No Colour!

16.12.2017  |  Text: Michael Ahlsdorf, Interview: Gau  |   Bilder: Benjamin Grna, Deguzman, Gau
No Colour! No Colour! No Colour! No Colour! No Colour! No Colour! No Colour! No Colour! No Colour! No Colour! No Colour! No Colour! No Colour! No Colour! No Colour! No Colour!
No Colour!
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Unsere Szene hatte schon immer eigene Colour-Verbote. Die nachfolgende Bikergeneration praktiziert sie auch – aus vielen guten Gründen
Auf der Born-Free-Show im kalifornischen Oak Canyon. Seit 2008 richten zwei Customfreaks namens Mike Davis und Grant Peterson diese Show aus. Innerhalb von ein paar Jahren schafften sie es, dieses Bikertreffen zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz für Sturgis und Daytona werden zu lassen. Es ist die Show der „Pre-Evos“, der alten Knuckleheads, Panheads und Shovelheads, möglichst im Starrrahmen, längst nicht mehr schwarz und mit breiten Reifen, sondern retro, vintage, oldschool – und deshalb vor allem bunt!



Auf der Born-Free-Show wird selektiert: Links die coolen Bikes, rechts die Serienbikes. Colourträger, Kühlboxen und Tiere müssen draußen bleiben
Auf der Born-Free-Show wird selektiert:
Links die coolen Bikes, rechts die Serienbikes.
Colourträger, Kühlboxen und Tiere
müssen draußen bleiben


Die Hippies sind wieder auferstanden, deshalb nennt man diese Generation der neuen Biker im alten Stil auch „Hipster“. Doch sie unterscheiden sich von dem, was einst die Hippies waren. Die Hipster tragen sorgsam gescheitelte Frisuren, gepflegte Vollbärte, Turnschuhe oder Redwings-Stiefel, dazu weiße Kniestrümpfe und kurze Dickies-Hosen mit vorfabrizierter Bügelfalte. Variationen sind möglich, aber irgendwie muss es immer nach Zeitmaschine aussehen.
Das ist die neue Bikergeneration. Wenn wir die Wahl hätten, würden wir sie vielleicht gegenüber einigen von Migranten geprägten Streetgangs bevorzugen. Aber im Unterschied zu den Streetgangs, die bei uns mitspielen wollen, haben die Hipster eine andere Meinung: Sie wollen mit Rockern nichts zu tun haben. Martialische Auftritte sind unerwünscht, Kuttenschaulaufen ist ein No-Go.

Rocker unerwünscht

Die Hinweise sind kurz, aber deutlich. Auch vor der Born-Free-Show stehen sie in amerikanischer Schreibweise deutlich auf den Pappschildern am Eingang: „No Colors, Coolers, Pets.“ Keine Colours, keine Kühlboxen, keine Tiere. Die Schilder zeugen von der Ausgrenzung, die wir, die wir die Freiheit auf unsere Fahnen geschrieben haben, immer wieder selbst praktizieren.
Colour-Verbote und Kuttenverbotszonen sind keine Erfindung des deutschen Rechtsstaates. Von den Verboten, die Colours oder Supportpatches verfeindeter Clubs in der falschen Gegend zu tragen, wollen wir da gar nicht reden. Welche Regeln unter Rockern gelten, wissen wir.
Und ja, es gibt noch eine Bikerszene jenseits der Rockerszene – und die sieht uns gar nicht gerne. Auch diese Szene praktiziert deshalb schon immer Colour-Verbote, wo sie es kann. Das Straßenbild im Daytona der Neunzigerjahre war von ähnlichen Pappschildern geprägt, die am Eingang einer jeden Location hingen. Auf ihnen hieß es „No Colors! No Attitudes!“
Kneipenbesitzer und Veranstalter hatten mit Rockern schlechte Erfahrungen gemacht: Schlägereien, Schutzgelderpressungen oder einfach nur schlechte Stimmung unter den zivilen Gästen. Die Wirte hatten gute Gründe, sich gegen Colourträger zusammenzuschließen.

