Jubiläums Aktion: 25Jahre TätowierMagazin
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Ein Reisetagebuch
Im vergangenen Sommer besuchte BIKERS NEWS die Nachtwölfe in Moskau. Von Frankfurt am Main ging es zunächst nach Travemünde, von dort mit der Fähre nach Helsinki, weiter über St. Petersburg und Weliki Nowgorod bis in die russische Hauptstadt. Der Weg zurück führte über Lettland, Litauen und Polen. Was während zehn Tagen auf einer Strecke von rund 5400 Kilometern geschah, schildert unser Reisetagebuch.

Treffpunkt Travemünde: An einer Tankstelle kurz vor der Fähre bin ich mit Frank verabredet. Von nun an geht die Reise zu zweit weiter
Treffpunkt Travemünde: An einer Tankstelle kurz vor der Fähre bin ich mit Frank verabredet. Von nun an geht die Reise zu zweit weiter

Tag 1: Frankfurt–Travemünde, 570 Kilometer

Nach gut hundert Kilometern auf der A 5 mache ich den ersten Halt – Benzin, vor allem aber Kaffee nachfüllen. Zeit, die „Pfefferhöhe“ zu genießen, habe ich leider nicht – schade eigentlich, versprüht die erste privat geführte Raststätte der Republik doch einen ganz besonderen Betoncharme. Und das Filetgulasch „Stroganoff“ wird hier sogar noch am Tisch serviert. Es wäre eine gute Einstimmung auf die nächsten Tage gewesen – denn mein Ziel heißt Moskau. Dort feiern die Nachtwölfe, der älteste und größte russische Motorradclub, am kommenden Wochenende ihr dreißigjähriges Bestehen. Eine Party, die BIKERS NEWS nicht verpassen will. Unterwegs bin ich auf einer Road Glide Ultra. Der fetteste aller fetten Harley-Tourer ist genau das richtige Bike für die lange Strecke, die ich in der nächsten Woche zurücklegen werde. Vor allem haben die beiden Koffer und das Top Case des Schlachtschiffes genug Stauraum, um neben ausreichend frischen Socken auch noch Geschenke für die Nachtwölfe transportieren zu können. Schade nur, dass das Testmotorrad der Company im originalen Werkszustand, der Auspuff also viel zu leise ist. Nach meinem ersten Stopp fahre ich eine ganze Weile hinter einer Karre von Jekill & Hyde her – die hätten bestimmt was Passendes dabei, biegen aber irgendwann ab. Mist.

Mein nächster Stopp ist der Rastplatz „Hildesheimer Börde“ auf der A 7. Und auch da werde ich schon auf Russland eingestimmt, denn als ich das letzte Mal dort Pause machte, war ich ebenfalls dienstlich on the road. Damals war ich auf dem Weg zu Wolle (†), Michel und Bernie vom Hells Angels MC. Die drei waren 2015 ebenfalls in Russland unterwegs. Allerdings hatte ihre Tour eine ganz andere Größenordnung: 13000 Kilometer in dreißig Tagen, einmal quer durch das größte Land der Welt, bis ins japanische Nagoya. Trotzdem: Für mich wird die Fahrt nach Moskau und zurück die bislang längste Tour auf zwei Rädern. Ich lasse Hannover links liegen, wechsle irgendwann auf die A 1 und bin in Hamburg. Prompt setzt das Schietwetter ein: Es wird deutlich kühler und stürmt – auch wenn die Nordmänner das sicher nicht so bezeichnen würden: Für einen Hessen reicht’s. Außerdem lassen mich erste Regentropfen befürchten, dass ich schon am ersten Tag der Reise die Kontrolle über mein Leben verlieren und die Gore-Tex-Jacke aus dem Koffer holen werde.

