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Legale Rohre gehen heute nur noch mit Hochtechnologie. Wir durften die Schalldämpfer von Jekill & Hyde mal öffnen
Die erste Anlage war wie aus Ofenrohren zusammengeschweißt. Aber sie offenbarte deutlich das Prinzip. Lärm und Abgase eines Motorrades hatten zwei Wege, um aus dem Auspuff zu entweichen: Entweder ging’s geradeaus durch die Mitte, das aber nur, wenn dort eine Klappe geöffnet war. War die Klappe geschlossen, musste der Druck sich durch ein Labyrinth von Umleitungen und Lochplatten winden. Das machte den Schalldämpfer leiser, kostete aber auch Leistung.

Eine frühe „Jekill & Hyde“-Anlage. Die Ausführung war sehr grobschlächtig, aber das Wirkungsprinzip ist deutlich zu erkennen
Eine frühe „Jekill & Hyde“-Anlage. Die Ausführung war sehr grobschlächtig, aber das Wirkungsprinzip ist deutlich zu erkennen

Ihren Zweck erfüllte die Anlage trotzdem. Sie managte den Sound des Motorrades, denn sie schloss das geradlinige Rohr während der Fahrzustände, die der Gesetzgeber für eine Lärmmessung vorgesehen hatte. Diese Messpunkte waren mit Geschwindigkeit, Drehzahlen und eingelegtem Gang gesetzlich definiert. Außerhalb dieser Messpunkte – und damit in den meisten Fahrzuständen – öffnete sich die Klappe und das Bike fuhr wieder unter vollem Sound. Das war völlig legal, denn die elektronische Motorregelung ermöglichte eine entsprechende Steuerung. Deshalb nannte man das „elektronisches Soundmanagement“.

Was in Zukunft verboten ist

Die ab dem 1. Januar 2017 wirksamen Richtlinien von Euro 4 haben die gesetzlichen Werte und die Messmethoden verschärft. Die Messungen unterliegen noch komplizierteren Algorithmen und die zulässige Lautstärke wurde um ein paar Dezibel gesenkt. Das Prinzip aber ist das gleiche und deshalb ist Soundmanagement auch noch immer legal.
Nicht mehr legal sind manuell verstellbare Anlagen, die sich per Hebel oder Knopfdruck durchgängig öffnen lassen. Auch sogenannte „DB-Eater“, die nach Belieben herausgeschraubt werden können, sind nicht mehr zulässig.

Übersicht Euro 4
Übersicht Euro 4

Damit sitzen einige Hersteller, die bisher an solchen Nachrüstanlagen ganz gut verdient haben, in Zukunft auf dem Trockenen, denn keine normale Werkstatt kann ein elektronisch geregeltes Soundmanagement selbst herstellen. Das liegt vor allem an der Software, die dieses Management regelt. Die Messgeräte sind kaum zu bezahlen, die mehrtägigen Messläufe auch nicht.
Auch hinter der Hardware der Mechanik steckt ein über Jahrzehnte zusammengetragenes Know-how. Es befindet sich in den Händen einiger weniger großer Hersteller, die es nun sorgfältig hüten.


Werbeclip von Jekill & Hyde aus dem Jahre 2011

Die Holländer von Jekill & Hyde gehören zu den Großen. Sie hatten im Jahr 1997 angefangen und schnell den viel größeren deutschen Markt entdeckt. Mittlerweile verkauft Jekill & Hyde in die ganze Welt. Von ihnen kommt die eingangs geschilderte Anlage, die genau genommen nicht die erste war, sondern die zweite. Deren Schnittmodell steht nun im eigens eingerichteten Showroom des Hauses.

