Hell on Wheels

17.11.2017  |  Text: Tilmann Ziegenhain  |   Bilder: Robin Brecht
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Wir haben den Hells Angels MC Nassau auf seiner Fahrt nach Paris begleitet
Mannheim, 26. Mai 2017. Es ist noch früh am Morgen, aber ich bin bereits am Schwitzen. Die Temperaturen lassen erahnen, dass heute ein sonniger, heißer Tag wird. Es ist nicht eine einzige Wolke am Himmel zu sehen. Gut so, denn pünktlich um neun Uhr wollen wir mit rund vierzig Hells Angels, Red Devils und Supportern nach Paris aufbrechen. Wir, das sind der Fotograf Robin, der Zweitgeborene von BIKERS-NEWS-Gründer Fips, und ich. Grund unserer Reise: Am Wochenende feiern die kalifornischen Angels aus Oakland in der französischen Hauptstadt ihr 60-jähriges Bestehen – mit dabei Sonny Barger, ehemaliger President des Charters und ohne Zweifel bekanntestes Mitglied des Clubs. Treffpunkt ist das Clubhaus der Mannheimer Hells Angels. Die haben vorgesorgt und ein deftiges Frühstück aufgetischt. Vor dem Clubhaus sitzen verschiedene kleine Gruppen zusammen, Gelächter und Gegröle, die Stimmung ist ausgelassen.

Alle paar Minuten rollt ein weiteres Bike an; man kennt sich, man begrüßt sich. Die Mannheimer Hells Angels sind natürlich die größte Gruppe vor Ort. Und sie sind trotz Colour-Verbot leicht zu erkennen: Sie tragen einheitliche rote Jacken, mit denen sie ihren Prostest gegen das verschärfte Vereinsgesetz zum Ausdruck bringen: „Governments can’t destroy us“, Regierungen können uns nicht zerstören, steht an der Stelle, an der sonst Top- und Bottom-Rocker zu sehen wären, „Mannheim“ in der Mitte, an Stelle des geflügelten Totenkopfes.

Robin und ich sind offiziell dem Charter Nassau zugeteilt, das ebenfalls von Mannheim startet. Das Charter ist mit seinen anderthalb Jahren zwar vergleichsweise jung, doch geben die Member eine interessante Mischung ab: Während manche erst seit ein paar Jahren dabei sind, haben andere schon den Wechsel von den Bones mitgemacht. Sogar ein Vater-Sohn-Gespann gibt es. Oldschool oder Newschool? Diese Frage stellt sich im Nassauer Charter nicht.

Auch unsere Angels sind ohne Deathhead und Co. gut zu erkennen. Die Member tragen einheitliche, rot-weiße Collegejacken, auf deren Rücken der Name des Charters prangt, ohne weitere Zusätze. Praktisch für mich, denn ich muss mich ja im Pulk orientieren – Robin fährt im Service-Car mit. Während ich mir schnell noch einen Kaffee und ein Brötchen einverleibe, sammelt Baader, der Road-Captain der Nassauer, schon mal das Geld ein. Klar, es geht durch Frankreich mit seinen vielen Mautstationen und wenn einer für alle zahlt, sollte es schneller gehen.

Pünktlich um 09:00 Uhr dann ohrenbetäubendes Bollern von rund vierzig V2-Motoren. Angeführt wird die Kolonne dieses Mal von zwei Road-Captains: Fox (Mannheim) und Baader teilen sich den Job. Ich reihe mich mit meinem Schlachtschiff hinter den Nassau-Membern ein, noch hinter den Prospects Beko und Emre, neben Metin, einem Supporter. Für den Trip hat mir die deutsche Harley-Vertretung eine 2017er Road Glide Ultra geborgt, die mir mit jedem Kilometer besser gefällt (siehe Fahrbericht BIKERS NEWS 09/2017).

