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17.02.2017  |  Text: Peter Ilg  |   Bilder: Peter Ilg, Archiv Road Eagle MC
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40 Jahre Road Eagle MC Munich


Seit vier Jahrzehnten setzt der Road Eagle MC  Munich Maßstäbe in der Szene


In Bayern ist es eine Ehre, als „gestandenes Mannsbild“ bezeichnet zu werden. So sagt man dort zu einem, der groß, kräftig und erfahren ist und sich bewährt hat. Franz, der President des Road Eagle MC Munich, ist so ein echter Kerl. Schon optisch ist er ein Bayer wie aus dem Bilderbuch. Er tritt dominant, aber mit Respekt auf. Er hört zu, entscheidet souverän und mit Weitsicht. Er ginge wohl auf den ersten Blick als echter Macho durch. Den kann er leicht geben, dafür muss er sich nicht einmal anstrengen. Er hat aber auch andere Charakterzüge. „Wenn ich in unserem Clubhaus vor den Bildern meiner verstorbenen Brüder stehe und an die schönen Zeiten mit ihnen denke, dann treibt es mir schon manchmal das Wasser in die Augen.“ Franz ist ein President mit zwei Seiten: König und Untertan. Mit diesen Eigenschaften führt er das Chapter München und den gesamten Road Eagle MC bei wegweisenden Entscheidungen. „Ohne mich würde es die Road Eagle in dieser Form wahrscheinlich nicht mehr geben“, sagt er selbstbewusst und ohne Arroganz. Was wahr ist, darf man auch sagen. Die Geburt des Clubs war leicht, die Kindheit schwierig, in der Pubertät gab es Verluste. Heute ist der Road Eagle MC ein gestandener Club. Er wird in diesem Jahr 40.

Franz ist seit 1999 President des Motherchapters München
Franz ist ein President mit zwei Seiten: König und Untertan. Mit diesen Eigenschaften führt er das Chapter München und den gesamten Road Eagle MC

Wann genau der Road Eagle MC gegründet wurde, lässt sich nicht genau sagen. Aufgeschrieben hat das Datum niemand und von den Gründungsmitgliedern ist keiner mehr dabei. „Aus Erzählungen der Alten wissen wir, dass es im Juli 1977 gewesen sein muss“, sagt Franz. Die Motive für die Gründung sind dieselben wie bei vielen anderen MCs in dieser Zeit: eine Gruppe junger Leute mit Mopeds und Motorrädern, die sich schon geraume Zeit kennen, wollen ihre Zusammengehörigkeit durch ein Colour zeigen. Spontan, wie man eben in diesem Alter ist, trifft die Gruppe die Entscheidung zur Gründung aus dem Bauch heraus. Der Geburtsort des Road Eagle MC ist ein Park in Freimann, einem Münchner Stadtteil; an einem Kiosk, wo sich die Halbstarken mit ihren Maschinen regelmäßig treffen, um von dort aus ihre wilden Touren zu starten. Sie alle kommen aus dem Münchner Norden, den Arbeitervierteln Hasenbergl, Harthof und Milbertshofen.
In München fahren damals die San Diegos, ABS (heute Hells Angels MC) und eine Handvoll Ami-Clubs mit Kutte. Eine Szene wie heute gibt es nicht einmal annähernd. Daher hat auch keiner etwas gegen die Club­gründung – ansonsten hätte das Recht des Stärkeren gegolten. Wie es zum Clubnamen kommt, ist auch nicht überliefert – Road Eagle verbindet, ähnlich wie der Name Hells Angels, Gegensätze. Hölle und Himmel, Straße und Adler. Eine eindeutige Bedeutung haben dagegen die Clubfarben gelb und schwarz: Es sind die Stadtfarben Münchens. Bayern sind eben Patrioten.
Franz kommt 1982 in den Club, fünf Jahre nach der Gründung, seit 1999 ist er President des Chapters München. Das ist eines der bislang schwierigsten Jahre der Clubgeschichte, denn damals steht zur Debatte, dass aus den Road Eagle Bandidos werden. „Wochenlang bin ich auf die Versammlungen der anderen Chapter gefahren und habe stets dasselbe gepredigt: Lasst den Wechsel sein, ihr werdet damit nicht froh!“ Die meisten beherzigen seinen Ratschlag, zwei Chapter aber sind letztendlich weg. „Mir ist es wichtig, dass unsere Einstellung erhalten bleibt. Wir sind wir und wollen niemand anders sein“, sagt Franz. Vor diesem liegt bereits Jahre zuvor ein Angebot zum Patchover auf dem Tisch. Das kommt aus Mannheim, von den Bones. „Dorthin hatten wir super Kontakte und pflegten gute Freundschaften, das war in der Zeit der Ritterschlag für einen deutschen MC.“ Und das Angebot eine große Ehre. Franz ist damals eines von 20 Mitgliedern im Münchner Chapter und vehement gegen den Übertritt, „weil es für mich nicht infrage kommt, dass ich mich einem anderen Colour anschließe.“ Die Abstimmung geht knapp aus, der Road Eagle MC bleibt seiner Linie treu – und ist damit seit 40 Jahren einer der stabilsten Clubs in Bayern.

