„Die Innenministerkonferenz hat uns entrechtet“

24.06.2011  |  Text: Peter Ilg  |   Bilder: Susanna Schelhorn
„Die Innenministerkonferenz hat uns entrechtet“
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Wir sprachen mit Lutz Schelhorn vom Hells Angels MC Stuttgart …
Wir sprachen mit Lutz Schelhorn vom Hells Angels MC Stuttgart über die letzten Jahre in der Szene und über nach wie vor drohende Clubverbote


BN: Am Pfingstmontag des vergangenen Jahres hatten Bandidos und Hells Angels öffentlich ein Abkommen geschlossen. Ein Jahr später krachte es wieder zwischen beiden, das war Anfang Mai in Duisburg.

Lutz: Dass es tatsächlich gekracht hat, bezweifle ich. Soweit ich gehört habe, war das ein Geplänkel. So etwas gehört zum Alltag und geschieht zwischen allen Gruppierungen, nicht nur unter Rockern.

BN: Im letzen Jahr, im Juni 2010, rechneten manche als Resultat der Innenministerkonferenz mit einem Clubverbot. Es kam nicht dazu, wie ist die Lage heute?

Lutz: Wenn jede kleine Rangelei gleich zum Krieg hochgeschrieben wird, dann schadet das der Szene mit Sicherheit. Keines der führenden Medien Deutschlands würde großartig über eine Keilerei auf einem Stadtfest berichten. Wenn aber Bandidos oder Hells Angels im Spiel waren, dann ist das ein gefundenes Fressen, weil die Schlagzeile Absatz bringt.

„Ein Clubverbot kann keinen Bestand haben“

BN: Am 21. und 22. Juni 2011 treffen sich die Innenminister der Bundesländer erneut zur routinemäßigen Konferenz in Frankfurt am Main. Da kommt diese BIKERS NEWS gerade an den Kiosk, weshalb wir dieses Interview vor der Konferenz führen. Es wird wohl wieder um Rocker gehen.

Lutz: Das ist zu erwarten. Wenn man aber vom gesunden Menschenverstand ausgeht, dann können und werden die Hells Angels auch diesmal nicht verboten werden. Ein Clubverbot kann keinen Bestand haben. Davon bin ich fest überzeugt.

BN: Im November vergangen Jahres wurde von dir ein Artikel in der BIKERS NEWS veröffentlicht, in dem du Medien und Politik vorgeworfen hattest, gemeinsame Sache gegen die Hells Angels zu machen.

Lutz: Eine gekürzte Version des Artikels ging per E-Mail ans Bundesinnenministerium, an alle Länderinnenministerien, an fast alle Fraktionen aller Landtage, mit Ausnahme der Rechten, an die Gewerkschaften der Polizei, an Amnesty International und an alle Presseagenturen.

BN: Was war das Ziel der Aktion?

Lutz: ...


Beispiele behördlicher Skurrilitäten

BN: Du sammelst weitere Beispiele behördlicher Skurrilitäten?

Lutz: Einem Member vom Charter München wurde mitgeteilt, ihm werde die waffenrechtliche Erlaubnis widerrufen. Der Mann hat eine Waffenbesitzkarte und wurde deshalb jährlich hinsichtlich seiner Zuverlässigkeit überprüft. Die hat er über zehn Jahre belegt. Jetzt schreibt ihm ein Verwaltungsamtsrat aus dem Kreisverwaltungsreferat der Stadt München am 19. Januar 2011, er müsse seine Waffen abgeben und begründet das mit „dem bayrischen Verfassungsschutzbericht 2009, der fachlichen Stellungnahme des bayrischen Landeskriminalamt von 2010 und ergänzend aus der allgemeinen Medienberichterstattung über die Hells Angels“. Unser Mann hat Berufung eingelegt.
Das Charter Leipzig hatte eine Tabledance Party veranstaltet, alle Member hatten auf einem der obligatorischen Table-Dance-Dollar unterschrieben und den Schein an einen ihrer Member in den Knast geschickt. Auf dem Schein steht zwar „One Dollar“, doch er hat eine andere Farbe und Größe als ein echter Dollar. Zudem ist vorne ein leicht bekleidetes Mädel abgebildet und das Wort „Angel“ ist darauf gedruckt. Auf der Rückseite gibt es ebenfalls nackte Haut zu sehen. Und was passiert? Der Staatsanwalt in Pforzheim, wo unser Mann einsitzt, sieht den Schein, beantragt eine Beschlagnahme und leitet gegen den Absender des Briefes, der aus dem Charter Leipzig stammt, ein Strafverfahren wegen des Verdachts der Geldwäsche ein. Als zugehörige Paragraphen nennt er den für Falschgeld. Die nächste Instanz hat den Fall eingestellt.

BN: ... und dann war da noch der Einsatz in Hessen.

Lutz: Im Oktober 2010 stürmten rund 2000 Polizisten inklusive der GSG 9 etwa 50 Objekte im Rhein-Main-Gebiet wegen einer angeblichen Hauerei unter Rockerclubs, bei dem zugleich ein Raub begangen worden sein soll. Dabei ist die Sache zwischen den beiden Clubs schon einen Tag später aus der Welt geräumt gewesen, mit Wissen der Behörden. Das war im Mai, und fünf Monate später machen die so einen Wirbel. Da muss man sich doch an den Kopf fassen! Für mich war das nur ein Vorwand, um mit großem Presserummel Durchsuchungen anordnen zu können. Im November 2010 gab es im Rhein-Main-Gebiet ein weiteres Großaufgebot mit 1047 Polizeibeamten und noch eine im Januar mit 286 Beamten.
Diese drei Auftriebe haben seriös gerechnet rund vier Millionen Euro gekostet. Klar, es wurden mehrere verbotene Messer, die eine oder andere Waffe und Quarzhandschuhe gefunden. Dafür werden die Leute dann angeklagt. Aber rechnet sich dafür ein solcher Aufwand? Ich meine, mit Sicherheit nicht. Zumal von kompetenter Stelle andere Stimmen zu hören sind.

BN: Nämlich?

Lutz: …


„Ich bin Hells Angel aus innerster Überzeugung“

BN: Hat die Null-Toleranz-Politik etwas bewirkt in der Szene?

Lutz: Mit Sicherheit nicht. Wir richten uns darauf ein, werden aber ungeachtet dessen unser Clubleben weiter führen. Wer sich kriminell betätigen will, der tarnt sich und läuft nicht mit der Visitenkarte auf dem Rücken herum. Hells Angel zu sein ist eine Lebenseinstellung, darüber haben nicht andere zu bestimmen. Natürlich macht das keinen Spaß, wenn man alle zehn Kilometer vom Bike geholt wird und auf dem dreckigen Boden liegen muss, um zum fünften Mal überprüft und durchsucht zu werden. Doch ich bin Hells Angel aus innerster Überzeugung und lasse mich von Hubschraubern über Gräbern nicht beeindrucken. Solches Verhalten stößt mich schlicht weg ab.

BN: Was meinst du, wie lange die Behörden ihre Linie weiterfahren?

Lutz: …

… weiter geht’s in der BIKERS NEWS 07/11

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Stand:18 July 2018 14:51:29/motorrad/berichte/%E2%80%9Edie+innenministerkonferenz+hat+uns+entrechtet%E2%80%9C_116.html