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20.01.2017  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: Volker Rost
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Projekt Frankenstein


Zwei verschiedene Zylinderköpfe auf einem Motor. Geht denn das? Und ist das erlaubt?


Wenn unsere Originalheimer dieses Bike sehen, wird’s gefährlich. Schlagartig lösen sich ihre Hosenträger und deren Verschlüsse schneppern ihnen die Stahlrandbrille aus dem Gesicht.
Aber wir haben das Motorrad ja auf der CUSTOMBIKE-SHOW unter die Lupe genommen, der Messe für umgebaute Motorräder. Und was ist überhaupt noch an einem Motorrad original, wenn es über ein halbes Jahrhundert auf dem Hubzapfen hat?

Vorn ein Panhead-Kopf, hinten ein Shovel-Kopf. Wenn man weiß wie, dann passt das auch
Vorn ein Panhead-Kopf, hinten ein Shovel-Kopf. Wenn man weiß wie, dann passt das auch

Gerry’s Bakery hat aus diesem Umstand eine Tugend gemacht. Und nein, ihr guckt nicht schief. Dieses Bike hat wirklich zwei verschiedene Zylinderköpfe. Vorn ein Panhead-Kopf, hinten ein Shovel-Kopf. Der Rumpf ist ein Delkron-Late-Shovel-Gehäuse. Und beide Köpfe sind sowieso nicht mehr original, sondern originalgetreue Nachfertigungen von STD, mit passendem Lochbild für die Shovelhead-Big-Bore-Stroker-Zylinder. Gerry dazu: „Die Arbeitswege der Kipphebel unterscheiden sich, der Panhead macht seine Ventile etwas weiter auf. Das konnten wir nach technischer Prüfung zu Gunsten des Projekts vernachlässigen. Aber das Tragbild der originalen Panhead-Kipphebel war katastrophal. Die haben wir nachgearbeitet.“

Was ist an einem Motor noch original, wenn er über ein halbes Jahrhundert auf dem Hubzapfen hat?
Das Baker-Getriebe ist ab Werk für eine Fußschaltung ausgelegt. Gerry hat es auf Fußkupplung und Handschaltung mit Jockeyshift umgerüstet

Gerry und Curry hatten sich vor Jahren auf der CUSTOMBIKE-SHOW in Bad Salz­uflen kennengelernt. Damals wünschte Curry sich ein Baker-Getriebe am Stand von Gerry. Gerne, meinte Gerry. Er vertreibt ja diese Baker-Getriebe, denen der Ruf vorauseilt, die Premium-Getriebe in der Harley-Szene zu sein. Und über die Jahre wurde aus dem Getriebe­umbau schließlich ein Komplettumbau.
„Baker Drivetrain“ ist der Erfinder der Sechsganggetriebe für Harleys. In Currys Harley steckt nun ein „Sechs in Vier“, also ein Sechsganggetriebe für Viergang-Harleys zusammen mit einem Baker- „Tin Type Primary“-Primärantrieb. Beim 6-in-4-Getriebe ist der sechste Gang ein Overdrive, der die Drehzahl um 500 Umdrehungen pro Minute reduziert. Der fünfte Gang gleicht wiederum dem vierten des alten Getriebes. Die Gänge darunter sind mithin feiner abgestuft.
Der Baker-Tin-Type-Primary ist ein aus dem Vollen gefräster Primärkasten im Stil der frühen Blechprimärkästen. Öldicht, stabil und an Currys Bike sogar mit Anlasseraufnahme ausgestattet. Der Bolide kann also auch per E-Starter zum Leben erweckt werden.

Projekt Frankenstein
Trommelbremse vorn und hinten. Wenn’s läuft, dann läuft’s

Baker-Produkte sind made in USA! Selbst die Zahnräder werden in Michigan gefräst. Das, so erklärt Gerry, seien eben keine Fernost-Produkte. Wegen der hochwertigeren Materialien und der aufwendig bearbeiteten Bauteile seien die Teile auch so „arschteuer“. Je nach Getriebetyp geht es ab 3.000 Euro los. Die Reaktion der Kumpel auf die in den Stammtisch hineingenuschelte Bemerkung, ein Baker-Getriebe zu haben, ist in Geld nicht aufzurechnen. Diesen „Baker-Effekt“ kann man übrigens für alle Harley-Baureihen vom Knuckle bis zum Twin Cam erzielen.
Ob die Kumpel es dann noch verstehen, wenn von zwei verschiedenen Zylinderköpfen die Rede ist? Ob das überhaupt geht? „Logo!“, dürften Gerry und Curry kontern. Schließlich läuft der auf den Namen „Frankenstein“ getaufte Motor wie ein Uhrwerk und hat in dieser Konfiguration schon Tausende von Kilometern abgespult. Curry hat damit im vergangenen Sommer sogar auf eigener Achse das Wheels and Waves in Biarritz an der Atlantikküste erreicht.
Szenegesprächsstoff gibt’s immer ausreichend an Currys Bude „Curry 54“ in Bad Salzuflen. Dort reicht er Burger und Currywurst mit Pommes. Das geht nämlich auch zusammen. Wie zwei verschiedene Zylinderköpfe.
 

TECHNISCHE DATEN „Projekt Frankenstein“

Motor

Typ: Hybrid
Hubraum: 1600 ccm
Kurbelgehäuse: Delkron Late Shovel
Zylinderköpfe: STD, vorn Panhead, hinten Shovelhead
Vergaser: S&S Super G
Primärgehäuse: Baker Tin Type
Getriebe: Baker 6-in-4

Fahrwerk
Rahmen: Wishbone, Bj. 1955
Gabel: Springer
Gabelbrücke: Forky
Bremse: vo. Trommel, hi.Trommel, hydraulisch
Rad: vo. 2,5 x 21“, hi. 4,5 x 16“
Reifen: vo. 3,00 x 21, hi. 5,00 x 16

Sonstiges
Lenker: V Team, Mini Ape
Tank: NSU, modifiziert

Kontakt
Gerry’s Bakery
Utermöhlestraße 5
31135 Hildesheim
Tel. 05121–7039020
www.bakergetriebe.de

Curry 54
Hauptstraße 45
32107 Bad Salzuflen
Tel. 0176–87003939
www.curry54.de

Text: Michael Ahlsdorf
Bilder: Volker Rost

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Stand:22 January 2018 03:44:45/motorrad/bike-portraets/projekt+frankenstein_171.html