Seid  gewarnt!

24.03.2017  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: Michael Ahlsdorf
Seid  gewarnt! Seid  gewarnt! Seid  gewarnt! Seid  gewarnt! Seid  gewarnt! Seid  gewarnt! Seid  gewarnt! Seid  gewarnt! Seid  gewarnt! Seid  gewarnt! Seid  gewarnt! Seid  gewarnt!
Seid  gewarnt!
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Der Frühling kommt so sicher wie die nächste Ausfahrt – und die nächste Polizeikontrolle
Am Anfang war die Radarfalle. Aufgebaut am Ortsausgang von Eberbach im Odenwald. Lange Gerade, Tempo 100. Wochenend und Sonnenschein, zum Saisonbeginn dürfte da doch was zu holen sein?
„Wir nehmen unseren Job ernst, uns geht es um die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer“, erklären die Polizisten vor Ort. Mit der Wasser­waage überprüfen sie ein letztes Mal die Ausrichtung des Messgerätes, dann räumen sie die Hütchen von der Straße, die zuvor der Kalibrierung des Messbereiches dienten. Jetzt stehen nur noch ein paar unscheinbare graue Kästen am Straßenrand. Die Biker können kommen.

Polizeikontrolle
Radarfalle im Odenwald. Die Biker können kommen

Tempo 100 ist erlaubt, alles was über 109 km/h liegt, kostet Geld. Je nach Geschwindigkeit kommt noch eine Messtoleranz dazu, bei Geschwindigkeiten bis 100 km/h werden
3 km/h zugunsten des Bikers abgezogen, bei Geschwindigkeiten darüber sind es 3 % des Messwertes. Die Biker müssen also schon mindestens 112 Sachen fahren, um wirklich in die Fänge der Polizisten zu geraten, die einen Kilometer hinter der Radarfalle an der Kontrollstelle warten. Über Funk wird’s dann durchgegeben: „Japanisches Motorrad, Fahrer mit bunter Kombi und buntem Helm.“ So kann der Kollege an der Kontrollstelle den richtigen Biker rauswinken.
Die Buntkombiträger werden vor Ort verwarnt und über ihr verkehrsgefährdendes Verhalten belehrt – meistens kommen sie mit einem Verwarnungsgeld zwischen 10 und 30 Euro davon. So staffeln sich die Summen für Geschwindigkeitsüberschreitungen von bis zu 20 km/h. Chopper- oder gar Harley-Fahrer, so erklären die Polizisten, befänden sich nicht so viele darunter. Die würden ja nur cruisen.

Geschwindigkeitsüberschreitung außerorts

Aber Achtung. Heute geht es nicht nur um Geschwindigkeitskontrollen. Es sind auch zwei Polizisten von einer anderen Dienststelle dabei. Spezialisten. Und die wissen genau, worum es bei Chopper- und Harley-Fahrern geht: um manipulierte Schalldämpfer und unzulässige Umbauten. „Was halten Sie von ABS?“, fragt der eine Polizist uns noch. In der BIKERS NEWS würden Fahrer mit ABS wohl eher als Weicheier dargestellt werden. Dabei seien Bremsen an einem Motorrad doch das Wichtigste. Ja, die Männer nehmen ihren Job ernst.

Eine Honda im Serienzustand. Da ist nicht viel zu holen, selbst die Angst­nippel an den Reifenflanken sind noch dran
Eine Honda im Serienzustand. Da ist nicht viel zu holen, selbst die Angst­nippel an den Reifenflanken sind noch dran

