Checkpoint der Rocker

Szeneshop-Angebote
18.08.2017  |  Text: Tilman Ziegenhain  |   Bilder: Tobias Kircher/Robin Brecht
Alle Bilder »

Zwei Zimmer, Küche, Bad – Die Road Glide Ultra


Die Road Glide Ultra ist der wahre König der Straße


Mann, ist die dick mann! Vor uns steht eine Road Glide Ultra des Modelljahrgangs 2017. Und wir geben es gerne zu: Das Ding ist respekteinflößend. Dabei sieht gerade dieses Exemplar in seinem blauen Lackkleid alles andere als aggressiv aus. Aber die Maschine ist eben einfach fett. 425 Kilo bringt das Eisenschwein auf die Waage, vollgetankt kommen noch mal mehr als 20 Kilo dazu. Wenn das knapp 30.000 Euro teure Teil kippt, kann auch der stärkste Biker den Fall nur verlangsamen, nicht aber aufhalten – und zum Wiederaufrichten braucht’s definitiv vier Hände.
Doch so weit kommt es nicht. Gut 2500 Kilometer waren wir unbeschadet mit dem Tourer unterwegs. Und aus anfänglicher Skepsis wurde schließlich Liebe auf den dritten Blick. Wären wir die Ultra nur einige Stunden gefahren, so hätte sie bei uns nicht punkten können. Erst nach einigen Stunden und mehreren hundert Kilometern wussten wir, was wir an ihr haben. Das Reisen ist und bleibt eben ein Heimspiel für Harleys Touring-Familie. Wenn jemand ein Bike für lange Strecken bauen kann, dann sind es nach wie vor die Amis.
Beim ersten Kontakt jedoch erst mal Zweifel. Draußen brennt der Planet und mein Arschwasser ist  am Kochen. Läuft euer Kopfkino schon? Gut – und das war nur der Vorfilm, also weiter im Programm: Ich trage eine dieser kevlarbeschichteten Jeans mit klassischem Fifties-Arbeiterklasse-Schnitt. Ein Nachteil, wie ich schnell merke, denn der Schritt hängt tief und weil ich verschwitzt bin, rutscht die Hose nicht hoch, als ich auf dem fahrenden Sessel Platz nehme. Ein echtes Problem, denn mit der eingeschränkten Bewegungsfreiheit meiner Beine komme selbst ich mit meinen immerhin 180 Zentimetern Körpergröße nur knapp die Sohle auf den Asphalt. Also die Maschine zwischen die Knie geklemmt und dann unter diversen Hüftschwingern die Hose bis über den Bauchnabel gezogen.

Der König der Straße ist Bettler beim Rangieren

Trotzdem bleibt das Rangieren eine Strapaze: Nur tänzelnd, im Ballerina-Style und zentimeterweise bekomme ich die Harley rückwärts geschoben. Und sobald auch nur eine minimale Steigung da ist, versage ich völlig. Vom schweißtreibenden Kraftakt zum ernsten Problem wird das Ganze aber nur, wenn ich das Manöver auf sandigem Boden oder Schotter versuche – mehrmals rutscht mir der Fuß weg und nur weil ich dem Schwergewicht schnell meine eigenen knapp 100 Kilo Kampfgewicht entgegendrücke, verhindere ich einen (Versicherungs)Fall. Wer sich an dieser Stelle keinen Rückwärtsgang wünscht, lügt oder nimmt Anabolika. Hondas Goldwing, der schwule, fernöstliche Verwandte der Road Glide Ultra hat so was.
Doch wenn das Bike erst mal fährt, dann fährt es. Auch nachdem ich eine ganze Tankfüllung lang ohne Pause gefahren bin, fühle ich mich fit. Das liegt natürlich vor allem an der rahmenfesten, aerodynamischen Verkleidung, die einen optimalen Geradeauslauf garantiert. Und an der darauf befestigten Scheibe, die den Wind ebenso von mir fernhält wie das ganze Insektenvieh. 1980 hatte die Company das Konzept der rahmenfesten Verkleidung beim Modell „Tour Glide“ vorgestellt, auf dessen Basis 18 Jahre später die erste Road Glide entstand.
Doch auch die zwei Beinschilde tragen ihren Teil zum Langstreckenkomfort bei, denn beide sind mit Klappen versehen, die bei Bedarf geöffnet werden können – im Falle von kochendem Arschwasser ein nicht zu unterschätzender Segen.
Wie alle Tourer des aktuellen Modelljahrgangs wird auch meiner vom „Milwaukee-Eight“ angetrieben, dem neuen Harley-Davidson-Big-Twin. 1745 Kubik und 91 PS garantieren, dass ich auch mit Gepäck und Beifahrer schnell vom Fleck komme. Der Beifahrer reist mit der Road Glide Ultra übrigens noch komfortabler als der Fahrer, spätestens seit den 2017er-Modellen: Die Company hat die hinteren Krümmer überarbeitet und die Katalysatoren neu platziert, sodass die Beine des Sozius weniger Hitze abbekommen.
Die elektronische Bremskraftverteilung steckt dagegen schon seit 2014 in Harleys Tourern: Ab 40 km/h werden die Bremskräfte wie durch Wunder automatisch optimal auf die Vorder- und Hinterradbremse verteilt. Bremsen macht zwar nicht ganz so viel Spaß wie Gasgeben, muss aber gerade bei einem Dickschiff wie diesem funktionieren.