Hipster und Rocker

Auch in Europa hat sich längst eine Hipster­szene etabliert. Sie trägt sogar Kutten, manch­­mal auch mit eigenen Patches auf dem Rücken. Aber diese Kutten sind Jeanswesten im alten Stil, keine Lederkutten. Und die Designs der Rückenpatches gleichen nicht den Colours unserer Rockerclubs. Den klassischen Dreiteiler wird man unter Hipstern nicht finden.
Unsere Rocker wissen kaum was von den Hipstern – und die Hipster wollen von unseren Rockern ganz bewusst nichts wissen. Aber Ausnahmen sind immer möglich. So zum Beispiel in Österreich. In der Saison 2016 hatte ein alter Biker namens Simon im Salzburger Land zu einem Pre-Evo-Treffen geladen. Das Vorbild für sein Treffen: Die Born-Free-Show in Kalifornien! Simon gehört der internationalen Vereinigung der „Lords of Mayhem“ an. Die tragen auch keine Colours, gelegentlich aber bunte Schriftzüge auf dem Rücken, die ihre Zusammengehörigkeit bekunden. Simon war auch mal Rocker, einst Member im bayrischen Crazy Hogs MC, einem kleinen Club, der immerhin ein MC war, sich aber an Rockerkriegen, welcher Art auch immer, nicht beteiligte.
Simons Netzwerk persönlicher Beziehungen führte dazu, dass mit ihm auch echte Rockerclubs das Pre-Evo-Treffen ausrichteten. Gastgeber waren mithin auch das Gründungschapter des Black Rider MC Austria – nicht zu verwechseln mit dem Black Rider MC Germany – und eine RC (Road Crew) unter den drei Buchstaben OCB. Diese Buchstaben stehen für „Old Crazy Bastards“. Alle verstehen sich als Oldschool-Biker und so hatten auch die Bikes des Pre-Evo-Treffens auszusehen: Es waren alte Knuckleheads, Panheads und Shovel­heads, möglichst im Starrrahmen, retro, vintage, oldschool.

Auch die Lords of Mayhem tragen Rückenabzeichen. Mit den Abzeichen eines Rockerclubs sind sie garantiert nicht zu verwechseln
Auch die Lords of Mayhem tragen Rückenabzeichen. Mit den Abzeichen eines Rockerclubs sind sie garantiert nicht zu verwechseln

Begegnungen. Nach drei Bieren saßen auch Hipster und Rocker eng beieinander
Begegnungen. Nach drei Bieren saßen auch Hipster und Rocker eng beieinander


Kultur der Getränkebons

Die Buschtrommel hämmerte diese Nachricht durchs Salzburger Land. So kam es zu einem bemerkenswerten Zusammentreffen zweier Szenen. Neben den Rockern der Alten Schule fuhren auch Biker der neuen Hipster-Generation vor. Simon waren sie willkommen, seine Erklärung einfach: „Wir sehen sie nicht als Hipster, wir sehen sie als junge Generation. Denen geht’s um schöne alte Harleys. Ausgrenzung, in welche Richtung auch immer, finde ich nicht schön.“
Leicht war es trotzdem nicht, in den ersten Stunden blieben die Grüppchen unter sich. Die Gäste brauchten ein paar Biere, um miteinander warm zu werden. Danach saßen sie doch in friedlicher Eintracht nebeneinander, ihre Bikes zeugten ja von ihrer gemeinsamen Leidenschaft.
Sie lernten sogar voneinander, denn die Kultur der Getränkebons kannten die Hipster gar nicht. Warum darf das Bier nicht am Tresen bezahlt werden? Simon musste es ihnen erklären: Zu später Stunde würde es am Tresen immer Ärger geben, Besoffene hätten plötzlich keine Kohle mehr in der Tasche – und das würde den Zapfbetrieb behindern. Also müssten die Gäste ihre Bons zuerst an einer anderen Kasse besorgen. Das war die eine Version der Erklärung. Dass es auch darum geht, zu verhindern, dass Geld in falschen Taschen verschwindet, erklärte Simon nicht.
Unsere Szene bietet schließlich immer mehrere Erklärungen für ihre Bräuche an. Auch der sogenannte „Gebietsanspruch“ wurde einst mit vorgeschobenen Gründen erklärt: Bestehende Clubs erklärten den Anspruch, in ihrer Stadt nur ihre eigenen Colours zu akzeptieren, damit, dass andere Clubs womöglich öffentliche Ärgernisse erregen könnten. Unbedarfte Zuschauer würden sie dann mit dem Club der Stadt verwechseln. Dass der Gebietsanspruch und damit das Colour-Verbot für fremde Clubs sich einfach im typisch männlichen Machtgehabe begründet, erklärten sie nicht. Womit wir schon wieder daran erinnern, dass Colour-Verbote keine Erfindung unseres Rechtsstaates sind.
Zurück zu den Getränkebons: Vor dem Problem, was mit nicht eingelösten Getränkebons passieren würde, standen die Gäste von Simons Pre-Evo-Treffen jedenfalls nicht. Zu später Stunde wurde Freibier für alle ausgerufen. Beide Szenen hatten sich miteinander verbrüdert – die Bikes brachten sie zusammen.

