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06.01.2017  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: AFE Walczak/Ahlsdorf  

IM PACK

Clubleben, Bandidos MC


Vier Tage Leben auf dem Asphalt. Wir sind mit den Bandidos zum National Run nach Spanien gefahren …


Bandidos National RunWarum kriege ich immer die linke Spur? Das ist kein Spaß auf diesen französischen Autobahnen: Drei Meter vor mir ein Biker, einen Meter rechts von mir ein anderer – und einen halben Meter links neben mir die Trennwand aus Beton. An jedem Tankstopp erzählen mir meine Hintermänner, wie meine Indian Roadmaster schlingern würde, ab 120 Sachen, vor allem wenn die Autobahn sich krümmt. Und wir fahren immer über 120, vor allem im hinteren Abschnitt, denn dort müssen wir ständig aufschließen.
Dann erkläre ich meinen Hintermännern, dass ich unter diesen Bedingungen ziemlich verkrampft fahre, was die Schwingungen induziert. Ich wiege ja keine 70 Kilo, aber Koffer und Topcase sind schwer beladen, nicht nur mit persönlichem Gepäck, sondern auch noch mit Laptop und Fotoausrüstung. Da hat die Indian natürlich nicht viel Gewicht auf dem Vorderrad. Vielleicht sollte ich beim nächsten Mal noch Bleigewichte in die Fächer hinter den Beinschilden legen.

Der Road Captain bedient das Navi. Auch das will gekonnt seinDer Job des Road Captains
Wir sind auf dem National Run des Bandidos MC. Das ist die jährliche Pflichtfahrt für alle europäischen Bandidos. Pflichtfahrt heißt: Jeder hat mit dem Bike zu kommen, Ausreden gibt’s nicht, höchstens Krankschreibungen. Ausnahmen gelten nur für die ukrainischen Brüder. Wer schon mal bei ihnen war und die dortigen Straßen kennt, der lässt das auch gelten.
Der National Run führt diesmal an die spanische Costa Brava. Vor der Grenze zu Luxemburg habe ich mich mit den Bandidos des Chapters Unna getroffen, das schon 300 Kilometer hinter sich hat. Hinter mir liegen 200 Kilometer von Mannheim. Mit der IndianDie Prospects betanken die Bikes aller Member. So muss nur einmal gezahlt werden
Roadmaster kein Problem, entspannt mit 160 Sachen. Aber da war ich auch noch allein gefahren, nicht in den Verwirbelungen eines Packs vor mir.
Das „Pack“, das ist in diesem Fall die dicht geschlossene Formation der Rocker, angeführt von President und Road Captain. Der Road Captain ist zuständig für das Leben auf dem Asphalt, er achtet auf den technischen Zustand der Bikes, organisiert die Fahrt und führt das Pack in vorderster Position. Er fährt vorne rechts, dicht hinter dem Presidenten. Sein wichtigstes Gerät ist nun das an den Lenker geschnallte Navi.
Aber auch mit Navi ist der Job des Road Captains eine ziemlich undankbare Aufgabe. Chris hat sie für diese Fahrt auf sich genommen. Wenn er sich irrt – oder auch sein Navi –,Der Road Captain ist zuständig für das Leben auf dem Asphalt, er achtet auf den technischen Zustand der Bikes, organisiert die Fahrt und führt das Pack in vorderster Position
dann fahren ein paar Dutzend Rocker in die falsche Richtung. Und das passiert schneller als gedacht: Kurz vor der Stadt Luxemburg verlässt das Pack auf einmal die Umgehungsstraße. Ich atme auf, für ein paar Sekunden löst sich die Formation und ich kann die verkrampften Hände vom Lenker nehmen. Dann aber windet das Pack sich durch die City, Fußgänger winken freudig oder halten sich wütend die Ohren zu. In jedem Fall bleiben sie stehen.
Uns darf das nicht passieren. Wenn die Ampel mittendrin rot wird, müssen wir Vollgas geben und schauen, dass wir noch irgendwie über die Kreuzung kommen. Und ebenso plötzlich sind wir im Stau zum Schritttempo verdammt. Stadtrundfahrt. Das kostet locker eine halbe Stunde. Kostet es auch den Kopf des Road Captains?
Die anderen kennen es schon. Später schmunzeln alle und einer meint beiläufig, das wäre im letzten Jahr auch schon passiert. Kein weiteres Wort, jeder kann mal irren. Was in unseren Stammtischrunden Freibier für alle kostet, wird hier hingenommen, weil sonst ja niemand den Job des Road Captains freiwillig machen würde.