Waren 2015 auf großer Russland-Tour: Wolle, Michel (HAMC North Region) und Bernie (HAMC Dresden)
Waren 2015 auf großer Russland-Tour: Wolle, Michel (HAMC North Region) und Bernie (HAMC Dresden)

Pünktlich erreiche ich am frühen Abend die anvisierte Tankstelle in Travemünde. Dort wartet bereits Frank, mit dem ich die Fahrt nun fortsetzen werde. Frank ist ein deutscher Member der Nachtwölfe und von Dresden auf einer Triumph Tiger angereist. Er war schon mehrfach mit dem Motorrad in Russland unterwegs und hat die Reise im Vorfeld organisiert. Bislang kannten wir uns nur von E-Mails und Telefon. Doch schon nach einer kleinen Stärkung in der Pizzeria hinter der Tanke habe ich viel über ihn und die jüngsten Entwicklungen im Club erfahren. So weiß ich nun auch, warum Frank derzeit kein Abzeichen der Nachtwölfe auf seiner typisch russisch geschnittenen Lederkutte trägt. Grund sind Meinungsverschiedenheiten über die zukünftige Entwicklung des Chapters „Дороги победы“ (ausgesprochen „Darogi Pabedi“, zu Deutsch „Straße des Sieges“), das in der russischen Hauptstadt ansässig und für die Planung der jährlichen „Siegesfahrt“ von Moskau nach Berlin verantwortlich ist.

Als es dunkel ist, müssen wir aufbrechen und die letzten Kilometer zur Fähre zurücklegen. An einer der vielen Schranken in der Nähe der Anlegestelle zeigen wir unsere Unterlagen, die Mopeds bekommen einen Sticker, dann heißt es erst einmal warten. Also lassen wir die Motorräder stehen und besuchen die Wartehalle des Hafens. Im dortigen Supermarkt gibt es eine große Auswahl – von alkoholischen Getränken. Vor allem durstige Finnen kaufen hier ein, schließlich ist das Feuerwasser in deren Heimat wesentlich teurer. Wir dagegen geben uns mit einigen Flaschen Wasser zufrieden. Irgendwas will die Kassiererin uns noch wegen des Pfands erklären, das man in Finnland offensichtlich nicht kennt. Ich höre kaum hin, bin in Gedanken schon auf See. Zwischenzeitlich haben sich an unserer Schranke einige andere Biker eingefunden. Ein paar Deutsche, ein Russe und viele Finnen. Und dann ist endlich Abmarsch: Ein VW-Bus mit gelber Sirene eskortiert uns durch eine lange Schlange wartender Autos. Allerdings nur einige Meter, dann heißt es erneut warten. Nach einer weiteren Viertelstunde im Regen taucht unser Safety Car wieder auf. Motoren starten und losgeht’s über eine langgezogene Rampe ins Innere der großen Fähre. Am zugewiesenen Parkplatz schnappen wir uns die bereit liegenden Spanngurte und machen die Mopeds seetauglich. Bis auf einen jungen Bayern, der auf seiner BMW ans Nordkap will, und meiner Wenigkeit wissen offensichtlich alle, was sie tun müssen. Zum Glück ist Frank zur Stelle, der dem Bajuwaren und dem Hessen unter die Arme greift. Danach muss ich der Harley noch mitteilen, dass es wackelig werden kann: Beide Blinkertaster so lange drücken, bis es drei Mal geblinkt hat, dann ist die Road Glide im „Transportmodus“ und wird nicht Alarm schlagen, wenn die Wellen etwas höher werden. Wesentlich souveräner als ich parken die Profis auf dem Oberdeck die vielen Lkw-Container. In Windeseile stehen die Teile dicht an dicht – Respekt. Nachdem ich das Schauspiel ausgiebig beobachtet und mir mit Frank ein Feierabendbier einverleibt habe, geht’s ab in die Koje, es ist nach Mitternacht und der Tag war lang.

