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03.03.2017  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: Hintsteiner/Picwish Fotodesign
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Lightweight Bike


Carbon ist ein eigenwilliger, teurer Stoff und findet fast nur im Rennsport Verwendung – doch auch einer Harley steht er gut …


,Foto: Picwish Fotodesign … Carbon ist sagenhaft leicht und sagenhaft stabil. Jedenfalls in zwei Dimensionen. Es wird euch nicht gelingen, eine dünne Carbon-Platte mit bloßer Hand auseinanderzureißen, es sei denn, ihr verbiegt sie. Dann wird sie sofort knicken.
Das liegt am Grundstoff und seiner Verarbeitung: Carbon besteht aus dünnsten Kohlefasern, gebündelt sind sie ungeheuer reißfest. Diese Fasern werden zu Matten gewebt und in Kunstharz getränkt. Dann lassen sie sich sogar formen. In Vakuumbeuteln verpackt werden diese Formen in einem sogenannten „Autoklaven“ erhitzt und unter Druck gesetzt. Dort härten sie zum endgültigen Werkstück aus, an dem nur noch die ausgefransten Ränder nachbearbeitet werden müssen.
Die Stabilität von Carbon hat zwar typische Einschränkungen, aber wegen seines geringen Gewichts ist es für den Leichtbau von Fahrzeug-Karosserieteilen hervorragend geeignet. Weil es teuer ist, findet es nahezu ausschließlich im Rennsport Verwendung und auch sonst nur an Fahrzeugen, für die es sich wirklich lohnt. Eine schwergewichtige Harley ist deshalb als Basis für ein Carbon-Customizing nicht unbedingt geeignet.

Carbon Fibre Reinforced“ (CFR): Das für die Fertigung von Carbonteilen benötigte Ausgangsmaterial besteht aus 1000 bis 24000 einzelnen, 5 bis 9 Mikrometer starken Kohlenstofffasern. Sie werden zu den charakteristischen Carbon-Matten verflochtenAber wer eine Harley hat, der hat auch das Geld für teures Customizing – und zeigt das auch gerne. Oder er hat andere gewichtige Gründe, ein Custom-Projekt in Angriff zu nehmen. Der österreichische Leichtbau-Pionier Hintsteiner wollte damit zum Beispiel sein 35-jähriges Jubiläum feiern. In Zusammenarbeit mit dem österreichischen Customizer Green County Motorcycles entstand so aus einer serienmäßigen Dyna Low Rider ein ungewöhnliches Carbon-Projekt.
Das Grundmaterial für „Sheet Molding Compound“ (SMC-Carbon) sind zwei bis drei Zentimeter kurze Fasern …Green County Motorcycles legte natürlich noch in vielerlei anderer Hinsicht Hand an: Airride von Thunderbike, Breitreifenumbau von Lottermann, eine Gabelbrücke von Accutronix – die üblichen geldwerten Komponenten, mit denen ihr am Stammtisch den Dicken machen könnt. In zweierlei Hinsicht: Dicke Schwingen und breite Reifen kosten nicht nur was, sie wiegen auch was. Umso hintersinniger war es, die Gewichtszunahme mit einem Carbon-Monocoque für Tank und Sitzbank zu kompensieren. Das verleiht der Harley nicht nur die einmalige Optik. Es spart tatsächlich auch Gewicht an den richtigen Stellen, denn der Schwerpunkt der Harley ist damit unterm Strich wenigstens gesenkt. Obenrum hat die Harley nämlich 6,3 Kilo an Gewicht verloren. Wen schert es da, dass nun auch das Tankvolumen um zweieinhalb Liter von 17,4 auf 15 Liter gesenkt ist?... sie werden zu camouflage-förmigen Segmenten zusammengefügt
Im Gegenzug fanden neue Carbon-Verarbeitungstechniken Verwendung. Normalerweise sind die Carbonfasern über Kreuz zu Matten verwebt, was ihnen ihre charakteristische regelmäßige Maserung verleiht. Das ist das sogenannte CFK-Prepreg. „Prepreg“ ist das Grundmaterial, die drei Buchstaben stehen für „carbonfaserverstärkten Kunststoff“, also die klassische Carbon-Faser-Verstärkung.

