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Was passiert, wenn man seine Harley ohne den elektronischen „Keyless Go“-Zündschlüssel fährt? Wir wollten es genau wissen
Panik auf dem Parkplatz. Als wir mit den Bandidos quer durch Frankreich fahren, will unsere Indian nicht anspringen. Das Pack der Rocker fährt los, nur der Doofi von der BIKERS NEWS bleibt auf einer laut hupenden Roadmaster sitzen. Das Einzige, was läuft, ist die Alarmanlage.
Fast alle modernen Bikes verfügen heutzutage über ein sogenanntes „Keyless Go“-System. Statt eines Schlüssels liefern die Hersteller einen kleinen schwarzen Transponder, der auch „Fob“ genannt wird. Wenn die Elektronik des Motorrades dessen Signale empfängt, könnt ihr das Motorrad ohne Schlüssel starten. Oder auch nicht.
 
Fob
Ein Fob bezeichnet im Englischen eigentlich eine Uhrentasche oder einen Schlüsselanhänger. In der Technik wird dieses Wort auch für die Transponder gebraucht, die mit elektronischer Funkkommunikation den Zündkreislauf eines Fahrzeugs anstelle eines Schlüssels öffnen.
Die Batterie eines Fobs hält nicht ewig, sie sollte gelegentlich gewechselt werden – Harley-Davidson Bergstraße empfiehlt einen jährlichen Rhythmus.


 

Im Fall der Indian merken wir erst später, woran es liegt: Das Keyless Go funktioniert, wenn wir das Fob in der Brusttasche tragen – steckt es dagegen in der Hosentasche, ist die elektronische Kommunikation zwischen ihm und dem Motorrad Glückssache.
Shit happens. Die Reichweite eines Fobs ist begrenzt. Das Handbuch von Harley-Davidson nennt zum Beispiel anderthalb Meter, Stephan Maertz von der Harley-Technik dagegen „eine Armlänge“. Und dann hängt die Kommunikation tatsächlich auch von der Position des Fobs ab. Ist die Antenne des Bikes im Rückspiegel versteckt, dann kann der Empfang schon gestört sein, wenn der Besitzer hinter dem Spiegel – also vor dem Bike – steht.
Und wenn ihr das Fob nun gar nicht in der Tasche habt? Liegengelassen in der Garage und erst an der nächsten Tankstelle in Frankreich merkt ihr das? Oder ihr habt das Fob dabei, aber plötzlich ist seine Batterie leer? Wir wollten wissen, was dann passiert und haben alle denkbaren Probleme an einer 2017er Road King durchexerziert.

Die Harley lernt elektrisch

Das war gar nicht so einfach, denn Harley-Davidson schaltet seine Pressemotorräder bei Herausgabe vollständig frei. Wir brauchen das Fob also eigentlich gar nicht, weil wir unsere Bikes ja nur für Testfahrten verwenden und danach wieder brav in unserer Redaktionsgarage verschließen. Auch das ist mit modernen Zündanlagen möglich.
So mussten wir erstmal um die Ecke zu Harley-Davidson Bergstraße fahren, denn nur bei einem offiziellen Vertragshändler lassen die Systeme sich aktivieren und deaktivieren. Das geht schnell: Seitendeckel ab, Diagnosestecker angeschlossen, der Rest läuft in ein paar Minuten über die mobile Rechnerstation. Die Station aktiviert nicht nur unsere Warnanlage. Auch die Fobs müssen „angelernt“ werden, um mit der Bordanlage in der gleichen Sprache kommunizieren zu können. Das erfolgt per Scanner, der kurz über das Fob geführt wird. Jetzt passen beide zusammen und wir können unsere Harley tatsächlich nicht mehr ohne Fob starten.
Darüber hinaus programmiert der Vertragshändler uns auch unsere ganz persön­liche PIN in das System. Die brauchen wir, falls das Fob mal nicht am Bike ist. Eure eigene PIN könnt ihr auch selbst erstellen, die Anleitung findet ihr im Handbuch. Beim Dealer war’s natürlich bequemer, von dem ließen wir uns auch erklären, was im Fall eines Falles zu tun ist.

Das Notprogramm läuft

Alte Männer ziehen mal wieder die Arschkarte. Wenn ihr die Harley in Reichweite des Fobs startet und dann mit dem Bike den Platz des Fobs verlasst, zeigt das Display auf dem Tank nach ungefähr 100 Metern das Signal „No Fob“ an. Aber nur für zehn Sekunden, dann zeigt das Display wieder alle bekannten Werte. Wer als alter Mann ohne Lesebrille fährt, wird das nicht sehen. Die Harley rollt also unbehelligt weiter.
Diese Anzeige wird leicht übersehen: „No Fob“
Erst wenn ihr wieder zum Stehen kommt und die Zündung ausmacht, sind alle Bedingungen für das große Malheur erfüllt. Dann heißt es ruhig bleiben, ganz normal den Zündknopf andrehen. Nur wenn ihr das Bike neigt oder bewegt, erschallt das nervige Blinken der Alarmanlage. Auch dann müsst ihr nur den Zündknopf andrehen. Und jetzt schnell handeln! Sobald das Display die Aufforderung „Enter PIN“ anzeigt – und nur dann –, ist es möglich, die PIN über die Blinker­taster einzugeben.
Das Prinzip ist einfach: Links so oft drücken, wie die erste Zahl eurer PIN es erfordert. Die Zahl wird auf dem Display prompt angezeigt. Und dann mit der rechten Blinkertaste diese Zahl bestätigen. Nach dem gleichen Schema erfolgt die Eingabe der anderen Zahlen. Nach fünf Zahlen ist die PIN vollständig, ein letztes Mal „Enter“ mit der rechten Taste und schon ist die Zündung an, als wäre nie was geschehen.
Weil ihr ohne Fob gestartet seid, wird das Display auch nicht die Warnung „No Fob“ anzeigen. Ihr könnt eure Fahrt fortsetzen, der Urlaub ist gerettet, denn die Harley lässt sich immer wieder neu auf diese Weise starten. Dabei müsst ihr nur ruhig bleiben, denn wenn ihr eine falsche Zahl eingebt, gibt es keine Korrekturmöglichkeit. Dann hilft nur Ausschalten, Abwarten und neu Probieren. Ein paar Versuche habt ihr dann noch. Wenn auch die Scheitern, geht das System in die Knie. Selbst eine Werkstatt kann dann nichts mehr richten.

Moderne Diebstahlsicherung

Deshalb Achtung: Ein einfacher Austausch des zentralen Steuermoduls in der Harley hilft ihr nicht mehr auf die Sprünge. Die Koppelung des Systems mit Fob und PIN ist über mehrere Steuergeräte in der Harley verteilt. Welche das genau sind, will der Mann von der Harley-Technik uns nicht verraten, auch nicht, an welcher Stelle sich die Antennen befinden. Können wir verstehen, wir wollen anderen ja auch keine Anleitung dafür geben, was sie mit der Harley machen müssen, die sie euch geklaut haben.    «
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