1999 ist eines der schwierigsten Jahre. Wird es ein Patch­over geben?
1999 ist eines der schwierigsten Jahre. Wird es ein Patch­over geben?

Remi ist seit sieben Jahren im Chapter München und seit fünf Jahren Vice-President. Davor ist er 20 Jahre lang Member der Road Rebels, einem anderen Münchner MC. „Scheinbar habe ich nur den Nachnamen gewechselt, in Wahrheit habe ich meine Zukunft in der Szene gefunden.“ Viele der zahlreichen kleinen MCs in München sterben nach Meinung von Remi aus, weil sie Nachwuchsschwierigkeiten haben. „Ein großer Club hat Zulauf, weil er mehr Möglichkeiten bietet.“ Den Road Eagle MC bezeichnet er als einen starken Mittelständler mit all seinen Vorteilen wie kurzen Entscheidungswegen, vor allem aber, selbstbestimmt und unabhängig zu sein. Wäre der Road Eagle MC ein Wirtschaftsunternehmen, könnte er getrost als Hidden Champion bezeichnet werden – ein heimlicher Gewinner am Markt.
Hidden Champions zeichnet auch ein gesundes Wachstum aus. Gleich im ersten Jahr nach der Clubgründung wird das erste Chapter in Würzburg eröffnet. In den Achtzigerjahren veranstalten die Franken zum Jahresbeginn Rallys mit bis zu 8000 Gästen. Ebenso viele sind es auf den Rallys des Münchner Mother­chapters in Markt Indersdorf nördlich von München. „Die großen Bikerpartys waren in dieser Zeit bei uns in Bayern und auf der Friesenheimer Insel in Mannheim“, sagt Franz. Im Norden gibt es seiner Zeit nichts, wo es sich lohnte hinzufahren. Und wenn ein Bayer Norden sagt, meint er das Gebiet nördlich des Mains, also alles hinter Frankfurt.

Die Frühjahrs- und Sommerrallys der Münchner und Würzburger Road Eagles gehörten zu den größten Clubveranstaltungen in Deutschland
Die Frühjahrs- und Sommerrallys der Münchner und Würzburger Road Eagles gehörten zu den größten Clubveranstaltungen in Deutschland

Heute führt der Road Eagle MC achtzehn Chapter, vierzehn davon in Deutschland, drei in Spanien und eines in Thailand. „Chapter in anderen Ländern machen unser Clubleben spannender und interessanter“, sagt Remi. Zu den Gründungen in Spanien kommt es, weil Franz dort seit über 30 Jahren seinen Jahresurlaub verbringt, meist an der Costa Brava. „Ich fahre dort auf Partys oder in Clubhäuser und lerne so neue Leute kennen.“ Die drei spanischen Chapter liegen in Madrid, Alicante und Albacete. Die Männer aus Madrid und Alicante waren vorher in einem anderen Club organisiert, der mit elf Chaptern einer der maßgeblichen MCs in Spanien war.
Für die ausländischen Chapter gelten dieselben Maßstäbe wie für die deutschen. Dazu gehört, dass jedes Chapter dieselbe, gleichberechtigte Stimme hat. „Allerdings behalte ich mir schon das Recht vor und greife, wenn nötig, regulierend ein“, sagt Franz. Nicht mit Druck, dafür mit einer Vorstellung davon, was am besten für den Club ist. „Damit sind wir bislang gut gefahren und deshalb ist auch der Gegenwind hinsichtlich meiner Ideen mit den richtigen Argumenten meist schnell abgeflaut.“ Franz führt den Club mit Weitsicht, was in Bayern zwingend notwendig ist, um so lange bestehen zu können. „Unsere Behörden sind konsequent. Wer zwei-, dreimal Theater macht, bei dem ist die Rockerkarriere schnell vorbei.“ Was in anderen Teilen Deutschlands abgeht, sorgt in München oft für Kopfschütteln. „Wir sind daher viel pragmatischer als manch andere.“ Der Road Eagle MC muss nicht mit dem Kopf durch die Wand – Ziele kann man auch anders erreichen.

