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22.04.2017  |  Text: Tilmann Ziegenhain  |   Bilder: AFE Walczak
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Selbstjustiz beim Bandidos MC?


Nach der Ermordung des neunjährigen Jaden geriet das Bandidos-Chapter Herne East ins Visier der Polizei. Die Beamten fürchteten offenbar Selbstjustiz – kritische Nachfragen sind unerwünscht


Die brutale Ermordung Jadens (9) und Christophers (22) sorgte bundesweit für Entsetzen und Anteilnahme. Die Medien berichteten ausgiebig über den Fall – doch der massive Polizeieinsatz beim Bandidos-Chapter Herne East blieb Randnotiz der Berichterstattung.
Am Abend des 7. März waren Beamte mit circa 40 Fahrzeugen am Clubhaus des Chapters vor Ort. Dort war allerdings nur ein knappes Dutzend Member zugegen und die Polizei zog wieder ab.



Hintergrund des Einsatzes: Der Ziehvater Jadens ist Member des Bandidos MC Essen. Er hatte den Neunjährigen tot aufgefunden, den auch viele andere Member des Clubs kannten. Die Polizei fürchtete deswegen offensichtlich Selbstjustiz.

Polizei in der Kritik – Pressestelle schweigt

Tags darauf kritisierte das Chapter den Einsatz in einem Facebook-Post mit deutlichen Worten und forderte den Innenminister Nordrhein-Westfalens auf zurückzutreten: „Wären die Einsatzfahrzeuge und die Beamten nicht besser aufgehoben gewesen, dieses Arschloch in der Zwischenzeit zu suchen? Es wird kostbare Zeit verschenkt, nur um einen Kindermörder vor den bösen Bandidos zu schützen? (…) Treten Sie zurück, Herr Jäger!“
Offen bleibt, was die genauen Hintergründe des Einsatzes waren. Denn kritische Fragen beantwortet die Polizei nicht – Presse-sprecherin Nina Vogt: „Wir bestätigen den Einsatz in Herne, den wir aufgrund von Hinweisen auf eine möglicherweise größere Menschenansammlung durchgeführt haben. Weiter werden wir diesen Einsatz nicht kommentieren.“
Der Verdacht liegt nahe, dass die Polizei im Rahmen der Null-Toleranz-Strategie das Standardprogramm abgespult hat: Insbesondere in NRW finden regelmäßig massive Kontrollen in der Rockerszene statt, auch gänzlich ohne Anlass – so versucht die Politik offensichtlich, den Bürgern ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln, wie kürzlich auch anhand der Verschärfung des Vereinsgesetzes deutlich wurde.
Im Zusammenhang mit dem Mord dürfte diese Taktik allerdings nach hinten losgegangen sein: Die Kommentare auf Facebook, wo die Pressemitteilung der Bandidos über dreieinhalb Millionen User erreicht hat, sprechen dafür; die Bevölkerung zeigte Verständnis für die Kritik des Clubs.
Bandidos sammeln
Spenden

Bandidos sammeln Spenden

Tags darauf rief das Chapter in einer zweiten Pressemitteilung dazu auf, die Angehörigen des ermordeten Neunjährigen zu unterstützen: „Trauer und Schmerz, aber auch Wut und Ohnmacht, können wir nicht lindern. Das Mindeste, was wir als Gemeinschaft des Bandidos MCs machen können, ist Anteilnahme und Unterstützung zu geben. Aus diesem Grund haben wir einen Spendenfonds für Beerdigungs-, Anwalts- und weitere Kosten, die im Zusammenhang mit dem tragischen Tötungsdelikt des neunjährigen Jaden stehen, eingerichtet. Wir bitten euch, Mitglieder und Freunde der Bandidos-Familie, diesen zu füllen“, hieß es dort.

Zahlreiche MCs auf der Beerdigung

Am 15. März fand in der Herner Herz-Jesu-Kirche eine Trauerfeier statt, auf der auch des zweiten Opfers des mutmaßlichen Mörders Marcel H., des 22-jährigen Christophers, gedacht wurde – auch viele Bandidos waren vor Ort. An diesem Tag konnten sie noch straffrei ihre Clubfarben tragen.



Auf der Beerdigung tags darauf waren dann neben den Bandidos auch zahlreiche andere MCs vertreten – auch Frank Hanebuth, weitere Member des Hells Angels MC und der Gremium MC waren angereist. Die Abzeichen der drei großen deutschen Motorradclubs waren an diesem Tag allerdings nicht zu sehen: Es war der Tag, an dem im Zuge des verschärften Vereinsgesetzes das bundesweite Colour-Verbot in Kraft trat.
 

Spenden an die Angehörigen des ermordeten Jaden könnt ihr auf folgendes Konto überweisen:
Bandidos MC
IBAN: DE29 4226 0001 0671 1938 03
BIC: GENODEM1GBU
Verwendungszweck: RIP JADEN
 

Folgende Fragen wollte die Pressestelle der Polizei nicht beantworten
  • Auf welche Informationen stützte die Polizei ihre Einschätzung, Mitglieder des Bandidos MC könnten Selbstjustiz verüben?
  • Welche konkreten, von Mitgliedern des Bandidos MC durchgeführten Aktionen befürchtete die Polizei?
  • Gab es Hinweise aus mehreren, unabhängigen Quellen? Wie wurde die Glaubwürdigkeit dieser Information überprüft bzw. gesichert?
  • Wie viele Polizeibeamte waren am Einsatz beim Bandidos MC Herne East beteiligt?
  • Ging nach Informationen der Polizei eine unmittelbare Gefahr von den Mitgliedern des Bandidos MC aus, die den vergleichsweise aufwendigen Einsatz gerechtfertigt hat?
  • Wieso hat die Polizei nicht zunächst zu weniger aufwendigen Mitteln gegriffen und – zum Beispiel – eine Gefährderansprache durchgeführt?
Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 05/2017

 

Text: Tilmann Ziegenhain
Bilder: AFE Walczak

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