Back to the Roots Teil 7

16.05.2018  |  Text: Heinz aka Profi  |   Bilder: Heinz aka Profi
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Back to the Roots Teil 7
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BIKERS-NEWS-Gründer Fips blickt in den Rückspiegel und erzählt von den frühen Tagen der MC-Szene – doch dieses Mal hat ein anderer alter Haudegen das Wort ...
Es müssen nicht immer meine eigenen Erinnerungen sein, um an die alten Zeiten zu erinnern. Auf der CUSTOMBIKE-SHOW 2015 habe ich Heinz aka Profi getroffen und er erzählte mir, dass er gerade dabei ist, ein Buch zu schreiben. Er ist ein alter Knopf wie ich und erinnert sich noch ziemlich genau an seine Erlebnisse – wie zum Beispiel an die Bones Rally 1976. Der Bericht ist so authentisch und gibt einen so guten Einblick in die damalige Zeit, dass ich mich entschlossen habe, ihn in unserer „Back To The Roots“-Rubrik zu veröffentlichen. Es würde mich freuen, wenn ich eure Meinung dazu hören würde – wenn das Echo positiv ist, werden wir zur Tat schreiten und ein Buch aus seinen Storys machen ...
Euer Fips

Der Black Shadows MC sammelt sich

Es war im Sommer 1976 und wir trafen uns samstagmorgens mit zehn oder zwölf Maschinen auf dem Kirmesplatz, der oft als Ausgangspunkt unserer Clubfahrten diente. Wir, das waren die Member des Black Shadows MC Gummersbach. Wir hatten uns im Jahre 1972 gegründet und waren inzwischen alle von den Kleinkrafträdern der Anfangszeit auf Motorräder umgestiegen, von denen einige richtig gute Chopper waren.

Heinz aka Profi heute. Die BSA auf dem Foto ist übrigens immer noch dieselbe von damals

Dieses Mal ging es zum Bones MC in Mannheim. Ich wollte eigentlich mit meiner BSA dorthin, aber ein paar Tage vorher hatte ein saftiger Kabelbrand dieses Vorhaben im wahrsten Sinne des Wortes in Rauch aufgelöst. Also nahm Hondo mich mit. Er war mein Bruder, vier Jahre älter als ich und fuhr einen samtschwarzen 750er-Honda-Chopper, in dem wahnsinnig viel Arbeit steckte. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, genauso wie das Wetter an diesem Wochenende. Wir hatten jetzt schon fast dreißig Grad und ich weiß gar nicht mehr, ob überhaupt einer seine Lederjacke dabei hatte. Wenn ja, war sie hinten auf dem Gepäck festgeschnallt. Viele trugen über dem Gürtel nur die Sonnenbrille und ihre Kutte – ein Hoch auf die Gesetzgebung, denn eine Helmpflicht gab es noch nicht.

Polizeieskorte für 600 Bikes

In Mannheim führten uns die Hinweisschilder von der Autobahn herunter und irgendwann standen wir hinter sieben bis acht Autos in einer engen Straße vor der Ampel. Nach einem Moment schaltete sie auf Grün, aber niemand fuhr los, weil auf der Hauptstraße ein ganzer Tross Motorräder vorbeikam; und der fuhr offenbar bei Rot durch. Es kamen noch zwanzig, fünfzig und immer mehr Bikes, deshalb drehte Hondo sich herum und rief „Stadtrundfahrt!“ Wir wichen alle gleichzeitig auf den menschenleeren Bürgersteig aus und jagten an den Fahrzeugen vorbei nach vorn, bis wir endlich die Einmündung erreichten und sehen konnten, was da los war. Angeführt von einer Polizeieskorte wälzte sich eine gewaltige Armada von mindestens sechshundert Maschinen durch Mannheim. Alle verharrten einen Moment und ließen das bombastische Schauspiel auf sich einwirken, dann die Lücke gesucht und im richtigen Moment Gas gegeben. So reihten wir uns mühelos ein. Bei diesem ohrenbetäubenden Inferno waren Gespräche nur noch gebrüllt möglich, also probierte man es erst gar nicht.