Im gemächlichen Tempo geht es zunächst ein paar Kilometer durchs Mannheimer Zentrum, auf der kürzesten Strecke in Richtung Autobahn. Wir überqueren den Rhein, passieren Ludwigshafen und ein paar Minuten später sind wir schon auf der A 650. Schnell stellt sich der Reisemodus ein, den die Kolonne über die nächsten gut 500 Kilometer auch beibehalten wird: Geschwindigkeit je nach Verkehrslage und Tempolimit zwischen 100 und 140 km/h, immer schön den Vordermann im Blick und aufschließen, damit der Tross sich nicht unnötig in die Länge zieht. Falle ich zurück, erinnert mich einer der Nassauer durch Handzeichen immer schnell daran, wo der Gasgriff ist – meistens ist es Secretary Steven auf seiner Dyna. Doch was während der ersten Kilometer noch nötig ist, wird im Laufe des Tages überflüssig, denn mit der Zeit gewöhnt man sich an die Fahrweise der anderen im Tross und stellt sich aufeinander ein.

Nach knapp 80 Kilometern ist unser Ziel auf der Höhe von Landstuhl das erste Mal ausgeschildert: Paris, 437 Kilometer! Doch auf der Strecke liegt rund 50 Kilometer nach diesem Hinweis zunächst ein anderes wichtiges Ziel: die französische Grenze! Gestoppt wird zunächst an der Tankstelle auf der deutschen Seite des Grenzübergangs. Ein Motorrad nach dem anderen wird befüllt, dann wird der Zapfhahn weitergereicht. So muss wie später an den Mautstationen nur einer bezahlen – das spart Zeit und Nerven. Nur ich bestehe darauf, alleine zu tanken und verargumentiere das Ganze mit den Nerven der Damen unserer Buchhaltung, die mir aufs Dach steigen würden, wenn ich keine Belege mit nach Hause bringe.

Nachdem die Bikes Benzin und die Fahrer Koffein und Nikotin getankt haben, geht es weiter. Doch schon nach 30 Sekunden folgt der nächste Stopp: Genau einen Meter hinter der französischen Grenze legen Hells Angels und Red Devils ihre Kutten an – in Frankreich gibt es kein verschärftes Vereinsgesetz, die Abzeichen der Clubs sind nicht verboten. Drüben, auf der anderen Seite der Autobahn, verfolgt ein einsamer deutscher Beamter das Geschehen durch die Glastür des Polizeigebäudes.

Überprüfen lässt es sich natürlich nur bedingt, doch habe ich den Eindruck, dass die französischen Verkehrsteilnehmer den Hells Angels freundlicher gesinnt sind als die deutschen. Jedenfalls fährt alle paar Minuten ein Auto vorbei, aus dem uns zugewinkt wird – hauptsächlich von der Rückbank, von Jungs unter und Mädchen über 16 Jahren.

Doch auch in Frankreich ist das so eine Sache mit der freien Fahrt für freie Bürger: Schon nach wenigen Kilometern muss unser Tross an der unvermeidlichen ersten Mautstation halten. Obwohl nicht viel Verkehr ist, dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis wir durch sind. Für alle zahlen und alle auf einmal durch ist nicht. Baader muss die Maut für jeden von uns einzeln blechen und hantiert zusehends genervt mit Dutzenden Münzen und Geldscheinen am Automaten vor der Schranke. Ich bin der Letzte in der Reihe und muss am längsten warten – bei rund 30 Grad in der prallen Sonne alles andere als ein Vergnügen. Nachdem auch ich endlich durch und beim Rest der Gruppe hinter der Station angekommen bin, geht es gleich weiter. Keine Kippenpause für mich, nur schnell einen Schluck trinken und schon sitze ich wieder im Sattel und gebe Gas.

Der nächste Tankstopp dauert länger, denn auf der Raststätte befinden sich bereits mehrere andere, kleinere Gruppen von Hells Angels, die ebenfalls auf dem Weg nach Paris sind. Überall begrüßen sich Brüder, die sich für kürzere oder längere Zeit nicht gesehen haben, und tauschen Neuigkeiten aus. Die Tankstelle ist für eine halbe Stunde fest in rot-weißer Hand.

