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Neue Autos müssen ein automatisches Notrufsystem haben, Motorräder nicht – dennoch sind bereits verschiedene Systeme auf dem Markt
Es gibt schlechte, die irgendwie auch gute Nachrichten sind: Nach Schätzungen des Statistischen Bundesamtes wird die Zahl der Verkehrstoten im Jahr 2019 mit etwa 3090 voraussichtlich einen neuen Tiefstand erreichen. Sind 2008 noch 766 Motorradfahrer getötet worden, waren es zehn Jahre später 697 – obwohl im selben Zeitraum der Bestand an zugelassenen Motorrädern laut Kraftfahrtbundesamt um knapp eine Million auf 4,4 Millionen gestiegen ist. Mehr Motorräder, weniger Tote – das hört sich gut an, bedeutet aber dennoch, dass jeden Tag zwei Biker ihr Leben auf der Straße lassen. Kann man dagegen etwas tun?

Nach Meinung von Bosch schon. „Assistenzsysteme wie ABS und Stabilitätskontrolle haben dazu beigetragen, dass die Zahl der tödlich verunglückten Motorradfahrer seit Jahren zurückgeht“, sagt Thomas Lich, Leiter der Unfallforschung bei Bosch. Aber trotz der elektronischen Helferlein ist das Risiko, mit dem Motorrad zu verunglücken, zwanzigmal höher als mit dem Auto. Für neue Autos sind automatische Notrufsysteme seit April 2018 Pflicht. Das schreibt die Europäische Union vor, weil bei schweren Unfällen jede Sekunde zählt. Laut EU-Kommission könnten Rettungskräfte durch „eCall“, wie die Notruf­systeme offiziell bezeichnet werden, im besten Fall in der Hälfte der Zeit am Unfallort sein. Das könne pro Jahr 2500 Menschenleben in Europa retten. Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, sieht diese Schätzung kritisch: „Niemand kann seriös sagen, ob ein Mensch noch leben würde, wenn zwei Minuten früher ein eCall abgesetzt worden wäre.“ Trotzdem hält er ein automatisches Notrufsystem für sinnvoll, auch beim Motorrad.

Die BMW K 1600 B war das erste Serienmotorrad mit E-Call. BIKERS NEWS ließ den „Bagger“ 2017 gegen eine K aus den Achtzigern antretenFoto: Tobias Kircher
Die BMW K 1600 B war das erste Serienmotorrad mit E-Call. BIKERS NEWS ließ den „Bagger“ 2017 gegen eine K aus den Achtzigern antreten

Aber warum ist das fürs Bike nicht ebenso verbindlich vorgeschrieben wie fürs Auto? Häufig werden doch Entwicklungen aus dem Auto aufs Motorrad adaptiert – siehe ABS und Stabilitätsprogramme. Die Antwort auf diese Frage hat weder etwas mit Politik noch mit Geschäftemacherei oder mangelnder Technik zu tun, sondern ist eine ganz logische. Das vorgeschriebene Notrufsystem im Auto funktioniert europaweit einheitlich: Via Sensoren erkennt das System über ausgelöste Airbags einen Unfall und baut mit der einheitlichen Rufnummer 112 eine Telefonverbindung zur nächstgelegenen Rettungsleitstelle auf. Parallel sendet es Informationen über den Unfallort und zur Anzahl der Insassen, die es über geschlossene Sicherheitsgurte erkennt. Falls Insassen ansprechbar sind, können sie über die Sprechverbindung weitere Unfall­details durchgeben. Die mögliche Sprachverbindung ist auch wichtig, um einem Fehlalarm vorzubeugen, denn sonst würden Rettungskräfte unnötig zum vermeintlichen Unfallort fahren und bei echten Unfällen fehlen.

Am Motorrad ergibt eine Sprachverbindung keinen Sinn, weil Mensch und Maschine nach einem Unfall meistens getrennt werden. Mikrofon und Lautsprecher müssten fest am Motorrad verbaut sein, doch die kann der Fahrer nicht bedienen, wenn er weit weg von seiner Maschine liegt und schwer verletzt ist. Aber eine Sprachverbindung schreibt die EU für eCall vor, außerdem muss der Fahrer die Wahlmöglichkeit haben, ob sein System direkt die offizielle Notrufnummer oder die eines Dienstleisters wählt, der für den Fahrzeughersteller arbeitet. Im letzteren Fall vergeht eventuell unnötig Zeit, weil der eCall zunächst in der vom Hersteller beauftragten privaten Telefonzentrale ankommt und von dort an die zuständige Rettungsleitstelle weitergegeben wird. Diese grundsätzliche Einstellung wird einmal vorgenommen, muss also nicht in der Not am Unfallort geschehen. Um einen Notruf abzusetzen, ist ein verfügbares Netz zwingende Voraussetzung. „Bei einem Notruf wählt sich das System immer in das Netz ein, das am aktuellen Standort am stärksten ist“, sagt Mattias Haasper, Forschungsleiter am Institut für Zweiradsicherheit. Das unterscheidet einen Notruf von einem gewöhnlichen Anruf, der sich innerhalb des Netzes eines bestimmten Anbieters abspielt.