Lange Gänge führen zu den Kajüten. Meine ist eine Dreibettkabine und hat die Größe einer kleinen Garage. Bis zu drei Personen können hier übernachten. Dann wird’s aber wirklich eng
Lange Gänge führen zu den Kajüten. Meine ist eine Dreibettkabine und hat die Größe einer kleinen Garage. Bis zu drei Personen können hier übernachten. Dann wird’s aber wirklich eng

Tag 2: Travemünde–Helsinki, 1132 Kilometer (611 Seemeilen)

Offiziell können bis zu drei Personen in meiner Kajüte übernachten. Ich bin allerdings froh, dass ich sie mir nicht mit zwei Matrosen teilen muss – wobei, wenn es zwei weibliche Matrosen wären, hätte ich nichts dagegen. Wie nennt man die eigentlich? Matronen? Wenn ja, würde es erst recht eng in meiner Bleibe. Die hat die Größe einer kleinen Garage, allerdings sind auf dieser Fläche nicht nur Schränke und Betten, sondern auch eine kleine Nasszelle untergebracht, die den Namen „Bad“ zwar nicht verdient, aber dennoch ein gutes Stückchen Platz beansprucht. In den Kajüten dürften sich die meisten Passagiere aber sowieso nur zum Schlafen aufhalten. Schließlich ist das Schiff groß genug und bietet Entertainment und Bespaßung für jeden Geschmack: Von Spielautomaten für die großen und Bällepool für die kleinen Kinder über Fitnessraum und Sauna bis hin zu einem Geschäft mit allerlei maritimen Staubfängern, Bar, Café und Restaurant. Die beste Unterhaltung ist allerdings das Meer. Als ich aus meiner Koje krieche, herrscht bestes Wetter: strahlender Sonnenschein, keine Wolke am Himmel, nur leichter Seegang. Kreuzfahrtfeeling auf der Ostsee!

Frank ist schon an Deck, verschwindet aber, als ich komme, um kurz darauf mit Espresso wieder aufzutauchen. Selbst gemacht, wohlgemerkt, denn in den Koffern seiner Triumph transportiert er neben vielen anderen nützlichen Dingen auch eine kleine Kaffeemaschine. Schnell kommen wir mit anderen Gästen ins Gespräch, unter ihnen der Trucker Klaus. Der 56-jährige Schweizer wohnt mittlerweile in Finnland und ist überzeugter Hell-Angels-Supporter. Ein Member des Züricher Charters hat ihm vor vielen Jahren auch seine große Liebe auf den Unterarm tätowiert: Eine Early Shovel, die Klaus erst vor zwei Jahren verkauft hat. Nicht nur mit Mopeds, sondern auch mit den Nachtwölfen kennt er sich aus – und hält viel von ihnen. Der Club ist in Finnland nicht zuletzt wegen der geografischen Nähe zu Russland ein präsenteres Thema als in Deutschland. Auch mit Jürgen und Andrea gibt es viel zu quatschen. Das Pärchen ist regelmäßig im Osten unterwegs, manchmal auf zwei, manchmal auf vier Rädern. Eines der Highlights, von denen Jürgen berichtet, ist der Besuch des Ural-Werks in Irbiz, in dem die bekannten rustikalen Motorräder zusammengebaut werden. Mit neuen Bekanntschaften wie diesen und diversen Espressos vergeht auch ein Tag auf einer Fähre wie im Flug.

Land in Sicht: Nach rund 29 Stunden und 611 Seemeilen (1132 Kilometer) legen wir in Helsinki an
Land in Sicht: Nach rund 29 Stunden und 611 Seemeilen (1132 Kilometer) legen wir in Helsinki an

Tag 3: Helsinki–St. Petersburg, 390 Kilometer

Als ich nach der zweiten Nacht in meiner Koje an Deck komme, ist bereits finnisches Land in Sicht. Es hat deutlich abgekühlt, als die Fähre sich zwischen vielen kleinen Inselchen langsam dem Hafen von Helsinki nähert. Wir verabschieden uns von unseren neuen Bekanntschaften, begeben uns zu den Mopeds unter Deck und fahren als Erste runter vom Schiff, direkt auf die Landstraße in Richtung Osten. Auch an Land ist es frisch. Aber wir dürfen sowieso nicht schnell fahren und halten uns an das Tempolimit von 100 km/h. Immer geradeaus geht es, gut zweihundert Kilometer sind es bis zu Grenze. Kurz davor legen wir eine Pause ein. Frank fettet seine Kette – ja, auch dafür hat er alles im Gepäck –, während ich schon mal das Innere der Raststätte begutachte – ein Hoch auf die Road Glide und ihren Zahnriemenantrieb! Zum Glück sind die Snacks in der Auslage überwiegend in Plastikfolie verpackt, denn die Beschreibungen sind ausschließlich auf Finnisch, einer Sprache, die nur wenig mit den indogermanischen Sprachen Europas gemein hat. Ein „Savulohi Sämpylä“ gefällig? Nein danke, ich mag keinen Räucherlachs.

