Das letzte Wort

13.06.2018  |  Text: Ahlsdorf  |   Bilder: Grna
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Das hier ist die Seite für alte Säcke. Unser ehemaliger Chefredakteur Ahlsdorf hat das letzte Wort
Eine Kreuzigung soll ziemlich unbequem sein. Es ist sogar historisch verbrieft, dass man daran stirbt. Warum aber, in Gottes Namen, sind Rockerpartys auch so unbequem? Und stirbt man irgendwann daran? Mir fahren diese Stehpartys jedenfalls immer noch Tage später ins Kreuz. Und in den letzten Jahren sterben ja auch immer mehr von unseren Brüdern.

Stehzwang auf Rockerpartys
Ich gebe es zu, ich sitze ganz gerne, am liebsten auch noch weich, mit Arm- und Rückenlehne, nicht aber auf einer Bierbank. Zu körperlichen Befindlichkeiten dieser Art passt ein Redakteursjob ganz gut. Wenn da nicht diese Termine an den Wochenenden unter Onepercentern wären. Da ist Sitzen nämlich verboten, erst recht das Sitzen an einer Rückenlehne – es könnte ja sein, dass sie das Colour verdeckt. Dieser Grund, vermute ich, steckt hinter dem Stehzwang im Allgemeinen. Ich habe noch nie einen Onepercenter mit dem Rücken an der Wand lehnend gesehen. Nein, der Stehzwang dient ganz offensichtlich dem Zweck, das volle Ornat des Rockers in alle Himmelsrichtungen wirken zu lassen, vor allem natürlich das Rückenabzeichen.

Ehre, wem Ehre gebührt. In manchen Clubs sind Brüder für dieses Rückenabzeichen gestorben. Aber wir können den Texten unserer eigenen Reporter kaum mehr Glauben schenken, wenn es darin heißt „Es wurde gefeiert bis in die frühen Morgenstunden.“ Der Wahrheit käme eine andere Formulierung näher, nämlich „Es wurde gestanden bis in die frühen Morgenstunden.“ Denn neben dem Stehzwang herrscht ja auch noch Tanzverbot.

Tanzverbot für Onepercenter
Das Tanzverbot für Onepercenter ist wiederum ganz okay. Schließlich war auch auf der Klassenparty nur cool und geheimnisvoll, wer nicht tanzte. Davon zeugt heute noch der Name eines Clubs aus der Pfalz, bei dem es sich allerdings nicht um Onepercenter handelt: HMTN – Harte Männer tanzen nicht. Und halt, so langsam offenbart sich da auch mir allmählich der Sinn dieser Übungen in Härte und Unnahbarkeit. Es handelt sich nämlich wirklich um „Übungen“. Das ist die wörtliche Übersetzung des griechischen Begriffs „Askese“. Askese im ursprünglichen Sinne ist keine Entsagung, auch keine Selbstgeißelung, sondern eine Übung, moderner übersetzt ein Training im Anderssein. Einige der ersten Christen hatten das gemacht, indem sie die Städte verließen und auf Säulen oder in die Wüste zogen. Wüste, das haben wir nunmal nicht, aber da auch die Wüste keine Sitzgelegenheiten bietet, können wir andersseienden Männer ja wenigstens stehen. Wer sich in dieser asketischen Disziplin besonders hervortun will, der steht in Cowboystiefeln. Der Cowboystiefel ist dann sozusagen das Nagelbrett des Bikers.

Stehen, das ist nicht Buße – es ist Bürde, es ist Vermächtnis, es ist Mission. Schließlich dürfen wir uns nicht mit dem stinknormalen Bürger gemein machen. Würden wir unseren eigenen Mythos abkratzen, alle Geheimnisse der Unnahbarkeit lüften, dann wären wir nicht mehr cool. Es wäre eine schlechte Öffentlichkeitsarbeit, wenn Polizei und Bürger sähen, dass auch wir Kinder lieb haben, dass in unseren Wohnzimmern Schrankwände stehen und dass wir womöglich auch noch lachen und gerne ganz gemütlich sitzen.

Scheiß auf Charity
Das ist übrigens der Grund, warum mir diese Charity Runs mit Teddybärchen an der Sissybar so auf den Sack gehen. Bevor ich noch einmal in meinem Leben auf so einer Kasper-Veranstaltung mitfahre, übe ich mich doch lieber darin, einen weiteren Abend zu stehen!

Die uns nachfolgende Generation der Hipster kann davon übrigens nicht genug kriegen. Hipster, ihr wisst ja, das sind die mit den Turnschuhen und den tätowierten Unterarmen, die unsere Bärte und unsere Holzfällerhemden von damals wieder ausgegraben haben. Coole Motorräder fahren sie obendrein, Chopper zumeist, auf denen das Fahren bekanntlich auch nicht gemütlich ist. Und was machen die Hipster auf ihren Choppern während der Fahrt? Sie stehen! Das ist ihr Ausdruck jugendlicher Lebensfreude und wer von ihnen besonders cool ist und es kann, der breitet im Stand auch noch die Arme aus – das heißt dann übrigens „Jesus Ride“.

Hände lösen, hinstellen: Gleich kommt der Jesus Ride!
Biker stehen, wo sie nur können. Hipster stehen sogar auf ihren Motorrädern

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 02/2016
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Stand:22 August 2018 01:52:28/blog/das+letzte+wort_18504.html