Technik: Bike-Wiederbelebung

03.10.2018  |  Text: Gau  |   Bilder: Gau
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Technik: Bike-Wiederbelebung
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Wenn’s um Ladys geht, zieht ein Biker sogar den alten Trick mit der Mischmaschine aus dem Ärmel
Es reichten ein paar Augenzwinkerer von Doris, um unseren österreichischen Reporter Gau zum Wiederbeleben ihres Motorrads zu bewegen. Vor zehn Jahren hatte die Lady das letzte Mal auf ihrem Bike gesessen. Verkaufen wollte sie es damals nicht, denn sie und ihre ER-5 hatten bis dahin eine tolle Zeit miteinander verbracht. Also tankte sie zum letzten Mal voll, füllte Luft in die Reifen und verfrachtete die Kawa in einen Schuppen. Irgendwann würde sie ja wieder fahren wollen. Das „Irgendwann“ kam zehn Jahre danach.

Dazu müssen wir jetzt nix schreiben, machen wir einfach mal sauber
Dazu müssen wir jetzt nix schreiben, machen wir einfach mal sauber

Batterie rein, aufsteigen und losfahren? Gau merkte schnell, dass mehr zu tun sein würde. Bereits der Abtransport des Bikes erwies sich als problematisch: Die Räder blockierten, Gau musste die kleine Kawa auf den Anhänger wuchten. In der Schrauberbude angekommen, befreite er das Motorrad erst mal von Millimeter hohem Staub. Das Bike stand die zehn Jahre zwar im Trockenen, allerdings im Lager einer Tischlerei. Nach der Grundreinigung kamen keine weiteren Überraschungen zum Vorschein – doch das war nur der erste Eindruck. Der Flugrost hatte einen Bremskolben festgesetzt. Die abgefahrenen Bremsbeläge warf Gau also in den Müll und setzte neue ein. Eine große Überraschung offenbarte sich bei der Bremsflüssigkeit: Das Messgerät vermeldete „Messung von reinem Wasser“. Klar, die alte Bremsflüssigkeit musste sowieso raus.

Bremsflüssigkeit zieht im Laufe der Zeit gerne Wasser und wird unbrauchbar. Bei unserer Kawa war von Bremsflüssigkeit gar nichts mehr übrig
Bremsflüssigkeit zieht im Laufe der Zeit gerne Wasser und wird unbrauchbar. Bei unserer Kawa war von Bremsflüssigkeit gar nichts mehr übrig

Das Profil der Reifen war noch tief genug, aber ihre Prägung kündete von der Produktionswoche 48 des Jahres 2005. Die Schlappen waren hart wie Holz, Gau zog neue auf. Abgeblätterter Lack am Motorblock zeugte von Winterfahrten, ebenso die festgefressenen Radlager. Auch hier mussten neue rein. Ein Motorservice ist nach so langer Standzeit selbstverständlich. Neben Öl- und Luftfilter sowie Zündkerzen wechselte unser Reporter natürlich auch das Öl.

Immer diese Zahlencodes: In alle Reifen sind Woche und Jahr der Produktion gestanzt – hier ist es die Kalenderwoche 48 des Jahres 2005
Immer diese Zahlencodes: In alle Reifen sind Woche und Jahr der Produktion gestanzt – hier ist es die Kalenderwoche 48 des Jahres 2005

Das Hauptproblem war, wie so oft, der Kraftstoff. Der Tankdeckel ließ sich nicht sperren, Rost und Harz steckten im Inneren der Verriegelung. Zwei Tage lang sprühte Gau Rostlöser in das Schloss. Endlich zeigte das MOS2 seine Wirkung, der Sperrzapfen bewegte sich. Aber das Benzin hatte sich nach zehn Jahren in eine übel stinkende Brühe verwandelt. Die Plörre hatte sich verhärtet und an der Wand des Tanks abgelegt. Also zerlegte Gau den Tankdeckel in seine Einzelteile, um ihn zu reinigen und zu schmieren.

Der alte Trick: Mit einer Handvoll Granulat ist ein Tank schnell von Rost und Ablagerungen befreit. Einfach rein damit
Der alte Trick: Mit einer Handvoll Granulat ist ein Tank schnell von Rost und Ablagerungen befreit. Einfach rein damit

Es folgte der Klassiker für alle Biker-Stammtische: Die Reinigung des innen verrosteten Tanks. Gau füllte den Tank mit Schleifsteinen und verzurrte ihn an einer Mischmaschine. Damit dem guten Stück nichts passiert, hatte er es zuvor in Schaumgummimatten verpackt. Langsam lief die Mischmaschine an. Das brachte die Schleifsteine in Bewegung, und das löste alle Ablagerungen. Zwischendurch spülte Gau immer die Ablagerungen mit Wasser heraus. Nach gut zwei Stunden war der Tank innen so sauber, dass Gau mit Chemikalien loslegen konnte. Er entfettete den Tank und beschichtete ihn innen mit Speziallack.

Eine Mischmaschine bringt die Steine ins Rollen
Eine Mischmaschine bringt die Steine ins Rollen

Ein ähnliches Bild gab der Vergaser ab: Auch hier ging nichts mehr. Sprit stand sowohl im Luftfilterkasten als auch in den geschlossenen Ventilen. Alle beweglichen Teile waren festgefressen und mit einer gelb-grünen Schicht aus altem Benzin überzogen. Hier half das neue Biker-Hausmittel von Doktor Gau: Backpulver! In der Februar-Ausgabe hatten wir die Methode ausführlich vorgestellt. Ähnlich schäumend verliefen die Arbeiten am Benzinhahn. Alle Kanäle waren dicht, ein kurzes Bad in heißem Wasser und Backpulver machte sie wieder frei.


Ein kurzes Bad in heißem Wasser und Backpulver machte alles wieder wie neu

Der letzte Arbeitsschritt diente der Optik. Mithilfe von Chrompolitur, Kunststoffpflegemitteln, Schwämmen, Putzlappen und Reinigern brachte Gau das Bike auch äußerlich wieder auf Vordermann. Fehlte nur noch eine neue Batterie. Dann folgte der Fahrtest. Ein kurzer Druck auf den Startknopf, und schon lief die kleine Kawa wie am ersten Tag.

Nach der Kur: Dem Bike und der Besitzerin sieht man die zehnjährige Standzeit nicht an
Nach der Kur: Dem Bike und der Besitzerin sieht man die zehnjährige Standzeit nicht an

Doris nahm das Bike freudig erregt wieder in Empfang. Tja, früher bedankten sich die Mädels mit einem Busserl, wenn die Jungs ihnen die Fahrradreifen flickten. Das ist ja der Sinn solcher Übungen. Was unser Gau erlebte, das ist eine andere Geschichte …

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 12/2015
 
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Stand:11 December 2018 00:55:36/bikes/technik/technik+bike-wiederbelebung_18912.html