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18.06.2017  |  Text: Hans-Jürgen Fischer  |   Bilder: Hans-Jürgen Fischer
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AWOs in Schleiz

History,


Vor 30 Jahren fand das größte AWO-Treffen in der DDR statt. 700 Viertakt-Freaks ballerten 1987 über das Schleizer Dreieck …


… Uwe Kattner war einer der Gründer des AWO-Clubs im sächsischen Limbach-Oberfrohna. Er erinnert sich an die Zeiten der ersten Rocker im Osten und an das, woran man sie erkennen konnte: „Die Eisenbahnermützen waren cool und in der Viertaktszene angesagt. Wir haben diese Dinger geliebt.“ Er meint die Lederschirmmützen der Reichsbahn. Ost-Rocker schmückten sie mit Nieten und Ketten. Lederhose, Ledermantel, Jeansweste und Eisenbahnermütze – so also sahen AWO-Rocker aus.
25 Mitglieder zählte Kattners Vereinigung. Nach ersten gemeinsamen Ausfahrten erregte seine Viertakt-Clique die Aufmerksamkeit der Staatsmacht. Die Polizei schaute regelmäßig vorbei, etwas später wurden die Biker reihenweise zum Wehrdienst einberufen. Die AWO-Fahrer der Achtzigerjahre passten nicht ins Weltbild des real existierenden Sozialismus. Sie galten als aufmüpfig und ihr Erscheinungsbild rief unter den Funktionären großes Misstrauen hervor. Besonders, wenn sie hundertfach auftraten, wie eines Tages am Schleizer Dreieck.

Die ersten Treffen

Kattner erzählt, dass die ersten Treffen der AWO-Bewegung zu Beginn der Achtzigerjahre noch überschaubar waren. Sie liefen in Gera, Dresden, Rostock oder in Brieselang. Darüber hinaus zog es die Viertaktfreaks aber an den Teterower Bergring und ans Schleizer Dreieck.
Die Anziehungskraft der Thüringer Rennstrecke von Schleiz hatte einen speziellen Grund. Die Motorsportmacher am Dreieck probten bereits den gelegentlichen Aufstand. 1986 fanden im Rahmen des traditionellen Frühjahrstrainings der ostdeutschen Straßenrennfahrer die ersten AWO-Fahrer in größerer Zahl zueinander. Am Rande des Trainings erfolgte ein Treffen für historische Rennfahrzeuge. Dieses von der Polizei streng überwachte und von der Stasi penibel protokollierte Ereignis lockte Tausende Zuschauer an. Es gilt als Geburtsstunde des historischen Rennsportes in der DDR, vor allem aber mit etwa 600 Teilnehmern als erstes großes AWO-Treffen.
1987 wurden die Zahlen des letzten Jahres nochmals überboten. Die Bikerszene im deutschen Osten setzte neue Maßstäbe. Schleiz konnte das größte AWO-Treffen für sich verbuchen. Es war eine gefährliche Gratwanderung. Den Verantwortlichen des Motorsport-Staatsverbandes in Berlin schienen die Schleizer Pläne überaus suspekt. Die Genehmigung für 1986 hatten sie schon verweigert. Nur der Schleizer Rennleiter sah das anders. Er nahm die Sache auf seine Kappe, ging auf Konfrontationskurs und leitete eine Entwicklung ein, der sich die Verbandsführung in den nachfolgenden Jahren nicht mehr verschließen konnte.

Revolte im Osten

Immer mehr Motorsportvereine revoltierten gegen die Motorsportpolitik der SED und forderten die Rücknahme eines Beschlusses von 1972, der im Anschluss an den Sieg des westdeutschen Dieter Braun im WM-Rennen der Viertelliterklasse auf dem Sachsenring gefasst worden war. Das ostdeutsche Publikum hatte damals die westdeutsche Nationalhymne gesungen, weshalb die Strecken-Lautsprecher abgeschaltet werden mussten. Seitdem durften keine Motorsportler aus den nichtsozialistischen Ländern in der DDR starten. Den Rennfahrern aus dem deutschen Osten wiederum wurde die Teilnahme an Prädikatsveranstaltungen des Motorradsport-Weltverbandes FIM im westlichen Ausland verboten. Damit war der DDR-Motorsport vom internationalen Renngeschehen abgeschnitten.
Um das Deutschlandlied weiter auf Rennsportveranstaltungen zu singen, pilgerten die Motorsportfans der DDR fortan ins tschechische Brünn. Unter ihnen immer zahllose AWO-Fahrer. Diese gaben dann später dem Treffen in Schleiz seinen Stellenwert. Im Jahr 1987 verbuchten die Veranstalter dort rund 20 000 Zuschauer. Über 700 AWO-Fahrer fuhren im Korso über den einzigartigen Dreieckskurs. Sie kamen aus der ganzen DDR. Sogar AWO-Freunde von der Insel Rügen fanden den Weg nach Thüringen – und das auf den betagten Viertaktern der Fünfzigerjahre.

Eine vergessene Kultur

Die Maschinen wurden im Osten offiziell kaum mehr wahrgenommen. Dietmar Uhlig, Chef des Suhler Fahrzeugmuseums, bemühte sich in der Nachwendezeit um die Pflege der AWO-Traditionen. Er erklärte später, dass in der DDR einzig das Museum auf der Augustusburg bei Zschopau die legendäre Technik zeigte. Selbst im Simson-Werk stand nur noch eine einzige Touren-AWO. Erst die ostdeutschen Rocker brachten dieses Motorrad wieder ins öffentliche Bewusstsein – wenn auch umgebaut, mit selbstgeschweißten Tanks, selbstgezogenen Lenkern und über die Zonengrenze geschmuggelten Sattelbezügen aus dem Westen.    «

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German MC Cup
Das traditionelle AWO-Rennen ist stets Höhepunkt des friedlichen Wettstreits der ostdeutschen MCs im „German MC Cup“. Den zweiten Lauf dieses Rennens trägt der Dark Forces MC am 19. August auf dem Harzring bei Aschersleben aus.
19. August: German MC Cup, zweiter Lauf, Harzring bei Aschersleben, www.german-mc-cup.de

 

Text: Hans-Jürgen Fischer
Bilder: Hans-Jürgen Fischer

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