Rocker in Deutschland

01.05.2017  |  Text: Fips  |   Bilder: Fips
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Rocker in Deutschland
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Rocker in Deutschland. BIKERS NEWS-Gründer Fips erzählt von seinen ersten Jahren
Mannheim Hauptbahnhof. Eine gigantische Stadt tat sich vor mir auf. Vor dem Bahnhof polterte uns mitten auf der Straße ein laut quietschendes, überdimensionales Ungeheuer, ein gewaltiger, furchterregender Metallklotz entgegen – ich war maßlos beeindruckt. Meine Mutter stieg in dieses angsteinflößende, gewaltige Monstrum ein, mich fest an der Hand haltend. „Das ist eine Straßenbahn“, klärte sie mich auf. Ratternd und bimmelnd ging die Fahrt los. Draußen alles grau in grau, bedrohlich und abenteuerlich zugleich. Rechts und links war die Strecke von Ruinen flankiert, ab und zu fuhren Käfer und andere bucklige Autos die löcherigen Straßen entlang. In jeder Kurve quietschte die Straßenbahn in allen nur erdenklichen, an den Nerven zerrenden Tönen.
Dann hieß es aussteigen, Koffer schleppen. Eine lange Strecke ging es vorbei an unzähligen Ruinen, aber dann kamen unbeschädigte, vornehme Häuser und prachtvolle Villen. Städter sind wohl reich, dachte ich noch erwartungsvoll. Eines von diesen Prunkhäusern war ausgebombt. Ausgerechnet da sollten wir künftig wohnen.
Ursprünglich hatte die Familie meiner Mutter eine Wohnung in einem fünfstöckigen Mietshaus bewohnt. Das Haus war jedoch einer Bombe zum Opfer gefallen und meine Großeltern hatten sich im Villenviertel eine neue Bleibe gesucht. In der Nachkriegszeit war es üblich und erlaubt, dass Ausgebombte sich woanders bewohnbare Behausungen suchten und dort einzogen, ohne die Besitzer fragen und ohne Miete zahlen zu müssen. Woher sollte auch das Geld kommen? Bezahlte Arbeit hatten nach dem Krieg nur wenige, alle waren am „Organisieren“, um zu überleben ...

Mannheim nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch Fips hauste mit seiner Familie in einer ausgebombten Ruine
Mannheim nach dem Zweiten Weltkrieg (Foto: Artur Pfau)

Kulturschock: Umzug in eine Ruine

Müde und durcheinander von den vielen neuen Eindrücken betrat ich, versteckt hinter meiner Mutter, das Grundstück der Ruine, deren Dach und Obergeschoss weitgehend in Trümmern lag. Wir folgten einem schmalen, abschüssigen Weg in Richtung Garten, der zu einer großen weißen Tür führte und traten ein. Meine Oma, mein Opa und meine 18 Jahre alte Cousine Inge erwarteten uns schon. Inge hatte kurz zuvor ein Baby bekommen, Peter. Der Vater war nicht bekannt, deshalb gab es regelmäßig Vorwürfe, auch mal Dresche.
Die ehemalige Waschküche war zur Küche umfunktioniert worden, Oma und Opa schliefen im einstigen Bügelzimmer, Inge und ihr Baby in einem ausgekehrten Kohlenkeller, meine Mutter und ich jeweils in einem noch nicht ausgekehrten Kohlenkeller, in dem noch einige Koksbrocken herumlagen, aber das war ja unterm Bett.
Für mich war das alles erst einmal ein Schock, denn zuletzt hatten wir in einem wohlgepflegten Haushalt mit Bad und fließend Warmwasser gelebt. Hier nun badeten wir, wenn überhaupt, nur an Sonntagen in einer großen Zinkbadewanne, die zu diesem Zweck in der Küche aufgestellt wurde. Wasser wurde auf dem Kohle-Küchenherd erhitzt, und Oma goss immer wieder heiß nach, sobald es auf dem Herd brodelte. Alle badeten nacheinander im selben Wasser. Es musste sehr schnell gehen, weil das Wasser rasch abkühlte. Ausziehen, reinsetzen zum Nasswerden, einseifen, waschen und noch mal reinsetzen, aussteigen, der Nächste. Die Reihenfolge: Opa, Oma, dann Wasser zum Teil abschöpfen und neu auffüllen, meine Mutter, ich und zum Schluss Inge mit Baby. Das war übrigens auch sonst die allgemein gültige Rangordnung.
Oma stand immer nachts um vier auf und fuhr mit ihrem Fahrrad Zeitungen aus. Danach radelte sie in den Garten, der etwa drei Kilometer entfernt lag, fütterte die Hühner und sammelte die frisch gelegten Eier ein. Um sechs Uhr war sie wieder zu Hause und machte Frühstück für Opa. Der fing um sieben Uhr in der Gießerei seine Arbeit an, wo er „Guss putzte“. Das heißt, er klopfte mit Hammer und Meißel die Gussreste aus den Formen, Tag für Tag. Wahrscheinlich hatte er davon seine riesigen Hände. Weil er auch noch einen relativ kleinen, fast haarlosen Kopf hatte, sah es immer ulkig aus, wenn er diese überdimensionierten Hände über seinem Kopf zusammenschlug, was er oft tat. Der kleine, kahle Kopf war dann völlig unter seinen tellergroßen Pranken verschwunden.