Das Motherchapter München
Das Motherchapter München

Durch ein echtes Bikerleben zum Beispiel. Das Münchner Chapter besteht aus 30 Mann, davon sind drei Prospects und zwei Hänger. An Nachwuchs mangelt es also nicht. Die Pflicht, eine Harley zu fahren, besteht nicht. „Wir nehmen ja Männer auf und keine Maschinen“, sagt Remi. Das Chapter veranstaltet jährlich im Dezember den Münchner Motorrad- und Teilemarkt – im letzten Jahr bereits zum 25. Mal. Es ist Süddeutschlands größter Markt dieser Art. Außer den Münchnern fahren drei weitere Chapter Unimoto. Und die Wittenberger laden auch andere Clubs jährlich zum Schützenfest ein.
Die Szene lebt von Clubs wie dem Road Eagle MC. Und so wird sie die Münchner zu ihrem Jubiläum hochleben lassen. Geplant ist eine Party im und ums Clubhaus. Das hat eine Fläche von rund 300 Quadratmetern und einen 4000 Quadratmeter großen Außenbereich – Platz genug also für die große Geburtstagsparty am 26. Juni.
 

Road Eagle MC Munich
Achering 14
85354 Freising
Jeden Mittwoch und Freitag ab 19.30 Uhr Open House
www.road-eagle-munich.de

Road Eagle MC Munich
 

„Wir brauchen die Jungen, damit unsere Idee weiterlebt“

Der dienstälteste Road Eagle fuhr die erste Harley in München

Kragl ist am längsten im Road Eagle MC. Ein halbes Jahr nach der Gründung des Motherchapters München tritt er ein. „Man hat in einem Club immer Leute, mit denen man besser oder weniger gut kann. Aber ein Grundkonsens muss stets vorhanden sein.“ Nach drei Jahren spürt er den nicht mehr und legt deshalb seine Kutte ab, bleibt dem Club aber dennoch treu verbunden. Dafür wird er zum Ehrenmitglied ernannt. Als die Münchner eine Rally finanziell in den Sand setzen und die Mitglieder dafür blechen müssen, legt auch Kragl seinen Teil auf den Tisch. Daraufhin steht Franz auf, damals frisch President, schneidet ihm das Honorary-Patch von der Jacke und macht ihn wieder zum Vollmember.

Kragl (links) ist dienstältester Member. Er ist Münchens erste Harley gefahren – 250 000 Kilometer!
Kragl (links) ist dienstältester Member. Er ist Münchens erste Harley gefahren – 250 000 Kilometer!

Kragl ist die erste Harley in München gefahren, knapp 250 000 Kilometer hat er auf ihr abgespult. Heute fährt er BMW. „Weil das für einen 60-Jährigen ein deutlich komfortableres Motorrad ist.“ Die Harley hat er noch. Früher sei man in der Szene härter miteinander umgegangen. Das ging schon los mit den Prospects. Man fuhr mitunter auf Partys, um Dampf abzulassen. „Und egal, ob man gewonnen oder verloren hat, danach tat einem alles weh.“ Heute sei das Rockerleben viel familiärer, man geht gepflegter miteinander um. Alt und Jung harmonieren gut im Chapter, weil die Chemie stimmt. „Wenn mal Thrash-Metal läuft, geh ich vor die Tür und beiß die Zähne zusammen. Denn die Leute mag ich wegen ihrer Art und nicht wegen ihres Musikgeschmacks.“ Das Geheimrezept fürs Überleben der Szene ist nach Meinung von Kragl die richtige Mischung aus Jung und Alt in einem Club. „Wir brauchen die Jungen, damit unsere Idee weiterlebt. Ansonsten stirbt sie mit uns.“
 

