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Im letzten Heft haben wir den ersten V-Rod-Tourer in Deutschland vorgestellt. Hier erzählen wir, wie er gebaut wurde
Am Anfang stand eine Schnippelei mit der Nagelschere. Das Projekt eines V-Rod-Tourers durfte erst in Angriff genommen werden, wenn sicher war, dass die Linie stimmt. Und so kopierte Ahlsdorf mehrere Seitenansichten aus dem jährlichen BIKERS-NEWS-Poster, das alle Harley-Modelle für die kommende Saison zeigt: einmal Electra Glide, einmal Road Glide und einmal die V-Rod Muscle. Natürlich nur die Muscle, denn deren Schalldämpfer liegen nicht auf einseitig übereinander, sondern links und rechts, so passen die Koffer auf beide Seiten. Die Proportionen der Kopien stimmten nicht. Die Verkleidungen – im Amerikanischen „Fairing“ genannt – waren im Maßstab kleiner abgebildet als die V-Rod. Aber für einen ersten Eindruck sollten die Schnippeleien genügen. Kaum reichte Ahlsdorf die Entwürfe durch die Nachbarredaktionen, da meldete sich Heinz Christmann vom Magazin DREAM-MACHINES zu Wort: In seinem Heft habe er mal was Ähnliches vorgestellt, sei aber lange her. Tatsächlich, in der DREAM-MACHINES 03/2004 fanden sie das Porträt eines V-Rod-Tourers aus den USA von Cycle Visions aus San Diego.

Aus der Zeitschrift DREAM-MACHINES: Eine V-Rod mit Road-Glide-Verklei­dung aus den USA. Der Stil des Bikes entsprach dem seines Besitzers mit Slippers und Seitenscheitel. Für die BIKERS NEWS ging das natürlich nicht
Aus der Zeitschrift DREAM-MACHINES: Eine V-Rod mit Road-Glide-Verklei­dung aus den USA. Der Stil des Bikes entsprach dem seines Besitzers mit Slippers und Seitenscheitel.

Dieser Tourer hatte den Stil eines Warnwesten-Tourers, die Farbe stimmte sowieso nicht, obendrein zeigte es eine V-Rod der ersten Generation. Aber siehe, das Projekt eines V-Rod-Tourers mit Road-Glide-Verkleidung war zumindest möglich. Dann gesellte sich noch Carsten Heil dazu, Mitautor unseres Buches über die V-Rod. Er konnte uns beruhigen. Am Lenkkopf, erklärte er mit festem Blick, würden die beiden V-Rod-Generationen sich überhaupt nicht unterscheiden. Wenn in den USA jemand die Verkleidungshalterungen für eine V-Rod der ersten Generation fertigen würde, dann müssten sie auch an eine V-Rod der zweiten Generation passen.

Die ersten Entwürfe, gefertigt mit der Nagelschere: Die E-Glide-Fairing wirkt eleganter ...
Die ersten Entwürfe, gefertigt mit der Nagelschere: Die E-Glide-Fairing wirkt eleganter ...

Jetzt kam Harley-Davidson Bergstraße ins Spiel, seit fünf Jahren Vertragshändler in Bens­heim. Dort ließen wir die V-Rod aus dem Pressefuhrpark von Harley-Davidson anliefern und Stephan Beringer nahm die Spur aus den USA auf. Als Customizer hatte Beringer sich im „Battle of the Kings“-Contest bereits einen Namen gemacht und mit einer umgebauten Sportster in Hamburg im Februar 2017 den zweiten Platz belegt. Die Koffer wurden am Ende das größere Problem der Bergsträßler. Im offiziellen Zubehörprogramm hält Harley für die V-Rod nur textile Täschchen bereit, alle eher im Format von Beautycases. Die US-Halter für die Koffer der großen Tourer passen wiederum nur an die V-Rods der ersten Generation. So musste Mechaniker Andi unter Verwendung der vorhandenen Teile eigene Halterungen schweißen. Da am Rahmen nichts für die Anbringung dieser Koffer vorbereitet ist, wurde ein ganzer Käfig draus, der sich mit einer massiven Strebe um das Hinterrad windet. Verschraubt ist er mit zusätzlichen Bohrungen am Heckbürzel und an den Sozius­fußrasten. Auch die Rasten musste Andi dafür erstmal umschnitzen.