Augen auf die Straße!

Auf den ersten hundert Kilometern bin ich fast ein Stückchen zu viel fasziniert von dem 16,5 Zentimeter großen Farbtouchscreen vor meiner Nase und den Joysticks an den Lenkerarmaturen, mit denen das große Angebot von Informations- und Unterhaltungsfunktionen ebenso gesteuert werden kann. Roy Black im Kurpfalzradio? Oder doch lieber die Reportage über das Paarungsverhalten südafrikanischer Rotbackenpfeifdrüslinge im Bildungsfunk?
Das Navi lässt sich während der Fahrt allerdings nicht bedienen. Eine Sicherheitsmaßnahme für Fahrer wie uns, die mehrere Kilometer nur auf den Bildschirm und nicht auf die Straße schauen. Zum Glück habe ich auch nach 2000 Kilometern nicht verstanden, wie der Tempomat funktioniert.   
 

Road Glide Ultra, Bj. 2017

Motor
Typ: Milwaukee-Eight 107, luft- und flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Viertakt 45-Grad-VTwin
Bohrung: 100,0 mm
Hub: 111,1 mm
Hubraum: 1745 ccm
Leistung PS/U/min: 91/5450
Drehmoment Nm/U/min: 153/3250
Höchstgeschwindigkeit: 175 km/h
Primärantrieb: Duplex-Kette
Sekundärantrieb: Zahnriemen

Fahrwerk
Rahmen: Doppelschleifen-Stahlrohr
Gabel: 49-mm-Telegabel
Schwinge: Zweiarmschwinge aus Vierkantstahl, zwei einstellbare Federbeine
Nachlauf: 170 mm
Bremse: ABS und elektron. Bremskraftverteilung
vorn: zwei Scheibenbremsen, gelocht, Ø 300 mm, Vierkolben-Festsattel
hinten: eine Scheibenbremse, gelocht, Ø 300 mm, Vierkolben-Festsattel
Federweg: vorn 117 mm, hinten 76 mm
Felgengröße: vorn T17 x 3,0" hinten T16 x 5,0"
Serienbereifung: Dunlop Harley-Davidson
vorn: D408 F, 130/80 B17 65H
hinten: D407 T, 180/65 B16 81H

Sonstiges
Leergewicht inkl. Betriebsstoffe: 425 kg
Zulässiges Gesamtgewicht: 617 kg
Zuladung: 192 kg
Tankinhalt (Reserve): 22,7 l (3,8 l)
Länge: 2595 mm
Breite: 930 mm
Höhe: 1425 mm
Sitzhöhe, ohne Fahrer: 735 mm
Radstand: 1625 mm

Text: Tilman Ziegenhain
Bilder: Tobias Kircher/Robin Brecht

Kommentare zum Artikel





Aktuell am Kiosk: BIKERS NEWS 1/18

Artikel aus der Ausgabe: 1/18

Boots von Dickies
Boots von Dickies
No Surrender MC
No Surrender MC
Haschisch  in Marseille
Haschisch in Marseille
Harley Shovel: 7-Custom
Harley Shovel: 7-Custom
Technik: Reifenreparatur
Technik: Reifenreparatur
No Colour!
No Colour!

Ausgabe 2/18 erscheint am 15. Januar

Im Huber-Verlag erscheinen auch:

Weitere, relevante Artikel
  • Harley-Davidson 2015

    Harley-Davidson stellt sein Modellprogrammfür das Jahr 2015 vor Es war ein ziemlich aufregendes Jahr. Seit der Vorstellung der wassergekühlten Big Twin-Tourer kamen wir nicht mehr zur Ruhe: Harley legte ein weiteres …

  • Aluminium-Gabelbrücken von Custom Cycle Engineering

    Die neuen Gabelbrücken von Custom Cycle Engineering werden aus Billet-Aluminium gefräst und können ab sofort über Custom Chrome Europe bezogen werden.

  • Hell on Wheels

    Wir haben den Hells Angels MC Nassau auf seiner Fahrt nach Paris begleitet

  • 40-Speichenräder für Harley-Davidson-Modelle bei Custom Chrome Europe

    Harley-Davidson Zubehörspezialist Custom Chrome Europe bietet ab sofort verchromte 40-Speichen-Räder in verschiedenen Größen an.


Stand:17 December 2017 16:41:14/motorrad/test+und+technik/zwei+zimmer+kueche+bad+-+die+road+glide+ultra_178.html