Road Rod

07.09.2018  |  Text: Ahlsdorf  |   Bilder: Tobias Kirchner
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Road Rod
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Wie kriegt man eine V-Rod tourentauglich? Mit der rahmenfesten Verkleidung einer Road Glide!
Die besten Ideen sind immer geklaut. Im Jahr 2014 stand auf einem kleinen Bikertreffen, dessen Namen wir nicht nennen, eine sagenhaft tiefgelegte V-Rod mit einer Electra-Glide-Fairing. Das brachte Ahlsdorf auf weiterführende Gedanken: Wenn eine Batwing-Fairing dieser V-Rod so gut steht, dann müsste sich mit einer Road-Glide-Fairing doch auch ein cooler Tourer draus machen lassen? Dahinter steckten weitere Überlegungen: Die in der Szene kaum geliebte V-Rod war lange Zeit die bessere Harley, das wollte nur keiner zugeben. Die V-Rod bollerte herzhafter als jeder Twin Cam mit Ausgleichswelle, darüber hinaus bot sie mehr Druck und Dampf. Vor allem ihr Drehmomentcharakter war beeindruckend. Sie verfügte über ein damals sensationelles Drehmomentplateau: In einem Bereich von 3000 Umdrehungen lag durchgehend eine geradlinige Leistung an. Das Drehmomentplateau lag im Bereich zwischen 5000 und 8000 Umdrehungen. Deshalb wollte die V-Rod gequirlt werden. Motorlayout und das Fahrwerk prädestinierten sie wiederum zu einem Musclecruiser der besonderen Art. Ihr eigentliches Jagdrevier war die deutsche Autobahn, da, wo es geradeaus geht und wo keine Geschwindigkeitsbegrenzung gilt. Nur lange hielt das keiner durch, fürs Touren war die V-Rod nicht angelegt. Den Winddruck von 230 km/h Höchstgeschwindigkeit steckte kein noch so gut trainierter Biker weg und Stauraum für Gepäck bot der Musclecruiser schon gar nicht.



Eine der letzten V-Rods

Ahlsdorf hasst Kurven, legt aber immer wieder lange Strecken auf der Autobahn zurück. Dafür wollte er genau das, eine V-Rod mit Road-Glide-Verkleidung. Er wollte eine Road Rod. Mit einer der letzten V-Rods aus dem Pressefuhrpark und einem langen Gespräch mit Stephan Beringer von Harley-Davidson Bergstraße fing es an. Beringer zeigte sich begeistert. Er hatte es schon immer bedauert, dass niemand in der Company den Mut fand, so ein Projekt mit diesem Motor anzugehen. Schon im Jahr 2012 hatte Beringer in Denver einen V-Rod-Tourer-Umbau von Cycle Visons bewundert. Und da kreuzte Ahlsdorf ein paar Jahre später mit der gleichen Idee auf. Ein paar Verzögerungen waren dem Projekt in die Wiege gelegt, denn die V-Rod fand erst im Januar ihren Weg in die Hallen der Niederlassung Bergstraße. Die ursprünglich anvisierte Fertigstellung zum 30. März verzögerte sich immer wieder um Wochen, weil Teile aus den USA nicht kamen und weil für die Koffer ein kompletter Halterungskäfig zusammengeschweißt werden musste.

Sechs Wochen später aber rollte die Road Rod endlich aus dem Hangar. Wie also würde sie auf dem Highway bestehen? Der Highway ist in Deutschland eine Autobahn, auf der Hälfte ihres Streckennetzes sogar immer noch ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Die auf dem Papier angegebenen 230 km/h Höchstgeschwindigkeit würde Ahlsdorf wirklich ausreizen.

Die Aussparungen in den Koffern sind für die E-Glide angelegt. Zur V-Rod passen sie nicht, und so baut die Road Rod hinten etwas breiter

Fahrtest unter Spannung

Weil in Deutschland noch niemand dieses Projekt in Angriff genommen hat, blieb es bis zum Schluss spannend. Zu unwägbar sind die aufeinander wirkenden Faktoren von Fahrwerksgeometrie, Fahrwerksabstimmungen und aerodynamischen Komponenten. Schon ein Satz Koffer kann dem ganzen Motorrad ein völlig anderes Fahrverhalten geben, obendrein abhängig davon, ob die Koffer beladen sind oder nicht. Selbst die K 1600, der eigentlich perfekte Sechszylinder-Übertourer von BMW, kann mit einem untergewichtigen Fahrer und einem leeren Topcase bei 180 Sachen ins Schlingern kommen.

