Jubiläums Aktion: 25Jahre TätowierMagazin
Die BIKERS NEWS jetzt 25% günstiger im Printabo! 53€ statt 72€
Die ersten dicken Pellen rollten auf Gussrädern. Und es waren nicht die Schweden, die den Autoreifen für Chopper erfunden hatten
Ihr wisst nicht, was ein Mag-Wheel ist? Darauf rollten die ersten Autoreifen im Hintern der Chopper. Und der Begriff „Mag“ stand für „Magnesium“. Die Amerikaner bezeichnen alle Gussräder als Mag-Wheels, auch wenn sie heute längst aus einer Aluminiumlegierung ohne Magnesiumanteil hergestellt sind. Magnesiumlegierungen sind zwar noch leichter als normales Alu, sie sind aber korrosionsanfälliger, brechen schneller und das Material ist auch noch entflammbar. Kein Wunder, dass die Dinger heute kaum mehr im Verkehr sind. Aber wer sie früher hatte – früher, in den späten Sixties, als die ersten Chopper kamen – der war der King im Customizing.

Wir begeben uns auf Spurensuche und besuchen die Customschmiede „Rad Paint“ in den USA. Der Laden gehört Tom Rad, und sein Herz gehört den vollendet gestylten Choppern der sechziger und frühen siebziger Jahre: „Die Sammlung der klassischen Chopperteile zu meinem Chopper „Jupiters Child“ dauerte bald zwei Jahre. Ich musste eine Menge verloren geglaubter Teile auftreiben, von dem löchrigen „Holy Banana“-Lenker über den verrippten Magnusson-Primärdeckel-, bis hin zu den allerbesten PM-12-Speichen-Aluminiumgussrädern. Ich hatte schon ewig nach einem solchen Satz Räder gesucht und eigentlich schon aufgegeben. Aber es war beschissen, der Chopper brauchte unbedingt solche Räder! Und dann – fuckin’ unbelievable – war das Glück auf meiner Seite. Auf dem Minnesota Swap Meet fand ich ein Pärchen unbenutzter nagelneuer 12-Spoke-Wheels.“

Tom Rads Sportster heißt „Jupiter’s Child“. Sie rollt auf echten „Cal Mags“
Tom Rads Sportster heißt „Jupiter’s Child“. Sie rollt auf echten „Cal Mags“

Da waren sie, die „Mags“. Radical Tom war selig und erklärt uns, warum: „Heute denken ja alle, dass ein klassisches Custombike unbedingt Speichenräder haben muss. Aber in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, also auf dem Höhepunkt des ersten Chopperbooms, da wollte jeder weg vom Alltäglichen.“ Drahtspeichenräder galten schon damals als stinknormal und phantasielos. Wer cooler war, der speichte polierte Hochschulter-Aluminium-Felgenringe von Borrani statt der Stahlfelgen ein. Und für hinten war es damals wie heute Pflicht, ein dickes, fettes Rad in einen Chopper einzubauen. Mindestens genauso dick, wie serienmäßig an den aktuellen Big-Twin-Harleys – und das war nach heutigen Maßstäben vergleichsweise mager. Aber dann: Mit Anfang der 1970er – so bezeugen es die Anzeigenseiten alter Chopper-Magazine – war eine Steigerung möglich. Wer Mag-Wheels eingebaut hatte, der besaß the real hot stuff! Firmen wie Lester-Wheels, Kimtab, Alphabets und Morris waren professionelle Anbieter und hatten spätestens Mitte der siebziger Jahre Gussräder auf dem Markt. Andere Hersteller – wie Invader – kamen mit geschweißten, verchromten Rohrspeichenrädern.

