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Auf Harley-Davidsons erstem Elektro-Motorrad durften wir im Jahr 2015 zum ersten Mal fahren. Damals hieß das Bike noch „Project LiveWire“
Als der Harley-Sprecher was von Motoröl erzählt, atmen wir auf. Ein Biker kann also auch an diesem Motorrad noch einen echten Ölwechsel machen? Nee, lacht der Mann, das Öl der Antriebswelle kann man nicht wechseln. Ein Biker kann an der „Project LiveWire“ höchstens mal die Bremsbeläge wechseln.

Das ist also die neue Elektro-Harley. Dürfen wir darüber überhaupt schreiben? Wir müssen. Denn die Company ist ihren Werten treu geblieben. Nach wie vor geht es bei ihren Zweirädern um Druck. Und diese Disziplinen beherrscht nicht nur der Big Twin, auch ein Elektromotor kann das gut. Das liegt an der Physik. Und da hält ein klassischer Kolbenmotor nicht mit. Der hat immer eine Drehmomentkurve. Unter irgendwelchen Drehzahlen gibt er das Maximum seines Drehmoments ab, unter den meisten Drehzahlen aber nicht.

Ein Elektromotor funktioniert anders. Der hat immer Druck, und zwar immer den gleichen. Er hat kein Drehmomenttief und damit keine Leistungslöcher, und damit kann er auch nicht untertourig gefahren werden oder sich verschlucken. Die 74 PS dieses Triebwerks liegen also bei 8500 Umdrehungen an, das Drehmoment von 70 Newtonmetern aber ist sofort da. Und zwar auf Knopfdruck.

Die LiveWire hat tatsächlich eine Wasser­kühlung. Der Kühler liegt unter dem Lenkkopf und ist für die elektrische Steuerung erforderlich
Die LiveWire hat tatsächlich eine Wasser­kühlung. Der Kühler liegt unter dem Lenkkopf und ist für die elektrische Steuerung erforderlich

Knöpfchen drücken! Das ist das am rechten Lenkerende, wo sich dicht daneben auch der Anlasserknopf befindet. Und schon eröffnet das Mäusekino seine Vorstellung. Auf dem Bike steckt ein Display statt eines Tachos. Es sieht nicht viel anders aus als die Displays der großen Tourer. Und eine ähnlich lange Denkpause fordert es vom Fahrer, bevor der sich auf dem Touchscreen für den Power-Modus oder den Range-Modus entscheiden darf. Als Kraftpaket soll die LiveWire eine Reichweite von 40 Kilometern haben, als Sparbrötchen kommt ihr 85 Kilometer weit. Aber das ist Theorie. Die hängt von der persönlichen Fahrweise ab, und wer nicht gleich den Gasgriff auf Anschlag reißt, der wird auch noch weiter kommen.

Und jetzt endlich geht’s an das echte Fahren. Dafür drückt ihr den Anlasserknopf … Das war’s? Ich merke aber nichts. „Doch“, stimmen die hilfsbereiten Harley-Männer ein, „du spürst ein leichtes Vibrieren.“ Wo? „Na da, am Motor. Halt mal die Hand ran!“ Ah ja! Ich spür was, jetzt auch am Lenkerende. Tja, und dann geht’s los. Einfach nur Gas geben, wie im Automatik-Auto. Kuppeln? Nicht. Schalten? Auch nicht. Einfach noch mehr Gas geben!

So rollt die LiveWire nach vorne. Natürlich mit Druck, das wundert uns nicht. Harley-Davidson war mit diesem physikalischen Phänomen ja schon hausieren gegangen, bevor die ersten LiveWires überhaupt nach Deutschland kamen. Da sind wir also wenig überrascht. Stattdessen freuen wir uns über diesen stetigen und kraftvollen Vorwärtsdrang, der nach oben einfach nicht enden will. Ja, wo endet der überhaupt? Wir kommen nicht dazu, es auf diesen Präsentationsrunden auszureizen. Aber bei 8500 Umdrehungen in der Minute soll sie ihre 74 PS freisetzen. Na denn, genießen wir’s, dieses kopf- und körperfreie Vorwärtsdrücken wie in der Rummelbude.

Digitales Jahrtausend. Ein Mäusekino ersetzt den herkömmlichen Tacho
Digitales Jahrtausend. Ein Mäusekino ersetzt den herkömmlichen Tacho

Das Fahrwerk ist kurz und stummelig. Nicht, wie wir sonst eine Harley kennen. Das passt zum Kasten zwischen den beiden Rädern. Und irgendwie fährt es sich auch so: Hart, kantig und polterig. Nun, die LiveWire-Bikes sind noch immer Prototypen. Zwei Dutzend davon existieren gerade mal, die nun, für jede Präsentation neu geflickt, durch die Erdteile gereicht werden.

Kurvenfreudig wirkt das Fahrwerk auf uns auch nicht, wir schieben das auf eine breit wirkende Hinterbereifung. Das kann aber auch daran liegen, dass wir von Harley sonst nur weichere Fahrwerke kennen. Also nennen wir das mal „sportlich“, zumal der Gott des sportlichen Fahrens, unser Kollege Heinrich Christmann von DREAM-MACHINES, an diesem Fahrwerk nichts auszusetzen hat. Er muss es wissen, der Mann besteht nach seinen zahllosen Unfällen auf vierzylindrigen Rennhobeln ja nur noch aus Eisendübeln und Prothesen. Und das Maß 180/55 ZR 17 auf dem Hinterrad nennt Christmann eine „ganz normale Sportbereifung“.