Kurz nach der Stadtrundfahrt in Mannheim ... ohne Helm

Später führte uns eine erhöht angelegte Zufahrtsstraße zu unserem Ziel und wir rollten auf dem großen und staubigen, am Neckar gelegenen Festplatz ein, der nur von einer riesigen Brücke etwas Schatten bekam – es führte wohl eine Schnellstraße oder Autobahn oben drüber. Nach einer halben Ewigkeit wurde es etwas ruhiger. Fast alle hatten endlich ihre Bikes abgestellt und man konnte jetzt von der Bühne Musik hören, die Hits von Trini Lopez dröhnten aus den Lautsprechern. Nachdem das Zelt stand, machte ich das, was ich auf jedem Treffen sehr gerne tat: Ich schlenderte mit einem Bier in der Hand über das Gelände und sah mir die vielen Chopper an. Auch dieses Mal war ich wieder begeistert: „Ein Ofen schöner als der andere!“, sagte ich zu meinem Clubkollegen Klaus, der gerade neben mir stand.

BMW und Honda: die Bikes der Siebziger

Dort stand auch der rote BMW-Chopper aus Mannheim, der ein Seitengewehr in der Rückenlehne integriert hatte, und weiter hinten eine lilafarbene 750er-Honda mit Sargtank, langer Springergabel und offenen Auspuffrohren. Die BMW gehörte einem der Mannheimer Bones, die Honda vermutlich einem Amerikaner der Cavemen aus Ramstein. Als mein Bier leer oder verdunstet war, so genau hatte ich das bei der Hitze gar nicht mitbekommen, hielt ich mich für ein neues Richtung Getränkestand. Mir qualmten schon die Füße in den verstaubten Stiefeln, denn der Platz glühte gnadenlos. Irgendeiner hatte mir erzählt, das Gelände hier würde Neckarwiese heißen, aber die Sonne hatte die paar Grashalme restlos verdorrt. Wenigstens waren die Catering-Stände und die Bühne im Schatten unter der Brücke errichtet worden, deshalb herrschten hier nicht ganz so hohe Temperaturen. Mein Blick fiel auf eine 750er-Honda, die ich bisher übersehen hatte. Im Gegensatz zu den meisten umgebauten Bikes der damaligen Zeit war sie sehr flach gehalten, sie duckte sich regelrecht auf die Straße. Das Ding stand auf Rädern mit massiven Aluspeichen, die hinten eine ziemliche Walze tragen mussten und vorn durch eine lange verchromte Girder-Gabel geführt wurden. Der originale Rahmen war durch einen hellbeige lackierten Starrrahmen mit gerecktem Lenkkopf ersetzt worden, der einen mit mehreren Gemälden verzierten Mustang-Tank trug. Dahinter schmiegte sich die Sitzbank auf den kurzen Heckfender, der von einer hohen, spitzen Sissybar gestützt wurde an der ein Malteserkreuz seinen Dienst als Rücklicht versah. Lenken konnte man dieses Eisen über eine flache Dragbar und das ohrenbetäubende Röhren, das man da oben mit einer Drehung des Gasgriffs entfachen konnte, wurde unten über eine Vier-in-zwei-Anlage mit Seitenausgang in Szene gesetzt.

