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14.07.2017  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: Jörg Weiß
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On the Road mit den Outlaws


Wir haben den Outlaws MC auf dem Weg zum National Run begleitet


Morgens, halb neun, vorm Clubhaus des Outlaws MC Bad Kreuznach. Es ist sicher eines der schönsten Clubhäuser in Deutschland, eine alte Mühle im schattigen Kellenbachtal. Die Mühle klappert nicht mehr, aber neben ihr fließt tatsächlich ein rauschender Bach. Das bietet die ideale Kulisse für einen Heimatfilm. Wenn da nicht die Rocker wären.
Die Member des Chapters Bad Kreuznach haben sich mit ihren Bikes versammelt, das Gepäck ist verzurrt, die Trucks sind beladen. Hansi ist der President des Chapters; er tritt vor seine Jungs, für eine letzte Ansprache vor der Fahrt zum National Run nach Ellwangen. Mit Polizei sei zu rechnen, erklärt Hansi. Beamte hätten in den letzten Tagen den Veranstalter des Runs und all seine Geschäftspartner besucht, vom Hotelmanager bis zum Betreiber der Würstchenbude.
Scharfe Kontrollen in Ellwangen seien erst recht zu erwarten, deshalb sei es auch klug, die Peitschen abzumontieren, die an manchen Bikes hängen. Wenn die Polizei am nächsten Tag ihren Bericht für die Presse herausgeben würde, dann seien das wieder die „Waffen“, die man vor Ort beschlagnahmt hätte. Das übliche Spiel, für ihre Politiker braucht die Polizei Erfolgsmeldungen dieser Art.

Der Road-Captain übernimmt die Führung

Soweit die Politik. Jetzt aber übernimmt der Road-Captain die Führung. Tatsächlich haben die Outlaws keinen Mann, der diese Amtsbezeichnung trägt, jedenfalls nicht im Chapter Bad Kreuznach. Für die Führung des Packs auf der Autobahn ist also ein ganz normaler Member zuständig. Er heißt Jens, ist bärtig, kahlgeschoren und fast zwei Meter groß. Er spricht mit ruhiger Stimme – das genügt, um seine Jungs zusammenzuhalten.
Das Navi hat Jens am Lenker seiner Harley montiert. Nur einmal wird er fluchen, als er es für eine neue Streckenführung neu programmieren muss. Jetzt aber lässt er sich in den Sattel fallen, stemmt die Beine in die Fußrasten, schmeißt die Harley an, legt den Gang ein und lässt die Kupplung kommen. Seine sonst im Fahrtwind wedelnde Peitsche hat er abmontiert.
In das Brüllen seiner Harley stimmt ein Dutzend weiterer Harleys ein. Dazu eine Moto Guzzi, eine Intruder und eine Victory. Für die Outlaws in Deutschland gilt keine Harley-Pflicht, es müssen Chopper oder Tourer sein. Nun dröhnt der gewaltige Lärm von fast zwanzig Bikes über das Clubgelände – es ist, als begänne die alte Mühle zu vibrieren, aber das liegt nur an der in den Abgasen flimmernden Luft.



Ganz wichtig: aufschließen!

Vorn links fährt Jens, rechts neben ihm, leicht nach hinten versetzt, fährt Hansi, der President. Ihnen folgen die Member, immer in Zweiergruppen, dicht an dicht. Kein Autofahrer darf auf die Idee kommen, in diese Formation einzubrechen. Deshalb ist das Aufschließen so wichtig.
Member, die damit Probleme haben, hat Jens ihren Platz weiter vorn im Pack zugewiesen, damit sie dichter an ihm dran sind. Vor allem aber besteht immer die Gefahr, dass ein Pack sich hinten schneller auseinanderzieht. Auch wenn Jens sich vorn strickt an eine Geschwindigkeit von 120 Sachen halten will, so wird selbst er mal schneller oder langsamer, spätestens wenn das Pack zum Überholen eines Lasters ausschert oder sich vor ihm wieder einordnet. Dann folgt hinten der berüchtigte Ziehharmonika-Effekt – und um dranzubleiben, müssen die letzten auch schon mal mit 160 Sachen hinterherjagen.
Damit sie trotzdem dranbleiben, fährt Pulle ganz hinten. Um eventuelle Nachzügler anzutreiben, muss er für diesen Job ein schnelles und besonders zuverlässiges Bike fahren.