Und zuletzt das Geräusch. Harley hatte den Sound eines Düsenjägers versprochen. Wir halten das eher für das Kreischen eines Zahnarztbohrers. Schön finden wir es nicht, aber daran kann man sicher noch was machen. Immerhin: Dieser Sound entsteht völlig unkünstlich. Es ist tatsächlich die Umlenkung der längs liegenden Antriebswelle, die übrigens im Ölbad rotiert, auf das quer zur Fahrtrichtung drehende Pulley. Harley lässt dafür spiralverzahnte Räder ineinandergreifen und genau deren Mahlen erzeugt den kreischenden und jaulenden Sound. Immerhin hat die LiveWire damit überhaupt einen Sound, sonst würde auf dem Ritt eine wesentliche sinnliche Komponente fehlen. Und damit habt ihr, was die Company verspricht: Ihr fühlt es, dass ihr eine Harley fahrt.

Ölwechsel gibt’s nicht mehr. Wer schrauben will, kann mal die Bremsbeläge wechseln
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Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 09/2015
 

TECHNISCHE DATEN
Harley-Davidson Project LiveWire

Motor: Gleichstrom Induktion, Dreiphasen-Wechselläufer, Vier Pole
Batterie: Lithium-Ionen
Vmax: 148 km/h (begrenzt)
Leistung: 74 PS bei 8500 u/min
Drehmoment: 70 Nm bei 0 u/min
Beschleunigung: 0-100 km/h in 4,0 sec
Primärantrieb: spiralverzahnte Umlenkung auf Primär-Belt
Sekundärantrieb: Belt
Bremse vorn: zwei Kolben
Bremse hinten: ein Kolben
Rad vorn: 18 x 3,5
Rad hinten: 17 x 5,5
Reifen vorn: 120/70 ZR18
Reifen hinten: 180/55 ZR17
Radstand: 1468 mm
Gewicht: 210 kg
Reichweite: 85 km im Range-Modus
 

Ahlsdorf kann das Philosophieren nicht lassen. Hier seine persönlichen Überlegungen zur Elektro-Harley
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Was eine echte Harley ist

So. Jetzt fahren wir mal allen Nörglern übers Maul, die wieder damit kommen, dass dies keine echte Harley mehr sei. Unser Facebook-Account ist wegen entsprechender Postings ja fast geplatzt. Leute, an dieser Harley ist einiges echter als an den klassischen Big Twins. Die nämlich sind seit Jahrzehnten aus Blendwerk zusammengesetzt, das irgendwie nach Oldstyle aussehen soll. Die Project LiveWire gaukelt dagegen nichts vor. Zwischen den Zügen ihres Alu-Rahmens stecken die Batterien, und davor, unter dem Lenkkopf, liegt der Wasserkühler, der für die Kühlung der Elektrik erforderlich ist. Darunter findet ihr das silbrige Gehäuse, das irgendwie an eine Ölwanne erinnert. Darin rotiert die längs angeordnete Antriebswelle, die dahinter mit der beabsichtigten Geräuschentwicklung auf den Belt umgelenkt wird.

Was wie eine Ölwanne aussieht, ist sozusagen das Kurbelgehäuse. Vor dem Belt-Abtrieb befindet sich die Umlenkung von der Antriebswelle aufs Pulley. Das erzeugt das heulende Geräusch
Dazu zwei Räder, Bremsen, ein Sattel, Lenker und das Licht. Schon ist die LiveWire fertig. Frank Klumpp, Marketing-Leiter der deutschen Company, will sie übrigens weniger als „Project“, vielmehr als „Konzept“ vorgestellt sehen, mit dem Harley-Davidson in den nächsten Jahrzehnten die Idee der Freiheit und des Motorradfahrens am Rollen hält. Daran muss ja auch mal jemand denken.

Weil die Project LiveWire schon ein Minimum an Rekuperation bietet, also an Rückgewinnung von Energie durch Bremsen, ist sie ein erster Schritt zum sinnvollen Elektromotorrad. Der Motor führt bei Gaswegnahme tatsächlich wieder Energie an die Batterien zurück. Das ist noch kein Perpetuum mobile, aber das, was wir früher „Motorbremse“ genannt hätten, spielt als eigenes Kraftwerk mit. Über Geschmack lässt sich streiten, über Elektromotoren auch. Aber in einem sind wir uns sicher einig: Jeder muss über neue Techniken der Fortbewegung nachdenken, und auch die Company muss darüber nachdenken, wie sie unter diesen Bedingungen neue Zielgruppen gewinnt. So funktioniert das in der freien Marktwirtschaft.

Das alles müsst ihr nicht mal persönlich nehmen. Vielleicht meint die Company ja gar nicht uns, die wir einen Big Twin kaum mehr halten können? Vielleicht sucht sie längst neue Zielgruppen? Optisch ist die LiveWire jedenfalls jetzt schon gelungen. Ob sie das Motorrad der Zukunft ist, werden wir sehen. Als Konzept hat sie bereits heute das Zeug zum Klassiker.


Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 09/2015
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