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Ja, auch Harleys hatten mal Vergaser. Selbst die Twin Cams wurden in den ersten Jahren auf diese Weise befüttert
Es fing an mit tropfendem Benzin. Der Kraftstoff lief aus dem Vergaser einer betagten Twin Cam. Kein Grund zur Panik. Christian Denstedt von Maniac Mechanix gab mit lässiger Miene seinen Tipp ab: Es dürfte das Nadelventil des Schwimmers sein. Ist es undicht, läuft mehr Benzin nach, als der Motor braucht. Die Schwimmerkammer läuft über.

Infokasten
Vergaserschema: Für Bilder zu den einzelnen erklärten Schritten ladet die Galerie durch einen Klick auf das große Bild oben!

So was kommt öfter vor, wenn das Motorrad älter ist. Und wenn er den Vergaser dafür schon rausnehmen müsste, wollte Christian in jedem Fall auch alle anderen Dichtungen überprüfen. Kunststoffe altern wie Menschen – und wenn einer die ersten Falten zeigt, sind seine Kumpel mit ziemlicher Sicherheit auch bald dran.

Benzinhahn schließen

Wir durften dem Mann von Maniac Mechanix in seiner Werkstatt über die Schulter schauen. Sein Job beginnt mit Dingen, die Harley-Fahrer der letzten zehn Jahre schon gar nicht mehr kennen: Christian muss den Benzinhahn schließen und einen Choke-Hebel lösen.
Ja, auch wir haben längst vergessen, dass die ersten Twin Cams noch mit Vergaser liefen, und zwar von 1999 bis 2004. Es steckten Keihin-CV-Vergaser drin. Ein Modell, das auch in den Sportstern und den letzten Evos steckte – die Gehäuse sind identisch, nur die Durchmesser der Düsen den Motoren angepasst. Das macht den Ausbau und die Überholung eines Vergasers zur Routinetätigkeit. Luftfilter ab, dann lässt der Vergaser sich vom Ansaugflansch, Harley-Fahrer nennen ihn „Manifold“, abnehmen. Aber noch hängt er an den Zügen. Die neueren Vergaser haben zwei Züge, eine Rückholfeder genügt nicht mehr. Da wird es also ein bisschen fummeliger.
Bevor die Schwimmerkammer ab kann, muss auch noch der Hebel für die Beschleunigerpumpe ausgehängt werden. Eine Beschleunigerpumpe hat nicht jeder Vergaser, der Keihin hat sie. Beim Aufdrehen des Gashebels wird mittels einer Membran ein eigenes Gehäuse in der Schwimmerkammer unter Druck gesetzt. Kurz spritzt zusätzliches Benzin in den Ansaugtrakt. Das hilft dem Motor für den Beschleunigungsvorgang auf die Sprünge. Auch die Membran der Beschleunigerpumpe ist aus Kunststoff und sollte gleich überprüft und gegebenenfalls ausgetauscht werden.
Jetzt noch ein kurzer Blick in die Düsen: Leerlaufdüse und Düsenstock für die Schiebernadel rausnehmen, gegen das Licht halten und bei Bedarf ausblasen.

Austausch der Nadel

Am Fuß der Achse des Schwimmers befindet sich eine Pfeil-Markierung. Sie gibt an, in welche Richtung die Achse mit einem Treiber ausgeschlagen werden muss; dann habt ihr Schwimmer und Nadel in der Hand. Lesebrille aufgesetzt, und siehe: Der Nadelkegel hat tatsächlich deutliche Riefen; dort, wo er am Rand des Benzineinlasses immer wieder aufsetzt und sich dadurch abnutzt. Da hilft nichts, das kann nicht mehr geglättet werden. Die Nadel muss ausgetauscht werden.
Was dann zu tun ist, geht nur bei Harley. Die Nivellierung der Nadel erfolgt normalerweise direkt am Benzin: Der Vergaser wird an den Schlauch gesteckt und wenn der Schwimmer waagerecht ist, darf kein Benzin mehr rausfließen. Andernfalls muss die kleine Metallzunge am Schwimmer nachgebogen werden. Stattdessen kann der Vergaser auch auf eine schiefe Ebene von 20 Grad gelegt werden. Der Abstand vom Schwimmerboden zum Vergasergehäuse muss dann bei 11 Millimetern liegen. Andernfalls wird wiederum die Metallzunge nachgebogen.
Alle Düsen wieder rein, Schwimmerkammerdichtung bei Bedarf austauschen, Schwimmerkammer festschrauben und Gestänge der Beschleunigerpumpe fixieren. Das war’s.

Weiter am oberen Ende

Zumindest war’s das am unteren Ende des Vergasers. Aber oben, unterm Dom des Vergasers, ist auch noch was aus Kunststoff. Wir werfen einen kurzen Blick auf die Membran, die zwischen Vergasergehäuse und Schieber gestülpt ist. Unwilligkeiten in der Gasannahme sind oft auf eine undichte oder eingerissene Membran zurückzuführen, die den Schieber durch den Sog im Brennraum anhebt. Ist sie undicht, geht der Schieber nicht hoch. Da kann der Motor noch so drehen und saugen. Beim Zusammensetzen ist unbedingt auf einen sauberen Einbau der Membran zu achten, die unter dem Dom nirgendwo faltig zusammengequetscht werden darf.
Vor dem Einbau des Vergasers solltet ihr auch die Flansch-Dichtung erneuern. So nah an den Zylindern ist es heiß, auch diese Dichtung wird schnell porös. Dann folgt das fröhliche Fummeln mit Einspannen der Bowdenzüge.

Vergaser einstellen

Abschluss ist die Einstellung des Vergasers. Zum Glück hat er dafür nur zwei Schrauben. Die Leerlaufgemischschraube reguliert das Verhältnis von Luft und Kraftstoff im Leerlauf. Die Drosselklappenanschlagschraube regelt schließlich die Höhe der Leerlaufdrehzahl.
Die Grundeinstellung der Leerlaufgemischschraube: Wenn sie vollständig eingedreht ist, wieder drei Umdrehungen zurück, dann wird der Motor zumindest anspringen. Ist der Motor erst einmal warmgelaufen und der Choke zurückgestellt, müsst ihr mit der Leerlaufgemischschraube die Einstellung finden, unter der der Motor am höchsten dreht. Dann wird mit der Drosselklappenanschlagschraube die endgültige Leerlaufdrehzahl fixiert.
Christian von Maniac Mechanix rät anschließend: Für die erste Probefahrt nehmt ihr am besten noch die Schraubendreher mit, denn mit dem Leatherman werdet ihr bei der Feineinstellung nicht glücklich.

Kontakt
Maniac Mechanix
Hahngasse 6
55457 Gensingen
Tel. 0174 3286661
www.maniacmechanix.de
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