Diese Räder wurden allesamt Mag-Wheels genannt, denn schon lange vorher war der Namensgeber auf dem Markt: Das zwölfspeichige „American Racing Mag“. Diese Twelve-Spoke-Mags waren die allerersten Gussräder, ursprünglich wirklich aus einer Magnesiumlegierung gefertigt. Sie kamen aus dem automobilen Drag-Strip-, Hot-Rod- und Funny-Car-Dunstkreis, dort ging schon Mitte der fünfziger Jahre kaum ein Dragster ohne Twelve Spokes an den Start. Die typischen Dimensionen von 18“ vorne und 15“ hinten zeugen davon. Sie waren an Autos verbaut, also gab es sie anfangs auch für Motorräder nur in diesen beiden Durchmessern. Wer diese Dinger fuhr, konnte mit dem massigsten Hinterreifen klotzen, der in diesen Tagen auf einem Motorrad zu sehen war. Und das war ein Autoreifen!

Ein echtes „Cal Mag“, hier mit Bremsscheibe
Ein echtes „Cal Mag“, hier mit Bremsscheibe

Dem kalifornischen Chopper-Pionier Dick Allen wird es zugeschrieben: Dick soll als Erster, noch in den sechziger Jahren, so ein fettes 15“-Auto-Rad, mit 145-15 Pirelli-Gummi als Hinterrad, in seine Big-Twin-Harley eingepasst haben. Viele in seinem Dunstkreis in der South-Bay wollten das natürlich auch. Die nächste Steigerung war der 155-15 Semperit-Reifen. Der machte sich auch nicht schlecht auf dem Rad, zumal er damals auch die Autos von Porsche zierte. Aber warum Autoreifen? Ganz einfach: Motorradreifen für 15-Zöller gab es in den Sechzigern noch nicht. Dick war der Guru der Szene. Er hatte ständig neue Ideen, für die damalige Zeit genial umgesetzt. Sein Kumpel Phil Ross, der mit Dick auch die Belt-Drives für Harleys entwickelt hatte, griff die Idee mit den fetten Autoreifen auf, baute aus VW- und Porsche-Felgenringen Speichenräder und nannte seine Firma „Super Max“.

Auch Bob Hall, der die Firma Custom Motorcycles in San Mateo betrieb, sah Potential in den „American Racing Wheels“. Auch Bob war kein Unbekannter. Er hatte sich mit der Fertigung sowie dem Vertrieb von Chopperteilen und der Veranstaltung von Custombike-Shows einen Namen gemacht. Er war ein Mann, der knöcheltief in der Szene steckte und der selbstverständlich vom Bedarf an speziell angepassten Rädern wusste. Dumm nur, dass die sowieso schon recht teuren Twelve Spokes von American Racing Equipment (ARE) erst als Komplettrad zugekauft und dann noch durch Modifikation der Radnabe entsprechend für den jeweiligen Motorradtyp umgebaut werden mussten. Dem Motoren-Tuner und Sportster-Drag-Racer Hall war aber klar, dass diese Räder unters Volk gebracht werden könnten, wenn es eine Möglichkeit gäbe, sie selbst zu bearbeiten. Kontakte mit ARE – wie Hall selbst in der kalifornischen Bay Area ansässig – ergaben, dass Hall die Räder als Gussrohlinge direkt von der Gießerei in Portland/Oregon beziehen konnte, wo sie im Sandgussverfahren hergestellt wurden.

Twelve Spoke. Dem Customizer Bob Hall war klar, dass diese Räder unters Volk gebracht werden mussten
Twelve Spoke. Dem Customizer Bob Hall war klar, dass diese Räder unters Volk gebracht werden mussten

Und Hall bestellte nicht nur die Rohlinge für 15-Zoll-Hinterräder, wie er es bei Dick Allen gesehen hatte, sondern auch die 18- zöllige Variante als Vorderrad. Zu Beginn der siebziger Jahre konnte er sie, fertig bearbeitet für den Gebrauch an Motorrädern, für Chopper und Drag-Bikes anbieten. Seine standardmäßigen Komplettrad-Angebote waren für Honda 750 Four, für die Kawasaki 900, für Big-Twin- und Sportster-Harleys sowie für Triumph und Nortons zugeschnitten. Viele Chopperfahrer fuhren noch in den 1970ern ohne Vorderradbremse. Da zu der Zeit gerade ganz grazile Chopper gefragt waren, die man auf ultra-schmale Gabeln und Vorderräder stellte, fertigte Bob Hall Custom Motorcycles auch extra schmale