Kleiderordnung statt Ausgrenzung

So kann es funktionieren, muss es aber nicht. Nach wie vor bestehen gute Gründe, ein Biker­treffen ohne Rocker auszurichten – angefangen beim gelegentlich furchterregenden Aussehen der Rocker, die allein schon deshalb für schlechte Laune unter anderen Gästen sorgen. Ein Colour-Verbot muss da nicht als Ausgrenzung zu verstehen sein, sondern vielleicht auch nur als „Kleiderordnung“. So erklären es jedenfalls die Veranstalter der Lake Show, einem Customtreffen für Motorräder und Autos im Osten Österreichs. Ihre Ansage war eindeutig: „No Colour/No MC“.
Die Lake Show ging aus einer gemeinsamen Ausfahrt einiger Motorradfans aus dem Wiener Raum hervor. Sie fahren Bikes, die nicht in teuren Customschmieden entstanden sind, sondern in Kellern und Garagen. Die Jungs haben Öl unten den Fingernägeln, lange Haare und Bärte. „Hipster“ wollen wir sie deshalb noch nicht nennen, es sind authentische Schrauber von der Straße. Diese Jungs treffen sich regelmäßig an verschiedenen Locations in Wien und einmal im Jahr brechen sie zu einer gemeinsamen Tour und zum Lagerfeuer am Neusiedlersee auf. So entstand der Name der Lake Show.
Schließlich wurde ein Bikerfest draus. Eine passende Location war „Die Erbse“, ein gut erhaltenes Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, ehemals kaiserlich-königliche Konservenfabrik. Dort rollen sie nun auf Triumph, Norton, BSA, Z-Kawa aber auch auf Harley-Umbauten ein.
Warum dort die Ansage „No Colour/No MC“ gilt, darüber haben wir uns mit den Veranstaltern, Daniel (Motosickle) und Martin (LowDown) unterhalten.



„Kutte am Motorrad abgehängt, Party gefeiert“

Wir unterhielten uns mit den Veranstaltern der Lake Show über das dortige Colour-Verbot

BN: Hallo Daniel und Martin! Erst mal Gratulation zur Show. Tolle Sache, die ihr hier auf die Beine gestellt habt!
Lake Show: Danke für die Blumen.

Wer sind die Verantwortlichen? Wie viele Leute braucht ihr für solch ein Event?
Also wir sind in diesem Jahr eigentlich bloß zu zweit an die Sache herangegangen. Anfangs, 2015, haben wir gemeinsam mit WS-Customs einen Ride für Freunde gemacht. 2016 wurde das Ganze größer und wieder mit WS-Customs veranstaltet – zum ersten Mal mit Konzert und als Endstation erstmalig in der Erbse. Naheliegend war es dann, fürs Jahr 2017 eine Party daraus zu machen und den Ride in den Hintergrund zu stellen. Der Ride wird aber immer dabei sein!

Eure Ansage „No Colour/No MC“ war eindeutig. Warum diese Regelung?
Tja, in den USA gibt es das öfter. Wir verstehen uns als Customshow, wollen was aufbauen mit Autos und Motorrädern – da ist auch eine unterschiedliche Clubkultur vorhanden. Wir denken, dass Fahrer, Customizer, einfach alle Besucher, eine Familie sind. Und in jeder Familie gibt es unterschiedliche Typen. Wenn die Familie zusammenkommt, versuchen alle, gute Stimmung zu verbreiten und den Tag zu genießen. Und wenn man bei Oma auf Besuch ist, zieht man eben die Schuhe aus und versucht, brav auszusehen.

Kamen trotzdem MCs oder ähnliche Clubs, zum Beispiel als ganz normale Gäste?
Klar, es waren auch Clubmitglieder da. Aber es war gar keine Frage, wie das ablaufen würde: Kein Stress, Kutte am Motorrad abgehängt, Party gefeiert. Wer wohin gehört, das sieht man ja auch oft am T-Shirt oder an anderen Accessoires.

Wo liegen eurer Meinung nach die Vorteile, wo die Nachteile, wenn man MCs von solch einem Event ausschließt?
Wir bitten ja nur darum, unsere Hausregel zu beachten. In einem Clubhaus ist das auch nicht anders. Wir schließen also niemanden aus. Im Gegenteil, wir freuen uns, wenn alle kommen! Das befruchtet die Szene und bietet auch den Leuten, die nicht aus der Szene sind, eine Möglichkeit zum Austausch über die Customs. Egal, wo man jetzt steht: Wenn wir auch Leute bei uns begrüßen, die nichts mit der Szene zu tun haben wollen, können alle davon nur profitieren.

Habt ihr an eine Wiederholung für 2018 gedacht?
Na sicher! Außerdem haben wir auch beschlossen, ein paar andere Sachen zu machen. Toll wäre zum Beispiel, das „Motorcycle Film Festival“ von Corrina Mantlo nach Österreich zu bringen. Für die dunkle, kalte Jahreszeit genau das Richtige, man kann ja nicht nur in der Garage am Umbauen sein.
Außerdem gibt es hier im Burgenland die „Speedworld“. Vielleicht machen wir ja auch mal ein offenes „Bring what you ride“-Flat-Track-Rennen. You never know!     «
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Stand:23 June 2018 16:18:13/magazin/no+colour_171206.html?set_jetzt=2017-12-16%252011:58:13&c_refresh=d0d78ffab2062f708cb78fe28c0e4a14.html&set_cachesetter=off