Das BMW-System basiert auf zwei Sensoren, die Unfälle erkennen. Ein Mobil­funkmodul kann die Position des Bikes durchgeben
Das BMW-System basiert auf zwei Sensoren, die Unfälle erkennen. Ein Mobil­funkmodul kann die Position des Bikes durchgeben

Notrufsysteme für Motorräder gibt es schon seit Jahren in unterschiedlicher technischer Ausprägung. Im Frühjahr 2013 hatte der Helmhersteller Schuberth sein „Rider eCall“ eingeführt. Mittels fünf Sensoren überwachte das System die Fahrbedingungen, insbesondere Beschleunigung und Neigung des Motorrads. Die Sensoren reagierten aber zu empfindlich: Legte sich ein Biker zu tief in eine Kurve oder waren die Erschütterungen auf Kopfsteinpflaster zu stark, löste die Technik auch ohne Unfall aus. Bei der Schuberth-Lösung waren Motorrad und Helm über Funk miteinander verbunden, der Alarm kam im Callcenter von Bosch an. Über eine Telefonverbindung hat der Operator den Fahrer angesprochen und gefragt, ob ein Unfall stattgefunden hat. Wenn er nicht antwortete, löste er den Notruf aus und gab die GPS-Koordinaten der Maschine an die nächste Rettungsleitstelle weiter. Oder der Fahrer sagte eben, dass es sich um einen Fehlalarm handelte, was in der Praxis oft vorkam. Deshalb wurde diese Lösung schon nach einem Jahr vom Markt genommen.

BMW ist der erste Motorradhersteller, der den eCall für seine Motorräder serienmäßig anbietet, und zwar als Sonderausstattung. Erstes Modell war der 6-Zylinder-Reisetourer K1600 im Jahr 2016. Heute wird die Lösung fast im gesamten Fahrzeugportfolio angeboten. Je nach Modell entscheiden sich zwischen 70 und 95 Prozent der Käufer für den intelligenten Notruf „ECALL“, wie BMW sein System nennt. Je teurer die Maschine, umso häufiger wird der Notruf mitgekauft, der 325 Euro extra kostet. Diese Lösung nimmt im Falle eines Unfalls automatisch Kontakt zum BMW-Callcenter auf, um die Rettungskette zu aktivieren und – sofern möglich – ein Gespräch mit dem Betroffenen aufzubauen. Das System kann im Fall der Fälle auch manuell ausgelöst werden. Nach Aktivierung sendet es die Koordinaten des Fahrzeugs an das Callcenter. Über Sensoren am Motorrad werden die Auswirkungen des Zusammenstoßes und die Lagesituation des Motorrads ermittelt, sodass Unfälle zuverlässig erkannt und von motorradtypischen Fahrsituationen wie Schräglagen abgegrenzt werden können. Eine Grafik im Display und ein akustisches Signal weisen den Motorradfahrer darauf hin, dass ein Notruf abgesetzt wurde. Lautsprecher und Mikrofon sind fahrzeugfest am rechten Lenker verbaut. Eine Nachrüstung ist nicht möglich.

Der SOS-Schalter des BMW-Systems stellt eine Verbindung zum hauseigenen Callcenter her. Bei Bedarf benachrichtigen die Mitarbeiter den Rettungs­dienst
Der SOS-Schalter des BMW-Systems stellt eine Verbindung zum hauseigenen Callcenter her. Bei Bedarf benachrichtigen die Mitarbeiter den Rettungs­dienst