Die Großeltern von Fips
Die Großeltern von Fips

Einschulung in Mannheim: Hochdeutsch unerwünscht

Bald musste ich wieder zur Schule. Nachdem ich mich mehr und mehr mit dieser fremden Großstadt angefreundet hatte, war das ein gewaltiger Rückschlag, denn die Kinder in der Schule hatten nicht viel übrig für Hochdeutsch sprechende feine Pinkel, wie ich in ihren Augen einer war. Meine Klassenkameraden, echte „Monnemer“, hatten ihre feste Überzeugung: Das ist keiner von uns, aus, basta. Wer so „doher redd“, ist von einem anderen Stern. Der Mittelpunkt der Welt ist sowieso „Monnem“ und das wissen nur die „Monnemer“ selbst. Andere Ansichten gab es nicht! Punkt!
So blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit zwei Jungs, Zwillingen, anzufreunden, die, wie ich, wegen ihrer mangelnden Dialektkenntnisse auch ausgegrenzt waren.
Einmal nahmen sie mich zu einem Innenstadtbummel mit und zeigten mir, in welchen Häusern man gefahrlos Aufzug fahren konnte. Ich war begeistert. Zum Schluss zeigten sie mir eines, in dem das nicht so gefahrlos war –
allerdings verrieten sie mir das vorher nicht. „Wenn du alleine mit dem Aufzug fährst, kitzelt es noch schöner im Bauch“, machten sie mir die Sache schmackhaft, schoben mich in den Aufzug, drückten den Knopf für die oberste Etage und hielten die Tür zu. Ab ging es in rasanter Fahrt in schwindelnde Höhen. Mir war ausgesprochen mulmig zumute! Nicht nur, dass es mir schon ungeheuer gefährlich erschien, überhaupt und alleine in diesem gerade ein Quadratmeter großen Kasten zu sein, das Ding fuhr immer höher und noch höher! Die Geschwindigkeit erschien mir höllisch schnell und ich begann mir Sorgen zu machen, ob diese Kiste oben überhaupt stoppen oder vielleicht gar über das Dach hinausschießen würde. Woher sollte es denn auch von alleine wissen, dass es stehen bleiben sollte! Muss ich bremsen? Doch das wäre alles zu ertragen gewesen, wenn nicht draußen Stock für Stock ein Ungeheuer hinter dem Aufzug hergerannt wäre, das mit dröhnender Stimme, die laut im Treppenhaus widerhallte – zwar im Wortlaut unverständlich, aber ansonsten nicht misszuverstehen –, Drohungen und Flüche ausstieß. Ich bekam panische Angst. Endlich blieb der Aufzug stehen. Mit heftig pochendem Herzen hörte ich, dass der Mann, bei dem es sich wohl um einen Hausmeister gehandelt haben musste, auch schon im Anmarsch war. Seine Absichten waren eindeutig, ich dachte nur noch an Flucht. Hektisch fummelte ich in meiner Verzweiflung auf der Leiste an den unteren Knöpfen herum und schaffte es irgendwie, den richtigen Knopf zu drücken, der den Fahrstuhl wieder in Richtung Erdgeschoss schickte. Just in dem Moment, als der riesige Kerl oben ankam, ging es bei mir schon wieder abwärts. Unten angekommen, hörte ich den Typ immer noch brüllen und poltern und ich rannte, was das Zeug hielt. Meine vermeintlichen Freunde waren spurlos verschwunden und ich stand mutterseelenallein in einer Großstadt, die ich kaum kannte und fand erst nach Stunden wieder nach Hause. Von da an verkroch ich mich in meinem Kirschbaum, der in unserem wunderschönen Villengarten stand, und der nun mein einziger und bester Freund wurde. Auf den kletterte ich immer, wenn ich traurig war und weinen musste, oft. Dort sang ich Lieder, die ich noch in Ostfriesland in der Schule und bei meiner Mutter gelernt hatte und litt heftig unter Einsamkeit und Heimweh.