Es folgen die Versorgungs­fahrzeuge

Hinter den Jungs folgen noch die Versorgungsfahrzeuge, oft gesteuert von den Frauen des Clubs. An Bord das Gepäck, die Verpflegung, Werkzeug auch. Die Laderäume sind natürlich nicht bis obenhin gefüllt. Es könnte ja sein, dass ein Bike liegenbleibt. Und der Truck wird auch in dieser Story noch zum Einsatz kommen …
Sollte das Pack in einen Stau geraten, dann brettern die Bikes durch. Die Versorgungsfahrzeuge müssen sich hinten anstellen. Man trifft sich an der nächsten abgesprochenen Raststätte wieder. Jens hat für alle Member einen Zettel mit Streckenplan ausgedruckt.
Dieses Pack also setzt sich lärmend und qualmend in Bewegung. Vorwärts! Im Kellenbachtal steht jetzt nur noch eine Wolke aus Abgasen und Staub. Die Heimat des Packs für die nächsten 300 Kilometer ist die Autobahn.

Die Polizei begleitet uns

Nächster Halt auf dem Streckenzettel von Jens: Rasthof Wonnegau in der Höhe von Worms. Unter dem schattigen Dach der Tankstelle verteilen sich die einrollenden Outlaws zu kleinen Gruppen rund um die Zapfsäulen. Die letzten sind gerade fertig, da ertönt von der Zufahrt ein neues Donnern. Das sind die Chapter aus Koblenz und Heinsberg. Große Freude, großes Rufen, Dutzende von Armen winkeln sich zum Bikergruß. Eine Überraschung ist das nicht: Bad Kreuznach, Koblenz und Heinsberg haben sich hier verabredet, um gemeinsam weiterzufahren.
Auch keine Überraschung ist das Polizeifahrzeug, das um die Outlaws kreist. Die Cops greifen zum Funkgerät, geben Meldungen durch. Niemand steigt aus. Früher hätten Polizisten und Rocker vielleicht noch miteinander geredet, unter gequälter Freundlichkeit irgendwelche Belanglosigkeiten ausgetauscht. Die Anweisung von oben scheint inzwischen anders auszusehen, sie lautet wohl nur „Präsenz zeigen“. Und so wird der blau-weiße Wagen über die nächsten Kilometer immer irgendwo in der Nähe sein, auch bei 120 Sachen auf der Autobahn, vor, neben oder hinter dem Pack.
Erst kurz hinter Speyer verschwindet der rheinland-pfälzische Polizeiwagen sang- und klanglos. Eine Ablösung aus Baden-Württemberg ist nicht zu sehen. Hinterm Rhein spekulieren wir noch, ob es sich bei dem blauen Benz mit den beiden kräftigen Männern hinter uns um eine Zivilstreife handelt, aber auch der verschwindet bald. Die Polizei sehen wir erst wieder, als die Party auf dem National Run beginnt. Da inszenieren die Beamten ihre Einlasskontrollen unter vollem Programm. Bei den Wählern zieht das besser. Neues Bundesland, neue Politik.

Eine Softail macht schlapp

„Eigentlich fahre ich lieber in kleinen Gruppen, das ist überschaubarer“, sagt Hansi noch, bevor wir Wonnegau verlassen. Jetzt formiert das Pack sich in dreifacher Größe, in die Mitte genommen von den Bad Kreuznachern. Vorn fahren nach wie vor Jens und Hansi, hinten Pulle und Armin, ebenfalls Bad Kreuznach.
Sechzig schwarz gekleidete Biker donnern unter Einhaltung ihrer Formation in das Kraichgau. Die Autobahn wird dreispurig. Wer als ziviler Autofahrer das Pack überholen will, muss ganz links rüber, wenn das Pack seinerseits vollständig ausschert, um einen Laster zu überholen.
Irgendwo hinter Sinsheim passiert es. Durchdringendes, lautes Kreischen erschreckt das hintere Drittel der Formation. Eine Softail wird langsamer. Mit ihr die folgenden Bikes. Sie scheren aus, ganz nach rechts, kommen weit auseinandergezogen zum Stehen, auf dem dafür bestimmten Standstreifen. Pulle muss noch ein paar Meter auf dem Standstreifen zurücklegen, um zu checken, was mit dieser Softail los ist. Dann die erste Anweisung: Vorsichtig weiterfahren bis zur ersten regulären Haltemöglichkeit.

Erste Diagnose: es ist die Bremse

Ein halbes Dutzend Outlaws kniet nun unter brütender Sonne auf einem namenlosen Parkplatz im Nirgendwo zwischen Sinsheim und Heilbronn um eine Softail. Es ist die Softail von „Chopper“, einem Bruder aus dem Koblenzer Chapter. Langsam wagen sie so etwas wie eine Diagnose: Das Kreischen könnte die hintere Bremsscheibe verursacht haben. Die Beläge sind noch in Ordnung. „Dass jemand mit abgefahrenen Bremsbelägen losfährt, darf bei uns auch nicht vorkommen. Dann kriegt der Mann richtig Ärger“, erklärt Pulle noch.
Irgendein Stück Metall scheint sich trotzdem gelöst zu haben, schleift nun wohl zwischen Bremssattel und Scheibe und trägt die Schuld an diesem nervtötenden Kreischen. Aber die Bremse der Softail ist kaum zugänglich verbaut. „Chopper“ muss es riskieren. Er will weiterfahren, ohne die hintere Bremse zu betätigen. Nicht auszudenken, was passiert, wenn die Bremse sich bei vollem Tempo trotzdem verkeilt. Aber bis zum nächsten planmäßigen Halt an der Raststätte Hohenlohe ist es nicht mehr weit. Der große Pulk der vorausfahrenden Brüder dürfte dort langsam eintreffen. Dort steht dann auch der Truck, in den die Softail verladen werden kann. Also hinterher!

