Back to the roots III

02.10.2015  |  Text: Fips  |  
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Back to the roots III
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Unser Fips erzählt von den ersten Jahren unserer Szene. Hier seine Erinnerungen an das legendäreWerner-Rennen von 1988 Die Veranstalter des Werner-Rennens hatten zunächst nur den Moto-Clan MC aus Düsseldorf als Security …
Unser Fips erzählt von den ersten Jahren unserer Szene. Hier seine Erinnerungen an das legendäre
Werner-Rennen von 1988


Teil des Rahmenprogramms: Ein Bier-LKW springt über 27 Motorräder. Die gehörten dem Moto-Clan MC Düsseldorf und den Mannheimer BonesDie Veranstalter des Werner-Rennens hatten zunächst nur den Moto-Clan MC aus Düsseldorf als Security angeheuert. Die hatten sich dann aber uns Bones mit ins Boot geholt – wohl, weil sie vergleichsweise wenig waren. Also machten wir uns im Sommer 1988 mit Motorrädern und Autos von Mannheim auf den Weg nach Norden. Rund 800 Kilometer lagen vor uns, der Flugplatz Hartenholm war das Ziel. Unterwegs stießen noch einige andere Bones-Chapter hinzu, und am Ende trafen wir mit einer großen Meute in Hartenholm ein. Allerdings mit rund neun Stunden Verspätung, denn schon im Hamburger Elbtunnel, 60 Kilometer vor dem Ziel, hatte der Stau angefangen. Zu Fuß wäre man schneller gewesen, dabei war es erst Donnerstag. Weil das Festival aber erst am nächsten Tag begann, waren wir gerade noch pünktlich.

Ansturm der Massen
Brösel rollt auf den Platz. Eine Horex musste er nicht mehr fahren, nach seinen gut verkauften Comics konnte er sich eine Harley leistenKeiner hatte wohl mit einem solchen Massenansturm gerechnet, vor allem nicht die Veranstalter. Die waren auf 60000 Zuschauer vorbereitet und hatten entsprechende Zäune um das Gelände gezogen. Als aber dann plötzlich 200000 Menschen heranströmten, standen die Kassenhäuschen nicht mehr an den Rändern des Veranstaltungsgeländes, sondern in der Mitte. Karten kaufen war also gar nicht mehr möglich. Und so schafften es unzählige Menschen wegen des großen Ansturms erst gar nicht bis nach Hartenholm.
Aber was war das Werner-Rennen überhaupt? Brösel war Mitte der Achtzigerjahre ein sehr populärer Zeichner und seine Comicfigur Werner schon damals Kult. Werner schlug den Bullen und Spießern immer wieder Schnippchen, was natürlich ganz im Sinne unserer damaligen MC-Szene erfolgte. In einer dieser Geschichten schlug Werner in seiner Stammkneipe eine Wette vor: Er würde eine Vier-Zylinder-Horex bauen, mit der er den roten Porsche des Wirts Holgi abhängt. Im Comic unterzeichneten die beiden einen „Vertrach“: Der Gewinner sollte 100 Kisten Flensburger bekommen, der Verlierer dagegen mit Katzenscheiße beworfen werden.

Aus Spaß wird Ernst
Kurz vorm Start: Holgis Porsche und Brösels Red Porsche KillerDer Wirt Holger „Holgi“ Henze war eine reale Person und ein Freund Brösels. Die Story kam in der Comicwelt so gut an, dass die Auflage in die Hunderttausende stieg. Dadurch hatte Brösel so viel Geld, dass er diese Vier-Zylinder-Horex tatsächlich bauen ließ, von Ölfuß, einem Schrauber aus der Nähe Mannheims. Das Rennen konnte jetzt also wirklich stattfinden – und nicht nur im Comic.
Brösel erhielt zunächst keine Genehmigung, seine Rennmaschine auf der Autobahn zu testen. Aber immer mehr Zeitungen berichteten über die Aktion und irgendwann gelang es schließlich doch, einen Autobahnabschnitt zu bekommen. Die gesamte Presse war vor Ort, und was passierte? Das Teil sprang nicht an! Aber egal, alle Fernsehanstalten und Zeitungen berichteten trotzdem darüber, weil schon allein ein Foto dieser Maschine eine fette Auflage versprach. So wurde das Festival, das um das Rennen herum stattfinden sollte, schon im Vorfeld populär. Kein Stadion, keine Wiese hätte gereicht, um diese Massen aufzunehmen. Deswegen fiel die Wahl schließlich auf den Flugplatz Hartenholm.