Kurz nach der Raststätte kommt auch schon die Grenze: Mopeds abstellen, rein ins Häuschen und der hübschen finnischen Walküre Reisepass und Fahrzeugpapiere gezeigt. Fünf Minuten dauert das Ganze, dann fahren wir raus aus Finnland, raus aus der europäischen Union, weg von vertrauten lateinischen Buchstaben und Euro. Wann genau wir die Grenze passiert haben, merke ich erst gar nicht: Zwischen dem finnischen Grenzposten und dem russischen liegen einige Kilometer und diverse Schranken und Ampeln, die alle geöffnet und grün sind. Nur der Zustand der Straße verrät es dann zentimetergenau: Auf russischer Seite ist der Asphalt deutlich besser. Gerade als ich mich mit dem Gedanken anfreunden will, dass die Russen uns einfach so reinlassen, taucht in einer Mulde der Straße eine lange Reihe parkender Autos auf. Okay, das ist also die Warteschlange. Natürlich fahren Frank und ich vorbei, nicht im Schritttempo, aber auch nicht sonderlich schnell. Die Straße steigt leicht an und auf der Kuppe am Horizont taucht plötzlich ein weiterer Kontrollpunkt auf, diesmal einer mit Personal – und ich habe gerade die Sperrlinie überfahren, weil ein VW-Bus ziemlich weit links parkte, sodass ich ansonsten nicht vorbeigekommen wäre. Geschrei von hinten.

Ein Hoch auf die Plastikfolie – oder spricht hier jemand Finnisch?
Ein Hoch auf die Plastikfolie – oder spricht hier jemand Finnisch?

Es ist Frank: „Nicht über die Sperrlinie fahren!“ Fuck, Sperrlinie, ja, da war ja was. Erst gestern hatte Frank mir erzählt, dass Mitglieder einer Gruppe von Motorradfahrern, die er durch Russland geführt hatte, wegen des Überfahrens einer durchgezogenen Linie mal erhebliche Probleme mit der russischen Rennleitung bekommen hatte. Also halte ich an und reihe mich langsam rückwärts neben den Autos ein. Dann hat Frank mich eingeholt: „Du darfst vorfahren“, sagt er mit Blick auf den winkenden Wachposten in hundert Metern Entfernung. Ich befürchte das Schlimmste, interpretiere das „darfst“ als „musst“ und wähne mich schon in irgendeinem Gulag in Sibirien. Doch der junge Grenzbeamte winkt uns einfach nur durch, wir sollen weiterfahren – Glück gehabt. Erst nach einer weiteren Kurve taucht in einigen hundert Meter Entfernung dann der eigentliche Kontrollpunkt auf. In mehreren Häuschen wird parallel gearbeitet, an allen stehen bereits viele Autos hintereinander, wartende Reisende daneben. Okay, das wird jetzt wohl dauern. Also Motor aus, Mopeds an die Seite und Dokumente gezückt.