BIKERS NEWS muss schon wieder anders sein. Wir mogeln uns mit einer Indian unter die Harleys der BandidosIm Wirbel des Packs
Irgendwann ist jede Stadt durchfahren. Wir rollen wieder über die Autobahn, dicht an dicht, nebeneinander und immer im Wirbel des Vordermannes. Wer genau hinschaut, wird sehen, dass die Paare nicht wirklich nebeneinander fahren. Der linke Mann fährt vielleicht einen halben Meter weiter vorn, damit die beiden ihre Formation schnell in ein Nacheinander auflösen können, wenn es plötzlich mal eng wird.
Mein Vordermann ist übrigens eine Lady: Nicole, die Frau von Jürgen, dem Presidenten des Chapters Unna. Eine Frau unter Rockern? Wenn sie sich an die Fahrordnung hält, dann geht das. Vorn fahren natürlich Road Captain und President. Den beiden folgen dicht geschlossen weitere Offiziere, dann die Member, schließlich Prospects, Supporter und ausnahmsweise eine Frau.
„Dicht“ heißt drei, höchstens fünf Meter. Ein fremder Autofahrer darf gar nicht erst auf die Idee kommen, in diese Formation einzubrechen. Sollte das doch mal passieren, dann patrouillieren immer noch ein paar einzelne Member außerhalb dieser Formation auf den Nebenspuren, um solche Autofahrer mit vieldeutigen Gesten wieder aus der Formation herauszubitten. Im Sommerloch, wenn die bürgerlichen Medien sonst nichts haben, genügt das immer für eine Schlagzeile: Rocker nötigen andere Verkehrsteilnehmer!Zwischenstation in einem französischen Motel. Noch ist Ahlsdorf gut drauf, das Malheur mit der Wegfahrsperre folgte erst am nächsten Tag
Aber der französische SUV-Fahrer, der sich da bei 140 Sachen einen halben Meter vor mir hereindrängt, nötigt gerade mich. Alles geht so schnell, dass ich die Hupe nicht finde und nur noch bremsen kann – zum Glück reagieren auch die Member hinter mir schnell genug. An der nächsten Tankstelle kursiert die Story von der Billardkugel, die man solchen Gewalttätern im Vorüberfahren auf die Frontscheibe werfen muss. Hat natürlich keiner gemacht, wir kommen einfach nur mit dem Schrecken davon.
In Deutschland wäre dieser SUV-Fahrer ein Mann gewesen, der 50 Jahre CDU gewählt hat. Solche Typen glauben immer, damit das Recht für alle weiteren Lebenslagen gepachtet zu haben. Was er anrichtet, wenn er in unsere Formation einbricht, ist ihm wohl egal, denn es hätte ja nur ein paar von diesen Rockern getroffen. Die meisten Franzosen sind uns allerdings freundlich gesinnt, ihre Kinder winken, ihre Beifahrer filmen uns mit ihren Handys, bis unsere Member auch sie von der Nebenspur vertreiben. Das alles dient der Sicherheit unserer Formation.

 Ahlsdorfs Reisebetreuung: Member des Bandidos MC UnnaDas Schlusslicht des Packs
Das Pack hat übrigens auch ein Ende. Da sind zunächst die Prospects, die Supporter und die Frauen. Unter ihnen diesmal auch ich. Vor mir Nicole, die Frau des Presidenten, rechts daneben der junge Nils vom Chicanos MC Unna, rechts neben mir Thomas, Prospect des Bandidos MC Unna.
Thomas war schon mal Member, dann kamen gesundheitliche Probleme dazwischen, es folgten ein paar Jahre Auszeit, jetzt beginnt
er seine Laufbahn von Neuem: „Ich habe schon immer Farben getragen, ich kann gar nicht anders.“ So hält er sich nun wieder zurück, drängt sich nur an den Raststätten nach vorn, wenn es darum geht, den Verpflegungswagen auszuladen, der gelegentlich auch mal da ist, wenn das Pack vor der nächs-ten Tankstelle einrollt.
Wir bilden also nicht das Schlusslicht des Packs, denn hinter uns fahren diese Versorgungsfahrzeuge – und vor denen auch noch in breiter Spur weitere Prospects und Member. Das sind die „Blocker“. Sie verhindern, dass Autofahrer von hinten überholen. In anderen Clubs nennt man sie auch „Antreiber“. Sie sind es, die unsere Nebenspuren freihalten. Und wenn sie mich dabei ertappen, wie ich gerade um zwei Meter zurückgefallen bin, drehen sie ihren Motor lautstark auf oder brüllen ebenso lautstark von der Seite: „Hey!“ Wie ein Unteroffizier beim Bund, laut genug, um damit den Fahrtwind von 140 Sachen zu übertönen. Dann schließe ich eilig wieder auf.
Und alle 150 Kilometer brechen plötzlich zwei Prospects aus dieser hintersten Reihe heraus und überholen mit Vollgas das ganze Pack. Dann wissen wir, dass die nächste Tankstelle unsere ist, denn diese beiden Prospects sichern bereits die Zapfsäulen, um die Member aus einem Rüssel zu betanken. Bezahlt wird für alle. Geht schneller, als wenn jeder Member einzeln abrechnen müsste.