18-x-17/8-Zöller, auf die die trendigen 2,75“-x-18“-Reifen aufgezogen werden konnten. Bob Halls 12-Spoke-Hinterräder wurden für den Betrieb mit angeschraubten Trommelbrems-Antriebskettenrad-Einheiten vorbereitet, wie man sie für Sportster und für Harley-Davidsons FX-Typen kannte. Aber Bob besaß ein offenes Ohr, sowohl für die Ideen anderer Customizer als auch seiner direkten Kundschaft. Langsam kamen Scheibenbremsanlagen aus dem Rennsport mit ins Spiel. Und wer sich sowas exotisches aufbauen wollte, konnte von Hall auch teilbearbeitete Mag-Wheels beziehen. Zeitgleich mit Bob Hall bewarb E.M.E., ein aufstrebender Versandhandel für Chopperteile, die Räder in den Anzeigen von 1973.

Hier wurden Gussräder gefertigt. Perry Sands begründete die Custom-Firma „Performance Machines“ (PM)
Hier wurden Gussräder gefertigt. Perry Sands begründete die Custom-Firma „Performance Machines“ (PM)

Und dann kam Perry Sands, seine Firma hieß Performance Machine, kurz PM. Aus der heutigen Customwelt ist PM nicht mehr wegzudenken. Anfang der siebziger Jahre pflegte auch Perry Sands den Kontakt zu Bob Hall. Perry hatte schon früh mit Bremssystemen experimentiert. Er war es, der bevorzugt hydraulische Scheibenbremsen an die Räder seiner Kunden baute. Aber teilbearbeitete Rohlinge von Hall zu beziehen, war auf Dauer keine zufriedenstellende Lösung. PM entschied, die Räder direkt und exklusiv bei Jerry Mills Firma US Mags zu kaufen, die neue Gussformen für Harley-Naben gefertigt hatte. Das Material dieser Räder war nun 356A Aluminiumguss. Summer Sands Hoover ist die Tochter des PM-Firmengründers. Sie erklärt zu dem Thema: „US Mags kaufte dann die Rechte von American Racing, und wir starteten offiziell das Markenzeichen „Cal Mag“. Ursprünglich waren 15-x-3.5“-Hinterräder und 18-x-2.15“-Vorderräder erhältlich, aber Perry machte auch eine Handvoll 18-x-3,5-Zöller. Das Finish in der Speichengegend war entweder kugelgestrahlt, oder manchmal – aber selten – hochglanzpoliert. Jahre später verzweigten wir uns. PM hatte eigene Gussformen herstellen lassen und ließ in den Achtzigern und Neunzigern bei verschiedenen Gießereien fertigen. Wir produzierten diese Räder bis in die frühen neunziger Jahre, aber durch den beim Sandgussverfahren verwendeten Sandkern waren die Räder sehr schwierig zu fertigen. Durch den ständigen Versatz der inneren und äußeren Konturen war es nötig, dass die Speichen manuell nachgeschliffen werden mussten, was eine Bearbeitungszeit von sechs bis acht Stunden pro Rad erforderte.“

So ging PM dazu über „Fusion Billet Wheels“ herzustellen. Mit dieser Technik fertigte PM das Zwölfspeichen-Design noch einige Zeit. Im Jahr 1998 endete die Geschichte der auch „Cal Mag“ genannten Räder vorläufig durch den Verkauf der Gussformen an den kalifornischen Customizer Jesse James. Angeblich hat der sie unter einer Treppe verstaut, wo sie darauf warten, für eine Sonderserie wieder ans Tageslicht gezerrt zu werden. Fünfundvierzig Jahre nach Easy Rider werden Chopper genauso restauriert wie klassische Oldtimer. Die fast rustikal anzuschauenden American 12 Spoke Mag Wheels sind dafür – wie schon in den Anfängen des Chopperbaus – gesuchte Objekte. Und dass es immer einen Weg gibt, wo nur der Wille stark genug ist, zeigt W&W: Als Freunde klassischen Harley-Zubehörs haben die Würzburger die „Zwölfspeichigen“ neu aufgelegt.
 

