwei Zimmer, Küche, Bad: Road Glide Ultra im Langstreckentest
Motor-Technik: Frische Teile für alte Harleys
Projekt Road Rod: Eine V-Rod wird tourentauglich
Road Glide extrem: Graffiti-Bagger von Mainhattan Choppers
 
            
  AUS DER SZENE  
40 Jahre Born to be Wild MC Memmingen
Days of Thunder Kössen, Tirol
Hells Angels MC Altmark
Wild Tigers MC Ellwangen
Zehn Jahre Grim Reapers
Omen MC: SchoWo in Schorndorf
Medical Knights: Erste Hilfe am Biker
30 Jahre Stray Dogs MC
 
 
           
  STANDARDS  
Checkpoint   
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Hat die Klinge kommen sehen, aber den Knall nicht gehört:
Thomas Strobl, Innenminister von Baden-Württemberg, während seiner Vereidigung






Vor einiger Zeit packte mich die Lust, mal wieder zu schießen. Also besorgte ich mir leihweise eine Luftpistole und kaufte Munition. Wieder zu Hause angekommen, drehte ich die Anlage auf, setzte mich mit einem Dosenbier auf die Couch und ballerte in bester White-Trash-Manier auf die Zielscheibe gegenüber. Doch irgendwie hatte ich das spannender in Erinnerung. Nachdem ich zwei oder drei Magazine verschossen hatte, legte ich das Ding in die Ecke, wo es dann Staub ansetzte.
Auf der Kirmes macht das irgendwie mehr Spaß. Der ist zwar deutlich teurer, aber immerhin gibt’s diese Schraubenzieher mit den bunten Plastikgriffen zu gewinnen. Die taugen natürlich nix – aber ohne Beute ist der männliche Jagdinstinkt eben nur halb befriedigt.
Dabei kann ich Waffen nicht wirklich leiden. Zumindest bin ich der festen Überzeugung, dass strenge Waffengesetze wie in Deutschland das Leben sicherer machen. Wohin wir kommen, wenn zu viele Idioten und zu viele Waffen im Umlauf sind, zeigen uns die USA: Seit 1968 sind mehr Amerikaner auf heimischem Boden durch Schusswaffen ums Leben gekommen als in allen Kriegen, die das Land jemals geführt hat.
Doch selbst die besten Gesetze können gebeugt werden. Das bringt dem Bürger zwar nicht mehr Sicherheit, dem Politiker aber die ein oder andere Wählerstimme. Und so versuchen die Innenminister aller Länder und Parteien seit geraumer Zeit, den Rockern ihre legalen Waffen abzunehmen. Allein die Mitgliedschaft in einem der großen MCs reicht, um als „waffenrechtlich unzuverlässig“ eingestuft zu werden. Das geht so weit, dass Rockern auf der Kirmes nicht nur das Luftgewehr, sondern wahrscheinlich auch gleich der Schraubenzieher abgenommen wird.
Doch vor einigen Wochen hatte das Verwaltungsgericht Neustadt ein Einsehen – und so darf zumindest der Ehrenpräsident des Gremium MC Ludwigshafen seine Waffen vorerst behalten. Auch vor Gericht traf der Sportschütze mit einem ironischen Seitenhieb ins Schwarze – und gab zu bedenken, dass er sicher nicht so dumm sei, seine registrierten Waffen für Straftaten zu verwenden.
Der politische Aktionismus ist mit den Grundwerten unseres Rechtsstaates jedenfalls kaum vereinbar. Der Schutz der Menschenwürde ist das oberste Gebot unserer Verfassung und verbietet es, Menschen zum bloßen Objekt staatlichen Handelns zu machen. Jeder hat also ein Recht darauf, als einmaliges, unverwechselbares Individuum behandelt zu werden. Dieser Grundsatz gilt auch bei der Frage, ob eine Person eine Waffe besitzen darf oder nicht. Allein aufgrund der Zugehörigkeit zu einem Milieu oder einer Subkultur anders behandelt zu werden, ist das genaue Gegenteil.
Auch in Baden-Württemberg wehren sich die Betroffenen deswegen mittlerweile: Die Hells Angels aus Heilbronn und Stuttgart haben das Land wegen der diskriminierenden Waffenverbote verklagt, die auch vom neuen Innenminister Thomas Strobl unbeirrt weitergeführt werden.
Ob Strobl eine Schusswaffe zu Hause hat oder sich auf dem Jahrmarkt gerne mal einen Schraubenzieher schießt, ist nicht bekannt. Wenn ja, sollte schleunigst überprüft werden, ob er das überhaupt darf. Zweifel sind berechtigt, denn er kommt aus einer Szene, die von ritualisierter Gewalt geprägt ist: Bis heute bezeugt eine markante Narbe an der linken Wange seine Mitgliedschaft in der schlagenden Studentenverbindung „Afrania“. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn er an Stelle einer Klinge eine Knarre in die Finger bekommen hätte. Aber das ist natürlich was ganz anderes – oder etwa nicht?

Tilmann Ziegenhain, Chefredakteur

Stand:26 September 2017 09:16:39/magazin/bikers+news/content-24637_40-24638_60.html