Frank hatte diesen Grenzübergang auch ausgewählt, weil das Prozedere hier einfacher als im Baltikum sei. Dort hat er schon schlechte Erfahrungen gemacht: Die Formulare der russischen Behörden müssen auf Kyrillisch ausgefüllt werden – ist auch nur ein Buchstabe falsch oder unleserlich, darf man noch mal ran. Hier an der finnisch-russischen Grenze ist man kulant und akzeptiert auch lateinische Schrift. Trotzdem bin ich froh, dass Frank ein ausgefülltes Exemplar vom letzten Mal dabei hat, das nicht nur ihm, sondern auch mir als Schablone dient. Ohne diese Hilfe oder solide Russischkenntnisse kann ein Normalsterblicher selbst hier die Aufgabe nicht bewältigen. Franks Papiere sind schneller fertig als meine; weil ich mit einer Harley der Company unterwegs bin, die auch im Fahrzeugschein als Halter eingetragen ist, wird doppelt geprüft. Zum Glück habe ich eine Vollmacht der Geschäftsführer von Harley Deutschland dabei, die auch noch beglaubigt ins Russische übersetzt wurde – nur durch Zufall hatte ich Frank gegenüber kurz vor der Abreise erwähnt, dass ich nicht mit meinem eigenen Motorrad fahren würde. Er klärte mich dann darüber auf, dass zusätzliche Formulare nötig sein würden. Nach knapp zwei Stunden inklusive oberflächlicher Begutachtung unseres Gepäcks sind wir endlich durch und starten die Motoren: St. Petersburg, wir kommen!

Gedenkminute: Nach wenigen Kilometern auf russischem Boden stoßen wir auf ein Denkmal für einen namenlosen, verunglückten Motorradfahrer
Gedenkminute: Nach wenigen Kilometern auf russischem Boden stoßen wir auf ein Denkmal für einen namenlosen, verunglückten Motorradfahrer

Schon nach wenigen Kilometern auf russischem Boden entdecken wir am Straßenrand die Überreste eines alten russischen Choppers auf Uralbasis – offensichtlich ein Denkmal für einen namenlosen Biker, der hier verunglückt ist, sind davor doch Kerzen und Blumen aufgebaut. Wir halten kurz inne und ermahnen uns selbst, vorsichtig und aufmerksam zu fahren. Nach wenigen weiteren Kilometern passieren wir dann Reste einer alten, zerstörten Bunkeranlage. Wahrscheinlich Überbleibsel aus dem sowjetisch-finnischen Winterkrieg von 1939/40. Ansonsten sind die zweihundert Kilometer bis nach „Piter“ schnell gefahren – und auch das Tanken ist kein Problem. Nur noch selten wird in Russland nach dem in Deutschland unbekannten System getankt, nach dem zuerst bezahlt, dann getankt, und dann das Rückgeld gegeben wird. Wir fahren von Nordwesten in die „Stadt der Helden“. Ein Titel, den St. Petersburg erhielt, als es noch Leningrad hieß und 872 Tage lang erfolglos von der Wehrmacht belagert worden war. 1703 von Peter dem Großen gegründet, ist St. Petersburg mit fünf Millionen Einwohnern heute die zweitgrößte Stadt Russlands und war bis ins Zwanzigste Jahrhundert Hauptstadt; bis Lenin erneut Moskau dazu ernannte. An einer Tankstelle treffen wir uns mit Alevtina und Igor. Bis 2018 gehörten sie zum Kernteam der „St. Petersburg Harley Days“, der größten Harley-Party Russlands. Sie eskortieren uns durch den dichten Stadtverkehr ins Zentrum, zu unserem Hotel.

Nachdem wir eingecheckt haben, machen wir uns auf in Richtung „Newski Prospekt“. Auf der knapp fünf Kilometer langen Einkaufs- und Flaniermeile ist immer etwas los, die halbe Stadt scheint sich tagein, tagaus auf den breiten Bürgersteigen durchs historische Zentrum zu bewegen. Alle hundert Meter spielt eine Band, umgeben von zahlreichen Zuschauern, von denen nicht wenige tanzen und singen. Nach einem Kneipenbesuch landen wir später am Abend noch im Büro von Alevtina und Igor – dort wird es dann echt russisch-gemütlich: Alevtina und Frank bereiten die typischen „Sakuski“ vor, Käse, Wurst, Tomaten, Brot, Knoblauch, Speck und Schinken. Igor versucht indessen Bier zu organisieren. Das allerdings ist gar nicht so einfach, denn der Verkauf alkoholischer Getränke ist nachts verboten. Doch kein Gesetz ohne Lücke: In einem Café um die Ecke wird Igor fündig. Der Trick: Der Kellner überlässt den Gästen freundlicherweise die Kronkorken, wenn sie Bier bestellen. Die klemmen sie wieder drauf – und haben, was sie wollten.