Nach gut fünf Stunden nähern wir uns unserem Ziel und die weiten landwirtschaftlichen Flächen der französischen Prärie weichen nach und nach Häusern und Fabriken. Die letzten Kilometer im Berufsverkehr der Pariser Innenstadt sind ein Kapitel für sich. Die Straßen sind vollgestopft bis zum Gehtnichtmehr, Auto an Auto und ein Lärm, in dem der Klang unserer Harleys fast untergeht. Doch das Schlimmste sind die zahlreichen Rollerfahrer, die sich links und rechts, kreuz und quer zwischen den Autos vorbeischlängeln und keine Scheu haben, sich hupend und gestikulierend ihren Weg durch eine Gruppe deutscher Hells Angels zu suchen. Getoppt werden sie eigentlich nur von einer Motorradfahrerin, die auf einem Custom­bike mit unglaublich fettem Hinterreifen nah an der Schallmauer mitten durch unsere Gruppe schießt.

Doch irgendwie schaffen wir es zu unserem Hotel. Ich stelle meine Road Glide ab und zähle die grauen Haare, die mir in der letzten halben Stunde gewachsen sind. Anders unsere Nassauer, denen der Trip weitaus weniger ausgemacht zu haben scheint. Doch der Traum von einer baldigen Dusche platzt an der Rezeption. Das Hotel, in dem wir uns befinden, ist das falsche; die Nassauer wollen in ein anderes. Problem: Ich alter Sparfuchs habe für Robin und mich schon in Deutschland im Voraus bezahlt – das war günstiger, doch nun habe ich keine Möglichkeit, das Geld zurückzubekommen und zu stornieren. Während ich noch damit beschäftigt bin, mich zu ärgern und zu überlegen, haben Presi Farid und die anderen schon entschieden: „Kommt mit, wir zahlen euch ein Zimmer im anderen Hotel“ – spricht er und entschwindet schon in Richtung Ausgang, während ich noch zwischen ihm und der Rezeptionistin hin- und herschaue. „Wo wir sind ist vorn – komm!“, grinst Steven. Und schwupps sitzen wir schon wieder auf den Bikes, um eine Ehrenrunde durch das Pariser Verkehrschaos zu nehmen.

Eine Viertelstunde haben Robin und ich, nachdem wir endlich am richtigen Hotel angelangt sind. Dann geht’s auf der Ladefläche des Service-Cars in Richtung Partygelände. Dort sind bereits Hunderte Hells Angels aus aller Welt, aber auch einige andere Clubs und Zivilisten am Feiern. Sonny dagegen sitzt auf einer Bühne, umringt von einer großen Menge. Dort signiert er ungezählte Exemplare des Bildbandes, der anlässlich seines wahrscheinlich letzten Besuchs in Europa erschienen ist (siehe Bericht in BIKERS NEWS 07/2017).

Nach einem intensiven Partywochenende geht es am Sonntag schon wieder zurück. Dieses Mal fahren wir ohne die Mannheimer, dafür treffen wir auf der Strecke erneut Dutzende andere rot-weiße Gruppen. Irgendwann kann Vice Goggo nicht mehr fahren, seine Hände sind aufgrund der Hitze ziemlich angeschwollen, sodass er nicht mehr richtig bremsen und kuppeln kann. Also wird seine V-Rod ins Service-Car verladen und er wechselt den Platz im Fahrerhäuschen mit Robin, der zu mir auf den Sozius steigt. Nachdem sich Baader abgesetzt hat, wollen es Steven, Beko und Emre offenbar noch mal wissen: Die drei jagen die letzten hundert Kilometer vor mir über die Autobahn wie Kampfjets im Tiefflug und ich habe trotz Vollverkleidung Mühe mitzuhalten. „Das war noch mal geil“, kommentieren sie, als wir wieder im Mannheimer Clubhaus angekommen sind. Und auch Robin meint, er wäre noch nie so entspannt auf einem Motorrad mitgefahren. Ich dagegen bin schon wieder am Schwitzen, doch dieses Mal liegt es nicht nur an den Temperaturen – Hell on Wheels …    «
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Stand:26 May 2018 00:14:57/magazin/hell+on+wheels_171113.html