Technik: Einspeichen

22.08.2018  |  Text: Ahlsdorf  |   Bilder: Ahlsdorf/Westhöfer
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Technik: Einspeichen
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Was ist an den Horrorgeschichten dran, die rund ums Einspeichen von Rädern kreisen? Wir haben es mal selbst probiert
Horrorgeschichten kreisen rund um das Einspeichen von Rädern. Stimmen sie? Wir wollten es genauer wissen. Zur Übung haben wir uns das 21-Zoll-Vorder­rad einer betagten XT 500 gegriffen, daran konnten wir nicht viel falsch machen. Eine kurze innere Einkehr ist vor Beginn der Arbeiten trotzdem sinnvoll. Bevor wir das alte Rad auseinandernehmen, fotografieren wir deshalb die Lage seiner Speichen, vermessen es und vor allem bauen wir mit einer Glasplatte und kleinen Blöcken einen Richtbock.

Den Richtbock werden wir in den folgenden Arbeitsschritten immer wieder brauchen, um das Rad aufzulegen und zu justieren. Nabe und Felge liegen nämlich selten in einer Flucht. Im Fall der XT ragt die Nabe auf einer Seite der Felge exakt 22 Millimeter über die Felgenflucht hinaus. Mit entsprechenden Blockpaketen aus übereinander geschichteten Metallplatten und Unterlegscheiben von jeweils genau einem Millimeter Dicke lässt das komplette Rad sich passgenau ausrichten.

So gerüstet trennen wir die alten Speichen mit der Flex und fingern sie aus Nabe und Felge. Nach dem Lackieren und Polieren der beiden Komponenten können wir mit neuen Edelstahlspeichen ans Werk gehen. Die gibt’s problemlos bei Uli Beganer aus Altenberge. Zu beachten ist nur, dass die Speichen für den großen und den kleinen Nabenkranz nicht nur verschiedene Längen, sondern auch unterschiedliche Kröpfungen aufweisen.

Der Anfang ist entmutigend. Die Lochformen in der Felge erweisen sich aber als eindeutig. Jede Speichen­lage muss alle vier Löcher wiederholt werden. Hilfreich: Vor dem Zerlegen haben wir das alte Rad aus allen Perspektiven fotografiert.
Der Anfang ist entmutigend. Die Lochformen in der Felge erweisen sich aber als eindeutig. Jede Speichen­lage muss alle vier Löcher wiederholt werden.  Hilfreich: Vor dem Zerlegen haben wir das alte Rad aus allen Perspektiven fotografiert.



Das Zuordnen der Speichen in die passenden Felgenlöcher ist eine Geduldsprobe. Nur in der Draufsicht geschossene Fotos sind nicht immer eindeutig, manchmal hilft eine vorausschauend geschossene schräge Ansicht.

Überhaupt muss aufgepasst werden. Die Speichen am großen Nabenkranz müssen nicht nur über Kreuz, sondern auch abwechselnd von oben und unten eingefügt werden. Der Blick auf die erste einsame Speiche kann da entmutigen. Aber die Lochformen in der Felge erweisen sich als eindeutig. Ist die richtige Speichenlage erst gefunden, muss das Ganze einfach alle vier Löcher wiederholt werden.

Sind alle Speichen zugeordnet, schrauben wir die Nippel auf, zunächst jeweils nur bis das Speichengewinde vollständig überdeckt ist. Sind alle Nippel derart gesichert, ziehen wir sie mit der jeweils gleichen Umdrehung fest, bis im Rad nichts mehr wackelt oder klappert.

Weil das Rad dabei auf dem Glasscheibenbock liegt, ergibt sich eine ungefähre Stimmigkeit von ganz alleine: Etwas über zwei Zentimeter zwischen Naben- und Felgenflucht. Genauer wollen wir auch nicht sein, denn jetzt geht es an die Eliminierung von Seiten- und Höhenschlag. Dafür genügt der alte Auswuchtbock von Tante Louise. Inzwischen vertreibt Louis eine neuere Version mit Wasserwaage und eigenem Dorn. Kostet allerdings doppelt so viel wie die alte, die es für 50 Euro übrigens immer noch gibt. Wichtig ist für uns nur der Dorn. Wir improvisieren ihn mit einer alten Speiche und einer Schraubzwinge. Am Ende der Speiche lassen sich Seiten- und Höhenschlag der Felge leicht ablesen.

Wir gehen nach einem einfachen Schema vor: Macht ein Seitenschlag sich durch Kratzen am Dorn bemerkbar, ziehen wir ihn heraus, indem wir die Speiche, die am Nabenkranz unmittelbar gegenüber liegt, mit einer Umdrehung fester ziehen. Die benachbarten Speichen an der gleichen Nabenkranzseite ziehen wir dann noch jeweils eine halbe Umdrehung fester. Ähnlich verfahren wir im Fall des Höhenschlags, gegebenenfalls ziehen wir da die Speichen oberhalb der Achse nach dem gleichen Prinzip fester. Auch auf dem Richtbock lässt das Rad sich nach dem gleichen Schema anpassen.

All das kann in eine Geduldsprobe ausarten, muss es aber nicht. Eine alte Felge hat im Lauf ihres Lebens ohnehin schon genug Schläge abbekommen, um nicht mehr hundertpro rund und ebenmäßig zu sein. Hier gilt es nur, die zahllosen Beulen und Dellen durch genaue Sichtproben von den echten Seiten- und Höhenschlägen zu unterscheiden.

Als die Abweichungen unter einem halben Millimeter lagen, haben wir Schluss gemacht. Eine letzte Klangprobe an allen Speichen, dann konnten wir das Werk für gut befinden. Es hat uns drei Stunden Arbeitszeit gekostet, der Wellnessfaktor war als „meditativ“ einzustufen. Den Horrorgeschichten an den Stammtischen schenken wir von nun an keinen Glauben mehr.    «

Fertig! Die neu eingespeichte Felge auf dem Richtbock
Fertig! Die neu eingespeichte Felge auf dem Richtbock
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Stand:26 September 2018 08:26:24/bikes/technik/technik+einspeichen_18809.html