Fahren im Verband

23.03.2012  |  Text: Julie Hecker  |  
Fahren im Verband
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Gemeinsames Fahren ist ein Stück unserer Kultur. Aber es geht nicht ohne Disziplin und feste Regeln Wie verhalten wir uns während der Fahrt in der Gruppe? Eindeutige Regeln und Gesetze bestehen nicht, denn für die Fahrkultur von MCs und Biker-…
Gemeinsames Fahren ist ein Stück unserer Kultur. Aber es geht nicht ohne Disziplin und feste Regeln


Wie verhalten wir uns während der Fahrt in der Gruppe? Eindeutige Regeln und Gesetze bestehen nicht, denn für die Fahrkultur von MCs und Biker-Gemeinschaften hat der Gesetzgeber zum Glück noch keinen Extraparagraphen verfasst. In solchen Fällen gelten alle Regeln, die sowieso gelten, also „die für den gesamten Fahrverkehr einheitlich bestehenden Verkehrsregeln und Anordnungen sinngemäß.“ So formuliert es
§ 27 der Straßenverkehrsordnung.

Verschärfte Regeln im Verband

Für das Fahren im geschlossenen Verband gelten trotzdem verschärfte Regeln. Und die geben wir uns selbst: Es zählen Konzentration, Disziplin und Teamgeist. Dann kommt noch die Unterordnung dazu. Der Anführer eines Verbandes heißt in unserer Szene „Road-Captain“.
Joachim Schaub von den Bikerfreunden Castrop-Rauxel erledigt den Job des Road-Captains in seinem Club. Er hat an die 70 Touren von Gruppen mit bis zu 400 Maschinen geführt. Nach seiner Erfahrung steigen die gemeinsamen Ausritte den Teilnehmern schnell zu Kopf: „In der Gruppe fühlt man sich zu sicher und wird unvorsichtig. Da werden selbst die Rückleuchten des Vordermanns zur Überforderung. Das führt oft zu heiklen Situationen. Auf großen Motorradtreffen sind leider nur wenige Fahrer sich darüber im Klaren, dass es im Konvoi Regeln gibt. Beim Fahren im Verband gilt es, ständig die Augen offen zu halten und sich nicht ablenken zu lassen. Wachsamkeit und hundertprozentige Konzentration sind gefragt, für sich selbst, aber auch für die anderen Biker.“
Im Konvoi ist deshalb mit Demokratie nicht viel zu machen. Hier hat allein der Road-Captain das Sagen. Er bestimmt nicht nur die Geschwindigkeit, die Route, die Stopps und die Regeln während der Fahrt, er organisiert auch das Drumherum. Da kann es sogar amtlich werden, selbst wenn im Amt keiner den Begriff des Road-Captains verwendet. Wiederum
§ 27 der Straßenverkehrsordnung: „Der Führer des Verbands hat dafür zu sorgen, dass die für geschlossene Verbände geltenden Vorschriften befolgt werden.“ Dazu gehört auch, eine entsprechende Erlaubnis beim Amt einzuholen und etwaige Auflagen, wie zum Beispiel Kennzeichnungen, zu erfüllen. Denn Konvois, so heißt es weiter, „nehmen die Straße stets mehr als verkehrsüblich in Anspruch.“


Abstimmung mit den Behörden

Hans Barner ist Director des Free Harley Mecklenburg Chapters. Als ehemaliger Verkehrspolizist und erfahrener Road-Captain setzt er im Umgang mit den Behörden auf eine enge Abstimmung: „An unseren Saisonstarts, Sommerpartys oder Saisonabschlüssen nehmen zwischen 300 und 800 Biker teil. Ich rate dazu, Veranstaltungen dieser Dimension anzumelden.“
Wer keine Genehmigung einholt, begeht eine Ordnungswidrigkeit und kann von der Polizei zur Kasse gebeten werden. Die Genehmigungspflicht gilt bei geschlossenen Verbänden unabhängig von der Gruppengröße. Das heißt, egal, ob 15 oder 500 Biker zusammen ausfahren, die Genehmigung wird notwendig, sobald man im geschlossenen Verband auftritt. Bei kleineren Gruppen muss ein Polizist das aber erstmal nachweisen. Fünf oder zehn Leute können auch zufällig den gleichen Weg haben, und deshalb bleibt eine Ahndung unverhältnismäßig und der gemeinsame Ausritt folgenlos.
Für größere Veranstaltungen gilt: Sie sind stets dann erlaubnispflichtig, wenn 30 oder mehr Fahrzeuge am gleichen Platz starten oder ankommen. Diese Regelung wurde von den Behörden früher kaum umgesetzt. Seit einigen Jahren fordern die Ministerien allerdings die Ausschöpfung aller rechtlichen Möglichkeiten gegen MCs. Die 30-Mann-Regel wurde deshalb auf Onepercenter-Runs wieder ausgegraben und praktiziert.
Erstmals traf es im Jahr 2010 die City Runs der Bandidos im Ruhrpott. Die jeweils mehreren hundert Biker mussten sich in Gruppen zu höchstens 29 Mann aufteilen, von denen natürlich jeder die Verkehrsregeln als Einzelner einzuhalten hatte. Die nächste kreuzende Vorfahrtsstraße oder rote Ampel riss also auch diese 29 Mann erneut auseinander.


