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Bagger goes Oldschool und andere Bikes leuchten wie  Christbäume. Das sind die neuen Customtrends auf der Daytona Bike Week
Die Daytona Bike Week ist die Urgroß­mutter aller Bike Weeks. Sie steigt, wenn in Florida der Frühling einzieht, also Anfang März. Dann spricht die Stadt in ihren Verlautbarungen stets von einer halben Million Bikern, die diese Bike Week angesteuert hätten. Aber wer zuletzt in den 90er Jahren in Daytona war, der dürfte sich heute die Augen reiben, denn in der Main Street ist es luftig geworden.

Am Wochenende, zum Höhepunkt der Bike Week, drängen sich Pick-ups und SUVs durch Daytonas Zentrum. Dann fahren sie überhaupt alle über die Main Street, viele scheinen überhaupt nichts anderes zu machen. Und die übergewichtigen Insassen der SUVs fotografieren gechoppte Mofas, selbstgezimmerte V8-Trikes, Big-Wheel-Bagger und Langschwingen-Sportler, dazu noch alle möglichen Rollatoren und Raketen auf Rädern. Die Verlockungen der Saloons ziehen deren Besitzer wiederum an die Tränke und in den Sog aus krachender Live-Mucke, dröhnenden Motoren und kreischendem Partyvolk. Mit jedem Schluck aus der eiskalten Pulle wird dieser merkwürdige Ort in Florida ein bisschen mehr zum best place on earth. Wenn es in Daytona so etwas wie einen neuen Trend gibt, dann ist es das Mitbringen von Tieren. Papageien und Leguane, selbst Tigerbabys haben wir in der Main Street schon gesehen. Von den kleinen Kötern im rosa Harley-Outfit ganz zu schweigen.

Gäule mit Kötenbehang, Polizisten auf Victorys und Fahrrädern – so muss eine Bike-Week-Eröffnung aussehen
Gäule mit Kötenbehang, Polizisten auf Victorys und Fahrrädern – so muss eine Bike-Week-Eröffnung aussehen

Und welche Trends verbuchen wir im Customizing? Na ja, die Baggermania mit zweiunddreißigzölligen Vorderrädern dürfte nicht mehr zu überbieten sein. Jetzt folgt die Rückbesinnung auf fahrbare Oldschool-Dresser mit Knuckle-, Pan- oder Shovel-Aggregaten. Darüber hinaus stecken die Amis ihr Custombudget in die Beleuchtung. Unzählige LEDs geben den Bikes eine vielfarbige Christbaumoptik. Das wahre Bikerleben findet sowieso nicht in der Main Street statt, sondern auf den Campgrounds und den Partyhotspots rund um Iron-Horse- und Broken-Spoke-Saloon oder beim Cabbage Patch, wo das legendäre Krautcatchen auch gehobenen Entertainment-Ansprüchen gerecht wird. Dicke Ladys wälzen sich dann in öligem Weißkohl beim verbissenen Ringkampf. Dafür sollten eure fünfzigjährigen Weiber sich bewerben, wenn sie es nochmal wissen wollen, nicht für die Fotoshootings auf unseren Bikeshows!

Die Member der Clubs sind während der Bike Week ohne Kutte unterwegs. In Daytona will niemand Rocker sehen, und deshalb heißt es an jeder Kneipentür „No Colors, No Attitudes“. Außerhalb der Innenstadt aber lassen die Patch-Träger es ordentlich krachen. In den Clubhäusern und auf privatem Gelände sind Member, Supporter und authentisches Bikervolk willkommen. Kameras nicht – Berichterstattung unerwünscht. Wo was geht, erfährt nur, wer es erfahren soll. Da lohnt sich auch kein Blick in den offiziellen Bike-Week-Guide.

Auf der Rats Hole Show: Extrembagger mit 32-Zoll-Rädern können nicht mehr überboten werden
Auf der Rats Hole Show: Extrembagger mit 32-Zoll-Rädern können nicht mehr überboten werden

Auf dem Turm des wunderschönen alten Harley-Ladens am Halifax-River prangt jetzt das Indian-Logo. Dutzende in Zahlung genommene Harleys stehen davor und zeugen davon, dass die neuen Chiefs und Scouts den Nerv der US-Biker besser treffen. Und auch die zweite Marke des Polaris-Konzerns scheint gut aufgestellt: Das Daytona Police Department hat komplett auf Victory umgesattelt. Üppig dimensionierte Räder, fette Tüten, verchromte Becherhalter und unnützes Gedöhns präsentieren die fliegenden Händler und Zubehörmultis, die am Speedway und im großen Harley-Areal „Destination Daytona“ ihre Trucks aufgestellt haben. Aber auch hier liegen viele Flächen brach. Die legendären Bikeshows schwächeln. Harleys Ride-In-Show, auf der noch vor wenigen Jahren mehr als hundert gepimpte Eisen um prestigeträchtige Pokale und einen warmen Händedruck von Willie G. kämpften, ist platt. Die Marketingmenschen der Company hatten im Vorfeld irgendwas in den sozialen Netzwerken angeleiert, was wohl kaum jemanden interessierte. Am Ende steht ein Dutzend belangloser Kackstühle im Harley-Areal am Speedway.

Die Rats Hole Show war einst die wichtigste Custombike-Ausstellung der Welt. Jetzt ist sie schon wieder umgezogen. Die neue Heimat ist nun der Parkplatz hinter dem Indian-Dealer in der North Beach Street. Unter den 50 Bikes finden wir vielleicht eine Handvoll Perlen. Aber die alten Judges, die seit mehr als drei Jahrzehnten die besten Bikes der Show auswählen, sind übergelaufen und voten jetzt für die Boardwalk-Show. Die Jurys beider Shows beweisen immerhin guten Geschmack, indem sie das gleiche Moped zum Best of Show küren. Die ultrafeine Boardtrack-Shovel werden wir in der kommenden Nummer 3 unserer Zeitschrift DREAM-MACHINES ausführlich vorstellen.

Auf der Boardwalk Show: Peter Penz wechselte die Jury und kürte hier den Sieger der Show. Wir zeigen das Bike von allen Seiten in unserer Zeitschrift DREAM-MACHINES
Auf der Boardwalk Show: Peter Penz wechselte die Jury und kürte hier den Sieger der Show.

Neben diesen drei Klassikern entdecken wir noch jede Menge anderer Bikeshows, mehr oder weniger bedeutend, darunter allein drei reine Bagger-Exhibitions. Am unterhaltsamsten ist Willie’s Old School Chopper Show, wo zwar viel Schrott, aber auch anbetungswürdiges Material steht. Hier sind die Coolen noch mehr oder weniger unter sich, weil der gemeine Bike-Week-Besucher mit dem alten Eisen ohne Blingbling nix anfangen kann. Ach ja. Daytona hatte mal wegen seiner spektakulären Rennen Geschichte geschrieben. Aber auf dem Flattrack-Rennen geht keine einzige XR mehr an den Start. Hier fahren nur noch Japaner und KTM. Die 30 Bucks Eintritt sparen wir uns deshalb für das nächste Jahr. Da feiert die Daytona Beach Bike Week ihr Fünfundsiebzigstes.

Zuerst veröffentlicht in BIKERS NEWS 05/2015
 
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