Für die Modellier-Arbeit werden viele Techniken aus dem Modellbau angewandtFür dieses Monocoque zog Hintsteiner aber auch noch SMC-Carbon aus dem Regal. Die drei Buchstaben stehen für „Sheet Molding Compound“, also für einen unregelmäßigen Verbund aus flächenförmigen Segmenten, der eine neuartige Camouflage-Optik zum Ergebnis hat. Dabei handelt es sich eigentlich um eine Resteverwertung, denn es sind zwei bis drei Zentimeter kurze Fasern, die zu diesen Segmenten und schließlich zu einer Fläche zusammengefügt werden. Beide Carbon-Sorten sind nun mit sauberen Übergängen zu einem einzigen Teil verarbeitet worden.
Dieses Teil so sauber hinzukriegen, ist die Arbeit der Formen- und Karosseriebauer. Sie verrichten ihre Arbeit direkt am Objekt und verwenden die Techniken des Modellbaus. Die Segmente müssen schließlich hautnah angepasst werden, sonst vergeuden sie allein an der Aussparung des Carbon-TechnikberichtTanktunnels ganze Liter. Der endgültigen Anpassung geht eine grobe Anpassung mit Hartschaum-Modulen voran. Die können einfach zurechtgeschnitten werden. Dann wird das „Clay“ aufgetragen, ein knetartiges Industrieplastilin, um die exakte Form zu modellieren. Die hohe Kunst liegt vor allem darin, die Symmetrien auszuformen. Dafür werden Hilfslinien entlang der Symmetrie-Achsen und charakteristischen Ausprägungen aufgetragen.

Jetzt sind die Flächen sauber herausgearbeitetErst wenn alles stimmt und die Formen ausgehärtet sind, verrichten die Carbon-Customizer ihr typisches Handwerk. Sie nehmen von den Urmodellen die Negativ-Formen ab, in die wiederum die in Harz getränkten Carbon-Matten eingelegt werden. Da hinein kommt eine weitere Form, damit auch die Rückseite der Matte glatt bleibt. Die Aushärtung erfolgt im Autoklaven unter Überdruck und einer Hitze von 150 Grad.

Die Form wird mit einem Negativ-Abdruck abgenommen. Der wird im wörtlichen Sinne auf die Urform gedrücktDanach müssen nur noch Gussgrate entfernt und Löcher gebohrt werden. Fertig.Carbon kann beliebig lackiert werden. Die meisten aber bevorzugen Klarlack, damit der teure Grundstoff sichtbar bleibt. So auch in diesem Fall. Der Lack wurde nur leicht getönt, die Maserung darunter ist immer noch erkennbar. Denn Carbon ist nicht nur ein eigenwilliger, sondern auch ein teurer Stoff. Deshalb darf ihn ruhig jeder sehen.    «

   TECHNISCHE DATEN   
Lightweight Bike,
Harley-Davidson FXDLI Dyna Low Rider,
Bj. 2004

Motor
  • Typ    Zwei-Zylinder-Viertakt-V2
  • Hubraum    1449 ccm
  • Bohrung x Hub    95,3 x 101,6 mm
  • Verdichtung    8,1:1
  • Kupplung    hydraulisch, Performance Machine
  • Getriebe    5-Gang
  • Auspuffkrümmer und
  • Endschalldämpfer    GCM

Fahrwerk
  • Schwinge    Breitreifenumbau von Lottermann
  • Primärversatz    55 mm
  • Heckumbau    GCM
  • Gabelbrücke    Accutronix 5° Rake
  • Gabel    49 mm mit Progressiv-Suspension-Gabelfedern
  • Lenker    Drag-Style mit Carbonverkleidung und integrierten LED-Blinkern
  • Fußrastenanlage    Performance Machine
  • Radstand    1695 mm
  • Räder    vo. 8,5 x 18, hi. 3,5 x 17 RevTech
  • Reifen    vo. 120/70/17, hi. 260/40/18 Metzeler ME880

Sonstiges
  • Kupplungs- und Bremsarmaturen    Roland Sands
  • Scheinwerfer    Suzuki GSX-R
  • Tankinhalt    15 L
  • Gewichtsersparnis Monocoque    6,3 kg

Kontakt
Carbon-Solutions Hintsteiner GmbH
Kirchengasse 1
A-8644 Mürzhofen
Tel 0043 - 3864 2336-0
www.hintsteiner-group.com

Green County Motorcycles GmbH
Viertelfeistritz 46
A-8184 Anger
Tel 0043 - 676 96 70 6 20
www.gcmc.at

Carbon ist nicht nur ein eigenwilliger, sondern auch ein teurer Stoff. Deshalb darf ihn ruhig jeder sehen, Foto: Picwish Fotodesign
 

Text: Michael Ahlsdorf
Bilder: Hintsteiner/Picwish Fotodesign

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