Friede, Freude, Eierkuchen
Brösel stolzierte vergnügt und gut gelaunt überall auf dem Flugplatzgelände herum, stolz auf die Massen, die er angezogen hatte. Alles war Friede, Freude, Eierkuchen. Als auf der Bühne eine unbekannte Band ausgebuht wurde, weil die Besucher den Hauptact sehen wollten, übernahm Brösel eigenhändig das Mikrofon und brüllte die Zuschauer an: „Wenn ihr Arschlöcher nicht aufhört, hier Theater zu machen, dann brechen wir die Veranstaltung ab!“ Ich hab noch gedacht „Brösel, bist du verrückt? Die steinigen dich, wenn du sie als Arschlöcher bezeichnest.“ Aber alles blieb ruhig –
man hatte den Eindruck, dass Brösels Wort wirklich Wirkung gezeigt hatte. Fürs Erste …

Reizgas und Ohrfeigen
Der Bones MC war als Security engagiertSamstagabend brach dann langsam, aber sicher die Hölle los. Die Polizei wollte keine Rocker vor der Bühne, weil das so aggressiv wirken würde. Stattdessen standen dort nun Bullen in Uniform! Die wollte das Publikum wiederum nicht sehen und so kam es zu Stänkereien. Ein Polizist sprühte aus irgendeinem Grund Reizgas und schon ging es ab: Alle nur erdenklichen Gegenstände flogen Richtung der Bullerei, worauf ihr Chef sie im Gänsemarsch abziehen ließ. Daraufhin forderte der Polizeichef die Bones per Funk auf, sich hinter der Bühne zu versammeln. Dort stieg er mit einem Megaphon auf eine Leiter und wollte Anweisungen geben – schließlich liege das Gewaltmonopol ausschließlich bei der Polizei. Aber weil die Musik so laut war, konnte man ihn kaum verstehen. Die Bones brachen in schallendes Gelächter aus, gingen hinter die Bühnenabsperrungen und verrichteten als alte Profis ihre Arbeit.
Kaum liefen die Bones vor der Bühne ein, fingen die Verrückten wieder an zu werfen. Einer von uns stieg dann einfach über den Absperrzaun, schnappte sich einen und gab ihm ein paar kräftige Ohrfeigen. Ab diesem Zeitpunkt war das Publikum auffallend freundlich, auch zu uns Bones. Keiner hat mehr irgendeinen Gegenstand geworfen und den Polizeichef haben wir auch nicht mehr gesehen – obwohl er doch das Gewaltmonopol innehatte.