Versorgungspause am Trailer. Später werden liegengebliebene Harleys darauf verladenEin Crash vor Montpellier
Nach dem Tanken sammeln sich alle vor der Raststätte. Pinkelpause kurz vor Montpellier, auf den französischen Raststätten kostet das ja nichts. Eine rauchen, schnell noch einen Hot Dog, dann noch mal schnell eine rauchen.
Plötzlich erklingt ein trockenes Kratzen. Ein Renter hat versucht, sich gegen die Fahrtrichtung zwischen den Harleys hindurchzuschlängeln. Das ging schief. Mit der Frontpartie seines Autos hat er die Highway-Pegs von Chris mitgenommen. Schief hängt seine Fußraste nun am Sturzbügel. „300 Euro kassieren und weiterfahren“, ruft noch einer seiner Brüder im Spaß. Das arme Rentnerlein aber zittert. Was wird ihm unter diesen hünenhaften Rockern widerfahren?Ein Rentner hat die Highway-Pegs von Chris mitgenommen. Der Prospect kann die Fussraste wieder richten ...
Chris schaut sich die Lage an: Die Fußraste wird ein Prospect ihm wieder geradebiegen. Der Rentner aber hat locker einen Schaden von 1000 Euro an seinem Wagen zu verbuchen. „Weiterfahren“, sagt Chris zu ihm. Er meint es zumindest, denn der Rentner ist Italiener und irgendwie können die beiden sich auf Englisch und mit Handzeichen einigen.

Start mit Verzögerung
Auch für uns geht es weiter. Wer auch immer sich eben noch eine dritte Zigarette anzündet, hat geloost. Schnell, schnell! Plötzlich tragen alle wieder ihre Helme. Die nassgeschwitzten Handschuhe lassen sich kaum mehr überziehen, da brüllen schon fünfzig Harleys über den Platz, alle gemeinsam in einem donnernden Inferno.
Nur meine Indian tut nichts. „Keyless Go“, Starten ohne Zündschlüssel. Die Freigabe erfolgt mit dem Funksignal eines Schlüssels, den ich nur am Körper tragen muss. Das aber funktioniert nicht immer. Erst zum Ende der Fahrt werde ich merken, dass alles davon abhängt, wo ich den Schlüssel trage. Steckt er in meiner Jacke, funktioniert alles. Steckt er in meiner Hose, ist das Starten Glücksache. Wie jetzt.
Dumm gelaufen. Die Harley von Nils muss verladen werdenDer Motor läuft, wenn auch wegen seiner Ausgleichswellen kaum zu spüren und im Radau der anderen Bikes kann ich ihn sowieso nicht hören. Aber der Drehzahlmesser zuckt. Und darüber leuchtet das Warnsignal auf. Dem folgt ein lautes Hupen in immer kürzeren Abständen. Zündung aus, nochmal Starten. Jetzt geht gar nichts. Wieder Zündung aus. Die anderen sind längst wieder auf der Bahn. Nur zwei Blocker stehen noch neben mir. „Das ist die Wegfahrsperre“, ruft der eine. Klar, das denke ich mir auch.
Nochmal Zündung aus, wieder an, Startknopf drücken. Jetzt aber! Endlich läuft die Maschine, die Hupe bleibt stumm. Gang rein, Kupplung kommen lassen, Gas geben. Tempo, Tempo, ein Blocker hinter mir, einer vor mir. So eskortieren sie mich durch den Rückstau, den das vorausfahrende Pack gebildet hat.
Von wegen Stau. Die Autos fahren natürlich alle. Und wir brettern mit 160 Sachen zwischen ihnen hindurch, jede Lücke nutzend, manchmal auch den rechten Seitenstreifen. Wenn wir nur schnell Anschluss finden! Irgendwo da vorn bei Narbonne zweigt die Autobahn ab. Wenn wir vorher nicht zu unserem Pack gefunden haben, sind wir verloren. Und ich bin schuld.
Ewig dauert die wilde Jagd unter 31 Grad über dem Asphalt. Die Indian Roadmaster hat ein Außenthermometer und das ist unbestechlich. Schweißgebadet unter meiner Tourenjacke sehen wir irgendwann die schwarzen Ameisen da hinten am Ende der Bahn. Langsam färbt sich ihr Schwarz zum Red and Gold ihrer Rückenabzeichen. Das sind meine Bandidos!
Die ersten kann ich auch noch überholen. Und wie von Zauberhand öffnet sich neben Thomas und hinter Nicole die Lücke, in die ich hineingehöre. Das Pack ist ein wundersamer Organismus, der sich innerhalb von ein paar hundert Metern immer wieder von selbst formiert. Nicole, Thomas und Nils, wir sind miteinander vertraut, nun, nach bald 1000 Kilometern. Auch ohne Worte. Selbst nach dem Ritt bilden wir eine eigene Gemeinschaft, nicken uns zu, helfen uns beim Packen – als würden wir uns schon ewig kennen.

