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14.10.2017  |  Text: Andreas Kottlorz, Tilmann Ziegenhain  |   Bilder: Andreas Kottlorz
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Hells Angels organisieren Biker-Demo gegen das Colour-Verbot


Am 9. September haben Biker in Berlin gegen das Colour-Verbot protestiert. Das Nomads-Charter der Hells Angels hatte die Demonstration organisiert



Freedom is  our Religion

Spät am Abend, als alles bereits gelaufen und die Party im Gange war, kommentierte André kurz und knapp: „Das war ein kraftvolles Zeichen!“ Der President des Nomads-Charters der Hells Angels meinte die Demonstration mit dem Motto „Freedom is our Religion“, die er und seine Brüder angemeldet hatten. Sie richtete sich gegen die Verschärfung des Vereinsgesetzes und das damit einhergehende Kuttenverbot, von dem neben den Hells Angels auch die Bandidos und der Gremium MC betroffen sind.

Das Charter hatte im Vorfeld mit rund 100 Teilnehmern gerechnet, am Ende waren es über 400 Bikes, die vom Clubhaus in Alt-Biesdorf, einem Ortsteil am östlichen Stadtrand, über die B 1 bis zum Alexanderplatz und wieder zurück fuhren – denn natürlich fand die Demonstration auf Motorrädern statt.


Große Medienresonanz


Das Ganze hätte eine kleine, unbeachtete Veranstaltung werden können, die lediglich an der ein oder anderen Stelle den Straßenverkehr beeinträchtigt: Hundert Mann, ohne Kutten und ohne Abzeichen sind schließlich die beste Voraussetzung, um vom Alltag der Hauptstadt verschluckt zu werden. Doch es kam anders: Bereits drei Tage zuvor hatten die Hells Angels am Alex eine Presse­konferenz abgehalten – und die gesamte Berliner Tagespresse sowie einige Fernsehsender kamen, um Fragen zu stellen. Alle Hauptstadtmedien berichteten an prominenter Stelle über die Rocker, die gegen die Gesetzesverschärfung kämpfen wollen. Drei Tage lang Presse, von sachlichen Meldungen bis hin zu unterschwelligen Unterstellungen. Und weil es kurz vor der Bundestagswahl war, hat natürlich auch der ein oder andere Politiker seinen Senf dazugegeben. So auch Tom Schreiber, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion: „Es ist ein Witz der Geschichte, dass gerade diejenigen, die sich als Outlaws bezeichnen, nun ihr Demonstrationsrecht ausüben wollen.“ Auf Nachfrage der BIKERS NEWS, ob es die SPD-Fraktion für legitim halte, dass die Hells Angels eine Demonstration veranstalten, antwortete Pressesprecher Markus Frenzel dann allerdings zurückhaltender: „Das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit steht allen Bürgerinnen und Bürgern im Rahmen der Gesetze offen“, so Frenzel.


Motorräder im Visier der Polizei


Am Tag der Demonstration verkündeten die Radiosender der Hauptstadt den ganzen Tag über, es sei besser, um Biesdorf einen Bogen zu machen und dass die Innenstadt-Ost wegen einer „Motorraddemonstration“ gesperrt sei. Die Polizei hatte früh ihr Zeltdorf vor dem Eingang des Clubhauses errichtet, um die Anreise zu überwachen. Den gesamten Tag über fuhren Gäste und Demoteilnehmer vor, die zusammen mit den Hells Angels fahren und feiern wollten. 100 Teilnehmer waren angemeldet, dann aber kamen mehr und mehr Motorräder, sodass Fähnrich vom  Nomads-Charter persönlich zur vordersten Absperrung ging, um den Bikern den Weg zu weisen. Die Polizei hatte es vor allem auf die Motorräder abgesehen: Drei Dezibel zu viel genügten, um die Maschine stillzulegen. Null Toleranz war das behördliche Motto des Tages.

Das Sammeln dauerte rund eine halbe Stunde länger als geplant. Doch schließlich setzte sich der Korso in Bewegung. An der Spitze fuhr President André neben seinem Road-Captain – in Zivil und ohne Ersatzkutten, wie alle anderen Member auch. So will es das Charter.

Die Bundesstraße 1 führt direkt am Clubhaus vorbei zum Alexanderplatz. Selbst im Berufsverkehr dauert der Weg kaum länger als zwanzig Minuten. Die Polizei hatte alle Seitenstraßen abgesperrt und schirmte den Korso an der Spitze und am Ende ab. Vor den Motorrädern fuhr ein Pick-up-Truck mit einem großen Schild, auf dem das Motto der Demo zu lesen war: „Freedom is our Religion“.