Fachsimpelei am Bierstand

„Gefällt sie dir?“ Ich hatte ihn gar nicht kommen hören, so sehr war ich in meine Betrachtung vertieft. Ich drehte mich um, mein Gegenüber hatte ungefähr meine Größe und Statur, lange blonde Haare und grinste ein wenig. „Das Ding ist der Hammer!“, antwortete ich beeindruckt. „Deine?“ „Hab ich mir vor Kurzem zugelegt!“ „Und wie fährt sie sich mit dem starren Rahmen?“ „Der Rahmen ist nicht das Problem, mit der Gabel muss man aufpassen, die kann hohe Geschwindigkeiten nicht so ab, aber bis hundertdreißig ist alles in Ordnung!“ Ich stellte ihm noch etliche Fragen, die er mir alle bereitwillig beantwortete, aber wie er das Ding über den TÜV bekommen hatte, fragte ich lieber nicht. Irgendwann streckte ich ihm die Hand hin: „Man nennt mich übrigens Professor!“ Er schlug ein: „Peter aus Dinslaken! Wollen wir rüber an den Bierstand? Ich hab Durst.“ Wir fachsimpelten noch bei ein paar Bier über alles Mögliche, während die Dunkelheit langsam hereinbrach und der Platz von dem großen Feuer und der Beleuchtung für Bühne und Stände erhellt wurde. Das Treiben um uns herum fesselte noch eine Zeit lang unsere Blicke, dann gab ich ihm einen Klaps auf die Schulter und meinte: „Ich will noch mal rüber zu unseren Zelten, sehen, was die anderen so treiben, wir sehen uns!“ Er hob sein Bier: „Bis später!“



Währenddessen hatte vorn auf der Bühne eine kleine dicke Frau im karierten Hemd ihren Auftritt gehabt. Nachdem sie von einem der Bones einen Orden bekommen hatte, griff sie zur Gitarre und sang. Die Lieder gefielen mir zwar nicht sonderlich, ich war eher Stones-Fan, aber ihre Show war ganz nett und die Stimmung gut. Als wieder die Musik vom Plattenteller erschallte, hörte ich noch ein Stündchen zu und ließ mich anschließend in gemütlicher Gangart über den Platz treiben. Hier waren bestimmt fast tausend Biker anwesend, viele hatten kein Abzeichen oder gehörten den großen bekannten Clubs an, aber die meisten Colours hatte ich noch nicht gesehen.

Abkühlung im Neckar

Unsere Leute waren zwar überall auf dem Gelände verstreut, aber immer wieder begegnete mir doch der ein oder andere. Hondo kam mir klatschnass entgegen, er hatte sich mal eben im Neckar abgekühlt. „Da hab ich auch noch richtig Glück gehabt, beim Schwimmen sehe ich was Helles vor mir im Wasser treiben. Ich greife danach und habe meine Papiere in der Hand!“ „Ja, hättest du halt die Kutte vorher ins Zelt schmeißen müssen, du weißt doch, dass man die nicht wäscht!“, lachte ich.
Auch wenn es sich vielleicht viele Leute kühler gewünscht hatten, der Sonntag war genauso heiß wie der Samstag, ab halb zehn hielt man es im Zelt einfach nicht mehr aus! Ich steckte den Kopf heraus und erblickte einen strahlend blauen Himmel, der von keinem Wölkchen getrübt wurde. Die Jeans klebte schon beim Anziehen an den Beinen und einige der Milliarden Sandkörner hatten den Weg in meinen Mund gefunden, es knirschte unangenehm zwischen den Zähnen. Während ich nach vorn ging, um etwas zu essen und einen Kaffee zu holen, suchte ich nach Peter. Sein Ofen stand zwar noch dort, aber er war nirgends zu sehen. „Vielleicht läuft man sich ja irgendwo nochmal über den Weg,“ dachte ich mir und schlurfte zu den Zelten zurück, um meine Habseligkeiten einzupacken. Auf der Rückfahrt, die natürlich wieder fast alle ohne Plastikmütze sah, gesellte sich noch Dietmar von den Chosen Few zu uns. Am Rasthof Dollenberg fuhren wir für einen Tankstopp mit anschließender Pause von der Bahn. Und am Eingang der Gaststätte zog einer den Fotoapparat und machte ein Erinnerungsfoto oder eher eine Aufnahme von den Verrückten, die sich alle übereinander geworfen hatten, um mit aufs Bild zu kommen.

Zuerst erschienen in BIKERS NEWS 02/2016
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Stand:28 May 2018 03:03:43/blog/back+to+the+roots+teil+7_18503.html