Hoppla, falsche Autobahn …

Aber so einfach ist das nicht. Die Autobahnkreuzung von A6 und A81 bei Heilbronn ist tückisch. Wer auf der A6 bleiben will, muss die Bahn auf der rechten Spur verlassen. Die linke, zunächst geradeaus führende Spur wird dagegen zur A81 Richtung Stuttgart. Das haben die sechs Mann natürlich nicht mehr auf dem Schirm. Hinten gestikuliert noch einer von ihnen heftig, aber vorn kriegt das keiner mit. Der Mann, der es besser wusste, muss nun in die falsche Richtung mitfahren – seine Brüder verlässt er nicht.
Und so treffen die sechs Verirrten mit fast einer Stunde Verspätung auf dem Rastplatz Hohenlohe ein. In sengender Sonne haben die Brüder der drei Chapter dort auf sie gewartet. Die Schiebetüren der Trucks sind geöffnet, immer wieder haben sie in die dort verstauten Kühltaschen nach einer Flasche Wasser gegriffen.
„Chopper“ hat dafür nicht die Zeit. Für ihn öffnet sich die Hecktür eines Trucks. Zwei Mann wuchten eine Rampe raus. Die Softail wird für den Anlauf ein Stück zurückgeschoben, und dann, auf drei, rein damit! „Chopper“ wird den Rest des Weges in einem Auto mitfahren müssen. Für die anderen gilt: aufsitzen zur Weiterfahrt.

Landstraßen mit Kurven

Der kommissarische Road-Captain Jens hat in der halben Stunde davor telefoniert: Stau auf allen Autobahnen nach Ellwangen. Jens musste sein Navi umprogrammieren – und endlich dürfen wir ihn fluchen hören. Er wird die nächste Abfahrt hinter Hohenlohe nehmen und das Pack über die Landstraßen führen.
Irgendwie auch ganz schön, denn es geht das vielfach besungene Jagsttal entlang. Selbst der zum Mitfahren im Auto verdammte Chopper kriegt das in seiner schlechten Laune mit: „Boah! Hier is die Welt aber noch in Ordnung.“ Kurvige Straßen führen über Felder und Wiesen und Auen. Friedlich grasende Kühe. Bayerisch anmutende Zwiebeltürmchen ragen in einen blauen Himmel, darin sich die weißen Wölkchen bauschen. Heimatfilm. So fing es ja auch an.

Ist die Luft rein?

Erst ein letztes Sammeln auf einem Supermarktparkplatz in Ellwangen bringt uns in die Wirklichkeit zurück. Hansi telefoniert mit den Brüdern auf dem Partygelände vor den Toren der Stadt. Ob die Luft rein ist? Keine Polizei? Na dann aber schnell, bevor die Bullen am nächsten Tag doch noch ihre Kontrollposten aufbauen.
„Das ging alles viel zu glatt“, erklärt Hansi noch, „ihr hättet auf unseren Europe Run mitkommen müssen. Das war ’ne Entfernung, da ging’s an den Atlantik – und da hatten wir alles, was scheiße sein konnte. Natürlich auch Scheißwetter.“ Aber der Europe Run findet nur alle zwei Jahre statt, im Wechsel mit dem ebenfalls alle zwei Jahre stattfindenden National Run. Und der nächste Europe Run im nächsten Jahr führt nach Belgien. Lassen wir uns überraschen.
Überraschend war jedenfalls das Nachspiel: Noch auf dem Partyplatz luden die Prospects Choppers Bike aus dem Truck. Nach genauerem Hinsehen war der Fehler gefunden. Es war nicht die Bremse, sondern das Radlager. Member der Chapter vor Ort besorgten schnell ein neues Lager, bauten es ein und sogar Chopper konnte nach dem Partywochenende wieder seine Harley fahren.    «



Outlaws MC Bad Kreuznach
Crossed Pistons Saloon
Bergmühle 1
55618 Simmertal
badkreuznach@outlawsmc.de


Text: Michael Ahlsdorf
Bilder: Jörg Weiß

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Stand:20 August 2017 21:05:11/motorrad/_177.html