Nachwuchsförderung und Motorsport

Von der Eagle Group aufs Unimoto

Der 37-jährige Martin ist vor fünf Jahren, als er Member im Münchner Chapter wird, das jüngste Mitglied. Er kommt aus der Nähe von Glauchau, im Osten Deutschlands, wo der Club ebenfalls ein Chapter führt. Dort war Martin Mitglied der Eagle Group – keine Supporter, sondern die Jugend- und Nachwuchsorganisation des Clubs. Sie ist für Junge gedacht, um das Bikerleben zu erschnuppern, und für Ältere, die sich nicht sicher sind, ob sie gleich richtig in einen MC einsteigen wollen. Eagle Groups gibt es nur an den Orten, an denen auch Road-Eagle-Chapter bestehen, aber nicht an allen. Sie teilen sich das Clubhaus mit den „Großen“ und tragen ein einteiliges Colour. Aus persönlichen und beruflichen Gründen ist Martin nach Nürnberg gezogen und hat deshalb die Group verlassen. Den Kontakt zum Road Eagle MC hat er im Chapter München gepflegt. „Mir war klar, wenn ich wieder mitmache, dann nicht mehr in der Nachwuchsgruppe, sondern nur im Motherchapter.“ Er wird Hänger, Prospect mit Verlängerung – „die habe ich mir verdient“ – und schließlich Member. Sein Pate ist Vize Remi. Der hat den Unimoto-Sport in den Club gebracht, Martin setzt ihn erfolgreich fort: Er ist amtierender bayrischer Meister in der offenen Klasse über 750 ccm.

Martin (links) kam von der Eagle Group zum Club. Er ist amtierender bayrischer Meister in der offenen Unimoto-Klasse über 750 ccm
Martin (links) kam von der Eagle Group zum Club. Er ist amtierender bayrischer Meister in der offenen Unimoto-Klasse über 750 ccm

Unimoto-Race
 

„So einen Zirkus wie in Deutschland gäbe es in Spanien nicht“

Der Vize-President des spanischen Chapters South-East im Interview

Javi ist Vize-President des Chapters South-East in Alicante. Es fuhr vor dem Patchover unter dem Colour des Comanchero MC, einem geachteten spanischen Club. Übersetzt hat Member Tom. Er gehört zum Chapter München, lebt aber seit zehn Jahren in Barce­lona – der Liebe wegen und weil ihm Spanien die Freiheit gibt, die er in Deutschland vermisst.

Javi (links) und Übersetzer Tom
Javi (links) und Übersetzer Tom

BN: Javi, was unterscheidet die Bikerszene Spaniens von der deutschen?
Javi: Das Biker-Dasein in Spanien ist komplett anders als hier. Bei uns gibt es viele Biker in zahlreichen Clubs, aber das sind allesamt Sonntagsfahrer. Vor allem sonntagvormittags machen sie einen auf Rocker mit Kutte und Fransen. Unter der Woche passiert nichts. Wir sind 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche Road Eagle und deshalb anders als ein Großteil der Mitglieder in spanischen MCs.
Die echte Rockerszene ist bei uns überschaubar. Es gibt nur wenige echte Clubs, deren Mitglieder sich alle kennen, über das ganze Land hinweg.

Haben die ähnliche Probleme wie hier mit Behörden?
Nein, weil Anti-Terror-Gesetze aus der Zeit der Terrororganisation ETA bestehen, die auf die MC-Szene angewandt werden. Das wird strikt gemacht. Wer meint, Stress machen zu müssen oder einen Zirkus wie hierzulande veranstaltet, ist schon am Ende angekommen. Dann wird der Club kurzerhand offiziell dicht gemacht – und das war’s dann für alle Zeiten.

Was fahrt ihr für Motorräder?
Die spanischen Road Eagle fahren größtenteils Harleys.