Treffpunkt Tanke: Alevtina und Igor holen uns in St. Petersburg ab
Treffpunkt Tanke: Alevtina und Igor holen uns in St. Petersburg ab

Bis spät in die Nacht erzählt uns der umtriebige Igor von der örtlichen Bikerszene. Und vom traurigen Ende seiner Arbeit für die St. Petersburg Harley Days. Er war es, der den Event groß gemacht hat – dennoch hat die Company ihn und sein Team ersetzt. Zwar fanden die Harley Days entgegen Igors Prophezeiung schließlich auch 2019 statt – allerdings auf wesentlich kleinerem Niveau. Noch eine Woche vor dem Event hatte es das neue Team nicht geschafft, ausreichend Sponsoren zu finden, sodass nicht nur das Programm, sondern auch die Besucherzahlen unter dem Niveau der Vorjahre blieben. Als wir im Hotel ankommen, ist es schon wieder hell. Zugegeben: In der nördlichsten Metropole Europas ist das im Sommer auch nicht allzu schwer. Von Ende Mai bis Mitte Juli geht die Sonne hier nie ganz unter – Piter ist berühmt für die romantischen „Weißen Nächte“, die Dostojewski in der gleichnamigen Novelle verewigt hat.

Tag 4: St. Petersburg–Weliki Nowgorod, 200 Kilometer

Leicht verkatert vom gestrigen Abend starten wir nach einem ausgiebigen Frühstück. Tagesziel ist das knapp zweihundert Kilometer südöstlich von St. Petersburg gelegene Weliki Nowgorod, eine der ältesten Städte Russlands und im neunten Jahrhundert Hauptstadt der „Kiewer Rus“, einem mittel­alterlichen Großreich, das als staatlicher Vorläufer von Russland, Weißrussland und der Ukraine gilt. Kaum haben wir die letzten Ausläufer St. Petersburgs hinter uns gelassen, fängt es an zu regnen. Erst ein bisschen, dann immer stärker, sodass an Weiterfahren irgendwann nicht mehr zu denken ist. Die Pause an einer Tankstelle nutzt Frank, um meinen „amerikanischen Edelschrott“ zu verschönern: An der langen Antenne am Heck befestigt er ein Bändchen in den russischen National­farben, vorn an einen der Spiegel ein „Sankt-Georgs-Band“. Das Band besteht aus drei schwarzen und zwei orangefarbenen Streifen und stammt ursprünglich vom russischen „Orden des Heiligen St. Georg“. Der wurde von Katharina der Großen eingeführt und ist bis heute die wichtigste militärische Auszeichnung Russlands. Mit dem Bändchen wird vor allem an den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg erinnert, seit der Krim-Annexion tragen es aber vor allem diejenigen Russen, die den politischen Kurs Putins unterstützen. Seit einigen Jahren ist es in Russland allgegenwärtig und ziert nicht nur Autos, sondern wird auch für kommerzielle Werbung genutzt. Andere Staaten der ehemaligen Sowjetunion haben die öffentliche Verwendung deswegen stark runtergefahren.