Da rollt ein hereingewinktes Motorrad auf den Platz. Eine moderne Honda, CB 500 F, Serienmaschine. Der Fahrer trägt Lederkombi und Integralhelm, entpuppt sich nach Abnehmen des Helmes als Fahrerin und überhaupt winken die Spezialisten ab. Das Motorrad fuhr schon zu leise vor. Da wird nichts zu holen sein. Mehr der Form halber rüttelt der Hauptkommissar mal an der Gabel, denn selbst die Angstnippel an den Reifenflanken sind noch dran. Ansonsten: Keine besonderen Vorkommnisse, Weiterfahrt!
Der nächste Biker hört sich schon besser an. Klar, eine Harley. Graue Softail Twin Cam, verhältnismäßig unscheinbar. Aber wir hören sie deutlich. Und schon sehen auch die Wachtmeister, warum: Hinten sind alte Kess-Tech-Schalldämpfer montiert, welche von der manuell verstellbaren Sorte. Mit Taschenlampe, Zollstock und Fotoapparat knien die Beamten sich nieder und finden sofort den Grund der gewaltigen Soundkulisse. Die Tüten sind aufgedreht. Das ist im öffentlichen Straßenverkehr natürlich verboten.
„Haben Sie was dazu zu sagen?“, fragt der Hauptkommissar den Biker. Er hilft ihm noch auf die Sprünge: „Sie können ja sagen, Sie hätten vergessen, die Schalldämpfer zu schließen …“ Der Biker sagt lieber gar nichts. Stattdessen holt er den zu Kess-Tech-Anlagen mitgelieferten Schlüssel raus und dreht die Anlage zu. Jetzt klingt’s wieder moderat. Nachdem er 50 Euro gezahlt hat, darf er weiter­fahren.

Klare Sache, die Klappen sind offen. Hat der Biker vergessen, die Schalldämpfer zu schließen?
Klare Sache, die Klappen sind offen. Hat der Biker vergessen, die Schalldämpfer zu schließen?

Diese 50 Euro sind gewissermaßen die Grundgebühr für das Fahren mit erloschener Betriebserlaubnis. Damit ist das Bußgeldverfahren eingeleitet – und die Höhe des Bußgeldes kann je nach Beeinträchtigung der Umwelt oder Gefährdung der Verkehrssicherheit aufgestockt werden. Zum Glück des Bikers werden für ihn nur noch Verfahrenskosten von 24 Euro fällig. Die Forderung wird demnächst in seinem Briefkasten landen. Lag es daran, dass die BIKERS NEWS dabei war, oder war es der warme Sonnenschein? Es hätte auch noch viel teurer werden können.
Mit einem manipulierten Schalldämpfer erlischt die Betriebserlaubnis, die Umwelt wird geschädigt, und das kann bis zu 90, im Fall von Lastkraftwagen sogar 180 Euro kosten. Wer richtig Pech hat, der muss zu Fuß weitermarschieren, wenn das Motorrad als Beweismittel eingezogen wird. Das aber nur, wenn ein Foto zur Beweissicherung nicht genügt und wenn der ordnungsgemäße Zustand vor Ort nicht wieder hergestellt werden kann.
Der dann erforderliche Transport des Motorrades kostet 200 Euro und eine echte Geräuschmessung ist nicht unter 600 Euro zu haben. Alles eine Frage der Verhältnismäßigkeit, über die der Beamte vor Ort entscheidet.
Verhältnismäßigkeit! Nachdem die Twin Cam vom Platz fährt, werden die Beamten mit dem nächsten Biker auf eine harte Probe gestellt. Hektischer Funkbetrieb zuerst, denn gleich kommt ein fetter Brocken, den die Männer nun schnell rauswinken. Donnernd rollt ein echter Chopper vor, starrer Wishbone-Rahmen, polternder Early-Shovelhead, Springergabel, Glitzerlack, Weißwandreifen. Interessiert sich da noch jemand für das einsame Penzl-Töpfchen auf der rechten Seite?

Ein langer Blick in den Fahrzeugschein – und dann die große Frage: Ist das eine Harley?
Ein langer Blick in den Fahrzeugschein – und dann die große Frage: Ist das eine Harley?

Klar, ein Beamter lugt mit der Taschenlampe mal ins Rohr. Aber der Hauptkommissar ist lang genug in der Szene unterwegs. Er greift zum Zollstock, misst gleich mal die Breite des Hecks, denn das lehrt ihn seine Erfahrung: Alte Rahmen an diesen Motorrädern befinden sich meistens nicht mehr im Originalzustand. Sie sind „gestretched“, also verbreitert, auseinandergebogen, aufgeschnitten und nachträglich verschweißt, um einen breiteren Reifen aufzunehmen. Alles verboten, mit allem erlischt die Betriebserlaubnis.
Ob das überhaupt noch eine Harley ist? Ein Blick in den Fahrzeugschein und der Hauptkommissar stöhnt auf: Eine TP-Nummer als Rahmennummer und eine eingetragene Erstzulassung als Harley-Davidson, datiert auf den 01.07.1953. Das geht nicht zusammen.