Habt ihr ein Clubhaus?
Selbstverständlich. Mitten in einem Villen­viertel mit Pool – und Millionären als Nachbarn. Das können wir uns leisten, weil die Immobilien­preise in Spanien im Vergleich zu Deutschland extrem niedrig sind. Wir zahlen rund 500 Euro Miete.

Warum seid ihr Road Eagle geworden?
Für uns Spanier ist die leibliche Familie wichtig, vielleicht wichtiger noch als für Deutsche. Wenn die Familie nicht mitspielt, gibt es Probleme mit dem Clubleben und man wird irgendwann vor die Wahl gestellt: Familie oder Club? Arbeit ist wichtig, weil ohne Arbeit kein Geld fürs Bikerleben da ist. Und man muss seinen Club lieben. Diese drei Dinge braucht ein Rocker. Diese Philosophie des Road Eagle MC deckt sich vollkommen mit unserer Vorstellung. Deshalb passen wir gut zusammen.

Spanier sind stolz, die Bayern auch. Geht das emotional gut?
Als wir beim Comanchero Motorcycle Club raus sind, hatten wir von allen großen internationalen Clubs Angebote für eine Aufnahme. So wenig wie die Leute vom Road Eagle wollen wir uns anderen unterordnen. Das lässt unser Stolz nicht zu. Wir sind stur, die Bayern auch. Manchmal können wir nicht anders als herzhaft über uns selbst lachen. Es gibt keine bessere Basis für ein Zusammen­leben als Respekt vor und Spaß miteinander zu haben.
 

Roadtrip

Auf einer Royal Enfield über die höchsten Bergpässe der Welt

Andi ist Road Captain des Road Eagle MC München und ein echter Vielfahrer. In Nordafrika hat er fast jedes Land befahren, bis nach Dakar. Auf einem Motorrad mit Beiwagen ist er von Los Angeles nach Panama gereist. Im vergangenen Jahr sind er und seine Freundin Anja auf Royal Enfields den Manali-Leh-Highway in Indien gefahren. Er führt über mehrere der höchsten befahrbaren Bergpässe der Welt – der BIKERS NEWS erzählte er exklusiv vom diesem Roadtrip.

Andi, Road Captain des Motherchapters
Andi, Road Captain des Motherchapters

Draußen nur Kännchen: Typische Raststätte am Manali-Leh-Highway
Draußen nur Kännchen: Typische Raststätte am Manali-Leh-Highway

Unterwegs im Hochland von Tibet: Der Pangong-Tso-Salzsee liegt über 4000 Meter hoch und ist 130 Kilometer lang
Unterwegs im Hochland von Tibet: Der Pangong-Tso-Salzsee liegt über 4000 Meter hoch und ist 130 Kilometer lang