Vor der Sophienkathedrale im Kreml von Weliki Nowgorod
Vor der Sophienkathedrale im Kreml von Weliki Nowgorod

Am Ortseingang von Weliki Nowgorod werden wir von Igor, einem Member des örtlichen Chapters der Nachtwölfe, und einem Supporter abgeholt. Zusammen fahren wir ins Zentrum, parken die Bikes vorm Rathaus und treffen uns mit der Deutschlehrerin Irina, die für eine Agentur zur Entwicklung der Region Nowgorod arbeitet und eine Tour durchs historische Zentrum für uns organisiert hat. Die Nachtwölfe verstehen sich als Botschafter der russischen Geschichte und Kultur – klar, dass wir uns den Kreml anschauen. Richtig, es gibt nicht nur einen Kreml. Das Wort bedeutet so viel wie „Festung“ – und von denen stehen viele in Russland. Der Kreml von Weliki Nowgorod ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Im Innern besichtigen wir unter anderem die Sophien­kathedrale, die zweitälteste Kirche der russisch-orthodoxen Kirche mit einer imposanten Ikonenwand. Im Anschluss geht es mit Igor zum Clubhaus des Chapters, einer gemütlichen Holzhütte etwas außerhalb vom Stadtkern. Vor Ort hat einer der Nachtwölfe schon die Banja angeschmissen, aber uns ist trotz des Regens und der vergleichsweise kühlen Temperaturen nicht nach Schwitzen. Wir geben uns deswegen mit etwas Tschai (Tee) zufrieden und lassen die vielen Eindrücke des Tages im Hotel sacken.

Tag 5: Weliki Nowgorod–Moskau, 580 Kilometer

Bevor wir heute nach Moskau aufbrechen, haben wir noch einen Termin. Tomas Tommingas, örtlicher Journalist für das Internetportal „53news.ru“ möchte ein Interview mit den beiden kuriosen deutschen Bikern machen. Deutschlehrerin Irina übersetzt. Natürlich interessiert sich Tomas dafür, wie es uns in Weliki Nowgorod gefällt und was wir uns angesehen haben. Doch er stellt auch kritische Fragen nach dem Verhältnis der Nachtwölfe zu Putin, ihrer Rolle in der Politik und während der Krim-Krise. Am Ufer der Wolchow, gegenüber des Kremls, schießt Tomas noch ein paar Fotos, dann düsen Frank und ich auch schon los, die letzte Etappe nach Moskau. Zunächst geht es über eine kleine Landstraße durch idyllische Wälder und kleine Dörfer, andere Verkehrsteilnehmer sind selten. Doch dann wechseln wir irgendwann auf die neu gebaute Autobahn M 11. Die ist zwar mautpflichtig, aber wahrscheinlich genau deshalb so wenig befahren. Gasgeben ist trotzdem nicht: Das Tempolimit liegt bei gediegenen 100 km/h. Lange, wirklich lange kommt nichts. Keine Stadt, kein Dorf, noch nicht mal eine Ausfahrt oder eine Raststätte – die befinden sich alle noch im Bau. Irgendwann raffen auch wir, dass diese Container am Straßenrand provisorische Tankstellen sind. Glück gehabt, denn allzu weit wären wir nicht mehr gekommen. Bis wir verstanden haben, wie man die Tankautomaten in den Containern bedient, vergeht allerdings fast eine halbe Stunde. Hier muss man zuerst eingeben, wie viel Liter man will, und dann bezahlen. Glücklicherweise können wir das beide auf hundert Milliliter genau schätzen – und kaufen genau so viel, wie wir brauchen. Darauf einen Espresso, den Frank mit unseren letzten Wasserreserven zusammenzaubert.

Wechsel auf die neu gebaute M 11 – kostet ein bisschen was, klar
Wechsel auf die neu gebaute M 11 – kostet ein bisschen was, klar

Irgendwann kommt dann tatsächlich ein Parkplatz mit einem winzigen Café. Das hat immerhin ziemlich leckere Schawermas, die russische Variante des Döners. Die neue M 11 hat ein Ende, wir müssen an der Mautstation zahlen und raus. Das allerdings gestaltet sich schwieriger als gedacht, sodass die Russen hinter uns langsam genervt sind. Zum Glück taucht hinter dem Kassenautomat bald eine freundliche Bedienstete auf und hilft dem Unfähigeren der beiden Deutschen – mir. Es folgt ein längerer Abschnitt auf der alten M 10. Die Straße ist voll – kostet ja nix. Ungewohnt ist, dass alle paar Kilometer blinkende Ampeln auftauchen. Sie markieren Zebrastreifen – auf einer Fernstraße! Zum Glück wechseln wir irgendwann wieder auf die Mautstrecke. Nach einigen Kilometern geht ein Auto vor uns in die Eisen, Vollbremsung: Zwei entlaufene Hunde irren auf der Fahrbahn umher, das Auto hat den kleineren von beiden angefahren. Der Welpe ist in den Wald geflüchtet, panisch sucht die Mutter nun nach ihm und wird dabei fast selbst von einem Lkw überfahren. Wir versuchen zu helfen, beruhigen die aufgebrachte Fahrerin des Autos, können aber nicht viel tun. Irgendwann taucht ein Mitarbeiter der Straßenmeisterei auf und schickt uns weiter.