Nicole, die Frau des PresidentenDer Schrecken der Mautstation
Müssen wir da noch ein Wort über die Mautstationen der französischen Autobahnen verlieren? Der Tipp hat schon vorher die Runde gemacht: Niemals ein modernes Motorrad mit „Keyless Go“ an diesen Mautstationen ausgehen lassen. Die Stationen senden nämlich starke Funksignale und die können das Startsystem eines modernen Bikes schon mal außer Gefecht setzen. Vor zwei Jahren war das vorgekommen. Ein Bandido musste seine Harley unter sengender Sonne 200 Meter weit schieben. Erst dann befand sie sich außerhalb der Reichweite der Mautsender und sprang wieder an. Um Gottes willen, wenn mir das mit der Indian passiert ...
Zum Glück passiert es nicht, ich passiere jede Mautstation ohne die Indian abzuwürgen. Nervensache. Die Blocker und Antreiber hatten mich nach der Verfolgungsjagd noch ins Gebet genommen: Darauf hätten sie nicht noch einmal Lust. Ich auch nicht – und so freue ich mich immer wieder auf meinen Platz hinter Nicole, neben Thomas, natürlich in der linken Spur.

Prospect Thomas, immer da, wenn er gebraucht wirdDiesel im Tank
Tausende von Kilometern schweißen zusammen. So werden Rocker zu Brüdern, sogar für ihre Supporter. Für den unfreiwilligen Höhepunkt in der Dramaturgie des Ritts hat der junge Chicano Nils gesorgt. Immer wieder war er zurückgefallen. Auch er war zu leicht für sein Motorrad, im Pack schaukelte seine Sportster sich auf. Er musste zurückbleiben, rollte irgendwann nach den anderen auf den Tankstellen ein.
In der Eile des Nachjagens passierte ihm zum ersten Mal, was jedem schon mal passiert ist, auch wenn keiner drüber redet: Nils langte zum falschen Zapfhahn. Da hatte seine Sportster den Tank bis zum Kragen voll mit Diesel. Er merkte es zum Glück beim Einhängen. Endlich durfte der Service-Wagen zum Einsatz kommen. Auf den musste Nils nur warten, um seine Harley auf den Hänger zu wuchten.
Der Lohn nach 1200 Kilometern: kühles Bier und ein Pool in einem spanischen HotelAuf der Bank des Service-Wagens folgt Nils uns nach. Jetzt wartet die kleine Schrauberei auf ihn: Tank leeren, reinigen, nachbefüllen. Dazu ein schnelles Bier.
Seine Brüder vom Chicanos MC Unna haben das Bier schon kaltgestellt, um damit die Bandidos zu empfangen, die sich den Staub aus der Kehle spülen wollen. Den Staub der französischen Landstraße und der linken Autobahnspur. Bis wir nach dem National Run die Gepäckrollen wieder für den Rückweg verzurren. Unterm Strich zweimal 1500 Kilometer. Zwei Tage hin, zwei Tage zurück. Vier Tage Vollgas im Leben auf dem Asphalt.
Infokasten

Text: Michael Ahlsdorf
Bilder: AFE Walczak/Ahlsdorf

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Stand:19 January 2017 11:44:03/motorrad/reisen/im+pack_1612.html