Rechtliche Grauzone: Die Road-Blocker

Für angemeldete geschlossene Verbände schreiben die Verordnungen sowieso vor, in bestimmten Abständen Raum für den übrigen Verkehr freizumachen. Grundsätzlich darf aber kein Verkehrsteilnehmer in einen geschlossenen Verband eindringen. Wenn dann doch ungeduldige Autofahrer in die Gruppe einbrechen, heißt es im Sinne der Sicherheit: Nicht aufregen. Überholen lassen. Viele Autofahrer handeln aus Unkenntnis falsch. Den Anweisungen eines selbsternannten Road-Blockers müssen sie sowieso nicht Folge leisten.
Damit kommen wir zu den Männern mit dem gefährlichsten Job. Zur Absicherung vor eindringenden PKWs, beim Überqueren von Kreuzungen oder für Abbiegemanöver setzen große Gruppen häufig Road-Blocker ein. Wer ihren Job übernimmt, bestimmt ebenfalls der Road Captain.
In jedem Fall sollte diese Aufgabe von erfahrenen Bikern erledigt werden. Die Road-Blocker fahren voraus, sichern die Kreuzung und schließen sich hinten wieder an. Beim nächsten Mal übernehmen dann andere Fahrer aus dem vorderen Konvoi-Abschnitt die Sperrung. Die gefährlichere Variante ist es, wenn Road-Blocker den eigenen Verband überholen, um sich erneut an die Spitze zu setzen. Dabei fahren sie oft in viel zu hohem Tempo über die Gegenspur und riskieren beim Wiedereinscheren in den eigenen Verband weitere Kollisionen. Ein erfahrener Road-Captain hat deshalb ein genügend großes Blockerteam vor dem Konvoi eingeteilt.


In anderthalb Stunden von Bochum nach Gelsen­kirchen. Der City Run der Bandidos wurde im Jahr 2010 in Kleinstgruppen von maximal 29 Bikern aufgeteilt.
So sah die Ausschöpfung aller rechtlichen Möglichkeiten gegen Rocker aus

Eingeteilte Road-Blocker sind oft mit Warnwesten kenntlich gemacht. Doch Achtung: Road-Blocker sind weder im Gesetz, noch in der Straßenverkehrsordnung vorgesehen. Zwar gilt die erwähnte Schutzklausel für geschlossene Verbände, für die Absperrung von Straßen ist aber eine verkehrsrechtliche Genehmigung einzuholen. Private Sperren auf der sonntäglichen Ausfahrt sind nicht erlaubt. Ein Wegerecht darf nicht erzwungen werden, das erfüllt den Straftatbestand der Nötigung.
Für Barner sind Blocker trotzdem die beste Lösung: „Es gibt immer wieder bekloppte Autofahrer, die in einen Konvoi an Kreuzungen oder gar durch riskantes Überholen eindringen. Wir sind der Auffassung, Blocker einzusetzen, ist zehnmal sicherer, als ohne Blocker zu fahren. Deshalb wäre es falsch, das Blocken bei Konvoi- oder Gruppenfahrten zu untersagen.“ Ihm helfen die vorherigen Absprachen mit der Polizei. „Es geht darum, klarzumachen, dass die Clubs oder Chapter nicht Polizei spielen, sondern für die Sicherheit der Teilnehmer sorgen wollen.“
Damit seine Blocker und Road Captains auch wissen, was sie tun, geht Barner auf Nummer sicher: „Als Director des Chapters trage ich Verantwortung. Deshalb machen wir jährliche Schulungen. Als alter Verkehrspolizist ist es für mich wichtig, bei all unseren Veranstaltungen vorbeugend und erzieherisch Einfluss zu nehmen, um Unfälle zu verhindern und ein vorbildliches Verhalten im Straßenverkehr zu erreichen.“


Die Ausfahrten des Free Harley Mecklenburg Chapters folgen strengen, aber logischen Regeln

Ablösung für die Polizei

Grundsätzlich entscheiden die Behörden vor Ort, ob eine polizeiliche Begleitung des Konvois erfolgt. Ist das der Fall, bestimmen die Polizisten die Fahrregeln. Auch hier rät Barner dazu, sich mit der Polizei abzustimmen. „Wenn es eine Polizeibegleitung gibt, blocken wir als Veranstalter unter Anweisung. Wie – das wird vorher mit der Polizei besprochen.“ Dabei geht es um die Geschwindigkeit und um die Strecke. Aber auch eine Haftpflichtversicherung kann nötig werden, das bekamen die Bandidos des Duisburger City Runs von 2010 zu spüren.
Kontrolliertes Absichern beim Fahren mit polizeilicher Begleitung schildert Barner so: „Die Polizei fährt mit Signal voraus und blockiert die Einmündung oder Kreuzung. Die Blocker dahinter lösen die Polizisten ab. Die Polizei fährt weiter, und die Blocker lassen den Verband passieren. Wenn der letzte Biker die Kreuzung oder Einmündung passiert hat, kommt der Schlussfahrer. Das kann auch ein Polizeifahrzeug sein. Erst dann verlassen die Blocker ihre Position, und der Verkehr kann wieder normal fließen.“


Strukturiert fahren

Der Konvoi besteht aus unterschiedlichen Fahrertypen. Dessen muss sich der Road Captain bewusst sein. Deshalb muss er sich vor der Fahrt informieren, wer Rookie und wer alter Hase ist, um die Gruppe entsprechend zu strukturieren. Hier weiß Schaub von den Bikerfreunden Castrop-Rauxel Rat: „Bei Neulingen oder unsicheren Fahrern achte ich darauf, dass sie hinter mir fahren. Dann kann ich das Tempo besser kontrollieren. Ebenfalls kommen die schwächeren Maschinen ins vordere Drittel. Als letzten Fahrer setze ich einen Profi mit ausreichender Motorisierung ein, und er bekommt von mir eine Warnweste verpasst. Das erleichtert die Führung der Gruppe. Ich sehe dann im Spiegel, ob der letzte Biker noch dran ist.“…


… weiter geht’s in der BIKERS NEWS 04/12

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Stand:19 June 2018 23:59:24/motorrad/berichte/fahren+im+verband_123.html