Achsbreite messen: Wurde der Rahmen gestretched?Der Biker will seine Harley nicht in der BIKERS NEWS sehen. Wir halten uns dran
Achsbreite messen: Wurde der Rahmen gestretched?

Auf den ersten Juli eines Jahres datierte Erstzulassungen sind fast immer Schätzungen. Dieses Datum hat das Kraftfahrtbundesamt festlegen lassen, wenn ein genaueres Datum sich nicht mehr ermitteln lässt. Das riecht schon mal verdächtig. TP-Nummern hingegen werden von technischen Prüfstellen für Eigenbauten vergeben. Dieses Motorrad aber kann nicht beides gleichzeitig sein: Ein Eigenbau und eine originale Harley-Davidson. Erst recht darf es dann nicht nach den Zulassungsbestimmungen von 1953 fahren, also ohne Blinker und mit kleinem Kennzeichen. Als Eigenbau unterläge es den Zulassungsbestimmungen des Jahres, in dem es aufgebaut wurde. Der Hauptkommissar wittert eine Fälschung der Fahrzeugpapiere und damit den Straftatbestand der Urkundenfälschung.
Das versucht er nun auch dem Biker zu erklären. So darf das Motorrad nicht mehr weiterfahren. Zur Beweissicherung und zur weiteren Klärung des Sachverhalts muss der Chopper sichergestellt werden.
Ob er das Motorrad stattdessen zu einem späteren Zeitpunkt abliefern dürfe, fragt noch der Biker. „Dann wird das Motorrad nicht mehr so aussehen wie jetzt“, weiß der Polizist es besser. Letzter Versuch des Bikers: „Wenn ich mich der Sicherstellung widersetze?“ Klarer Konter des Polizisten: „Dann wird das Motorrad beschlagnahmt.“

Schlussakkord. Für den Biker heißt es Abschied nehmen von seinem Chopper, die letzte Fahrt führt zur Sicherstellungshalle
Schlussakkord. Für den Biker heißt es Abschied nehmen von seinem Chopper, die letzte Fahrt führt zur Sicherstellungshalle

Da hilft nichts, der Biker muss sich fügen. Immerhin spart er die Transportgebühren durch einen Abschleppdienst. Vor ihm steht ein letzter Abschiedsritt. Er darf sein Bike selbst zu einer Halle fahren, in der es für die nächsten Wochen und Monate zur weiteren Untersuchung sichergestellt bleibt. Dicht hinter dem vorausfahrenden Motorradpolizisten, unter Einhaltung der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit.
25.000 Euro hat er für seinen spektakulären Chopper bezahlt, erklärt er noch, in diesem Zustand und in gutem Glauben gekauft. Es war doch immer sein Traum, sich eine alte Starrrahmen-Harley leisten zu können. Dass sie mit ihrem Schicksal nun auch noch in der BIKERS NEWS abgebildet wird, das schmeckt ihm gar nicht. Wir wiederum wollen es ihm auch nicht weiter verderben, weshalb ihr auf unseren Bildern nur die Umrisse des Bikes erkennen könnt.
Für den Biker ist die Saison gelaufen. Für die Polizei fängt sie gerade an. Aufgabe der polizeilichen Ermittlungsarbeit wird es sein, den Tatbestand der Urkundenfälschung nachzuweisen und denjenigen namhaft zu machen, der dafür den Kopf hinhalten muss. Das können Werkstätten sein, Customizer oder korrupte Prüfingenieure, wer auch immer den Chopper so in den Verkehr gebracht hat.
Teuer? Wir waren eigentlich wegen der Geschwindigkeitsüberschreitungen gekommen. Die Polizisten erzählen deshalb noch von einem Motorradfahrer, der ihnen im letzten Jahr in die Radarfalle geraten war. Mit 245 Sachen war er geblitzt worden. Ab 70 km/h über der zulässigen Höchstgeschwindigkeit ist ein Bußgeld von 600 Euro fällig, dazu kommen eine Verwaltungsgebühr, dazu zwei Punkte in Flensburg, dazu drei Monate Fahrverbot. Im Wiederholungsfall droht sogar eine MPU, also ein Idiotentest.
Aber uns Chopper- und Harley-Fahrer betrifft das ja nicht so richtig. 245 Sachen schaffen wir gar
nicht. Wir wollen doch nur cruisen.

Evo im Starrrahmen
 
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Stand:24 April 2018 16:36:28/motorrad/berichte/seid+gewarnt_173.html