Ein eigens gefertigter Käfig aus Streben dient der Halterung der Koffer, die Soziusfußrasten dienen als zusätzliche Stabilisierung für die Kofferhalterungen
Ein eigens gefertigter Käfig aus Streben dient der Halterung der Koffer, die Soziusfußrasten dienen als zusätzliche Stabilisierung für die Kofferhalterungen

Eine weitere Überraschung wartete am Lenker. Der serienmäßige Gusslenker der Muscle liegt zu tief und zu weit vorn. Gegen die Verkleidung lässt er sich deshalb nicht einschlagen. Die Lösung war ein höher liegender Lenker samt Risern von der Night Rod. Zum Glück reichte die Länge von Kabeln und Zügen, sie mussten nur umgesteckt werden.

Der alte Muscle-Lenker, ausgetauscht gegen Lenker und Riser einer Night Rod. Glück gehabt: Kabel und Züge sind lang genug, um auch an den höheren Night-Rod-Lenker zu passen
Der alte Muscle-Lenker, ausgetauscht gegen Lenker und Riser einer Night Rod. Glück gehabt: Kabel und Züge sind lang genug, um auch an den höheren Night-Rod-Lenker zu passen

Selbst das genügte nicht, eine weitere Modifikation des Frontends war an der Gabelbrücke erforderlich. Die oben dickere Upsidedown-Gabel stieß beim Einschlagen an den Verkleidungsrüssel. Hier richtete es eine Schraube in der Gabelbrücke, die nun allerdings auch den vollständigen Lenkeinschlag verringert. Das Anschrauben der Verkleidung erfolgte ohne Probleme. Streben und Rüssel passten. Nur die mitgelieferten Schrauben bereiteten Ärger – und das lag an der harleytypischen Vermischung von metrischen und zölligen Gewinden. Die meisten Gewinde an der V-Rod sind metrisch. Die Schrauben der Verkleidung sind dagegen zöllig. Und so hatte der Hersteller aus den USA es offensichtlich versucht, die metrischen Schrauben, mit denen die unteren Verkleidungsstreben am Rahmen befestigt werden, selbst anzufertigen – mit mäßigem Erfolg. Andi musste sie nachdrehen.

Der Rüssel für die Fronthalterung der Fairing besteht aus drei Segmenten, die um den Lenkkopf herumgeschraubt werden.
Der Rüssel für die Fronthalterung der Fairing besteht aus drei Segmenten, die um den Lenkkopf herumgeschraubt werden.

So sieht Customizing aus. Es sind die kleinen Zutaten, die Zeit und Nerven kosten. Einen dicken Brocken musste unser Geizknochen aber schon während der Besprechung des Projekts schlucken. Ahlsdorf hatte sich eigentlich einen Super-low-budget-Bagger vorgestellt. Die Fairing sollte nur als Außenschale vorgeschraubt sein mit dem hässlichen, aber kultigen Charme der Gläserverkleidung an alten Polizei-BMWs aus den Siebzigerjahren. Also innen nackt und voller offenliegender Kabel und Verstrebungen. Das, so musste er es sich erklären lassen, ging nicht. Die Fairings von modernen Harleys bestehen immer aus zwei Teilen, der Outer- und der Inner-Fairing. Und tatsächlich ist die Inner-Fairing der tragende Teil der ganzen Konstruktion. Ahlsdorf musste also das Komplettpaket bestellen und bezahlen.


Analog ist out. Eine der letzten Zeigeruhren vertreibt Custom Chrome, allerdings im Durchmesser von 48 mm. Für die Fairing-Aussparung von 52 mm ist ein Adapter erforderlich

Das Innenleben der Fairing ist minimalisiert. Dahinter steckt nicht nur Geiz, sondern ein letzter Rest Chopper-Philosophie. Da Ahlsdorf bei 200 Sachen sowieso keine Musik hört, ist das Radiofach nun eine Ablage – praktisch als Handschuhfach an Mautstationen. Links davon eine Zeituhr von Custom Chrome, denn die Digitalanzeige im Tachogehäuse kann der altersfehlsichtige Mann nicht mehr ablesen, und rechts ein Außenthermometer. Das wiederum ist nützlich für einen Mann, der ohne Saisonkennzeichen fährt und an kalten Tagen auch mal über den Zustand der Straße informiert sein will.
 

Harley-Davidson Bergstraße
Neuwiesenfeld 5
64625 Bensheim
Tel 06251 - 13 88 77-0
www.harley-davidson-bergstrasse.de

Info
Dieses Buch erzählt die Geschichte der Entwicklung des weltweit ersten Power-Cruisers, zeigt atemberaubende Umbauten, gibt Tipps zu Tuning und Gebrauchtkauf und stellt alle Mitglieder der V-Rod-Familie in Wort und Bild vor. 

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 10/2017

 
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