Autoreifen im Chopper. Die Schweden hatten das nicht erfunden, aber sie hatten diesen Stil in den 80er Jahren perfektioniert. Hier ein Retro-Aufbau von Viking Cycles aus Lübeck. Foto: Sander
Autoreifen im Chopper. Die Schweden hatten das nicht erfunden, aber sie hatten diesen Stil in den 80er Jahren perfektioniert. Hier ein Retro-Aufbau von Viking Cycles aus Lübeck. Foto: Sander

Warum dicke Reifen?
Irgendwann erliegt jeder dem Charme der dicken Reifen. Dabei waren sie aus der Not geboren. Die ersten Chopper hatten natürlich starre Rahmen. Ein dicker Reifen, notfalls unter einem Bar aufgepumpt, gewährleistete ein Minimum an Stoßdämpfung. Seitdem kommen und gehen die dicken Reifen im Customizing wie alle Trends. Der erste Boom in den siebziger Jahren wurde in den achtziger Jahren mit dem so genannten Schwedenstil und seinen kantigen Autoreifen überboten. Ende der neunziger Jahre lieferten die Reifenhersteller sich ein Rennen bis zu einer serienmäßigen Breite von 360 Millimetern. 400 Millimeter waren zur Jahrtausendwende auch noch machbar, zogen aber nicht mehr richtig. Was heute Retro ist und „schmal“ genannt wird, das ist das Format der ersten dicken Chopperreifen aus den späten Sechzigern.

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 08/2015
 
Artikel aus der Ausgabe: 11/19
Fahrbericht Harley-Davidson Evo Softail von TGS-Motorcycles 06.11.2019
Fahrbericht Harley-Davidson Evo Softail von TGS-Motorcycles
Vier Pfoten auf zwei Rädern 01.11.2019
Vier Pfoten auf zwei Rädern
Anprobe: Holzfällerhemden/Fahrerjacken 26.10.2019
Anprobe: Holzfällerhemden/Fahrerjacken
Gremium MC: Memorial Run 23.10.2019
Gremium MC: Memorial Run
Das große Patchover – zwanzig Jahre später 19.10.2019
Das große Patchover – zwanzig Jahre später
Demonstration gegen das Colour-Verbot: Freedom is our Religion 18.10.2019
Demonstration gegen das Colour-Verbot: Freedom is our Religion
Ausgabe 9/20 erscheint am 14. Aug
Alba Chopper Show 18.08.2017
Alba Chopper Show

Hier dreht sich alles um die italienische Chopper-Kultur …

Moskito-Run 17.01.2020
Moskito-Run

Am traditionellen Moskito-Run des American Snakes MC Hof nahmen rund 80 Mann und

BIKERS NEWS Gewinnspiel 15.09.2016
BIKERS NEWS Gewinnspiel

Mitmachen und Motorradreifen gewinnen! …

AME-Fakes 12.03.2020
AME-Fakes

AME klagt gegen Customizer, die sich mit fremden Federn schmücken …

American Snakes MC Hof 17.04.2020
American Snakes MC Hof

Der American Snakes MC liefert der Szene seit über 30 Jahren geile Partys …

American Snakes MC Hof 15.08.2018
American Snakes MC Hof

Der American Snakes MC Hof lud zur Jahreparty im alten, aber klassischen Stil

 …

Oldstyle Panhead 01.04.2020
Oldstyle Panhead

Die Basis dieses Choppers ist eine Panhead. Und an der Basis ist alles original …

American Snakes MC 25.04.2019
American Snakes MC

Der American Snakes MC eröffnete die Grillsaison mit einer fetten Party …

Big-Spoke-Griffe und -Rasten 05.11.2018
Big-Spoke-Griffe und -Rasten

Die Aachener Customabteilung CSC entwickelt ausschließlich maßgeschneiderte Fahr …

Moskito-Run 30.05.2017
Moskito-Run

Der Moskito-Run ist ein entspanntes Treffen der Clubs aus dem Hofer Umland …

Magazine des Huber Verlages