Roadmaster

24.02.2017  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: AFE Walczak
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Roadmaster
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Die Indian Roadmaster trägt ihren Namen nicht umsonst. Um die Straße mit ihr zu meistern, solltet ihr beim Kauf aber ein paar Pferdchen mehr ordern
Zündung an. Das ist ein Knopf oben auf dem Tank. Die Indian Roadmaster startet keyless, also mit Funksignal im Zündschlüssel, der nur in unserer Tasche stecken muss. Und schon hat ein Kollege uns einen Streich gespielt. Wolfgang Petry scheppert nervtötend aus den vier Lautsprechern: „Hölle, Hölle, Hölle!“ Wie aber kriegt man das Radio wieder aus? Welches Menü muss dafür geöffnet werden? Zum Glück steht ein anderer Kollege auf dem Hof. Dreißig Jahre jünger, ein Digital Native. Der gibt uns den freundlichen Tipp, per Tastendruck am Lenker einfach die Lautstärke auf Anschlag runterzuregeln: Drei, zwei, eins, … null. Es klappt, das Display in der Frontverkleidung verkündet „Radio off“.

Kommandozentrale mit Keyless Go. Ein Zündschlüssel muss nirgendwo reingesteckt werden, läuft alles per Funk. Nur die  Radio-aus-Taste finden wir nicht

Uff. Wir wollen dem jungen Kollegen erklären, dass das früher bei diesen Blaupunkt-Radios mit den zwei Drehknöpfen auch so funktioniert hat. Im Prinzip. Aber der buckelt schon wieder über seinem Handy und will das gar nicht hören.

Die Roadmaster hat alles

Diese Indian Roadmaster hat alles: Tempomat, Heizgriffe, Radio, ab dem Modelljahr 2017 auch einen Touchscreen. Und eine Zentralverriegelung. Ja, eine Zentralverriegelung für alle drei Koffer, jeder versehen mit einem eigenen Elektromotor. Die funktioniert auch per Tastendruck auf dem Funkschlüssel, klack, klack, klack. Nicht schlecht, wenn man an der Raststätte kurz mal pinkeln muss. Aber mit alledem wiegt der Koloss auch was: 408 Kilo, vollgetankt 430 Kilo, vollgepackt noch mehr.
Startknopf drücken, Gang rein, Kupplung kommen lassen. Vibrationen? Kaum, der große Twin hat eine Ausgleichswelle. So setzt das Schiff sich ohne spürbare Vibrationen in Bewegung. Ab jetzt geht’s nur noch nach vorn. In die Verlegenheit, das Trumm rückwärts zu schieben, sollte man nicht kommen. Und ist es ein Zufall, dass der Sound der Roadmaster in unteren Drehzahlen dem eines Schiffsdiesels gleicht?

Das Bike kann Kurven

Der Respekt vor einer halben Tonne schwindet nie ganz, aber auch dieses Bike kann Kurven. Oberkörper nach vorn neigen und reindrücken. Es rollt sich wie auf Gusseisen. Das Fahrwerk ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Auch Kurven nimmt die Roadmaster behäbig, aber mit Eleganz. Sie ist sogar autobahntauglich, der Highway ist sowieso ihr Element. Selbst über die amerikanischen 60 Meilen hinaus macht sie keine Zicken. 130, 140, 150 Stundenkilometer? Kein Problem, kein Schwänzeln, trotz des gewaltigen Topcases.

Roadmaster

Nur bei knapp über 160 Stundenkilometern ist Schluss. Mehr geben die mageren 75 Pferdchen in der serienmäßigen Europa-Version nicht her. Das ist davor aber kaum spürbar, denn bis dahin packt die Indian einfach mit ihrem gewaltigen Drehmoment zu. Fürs Verkaufsgespräch beim Dealer würden wir aber empfehlen, ein stärkeres Mapping zu fordern, die Roadmaster gibt’s dann nämlich auch mit 85 PS.