Schalldämpfer nach altem Rezept

An dem frühen Modell von Jekill & Hyde aus den späten Neunzigerjahren lässt sich die Entwicklung ablesen, die sich an der Schalldämpfertechnik rund ums Soundmanagement vollzogen hat. Ein paar der Geheimnisse hat Jekill & Hyde nun preisgegeben. Wir erklären sie euch.
Die alte Schule des klassischen „Motorradauspuffs“ kannte im Wesentlichen zwei Techniken, um Schall zu dämpfen: Die Reflexion und die Absorption. Die Reflexion ließ Abgase und Schall an einem Labyrinth von Blechen abprallen. Der derart verlängerte und vor allem immer wieder gebrochene Weg der Abgase dämpfte auch den Schall. Die Absorption wiederum „verschluckt“ den Schall. Das erledigte in den Weg gestopfte Watte oder Stahlwolle. Auch so fand eigentlich Reflexion statt, aber nur im viel kleineren Maßstab des Wollgeflechts. Beide Methoden schlucken nicht nur Schall, sondern auch Leistung. Ein Motor wird damit von hinten schlichtweg zugestopft.
Jekill & Hyde hat im Lauf der Jahre neue Wege für Abgase und Schall gefunden. Die holländischen Hersteller versprechen mit ihren Systemen nicht nur völlige Legalität, sondern vor allem keine Leistungsverluste – zumindest sollen sie kaum messbar sein und sich innerhalb der gesetzlichen Toleranzen bewegen. Bei manuell verstellbaren Anlagen kann es sich dagegen schon mal um fünf oder mehr Pferdchen handeln, die unter geschlossener Klappe verloren gehen.

Besserer Sound – gleiche Leistung

Wie man Leistungsverluste vermeidet? In den modernen Schalldämpfern findet bei genauer Betrachtung keine Reflexion mehr statt. Die Wege sind geglättet. Eingebaute Schwellen sind beabsichtigt und dienen wie in einem Düsentriebwerk der strömungstechnischen Optimierung.

Eine moderne „Jekill & Hyde“-Anlage. Das Prinzip gleicht der alten Anlage, aber die strömungstechnischen Optimierungen sind deutlich zu erkennen. Der Weg des gedämpften Schalls (blau) wird durch keine Kanten gebrochen. Die außenliegende Wolle absorbiert Lärm und hohe FrequenzenStrömungstechnisch optimiert: Rot ist der Weg des Schalls bei geöffneter Klappe. Der blaue Weg bei geschlossener Klappe ist fast genauso geradlinig

Das gilt auch für den neuen Schalldämpfer für BMWs. Der erweckt auf den ersten Blick den Eindruck von Reflexionstechnik, denn drinnen wird der Schall bei geschlossener Klappe über einen Zickzack-Kurs in ein darüber liegendes Rohr geleitet. Dorthin wird er aber nur „um“-geleitet, zumal er sich zuvor in einer großen Kammer ausdehnen konnte. Auch die Ausdehnung verhindert ein Ausbremsen des Strömungsflusses und Volumen braucht ein guter Klang sowieso.

Die Anlage für BMWs vereinigt Reflexions- und Absorptionstechniken
Der neueste Schalldämpfer (2016) für BMWs

Und dann offenbart der BMW-Schalldämpfer noch ein weiteres Geheimnis, das ebenso für die geradlinigen Schalldämpfer gilt: Beide Schalldämpfer sind von perforierten Blechen und dahinter liegender Wolle ummantelt. Was dort stattfindet, ist Absorption im besseren Sinne. Der Schall bricht sich nicht daran, sondern er wird im Vorüberströmen verschluckt, ohne dass sein Fluss behindert wird. Gleichzeitig eliminiert die Wolle die hohen und blechernen Frequenzen, die das unangenehme Hörgefühl erzeugen – übrig bleiben die satten, dumpfen Bässe.
Zu diesem Sound tragen darüber hinaus die massiven Endkappen bei. Sie müssen massiv sein, um einen hohlen, blechernen Klang zu vermeiden. Im Gegensatz zum restlichen Auspuff sind die Endkappen aber nicht aus Edelstahl, sondern aus Aluminium gefertigt. Massiver Edelstahl wäre da einfach zu schwer.

Geheimnisse haben ihren Preis

Auch das ist eines der Geheimnisse, die so selten preisgegeben werden. Sie gehören zu dem Know-how, das die Hersteller von Nachrüstanlagen sich über Jahrzehnte erarbeitet haben.
Eine vollständige Anlage könnt ihr inzwischen sowieso nicht mehr selbst bauen, denn zur Hardware der Mechanik kommt die Software der Klappensteuerung. Und die ist noch teurer: Allein das dafür erforderliche Messgerät kostet 25.000 Euro. Es ist während der Prüffahrten auf dem Motorrad mitzuführen und enthält deshalb so ganz nebenbei ein GPS und einen Beschleunigungsmesser. Wo es das zu kaufen gibt? Die Jungs von Jekill & Hyde verraten es nicht.
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