Eine solche bietet der zweite bedeutende Anbieter von eCall für Motorräder, das Elektronikunternehmen digades aus Zittau mit seinem nachrüstbaren Notrufsystem dguard an. Es kam ebenfalls 2016 auf den Markt und wurde bei seiner Vorstellung auf der Motorradmesse EICMA in Mailand 2015 als Produkt des Jahres gekürt. Es funktioniert technisch im Prinzip wie die Lösung von BMW, allerdings werden Notrufe direkt zur Rettungsleitstelle abgesetzt und es fehlt die Sprachanbindung mit einem am Motorrad verbauten Mikrofon und Lautsprecher. Wegen dieses Mankos – fehlender Sprachanbindung und nicht vorhandener Wahlmöglichkeit zwischen offiziellem und privatem Notruf – werden beide Systeme nicht offiziell von der EU als Notruflösung anerkannt. Digades war schon 2016 Mitglied in einem von der EU-geförderten Projekt für eCall-Systeme an Motorrädern. „Das führte unter anderem zu der Erkenntnis, dass Sprach­anbindung am Motorrad wenig Sinn ergibt aufgrund der potenziellen Trennung von Mensch und Maschine nach einem Sturz“, sagt Christoph Lebelt, Leiter des Produktmanagements von digades.

Bislang kostet dguard 569 Euro, plus ein bis zwei Stunden Montage bei einem autorisierten Fachhändler, ein Selbsteinbau ist nicht möglich. Das soll sich nun ändern: Im Frühjahr kommt ein neues System auf den Markt, das in etwa einer Stunde selbst eingebaut werden kann und etwa 500 Euro kosten wird. In EU-weiten Forschungsprojekten wird das Thema Sprachverbindung derzeit neu diskutiert. Beteiligt an Projekten sind auch digades und Bosch. Mit Bosch kommt nun ein weiterer Anbieter von eCall-Lösungen für Motorräder auf den Markt. „Unser System ist einsatzbereit, wir sind im Gespräch mit Herstellern“, sagt Unfallforscher Lich. Bosch will als Zulieferer seine Lösung direkt bei den Motorradbauern unterbringen, wie Lichtmaschinen oder das ABS. Harley-Davidson arbeitet aktuell nicht an einem eCall, teilt die deutsche Pressestelle auf Nachfrage mit.
 



Das Grundprinzip

Welche Daten werden bei eCall übermittelt?
  • Zeitpunkt des Unfalls
  • Auslöseart: manuell oder automatisch
  • die 17-stellige Fahrzeugidentifizierungsnummer (FIN)
  • Antriebsart (z. B. Benzin, Diesel, Gas, Elektro) und Fahrzeugklasse
  • Fahrzeugposition
  • die letzten zwei Fahrzeugpositionen (Längen- und Breitengradunterschiede in Bezug zur aktuellen Fahrzeugposition)
  • Fahrtrichtung des Autos
  • Anzahl der Insassen (wenn Sicherheitsgurte angelegt)
  • optionale Zusatzdaten (nicht festgelegt; können beispielsweise eine (IP-)Adresse enthalten, unter der weitere relevante Daten oder Funktionen abrufbar sind)
 

Wie funktionieren die Notrufe?

eCall
Ein eCall ist ein Notrufsystem, das eigenständig und damit unabhängig vom restlichen Fahrzeug funktioniert. Man kann es als ein schlafendes System bezeichnen, das nur im Notfall automatisch oder manuell ausgelöst wird. Es besteht aus einem Modul für den Mobilfunk zur Datenübertragung einschließlich Positionserkennung mittels GPS, Sensoren und einem Bedienelement am Lenkergriff. Sensoren erkennen Beschleunigungen, Geschwindigkeiten, Neigungswinkel, ein Algorithmus wertet diese Informationen aus, verknüpft sie und erkennt so, ob ein Unfall vorliegt. Wird ein Crash erkannt, erfolgt der Notruf.

„BikerSOS“
Der österreichische Hersteller „BikerSOS“ bietet eine App an, die die Sensoren des Handys überprüft. Auch anhand dieser Daten kann ein möglicher Unfall erkannt und ein Notruf abgesetzt werden. Die App kostet monatlich 9,99 Euro.
www.bikersos.com

„Ellr“
Auf einem ähnlichen Prinzip basiert das System „Ellr“. Das kleine Gerät lässt sich an jedem Motorrad installieren und verfügt über GPS und eine globale SIM-Card. Auch dieses Gerät erkennt Unfälle durch Datenauswertung. Antwortet der Fahrer nicht, bekommen andere Nutzer der App, die sich in der Nähe befinden, eine Nachricht. Bald soll eine Version mit automatischem eCall folgen. Das Gerät kostet 389 Euro, die App ist kostenlos, sodass jeder „Schutzengel“ für Biker werden kann.
www.ellr.bike/de

 
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