Koffer mit Show-Effekt

Eine Tücke des Fahrwerks offenbart sich uns während der 1500 Kilometer im Pack mit den Bandidos, auf dem Weg zum National Run nach Spanien: Dicht in den Verwirbelungen des Vordermanns und dann auch noch mit einem Nebenmann auf der gleichen Spur induziert allzu verkrampftes Fahren lästige Schwingungen. Den Nebenmann nötigen die sogar zu weiterem Abstand.
Dieses Phänomen taucht aber nur mit vollbeladenen Koffern und einem untergewichtigen Fahrer auf. Die Gegenprobe: Ein dicker Fahrer, der darüber nicht klagte. Nun darf man so dicht an anderen Verkehrsteilnehmern im regulären Straßenverkehr ja sowieso nicht fahren. Aber seit wann fragen Rocker, ob man etwas darf?

Sagenhaft: Die Handschuhfächer fassen mehr als Handschuhe, fast fünf Liter pro Fach! Auch die Koffer sind üppig dimensioniert, jeder hat einen eigenen Elektromotor für die Zentralverriegelung

Umso beeindruckender die Show, wenn wir unzählige Gepäckstücke aus den Koffern zaubern können. Das wiederum verurteilt die Bandidos zum Schweigen. Dabei haben sie noch nicht mal den Laptop und die Fotoausrüstung ganz unten gesehen.

Noch ein paar Kilometer mehr

Und dann diese gewaltigen Handschuhfächer in den Knieverkleidungen! Jede Prozedur an den Mautstellen auf Frankreichs Autobahnen verpflichtet uns zur Dankbarkeit: Wohin mit Geldbörse, Handschuhen und Ticket an den Automaten? Einfach rein ins Fach! Zwischen die Zähne müssen das nur die anderen stecken.

Die Scheibe ist elektrisch verstellbar. Hinter ihr lässt es sich auch bei hochgeklapptem Visier ohne Unterdruckeffekte fahren

Das hätten wir übrigens auch machen können, mit hochgeklapptem Visier und sogar bis zum nächsten Tankstopp. Hinter der elektrisch verstellbaren Scheibe ist es nämlich möglich, auch das Visier eines Klapphelms ohne die sonst üblichen Unterdruckeffekte offen zu tragen.
Die Indian Roadmaster trägt ihren Namen nicht umsonst. Sie ist ein Meister der Straße. Die 1500 Kilometer von Mannheim nach Barcelona bewältigt sie lässig. Für die kommende Saison hat die Roadmaster sogar ein neues Display mit Touchscreen, Bluetooth und jetzt auch mit Navi. Wie man damit das Radio auskriegt, wissen wir nicht.     «
 

TECHNISCHE DATEN

Indian Roadmaster

Motor
Typ: Thunder Stroke 111
Hubraum: 1811 ccm
Bohrung x Hub: 101 x 113 mm
Verdichtung: 9,5:1
Leistung: 75 PS bei 5075 U/min optional 85 PS bei 4500 U/min
Drehmoment: 138,9 Nm bei 2600 U/min
Vmax: 165 km/h mit 75 PS 195 km/h mit 85 PS
Primärantrieb: Zahnräder
Sekundärantrieb: Riemen
Kupplung: Mehrscheiben-Nasskupplung
Getriebe: 6 Gänge
Auspuffanlage: geteilter Doppelauspuff mit Flammrohrbrücke

Fahrwerk
Gabel: Tele 46 mm, Federweg 119 mm
Schwinge: Federbein, Federweg 114 mm
Bremsen: vo. zwei Vierkolben, ABS hi. eine Zweikolben, ABS
Reifen: vo. Dunlop Elite 3, 130/90B16 73H hi. Dunlop Elite 3, 180/60R16 80H
Räder: vo. 16“ x 3,5“ , hi. 16“ x 5“

Sonstiges
Leergewicht: 408 kg
zulässiges Gesamtgewicht: 630 kg
Tank: 20,8 Liter
Testverbrauch: 6-8 l auf 100 km
Stauraum: Satteltaschen 65,1 l
Topcase: 64,4 l
Handschuhfach untere Verkleidung: 9,0 l
Preis 2016: ab 29.400
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