Musik und Singen: Eine frühe Leidenschaft

Doch es gab auch schöne Momente in dieser Zeit. Noch in Ostfriesland hatte ich mit meiner Mutter eine Abmachung getroffen: Ich trocknete freiwillig Geschirr ab, dafür sang sie mit mir. Sie brachte mir Kinderlieder bei, aber auch aktuelle Schlager wie „Steig in das Traumboot der Liebe“, „Eine Kutsche voller Mädels“ oder „Mamatschi, Schenk mir ein Pferdchen“. Wie schon bei meiner Leidenschaft für alles, was zwei Räder hatte, zeichnete sich auch in meiner Neigung zur Musik schon früh mein zukünftiger Weg ab. Motorräder und Musik sollten mein Leben bestimmen.
Das fing schon in der Mannheimer Schule an. In der ostfriesischen Schule hatte ich die zwei Kinderlieder „Weißt Du Wieviel Sternlein Stehen“ und „Alle Vögel Sind Schon Da“ gelernt; in Mannheim standen sie gerade auf dem Lehrplan, als ich dort anfing. Unser Klassenlehrer ließ sie mich vorsingen und entdeckte dabei mein Talent. Da er partout nicht selbst singen wollte und wohl auch nicht konnte, war er überglücklich, mich zu haben. In Zukunft sang ich für ihn alle Stimmen vor und das auch noch in astreinem Hochdeutsch. Dadurch hatte ich in der Schule wenigstens einen guten Freund gefunden, der mich mit viel Verständnis durch diese schwere Zeit begleitete. Wie viele künftige Lehrer war er ein großes Vorbild für mich und ersetzte mir in mancherlei Hinsicht den fehlenden Vater.


Aus der BIKERS NEWS 12/2016
zuerst veröffentlicht im Buch "Rocker in Deutschland"
 



Günther Brecht aka „Fips“ hat vor 35 Jahren die BIKERS NEWS ins Leben gerufen und ist Besitzer unseres Verlags – ein paar Buchprojekte hat er mittlerweile auch umgesetzt. Der hier abgedruckte Text ist ein Auszug aus dem ersten Teil seines autobiografischen Rückblicks „Rocker in Deutschland – die 60er Jahre.”
Alle Titel erhaltet ihr unter:
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Seit einiger Zeit unterhält Fips die Facebook-Seite „Rocker in Deutschland“ (RID). Dort widmet er sich der Geschichte der (deutschen) MC-Szene und präsentiert Unmengen alter Foto- und Videoaufnahmen aus seinem privaten Archiv und dem der BIKERS NEWS. Ganz im Sinne seiner „Back to the Roots“-Kolumne tut er dies nicht nur aus nostalgischen Gründen, sondern auch, um an die Wurzeln der Rockerszene zu erinnern. Wer mehr über die alten Clubs und die alten Werte wissen will, wir hier fündig.
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Stand:13 December 2018 21:29:04/blog/back+to+the+roots+teil+17_174.html