„Im Juli 2016 haben wir uns von Neu Delhi aus auf den Weg zum Manali-Leh-Highway gemacht, auf Royal Enfields. In Indien – ehemals englische Kolonie – wurden die Motorräder für den indischen Markt gebaut. Die Inder produzierten die Maschinen nach dem Konkurs der englischen Marke in den Siebzigerjahren weiter, erwarben später das Recht auf den Namen und bauen diese Maschinen noch heute. Die Enfield ist ein ganz klassisches Einzylinder-Motorrad mit 500 ccm und etwa 22 PS. Gefertigt werden sie ähnlich der Konstruktion aus den Fünfziger­jahren – das heißt, sie sind ziemlich klein, was es für mich als großen Mann mit 185 Zentimetern und 100 Kilogramm einfach macht, die Maschine zu händeln. Die Motorräder sind technisch so simpel, dass man fast alles selbst machen kann. Kupplungszug und Kupplung, Gaszug und manch andere Teile hatten wir auf unserer Reise dabei. Was gebraucht wird, weiß unser Vermieter in Delhi ganz genau – er ist seit dreißig Jahren im Geschäft. In Indien habe ich regelmäßig zu tun. Ich bin in der IT-Branche tätig.
Der Manali-Leh-Highway ist knapp 500 Kilometer lang und verbindet Manali mit Leh. Leh liegt im nördlichsten Zipfel Indiens. Der Himalaya ist gigantisch. Die Besonderheit der Tour ist seine Höhe, Größe, Weite. Man ist immer über 4000 Metern, die Luft daher glasklar frisch, der Himmel blau, am Horizont schon dunkelblau. Man sieht schier unendlich weit. Die Landschaft ist riesig, auch die vielen Täler, von denen eines allein die Größe der gesamten Schweiz zu haben scheint. Die Berggipfel zwischen den Tälern sind 200 Kilometer entfernt und 6000 Meter hoch. Das ist eine irrsinnige Höhe. Es gibt spektakuläre Seen auf über 4000 Metern, die ausschließlich von Gletschereis gespeist werden.
Der Manali-Leh-Highway ist eine Herausforderung für Mensch und Maschine. Bei meiner Reise zuvor nach Indien wurde mir geraten, im Juli zu fahren, weil es dann zwar so warm ist, dass man im T-Shirt fahren kann, es aber noch nicht so heiß wird wie im August, wenn die rasche Schneeschmelze unter Tag den Highway überflutet. Um dem zu entkommen, sollte man selbst im Juli vormittags fahren. Die Motoren sind auf Meereshöhe abgestimmt. Deshalb spürt man deutlich die nachlassende Leistung in großer Höhe. Der Highway ist eine Schotterpiste, größtenteils nur einspurig befahrbar und nur zwischen Juni und Mitte September geöffnet. Auf Camping-Gepäck haben wir ganz bewusst verzichtet, um Gewicht zu sparen. Wir wussten, dass auf der gesamten Strecke die Möglichkeit besteht, sich in ein Zelt einzumieten oder ein Zimmer zu nehmen. Sprit muss man mitnehmen, weil es keine Tankstellen gibt. Deshalb haben wir auf jede Maschine zwei fünf Liter Kanister gepackt. Der höchste Pass, den wir gefahren sind, heißt Khardung La, seine Spitze liegt 5360 Meter über dem Meeresspiegel.
Das Essen hat mir bei dieser Indien-Tour nicht so auf den Magen geschlagen wie im Jahr davor, als ich eine Woche „Magen-Darm“-krank war. Es liegt daran, dass die Region Ladakh, in der Leh liegt, nur dünn besiedelt ist. Es gibt daher weniger Müll und Fäkalien, aber frisches Trinkwasser aus den Bergen. Die Mittelschicht in Indien wächst gewaltig. Und gefühlt arbeiten drei von vier in der IT. Den IT-Inder gibt’s daher millionenfach, alle sprechen gut Englisch. Inder sind sehr nett und freuen sich darüber, dass ein Fremder von so weit weg zu ihnen kommt und bis ins hinterste Tal fährt.
Wir waren vier Wochen unterwegs und sind nach den 500 Kilometern des Manali-Leh-Highways noch von Leh aus drei Touren gefahren. Die eine Richtung Pakistan, die anderen Richtung Tibet. Die Touren führten teilweise am Fluss Indus entlang. Das ist ein unkultivierter, reißender Strom. Das krasse Gegenteil zu Donau oder Isar. Fünf Meter vom Indus entfernt fährt man auf dem Highway, und dennoch brechen an manchen Stellen hohe Wellen über die Straße. Die Gischt ist mitunter so heftig, dass Straßenteile komplett überflutet werden. Eine so wilde Natur gibt es in Europa nicht mehr. Vor lauter Staunen weiß man oft nicht, wohin man zuerst schauen soll. Der Himalaya ist ein spektakuläres Naturwunder. Insgesamt sind wir 2800 Kilometer gefahren, völlig ohne technische Probleme. In Leh haben wir die Motorräder abgegeben und sind nach München zurückgeflogen.
Nach unserer ersten Tour in Indien, das war 2015 von Neu Delhi nach Goa, habe ich mir eine Royal Enfield gekauft. Die steht neben meiner Harley und einem Superbike in der Garage.“

Roadtrip

Text: Peter Ilg
Bilder: Peter Ilg, Archiv Road Eagle MC

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Aktuell am Kiosk: BIKERS NEWS 2/18

Artikel aus der Ausgabe: 2/18

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Ausgabe 3/18 erscheint am 16. Februar

Im Huber-Verlag erscheinen auch:

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Stand:22 January 2018 03:44:29/motorrad/berichte/40+jahre+road+eagle+mc+munich_172.html