Aufmerksamkeit statt Geschwindigkeit


Die spätere Schätzung der Polizei lautete dann 200 Teilnehmer, Teile der Presse und viele, die am Ende des Feldes fuhren, redeten von über 400 Motorrädern. Wenn André in den Rückspiegel sah, konnte er das Ende des Feldes jedenfalls nicht mehr erkennen. Es dauerte über fünfzehn Minuten, bis alle über die erste Ampel gefahren waren. Neben Membern des Hells Angels MC und vielen freien Bikern fuhr auch eine große Zahl anderer Clubs mit, die keine Supporter der Hells Angels sind. Manch einer der Teilnehmer hatte noch seinen Protestspruch von der Biker-Union-Sternfahrt am Windschild, die zwei Wochen zuvor in Berlin geendet hatte und auf der das Colour-Verbot ebenfalls Thema war.

In aller Ruhe führte der Korso zum Alexanderplatz. Über zwei Stunden dauerte es, bis die Teilnehmer zurückkamen. Es ging nicht darum, schnell zu fahren. Es ging darum, Aufmerksamkeit für ein wichtiges Thema zu erlangen. Allein durch die Masse der Motorräder wurde dieses Ziel erreicht: In allen Blättern der Hauptstadt stand am nächsten Tag geschrieben, um was es ging.
 

Interview

mit Fähnrich (HAMC Nomads) und Django (HAMC West Side)


Nach der Demo sprachen wir mit Django (HAMC West Side) und Fähnrich (HAMC Nomads), hier zwischen Frank Hanebuth und Nomads-Presi André


BN: Seid ihr zufrieden mit dem heutigen Tag?

Django: Das war ein riesiger Erfolg. Wir waren nicht alleine. Das war eine Menge, die schwer zu schätzen ist – auf jeden Fall weit mehr als die, mit denen wir gerechnet haben. Und was auch aufgefallen ist: Es war ein breitgefächertes Feld, inklusive vieler Free Biker, die mit uns und den anderen zusammen gefahren sind.

Fähnrich: Wir haben ja auch immer gesagt, dass es ein Appell an die Szene ist. 

Bei der Verschärfung des Vereinsrechts ist die ganze Szene betroffen. Nicht nur die Clubs, die jetzt bereits ohne Colour fahren.

Django: Wir merken gerade, dass die Resonanz, auch auf unsere Aktion, bundesweit riesig ist. Vielleicht begreifen einige jetzt auch, dass die betroffenen Clubs wahrscheinlich nur als Test herhalten mussten. Wir sind so was wie plakative Weichziele. Mit der Verschärfung des Vereinsgesetzes fand eine rechtliche Verschiebung statt. Das ist tatsächlich ein gefährliches Gesetz, das viel mehr Gruppierungen treffen kann.



 
„Wir glauben nach wie vor nicht, dass die Änderung des Vereinsgesetzes verfassungsrechtlich Bestand haben kann“
Django




Steht ihr in Kontakt mit den anderen betroffenen Clubs?

Django: Ja, es besteht Kontakt – aber auf der juristischen Ebene. Das heißt, unsere Anwälte reden miteinander. Wir glauben nach wie vor nicht, dass die Änderung des Vereinsgesetzes verfassungsrechtlich Bestand haben kann. Das heißt für uns, dass wir einerseits eine Verfassungsbeschwerde vorbereiten, aber auch überlegen, uns an den Europäischen Gerichtshof zu wenden. Es gibt so Tatsachen, über die wir uns wundern: Drei der Politiker, die aktiv an der Änderung des Vereinsgesetzes gearbeitet haben, sind gelernte Polizisten, die später in die Politik gegangen sind. Was findet da statt?


 
 
 
„Wir sind keine Politiker, wir wollen Motorrad fahren“
Fähnrich




Habt ihr den Eindruck, die Szene ist näher zusammengerückt?

Django: So wie es momentan läuft, ist es genau richtig. Die Clubs stehen näher zusammen als früher. Da gibt es einen neuen Zusammenhalt.

Fähnrich: Wir sind ja auch nur ein Teil dieser Szene. Und wir sind keine Politiker, wir wollen Motorrad fahren. Manchmal haben wir den Eindruck, als würdenwir da in irgendwas reingezogen. 


Ihr fahrt jetzt komplett in Zivil. Plant ihr so was wie Ersatzabzeichen?

Fähnrich: Das wollen wir nicht. Wenn wir nicht mit unseren Abzeichen fahren können, dann ist das jetzt aktuell so – aber wir kämpfen dafür, dass wir sie wieder tragen können. Das Charter ist immer noch das gleiche, genau wie die Leute. Wir brauchen die Kutte ja nicht für unseren Charakter. Die Persönlichkeiten sind immer noch die gleichen und die brauchen die Kennzeichen nicht, um sich nach außen darzustellen. Nicht die Kutte macht den Charakter.


Text: Andreas Kottlorz, Tilmann Ziegenhain
Bilder: Andreas Kottlorz

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Stand:22 January 2018 03:43:56/magazin/hells+angels+organisieren+biker-demo+gegen+das+colour-verbot_171010.html