Am Moskauer Flughafen verlassen wir die M 11 – und dieses Mal klappt’s auch mit dem Bezahlen. An einer Tankstelle am Moskauer Stadtrand treffen wir uns mit zwei Membern der „Russkie Motorcyclisti International“, dem einzigen offiziellen Support der Nachtwölfe. Thomas, ein Deutscher, der seit Jahren in Moskau lebt und Erfahrungen mit dem dortigen Verkehr hat, lotst uns durch die Stadt. Wir brauchen eiserne Nerven, aber die Art und Weise, wie Thomas sich hupend und gestikulierend vor mir durch das Verkehrschaos kämpft, zaubert mir dann doch ein Lächeln ins Gesicht. Doch wo ist Frank? Der hat Pech, kommt mit den ausladenden Koffern seiner Triumph nicht zwischen den Autos durch. Thomas und ich kommen deswegen etwas früher am „Panzerdenkmal“ an. Die überdimensionierten Panzersperren markieren den Ort, bis zu dem es die deutschen Krad-Melder geschafft hatten. Dort war Schluss mit dem Vormarsch der Wehrmacht. Mittlerweile hat sich Moskau bis hierhin ausgedehnt. Lang bleiben wir nicht, weil ein starker Regen einsetzt. Also weiter zum Hotel, kurz einchecken und eine trockene Hose anziehen und dann weiter ins „Bike-Center“, dem Hauptquartier der Nachtwölfe.

Rund dreizehn Jahre ist es her, als ich zum ersten Mal hier war. Ich erinnere mich an die langgezogene Rechtskurve, auf der ich mich auch damals dem unübersehbaren Portal genähert habe – allerdings zu Fuß. Nach so vielen Jahren und dem langen Weg von Frankfurt nun auf dem Motorrad durchzufahren, ist ein tolles Gefühl. Drinnen ist bereits alles für die Feier am Wochenende aufgebaut, es herrscht reger Betrieb. Trotzdem finden Frank und ich noch einen Parkplatz und werfen uns ins Getümmel.

Drachen spucken Feuer, Engel und Motorräder fliegen durch die Luft: Die Nachtwölfe sind bekannt für ihre aufwendig inszenierten „Bike-Shows“. Klar, dass auch auf der Jubiläums-Party Action angesagt war. Den Bericht über die große Feier findet ihr hier: tinyurl.com/nachtwolf30
Drachen spucken Feuer, Engel und Motorräder fliegen durch die Luft: Die Nachtwölfe sind bekannt für ihre aufwendig inszenierten „Bike-Shows“. Klar, dass auch auf der Jubiläums-Party Action angesagt war. Den Bericht über die große Feier findet ihr hier: tinyurl.com/nachtwolf30

Tag 6 und 7: Moskau

Die nächsten zwei Tage verbringen wir auf dem weitläufigen Areal des Bike-Centers. Ihr dreißigjähriges Jubiläum feiern die Nachtwölfe bei zahlreichen Live-Acts, einer spektakulären Show mit Stunteinlagen, Feuerwerk und einer großen Ausfahrt durch die russische Metropole (siehe Bericht in der August-Ausgabe 2019).

Teil 2 lest ihr in der nächsten
Ausgabe (ab 17.01. im Handel)
Artikel aus der Ausgabe: 12/19
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