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Die EMW war eine Rarität unter den Viertakt-Motorrädern des Ostens. Heute ist sie eine Herausforderung für Chopper-Umbauten
Im Jahr nach dem Mauerfall wollte niemand mehr ein verranztes Ost-Motorrad fahren. Und so schenkten einst stolze Biker die Ostkräder ihren kleinen Schwestern. Im Jahr 1990 also wurde die kleine Kathleen auf diese Weise zur stolzen Besitzerin einer EMW R 35/3. Darauf fuhr sie ihre ersten Bikertreffen an und bereiste die so viel größer gewordene Republik bis nach Stuttgart im tiefen westlichen Schwabenland. Abgesehen von kleinen Macken war die EMW immer leicht zu händeln. Unterwegs konnte Kathleen sich selbst helfen. Aber irgendwann, mitten in der Nacht, musste ihr ein freundlicher LKW-Fahrer den Heimweg ausleuchten. Die Lichtanlage war komplett ausgefallen. Kathleen stand vor der Aufgabe, einen neuen Kabelbaum zu stricken.

Das verlängerte Ansaugrohr will befüttert werden. Nur ein 32-mm-Keihin liefert da genug Stoff. Der Hebel am Rahmenrohr dient der Verstellung des Zündzeitpunkts
Das verlängerte Ansaugrohr will befüttert werden. Nur ein 32-mm-Keihin liefert da genug Stoff. Der Hebel am Rahmenrohr dient der Verstellung des Zündzeitpunkts

Das war der Startschuss zum Totalumbau. Kathleen hatte keinen klaren Plan. Das Projekt wuchs von Freitag zu Freitag in der Garage. Und wo der Kabelbaum schon mal angetastet war, kamen auch noch Motor, Zündanlage und Getriebe mit gründlichen Überholungen an die Reihe. Die Technik blieb im Wesentlichen original erhalten. Im Unterschied zum offenen Rohrrahmen einer AWO ist an der EMW vieles vorgegeben. Die charakteristische Linienführung des Pressstahlrahmens lässt sich nicht verändern, was die EMW im Customizing immer zu einer Herausforderung macht. Aber der Lichtmaschinenantrieb mit Keilriemen ist so cool, dass man daran nichts umrüsten muss. Nur ein verlängertes Vergasersaugrohr wollte Kathleen unbedingt haben. So eines, das ganz im westlichen Customstil um die Ecke geht. Die langen Ansaugwege verursachten prompt Probleme. Versuche mit MZ-Vergasern scheiterten, die EMW wollte einfach nicht richtig laufen. Letztlich ermöglichte ein Keihin-Vergaser mit gewaltigem 32er-Durchlass den Rundlauf. Darüber steckt nun ein K&N-Luftfilter. Die Telegabel einer MZ TS 250 hatte ideale Proportionen, nur die Aufnahmen mussten neu gebüchst werden. Die originale Halbnabe des Vorderrades wurde in eine 19-Zoll-Felge umgespeicht. Was wir jetzt verraten, dürft ihr nicht dem TÜV sagen: Die Bremsankerplatte geriet seitdem schon mal an ihre Grenzen und hatte sich verwunden. Kathleen arbeitet in diesem Winter an einer Optimierung. Hinten treibt eine AWO-Nabe in einem 18-Zoll-Rad die EMW an. Aufwendig wurde die Anpassung an den originalen EMW-Kardan. Eine weitere technische Herausforderung war die Umlenkung der Schaltung an die vorverlegte Fußrastenanlage, clever gelöst durch Kugelgabel und Distanzbüchse.

Die Nabe des Hinterrades kommt von einer AWO. Die Kardanantriebe mussten allerdings angepasst werden
Die Nabe des Hinterrades kommt von einer AWO. Die Kardanantriebe mussten allerdings angepasst werden

Und zum Schluss kommt doch noch ein Mann ins Spiel: Paul war verantwortlich für technische Details, Kathleen aber vertrat die weibliche Logik. Beide waren nicht immer einer Meinung. Nur über die Farbe waren sie sich einig: Shimrin 2 Blue aus dem House of Kolor mit abgesetzter Handlinierung musste es sein. Mit der neuen Farbe läuft die EMW sogar besser. Zwei, drei Kicks, und ab geht die blaue Post. Das Bike ist frauenfreundlich, denn mit der Eigenbausitzpfanne liegt der Schwerpunkt niedrig, die EMW steckt sicher zwischen den Knien. Damit legt der Chopper locker über 100 km/h auf den Asphalt. Wer redet da noch von einem verranzten Ost-Motorrad?
 

TECHNISCHE DATEN
EMW Chopper


Motor: 342 ccm, ohv
Bohrung x Hub: 72 x 84 mm
Leistung: 14 PS
Vergaser: Keihin, 32 mm
Getriebe: 4 Gang
Sekundärantrieb: Kardan
Gabel: TS 250
Fender: Eigenbau
Tank: EMW
Vorverlegte: Fischi Eigenbau
Ständer: Fischi Eigenbau
Typenschild: EMW Auto
Lack: Shimrin 2 Blue, House of Kolor
 

EMW History

Mit der Aufteilung der Besatzungszonen im Jahr 1945 befand sich das Eisenacher BMW-Werk plötzlich in der sowjetischen Besatzungszone. Die dort produzierte BMW R 35 war vor dem Krieg eine der meistverkauften Maschinen in der Mittelklasse. Nun wurde sie unter den Sowjets weitergefertigt. Ab 1949 wurde die R 35 auch wieder auf dem freien Markt verkauft. Die ersten Motorräder hatten noch weißblaue BMW-Logos, erst ab Frühjahr 1952 machten sie den weißroten Propellern Platz. Der Umbenennung der BMW-Werke Eisenach in „Eisenacher Motoren Werke“ (EMW) war ein jahre­langer Rechtsstreit vorausgegangen.

Von 1951 bis 1952 wurden die Eintöpfe leicht modifiziert als R 35/2 gebaut. Ab April 1952 folgte die R 35/3 mit schließlich 56.000 Stück. Die technischen Änderungen für die /3 reichten weit – von einer hydraulisch gedämpften Teles­kopgabel über Fußschalthebel links und Handschalthilfshebel rechts bis zu einer Geradwegfederung hinten. 1955 war die R 35/3 trotz dieser Änderungen technisch veraltet. Die Motorradproduktion in Eisenach wurde stillgelegt. Im Jahr 1961 folgte das Aus für die AWO in Suhl. Fortan konnten DDR-Bürger nur noch Zweitakt-Motorräder kaufen.
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