Das letzte Wort

12.07.2018  |  Text: Ahlsdorf  |   Bilder: Ahlsdorf
Das letzte Wort Das letzte Wort
Das letzte Wort
Alle Bilder »
Das hier ist die neue Seite für alte Säcke. Unser ehemaliger Chefredakteur Ahlsdorf hat das letzte Wort
Lasst euch zum Jahreswechsel eine besinnliche Geschichte erzählen: Immer zum Saisonende lade ich meine lieben Kumpel zur Schrauberparty in meine Werkstatt. Jedes Mal liegt dann eine hübsche kleine Aufgabe bereit, die sich auch nach drei Bieren ohne Verlust der Würde bewältigen lässt. Einst schwebte gar ein Engel durch den Raum, als meine Jungs zu den Klängen von Led Zeppelin wie in einem Bienenkorb durch die Werkstatt summten und gleich mehrere Projekte stemmten: Mit der Flex lösten sie verrostete Blenden vom Auspuff meines Motorrades, mit dem Dremel drehten sie die vergurkten Schrauben raus und einer diagnostizierte nach seinen drei Bieren sogar noch zielsicher den Elektrofuchs im Heizgebläse meines alten Mercedes. Danke, Jungs!

Fürs nächste Mal hatte ich an meinem Motorrad einen Wackler zwischen Fern- und Abblendlicht parat. Das Problem würden die Jungs ja wohl lösen können. Aber ach, plötzlich standen da fünf Mann, unter ihnen ein Ingenieur und ein ausgebildeter Elektriker, und sie waren nicht mal mehr in der Lage, unter den drei Kabeln die Masse zu finden. Lange dozierten sie stattdessen über irgendwas mit Parallelschaltungen, Einschleifungen und einem Ohm’schen Gesetz. Den fragenden Blick musste ich mir verkneifen. Dann wäre nämlich prompt einer mit diesen Schulgleichnissen gekommen: „Ist doch ganz einfach, du musst dir das wie eine Wasserleitung vorstellen, die Dicke der Leitung, das ist die Stromstärke …“ Doch auf diese billigen Tricks war ich schon in der Schule nicht mehr reingefallen. So fing ja jede Stunde an: „Ein Lastwagen fährt zwölf Gurkenfässer mit einem Gewicht von jeweils einem Zentner einen Hang von 500 Metern hinauf …“ Sitzengebliebene und andere alte Hasen wussten: Das ist der Punkt, an dem man abschalten muss, denn fortan würde man sowieso nichts mehr verstehen.

In meiner Werkstatt langte ich deswegen in die Kiste mit dem Kontaktspray. Einfach mal den Schalter aufschrauben und einsprühen – und siehe, das Abblendlicht leuchtete wieder. Meine Schrauberpartys finden immer im Herbst statt. Nächstes Jahr lege ich den Jungs Uhu, Streichhölzer und Kastanien auf den Tisch.

Probiert es mal selbst und fragt am Stammtisch eure Elektro-Nerds: Sollen elektrische Verbindungen gesteckt, gequetscht oder gelötet werden? Wer diese Frage in die Runde wirft, kassiert prompt Antworten – und zwar drei verschiedene, jeweils vorgetragen mit erhobenem Zeigefinger. Der Streit zwischen Mechanikern und Elektrikern ist fast so alt wie die Menschheit. Nur der Streit zwischen Mann und Weib ist noch ein bisschen älter. Beide haben ganz offensichtlich was mit den Gehirnhälften zu tun, Sprachzentrum gegen Musikzentrum, und deshalb werden Mechaniker und Elektriker einander nie verstehen. Und sie wollen auch gar nicht verstanden werden. Mir konnte noch niemand nachvollzieh-bar erklären, warum ausgerechnet drei Kabel aus jeder Steckdose kommen. „Das ist die Erde“, heißt es dann, als wenn damit was erklärt wäre. Mein zehnjähriger Sohn könnte schon kontern, dass das nur eine Tautologie ist – also eine überflüssige Wortdoppelung, die nichts erklärt.

Vielleicht handelt es sich bei diesen Elektrikern auch um eine überflüssige Spezies. Diese Spezies von Menschen hätte in der freien Natur gar nicht überlebt, beim Balzen wären ihr zwei weitere Kämme an völlig falschen Stellen geschwollen. Ihr erkennt sie heute noch daran, dass sie Hosenträger und Gürtel gleichzeitig trägt. Strom fließt bei mir jedenfalls immer auch mit zwei Kabeln. Wozu also drei?

Ihr glaubt es nicht? Schaut euch das Bild an, das ich euch mitgebracht habe. Es zeigt meine Motorradelektrik. Sieht eigentlich nicht viel anders aus als die eines Japaners ab Werk, aber ich hatte sie selbst verlegt. Erst nach fünfzehn Jahren musste ich diesen Deckel wegen einer ersten Panne wieder öffnen. Das Anlasserrelais hatte sich verabschiedet. Nun habe ich noch immer nicht verstanden, was ein Relais eigentlich macht. Der Schönheitsfehler meiner runden Geschichte ist deshalb der, dass es mein Kumpel mit dem Heizgebläse war, der mir dieses kaputte Relais diagnostizierte. Ohne ihn würde mein Motorrad bis heute nicht fahren. Aber immerhin konnte ich das neue Relais selbst kaufen. Ich hab es auch selbst wieder schön mit Klebeband umwickelt. Die nächsten fünfzehn Jahre können kommen.

Links oben, der kleine gelbe Kasten, das ist ein Anlasserrelais. Noch weitere Fragen?
Links oben, der kleine gelbe Kasten, das ist ein Anlasserrelais. Noch weitere Fragen?


Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 01/2016
 
  Teilen
Topseller im Shop
Topseller im Shop
Stand:17 July 2018 04:15:17/blog/das+letzte+wort_18705.html