Überlaufende Toiletten
Teil des Rahmenprogramms: Ein Bier-LKW springt über 27 Motorräder. Die gehörten dem Moto-Clan MC Düsseldorf und den Mannheimer BonesIn einem großen Zelt, das für das Vorhaben immer noch viel zu klein war, luden der Veranstalter und Brösel am nächsten Tag zur Pressekonferenz. Es war sehr eng, aber ich quetschte mich trotzdem zwischen Brösel und die Presseleute. Brösel war ganz offen und unbefangen. Ein Bild-Reporter bemängelte ihm gegenüber, dass es viel zu wenig Toiletten gäbe. Brösel gab ihm recht, und in seiner Komiker-Art erzählte er, er habe auch so ein Klo gesehen, das wäre bis oben hin zugeschissen gewesen, was er mit viel Gestik und Mimik begleitete. Ich erschrak total, weil ich mir die Schlagzeilen in der Bild-Zeitung vorstellte und trat ihm ans Schienbein – ich war ja nahe an ihm dran. Wie auf Knopfdruck schaltete er um und bemerkte ganz trocken, dass die Abpump-LKWs doch schon unterwegs wären.
Dann sollte das eigentliche Rennen stattfinden. Ich hatte mir eine Profikamera gemietet und war ständig am Filmen. RTL hatte damals die Exklusivrechte, ich konnte aber mit meinem Bones-Abzeichen überall rumlaufen und war so immer vorne dabei. Ich hatte meine Kamera schon zehn Minuten vor dem Rennen auf einem Stativ in Stellung gebracht. So weit man schauen konnte, nur Menschen. Kaum einer konnte das Rennen wirklich gut sehen. Ich konnte. Etwa 20 Sekunden vor dem Start stellte sich plötzlich ein Kameramann von RTL vor meine Kamera. Ich pfiff zwei meiner Bones her, die die Situation sofort erkannten und den protestierenden Kameramann einfach wegzogen. Kaum war der vor meiner Linse verschwunden, startete auch das Rennen. Ich konnte es filmen, der Kameramann nicht – der hat sich aufgeregt!

Red Porsche Killer verliert
Kurz vorm Start: Holgis Porsche und Brösels Red Porsche KillerAuf den ersten Metern waren Brösel auf seinem Red Porsche Killer und das Auto gleich auf, als Brösel in den zweiten Gang schalten wollte, gelang es nicht sofort. Er hatte in der Aufregung nach der üblichen Gewohnheit geschaltet, in einem Renngetriebe aber werden die Gänge durch Runtertreten hochgeschaltet.
Der rote Porsche Holgis schoss davon. Brösel hatte verloren. Das machte aber gar nichts, das Volk rastete vor Begeisterung völlig aus. Laut Comic sollte der Verlierer nun mit einer Katzenscheißmaschine bestraft werden. Brösel hatte dazu einen zehn Meter hohen Turm bauen lassen, auf dem ein großer Ventilator angeschraubt war. Hinter diesem Ventilator befand sich ein dicker Schlauch und der führte hinunter zu einer Güllepumpe. Als der Motor der Güllepumpe angeschmissen wurde, tat sich sekundenlang erst mal gar nichts. Dann kam die Gülle oben an, strömte in den Ventilator hinein und nicht nur der Verlierer, sondern auch der Gewinner nebst Anhang, die alle auf dem Turm standen, waren innerhalb von Sekunden völlig durchnässt.

Gülledusche für alle
Der „Red Porsche Killer“ war ein aus vier Horex-Motoren zusammengesetzter Dragster. „Ölfuß“ aus dem Mannheimer Raum hatte das Teil geschraubt, den Begriff „Customizing“ gab es dafür noch nichtDas wär’s dann eigentlich gewesen, aber der Pumpenmotor lief immer noch eifrig weiter, und die vermeintliche Katzengülle schoss immer noch in den Ventilator hinein. Plötzlich löste sich der zehn Meter lange Schlauch und begann hin- und herzuschwenken und sich zu drehen, schoss in die Luft und sackte zusammen, richtete sich wieder auf und spritzte die Brühe mit voller Wucht über die Zuschauer. Da ich und meine Kamera auch getroffen wurden, weiß ich, dass es nur Wasser war.
Zum Ausklang spielte BAP auf der Bühne „Verdamp Lang Her“ – dieses Lied verbinde ich bis heute mit diesem Festival-Wochenende. Wir Bones waren als Ordnungsdienst mal wieder die Größten gewesen, da bedurfte es keiner weiteren Wichtigtuerei. Als wir mit den Motorrädern wieder auf dem Heimweg waren, wurde uns klar, dass wir ein Spektakel erlebt hatten, das in die Geschichte eingehen würde. Und wir waren alle Brothers, auch im Herzen. In unseren Köpfen klang: „It’s all over now, baby blue …“
 
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Stand:19 June 2018 23:55:40/motorrad/berichte/back+to+the+roots+iii_159.html