Technik: Harley-Handwerk

18.08.2017  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: Hersteller
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Technik: Harley-Handwerk
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Teile für alte Harleys sind knapp. Das gute alte Handwerk sorgt für Nachschub
Nein, eine aus gesammelten Teilen zusammengeschraubte Harley ist für unsere Zulassungsstellen keine Harley. Sie ist ein Eigenbau, für den die Zulassungsrichtlinien des Jahres gelten, in dem die Teile zu einem Motorrad zusammengeschraubt wurden. Also gelten Blinkerpflicht, Euro 4 und eines Tages auch noch ABS.
Das Gleiche gilt erst recht für eine aus nachgebauten Teilen zusammengeschraubte Harley. Es würde auch nichts nützen, wenn ihr einen originalen Rahmen mit blütenreinen Papieren mitbrächtet. Die Summe der drangeschraubten Teile würde überwiegen – und schon wieder hättet ihr einen Eigenbau nach den Zulassungsrichtlinien des aktuellen Jahres.
Einzig zulässig ist die Verwendung von Ersatzteilen an einem bestehenden Motorrad. Das kann der Tank sein, ein Rad, neue Kolben und sogar ein kompletter Motor. Fragt eure Zulassungsstelle vor Ort. Der Mann im grauen Kittel entscheidet, wie viele Ersatzteile ihr verbauen dürft. Und diese Ersatzteile müssen nicht mal Originalteile sein, zumal dann nicht, wenn es gar keine Originalteile mehr gibt. Passende Teile gibt es trotzdem, und zwar von nachträglich etablierten Herstellern aus dem sogenannten „Aftermarket“.
Das mit dem Aftermarket ist ein heißes Thema, vor allem in der Harley-Szene. Ersatzteile vom Originalhersteller Harley-Davidson sind teuer. Der Aftermarket tut also nicht nur Gutes. Manchmal fertigt er Teile auch nur einfach nach, um sie billiger zu verkaufen. Private Schrauber freuen sich darüber. Dabei haben sie vergessen, dass der Originalhersteller die Teile nun mal erfunden hat und so um den Ausgleich seiner Entwicklungskosten betrogen wird.
Oft erleben die Schrauber auch üble Überraschungen, wenn die Teile schlampig verarbeitet sind oder nicht richtig passen. Umgekehrt kann das Material aus dem Aftermarket aber auch besser sein. Qualität spricht sich rum und manchmal geht sogar der originale Hersteller mit den einst lästigen Konkurrenten eine neue Partnerschaft ein. Eric Buell baute ganz privat die besseren Sportsters, sie waren so gut, dass die Company Harley-Davidson eines Tages sogar den Namen „Buell“ kaufte.
Und was ist mit den Teilen, die Harley-Davidson selbst gar nicht mehr herstellt? Hier ist der Aftermarket tatsächlich ein Segen, denn dort wird mit viel Liebe hergestellt, was wir sonst nirgendwo kriegen. Der Lieferant W&W aus Würzburg steht im Ruf, besonders gut zu wissen, was die Szene der Oldschooler will. Die bedienten sich zum Beispiel aus Komplettpaketen von S&S, einem Hersteller aus den USA, der sich auf Reproduktionen alter Harley-Motoren spezialisiert hat.
Darüber hinaus hat W&W nun auch die Cannonball-Motorgehäuse in sein Programm aufgenommen. Cannonball fertigt authentische Reproduktionen für die Motorenklassiker Flathead, Knucklehead und Panhead aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Dabei handelt es sich um die verschiedensten Komponenten und Teile: Gehäuse, Zylinderköpfe, Zylinder, Ölpumpen, Stößelführungen, Nockenwellen und Zahnradsätze. Dazu kommen alte Fahrwerks- und Karosserieteile, wie Blattfeder-Gabeln, Lenker, WR-Style-Tanks, Mag-Wheels, Bremsen und Fender.
Finish und Details entsprechen den Vorlagen aus der jeweiligen Ära. Die Gehäusehälften sind sorgfältig zueinander angepasst und besitzen vorinstallierte und auf Standardrollen geläppte Gehäusebuchsen. Auch die Nockenwellenbuchsen sitzen bereits an ihrem Platz und sind auf Standardmaß ausgerieben.
Besonders hintersinnig ist die künstliche Alterung der Motorgehäuseteile. Sie können entweder in einem gleichmäßigen, glasperlengestrahlten Finish geliefert werden. Dann sehen sie aus, als hätte die Fabrik sie gestern gefertigt. Oder sie werden in einem sogenannten New-Old-Stock-Finish (NOS) geliefert. Dann werden sie nicht gestrahlt, sondern in einem geheimen Verfahren so behandelt, dass sie wie neue Originalgehäuse aussehen, die 50 Jahre im Keller der Factory gelegen haben. Mit dieser Patina sind die Teile nicht mehr als nachträglich gefertigte Teile zu erkennen.
Der Name „Cannonball“ ist eine Hommage an die legendären Rekordfahrten von Erwin George „Cannonball“ Baker, der 1914 die USA von Küste zu Küste wie eine Kanonenkugel in unglaublichen elf Tagen auf dem Motorrad durchschoss. Und wie Kanonenkugeln werden nun die Motorgehäuse nach alter Handwerkskunst gegossen. Eine Kunst ist das wirklich, denn es handelt sich um echten Sand, geformt mit einer positiven Vorlage, in den das heiße Metall des neuen Stücks gegossen wird. Wer das selbst probiert, wird nach dem Erkalten feststellen, dass Musterstück und neu gegossenes Stück in ihrer Größe nicht identisch sind. Das begründet sich in der Physik des Gießens, weshalb nur Fachleute die Kunst des exakten Formens wirklich beherrschen.
Wir durften den Cannonball-Männern bei der Arbeit über die Schulter schauen. Bemerkenswert dabei: Die Originalteile von Harley-Davidson und erst recht die Nachfertigungen des Aftermarkets werden in den meisten Fällen in Asien hergestellt. Nur die Cannonball-Teile kommen nicht aus Asien. Auch nicht aus den USA. Cannonball ist „Made in Germany“.  
 

Aftermarket
Anbieter von Zubehörteilen, die Originalteile entweder verbessern oder nur ersetzen. Dabei kann es Lizenzprobleme geben, denn Hersteller von Aftermarket-Teilen kopieren oft nur Originalteile, ohne für Entwicklungskosten des Erfinders aufkommen zu müssen.
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Alles über Rocker. Die Gesetze, die Geschichte, die Maschinen.
5. Auflage, 376 Seiten, 24,90 Euro,
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Stand:24 February 2018 22:45:48/motorrad/test+und+technik/technik+harley-handwerk_178.html