Die Spannung löste sich auf den ersten Kilometern durch langsames Herantasten an die Höchstgeschwindigkeit. Die Road Rod hielt bretthart ihre Spur ein, kein Schlingern, kein Aufbäumen. Selbst dicht hinter Autos gab sie sich gusseisern. Das war die Nagelprobe, denn größtes Problem sind auf unseren überfüllten Autobahnen die Verwirbelungen hinter vorausfahrenden Fahrzeugen. Sie machen vor allem Motorrädern zu schaffen, deren Verkleidungen am Lenker montiert sind. Typisch im Fall von E-Glides, deren Lenker hinter einem Lastwagen flattern und die Fuhre ins Schlingern bringen. Anders im Fall dieser Road-Glide-Verkleidung aus der vorletzten Generation der Jahre 1998 bis 2013. Weil sie fest mit dem Rahmen verschraubt ist, finden Verwirbelungen keinen Hebel zum Zupacken. Bemerkenswert auch der Frieden hinter der Verkleidung. Ältere Fairings verdarben ihren Fahrern oft die Laune, weil die Verwirbelungen hinter der Scheibe den Helm des Fahrers beutelten und prügelten. Sie sind an der Road Rod nicht eliminiert, aber doch erträglich und nur bei offenem Helm zu spüren.

Mit Floorboards werden lange Touren bequemer

Die kleinen Details

Die V-Rod muss man lieben, um einen Tourer auf ihrer Basis zu verstehen. Der hintere Reifen bleibt 240 Millimeter breit und so bleibt es weiterhin Arbeit, sie in die Schräglage zu hebeln. Auch das Anpeilen von Bordsteinkanten ist eine Herausforderung. Schräg angefahren bleibt die Kontaktaufnahme zwischen Reifen und Kante immer eine Überraschung. Im mentalen Tourermodus der Gemütlichlichkeit wird die Fahrwerksabstimmung ebenfalls zur Überraschung. In der regulären Abstimmung fährt die Road Rod sich zu hart, jede Teernaht quittiert sie bei hohen Geschwindigkeiten wie ein Starrrahmen. Der Wendekreis ist beschränkt, weil der Lenkkopfanschlag wegen der Verkleidung verengt werden musste. An der Verkleidung liegt es auch, dass dieser V-Rod-Tourer auf Basis einer VRSCF „Muscle“ nun mit einem Lenker der VRSCDX „Night Rod“ fährt. In jedem Fall sinnvoll sind die Floorboards, also Trittbretter statt Fußrasten. Lange Fahrten werden damit bequemer. Feintuning? Klar, ein Einzelstück erfordert das immer, aber es geht auch ohne. Die Koffer kommen von regulären E-Glides, deren Aussparungen für die Federbeine natürlich an einer völlig anderen Stelle liegen, als sie für die V-Rod erforderlich wären. Dieses Modell baut hinten deshalb etwas breit, was immerhin das wuchtige Frontend optisch ausgleicht. Überhaupt ist die Heckansicht der Programmpunkt für die nächste Schraubersaison.

Ein einzigartiger Tourer

Ihr seht, auch mit einer geklauten Idee muss man noch genügend eigenes Hirnschmalz investieren. Ahlsdorfs V-Rod ist was anderes geworden als das tief liegende Showbike des kleinen Chopper-Treffens, dessen Namen wir nicht nennen. Aber der V-Rod-Tourer hat einen Namen, wir hatten ihn schon genannt: Er heißt Road Rod.
 

TECHNISCHE DATEN
V-Rod Muscle VRSCF, Bj.: 2016

Motor

Hubraum: 1247 ccm

Bohrung x Hub: 105 x 72 mm

Verdichtung: 11,5 : 1

Leistung: 121 PS

Drehmoment : 115 Nm / 6500 U/min

Gemischaufbereitung: Elektronisch geregelte Einspritzung, 53 mm

Kupplung: Mehrscheibenkupplung, Ölbad

Getriebe: Fünfgang

Sekundärantrieb: Zahnriemen

Fahrwerk

Rahmen: Doppelschleife Stahlrohr, verschraubte Unterzüge

Frontend: Telegabel Upside-down, 43 mm

Lenker: Night Rod Special

Verkleidung: Road-Glide-Fairing Modell 98-13

Heck: Schwinge mit zwei Federbeinen, Rahmenkäfig für Koffer

Lenkkopfwinkel: 34°

Nachlauf: 142 mm

Bremsen vo.:  zwei Scheiben, 300 mm, Vierkolbenfestsattel
hi.:  eine Scheibe, 300 mm, Vierkolbenfestsattel

Räder vo.: 19 x 3,00 Leichtmetallguss
hi.:  18 x 8,00 Leichtmetallguss

Reifen vo.: Michelin Scorcher 11, 120/70 ZR19
hi.: Michelin Scorcher 11, 240/40 R18

Sonstiges

Fahrgewicht vollgetankt: 345 kg

Tankinhalt: 18,9 l

Länge: 2450 mm (Serie: 2410 mm)

Breite: 1150 mm (Serie: 950 mm)

Höhe: 1360 mm (Serie: 1130 mm)

Sitzhöhe: 705 mm

Radstand: 1700 mm

Wendekreis: 7,42 m

Kontakt

Harley-Davidson Bergstraße
Neuwiesenfeld 5
64625 Bensheim
Tel 06251 - 13 88 77-0
www.harley-davidson-bergstrasse.de

Zuerst erschienen in BIKERS NEWS 09/2017
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Stand:26 September 2018 08:26:27/bikes/technik/road+rod_18906.html