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27.10.2017  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: H-D, Rösler, Ahlsdorf
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European Bike Week in Faak am See


Es war das zwanzigste Harley-Treffen von europäischem Rang. Zeit für eine ganz besondere Betrachtung des Geschehens


Die Landschaft ist wie ein Sonntagnachmittag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Blauer Himmel, türkisfarbene Seen und etwas, was man ein „romantisches Alpen­panorama“ nennen würde. Der Wörthersee hat sogar einen Peter-Alexander-Steg, vor den wir unsere Electra Glide für ein Foto stellen. Das darf man natürlich nicht, steht alles unter Naturschutz, und wir beteuern, die E-Glide an den Steg geschoben zu haben. Zum Glück ist der Himmel an diesem Morgen wolkenverhangen, sonst wäre die Postkartenidylle womöglich perfekt.

Und das hier soll die Gegend für ein Treffen der härtesten Motorradfahrer sein? Ist es, denn was diese Gegend sonst noch hat, das sind Kurven, Kurven und noch mal Kurven. Selbst die Fahrer einer schwergewichtigen Electra Glide werden sich hier an Schräglagen erfreuen.

Das kommt an. Die Zahl der Harley-Fahrer, die diese European Bike Week am Faaker See jährlich ansteuern, geht in die Zehntausende, zusammen mit den Schaulustigen überschreitet sie sogar die Hunderttausend. Es wäre vielleicht nur die Hälfte, wenn einzig Harley-Davidson die European Bike Week ausrichten würde. Aber im Lauf der Jahre sind zahllose weitere Gastgeber dazugekommen: Auf dem Campingplatz hinter dem Harley Village residiert der Aftermarket-Hersteller Custom Chrome. Es sind nicht nur dessen spektakuläre Bikes, die dem Serienhersteller Harley gelegentlich Schau und Publikum stehlen. Davor hat Polaris seine „Area 1“ eingerichtet, mit großvolumigen Big Twins von Indian und dem, was von Victory noch übrig geblieben ist. Und zwanzig Kilometer weiter, in Velden am Wörthersee, da wird es noch mal richtig geldschwer, denn im Casino von Velden präsentiert Fred Kodlin seine Bagger vor goldbehangenem und solariumsgebräuntem Publikum.

Frank Klumpp, der Marketing-Chef von Harley-Davidson in Deutschland, Österreich und der Schweiz, klagt auf hohem Niveau, wenn er einen anschaulichen Vergleich anstellt: „Man stelle sich mal vor, wir würden auch noch ein paar Zelte aufstellen, wenn BMW sein jährliches Treffen in Garmisch-Partenkirchen ausrichtet.“

Undenkbar, klar. Aber im Fall von Harley-Davidson als Gastgeber ist das anders, denn Harley ist nichts ohne die Customszene, weshalb Frank mit versöhnlichen Worten schließt: „Wir sind natürlich offen für unsere Marktbegleiter.“ Eine Fahrt rund um den Faaker See schließt mithin den Ring der Erkenntnis: Harley-Davidson und Customizing gehören zusammen. Die für die Bike Week als Einbahnstraße ausgewiesene Rundstrecke führt zu Harley-Davidson zurück, denn nur dort wird der gewaltige Milwaukee-Eight-Motor in der neuen Softail vorgestellt, ein Motor, der alles Tuning und Customizing an älteren Motoren nichtig macht.

So ist die European Bike Week ein Geben und Nehmen, von dem alle was haben. Am meisten natürlich die Besucher, die ihre Harleys in einem endlosen, donnernden Korso rund um den See schieben. Vor dem Harley Village wird’s dann eng und das Stop-and-go nervt die sonst so coolen Biker. Schweiß steht ihnen auf der Stirn, denn die Helm­pflicht muss hier beachtet werden, wie auch das Tempolimit von manchmal nur 30 km/h. Beides überwacht die österreichische Polizei gnadenlos. Aber es ist auch schwer, das Tempolimit in diesem Geschiebe zu überschreiten, denn kaum ist das Harley Village durchquert, folgt der Stau vor dem Arneitz-Gelände.

Eilig darf es hier niemand haben. Aber Harley-Fahrer haben es ja auch nicht eilig, ihnen geht es immer auch um das Gesehenwerden. Das zelebrieren sie nicht nur im harleytypischen Outfit, sondern auch in den merkwürdigsten Kostümierungen – mit denen sie es manchmal sogar in die bürgerliche Presse schaffen. Das gelingt ihnen vor allem am letzten Tag, wenn alle oder doch die meisten Harleybiker sich zur großen Parade formieren, die nicht nur rund um den Faaker See, sondern durch halb Kärnten führt. Harley-Fahrer, titelt dann die bürgerliche Presse, sind nicht böse, sondern lustige Typen, die Spaß und Geselligkeit lieben.

Stimmt auch. Trotzdem treffen wir auf der European Bike Week sogar die, die den Mythos Harley erfunden haben. Es sind die Rocker. Nicht nur die Hells Angels, sondern Rocker aus jeder Liga und aus jeder Region. Zum Beispiel die Member des Sky Riders MC Eltze aus Norddeutschland, die hier gleich fünf Bikes dauerhaft vor Ort haben. Oder die Member des Omen MC aus dem Südwesten Deutschlands, der mit den Chaptern Rheintal und Baden-Baden einrollt. Auch die Jungs haben Spaß, schwärmen von der Landschaft und ihren motorradfreundlichen Strecken und überhaupt sagen sie: „Einmal im Jahr kann man sich das ja geben.“

Sie müssen ihre Zeit nicht mit den kostümierten Bikern verbringen. Auch die Rocker finden genug Brüder im Geiste. Deren Treffpunkt können sie nicht verfehlen, denn er liegt fünfhundert Meter vor dem Harley Village direkt an der rechten Seite der Showmeile. Es ist das Clubhaus des Celts MC Austria, der in dieser Woche viele Freunde hat, denn vor dem Clubhaus befinden sich heiß begehrte Parkplätze für Motorräder. Die Celts vergeben sie natürlich nur an ausgewählte Gäste. Manche von ihnen dürfen sogar ihre Zelte vor dem Clubhaus aufschlagen. Das sind die Biker der alten Schule, die nicht – wie die meisten Besucher von Faak – in Hotels übernachten und ihre Bikes für den langen Weg heimlich auf Hängern verladen haben.

Die European Bike Week feierte ihr Zwanzigjähriges. Der Celts MC feierte unter diesem Namen sein zehnjähriges Bestehen. Das Clubhaus steht aber schon länger dort; die Celts haben uns ihre Geschichte erzählt, die eigentlich sogar älter ist als die der European Bike Week. Lest sie im Interview auf den folgenden Seiten.     «


Harley-Davidson-Events

Text: Michael Ahlsdorf
Bilder: H-D, Rösler, Ahlsdorf

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Ausgabe 1/18 erscheint am 15. Dezember

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Stand:21 November 2017 07:31:01/magazin/faak+am+see_171010.html