„Ich möchte nicht mehr tauschen.“

07.05.2014  |  Text: Gau  |  
„Ich möchte nicht mehr tauschen.“
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Ein ehemaliger Rockerpräsident wurde in Österreich Bürgermeister. Wie passt das zusammen? In den späten Achtzigerjahren gründete Harry einen Motorradclub in Österreich, den „MC The Corps Austria“. Als Präsident führte er den Club über …
Ein ehemaliger Rockerpräsident wurde in
Österreich Bürgermeister. Wie passt das zusammen?


In den späten Achtzigerjahren gründete Harry einen Motorradclub in Österreich, den „MC The Corps Austria“. Als Präsident führte er den Club über 17 Jahre lang. Es war nicht zuletzt Harrys Führungsstil zu verdanken, dass „die Corps“ bald überall bekannt und geschätzt wurden.
Fast zwei Jahrzehnte später bekleidet Harry eine weitere Führungsposition. Er ist Bürgermeister einer 3000-Seelen-Gemeinde im Osten Österreichs geworden. Vom Rockerpräsidenten zum Bürgermeister der Marktgemeinde Lichten­wörth: Wir wollten wissen, wie das zusammenpasst.

Harald Richter, Bürgermeister der Marktgemeinde Lichtenwörth
Harald Richter,
Bürgermeister der Marktgemeinde Lichtenwörth

BN: Harry, erstmal Gratulation zur Wahl als Bürgermeister. Geht da ein lang ersehnter Traum in Erfüllung?

Harry: Danke! Ja, ich freue mich, die neue Herausforderung mit einem motivierten Team annehmen zu können.

BN: Jetzt redest du aber schon wie ein Politiker …

Harry: Ob es jetzt die Präsidentenrolle im Motorradclub war, als Gruppenkommandant bei der Feuerwehr oder in meinem Job als Manager bei einem großen Telekommunikationsunternehmen. Es müssen Entscheidungen getroffen werden, und am Ende des Tages muss eine Lösung auf den Tisch. Ich sehe es nicht als Aufgabe, nur Bürgermeister zu sein. Ich sehe es vielmehr als Chance, in einem Ort etwas zu bewegen. Bürgermeister zu sein, ist für mich auch eine große Ehre, denn die über 3000 Bewohner meiner Marktgemeinde setzen große Hoffnungen und Vertrauen in die Zukunft.

BN: Erzähl uns kurz, wie davor deine Biker-Karriere ablief.

Harry: Seit jeher bestimmten Motorräder mein Leben. Bereits in meiner Jugend hatte ich ein Moped. Mit meiner Trial-Maschine hatte ich an zahlreichen Wettbewerben teilgenommen. Mit 18 hatte ich auch schon mein erstes Motorrad, eine Kawasaki ZX 750. 1989 gründete ich gemeinsam mit ein paar Freunden den „MC The Corps Austria“. Wir waren mit unseren Bikes in ganz Europa unterwegs und konnten einige noch bis heute bestehende Freundschaften schließen. „Die Corps“ hatten schon bald einen Namen, was nicht zuletzt an unseren vielen Besuchen von internationalen Bikertreffen lag.
Anfangs trafen wir uns in einer Gastwirtschaft, allerdings wollten wir uns ein eigenes Zuhause suchen. Eine aufgelassene Sandgrube in einem Nachbarort erschien uns perfekt. Unzählige Stunden hatten wir an unserem Clubhaus geschuftet, doch gerade diese Arbeiten schweißten uns zusammen.
Jedes Jahr veranstalteten wir ein Biker­treffen, das Tausende von Bikern aus der ganzen Welt anlockte. Der Höhepunkt der Corps war mit Sicherheit das Bikertreffen 1999, bei dem wir das Gelände sperren mussten, da einfach zu viele Gäste kamen. Das Treffen der Corps galt schon fast als Pflichttermin in der rot-weiß-roten und internationalen Szene. Wir hatten damals eben alles richtig gemacht.

Familien- freundlich: Harry zwischen seiner Frau und seiner Tochter

„Ich bin froh, viele Erfahrungen als Präsident heute auch nutzen zu können.“


BN: Was unterscheidet den Präsidenten eines MCs vom Bürgermeister einer Gemeinde? 

Harry: Es gibt unglaublich viele Parallelen. Ich bin froh, sehr viele Erfahrungen als Präsident, also in einer Führungsrolle, heute auch nutzen zu können. Es gilt da wie dort, Entscheidungen zu treffen. Meinungen gehen manchmal auseinander, unterschiedliche Anschauungen sind auf dem Tagesprogramm. Aber unter dem Strich muss eine Lösung gefunden werden. Probleme gehören gelöst, und hier gilt es abzuwägen. Dass man hin und wieder, für den einzelnen, die für ihn nicht richtige Entscheidung treffen kann, kommt eben vor. Wer mich kennt, weiß jedoch, dass ich immer die beste Lösung anstrebe und das mit voller Leidenschaft.

BN:
Hochs und Tiefs – gab es die im Club und auch heute als Bürgermeister?


Harry: Natürlich, so ist das Leben nun mal. Als besonderes Tief im Club ist mir der schwere Unfall eines Members in Erinnerung. Ihm musste nach einem Unfall ein Fuß amputiert werden. Doch auch hier bewiesen wir unseren Zusammenhalt. Wir schafften es, über eine Benefiz-Aktion so viel Geld zusammenzutragen, dass wir ihm ein behindertengerechtes Auto kaufen konnten. Es blieb auch noch Geld übrig, seine Yamaha wieder in Schuss zu kriegen.
Als Bürgermeister ist es ähnlich. Täglich müssen mehr oder weniger große Herausforderungen gelöst werden. Man darf dabei nie den Mut verlieren.

BN: Was sind heute deine Aufgaben in der Gemeinde, und gibt es da auch Parallelen zu deiner Funktion als Präsident? …
 


Harry: Der Bürger­meister ist das geschäfts­führende Organ der Gemeinde. In dieser Funktion leite ich die Geschäfte meiner Marktgemeinde. Mit meinen Mitarbeitern, von der Verwaltung bis zum Bauhof, kann ich auf ein motiviertes Team zurückgreifen, das ich auch in meiner Zeit bei den Corps hatte. Als Bürgermeister sind natürlich auch Aufgaben auf Bezirks- und Landesebene zu erledigen.
Der Bürgermeister ist jedoch auch bei uns die Anlaufstelle für Probleme aller Art. Das beginnt bei Nachbarschaftsstreitereien bis hin zur Genehmigung von Bauprojekten. Es gibt immer was zu tun.

BN: Die Führung einer Organisation, wie der eines MCs oder auch eines ganzen Ortes, kostet viel Zeit. Wie kann man diese Zeit aufbringen?

Harry: Ich habe zum Glück eine Familie, die voll hinter mir steht. Das war auch schon so während meiner Zeit im Club. Natürlich nimmt die Tätigkeit in der Gemeinde mehr Zeit in Anspruch. Da gibt es Sitzungen, Besprechungen und Tagungen. Dennoch hat bei mir die Familie einen hohen Stellenwert, und ich versuche so viel Zeit wie möglich mit ihr zu verbringen.

Harry und der MC The Corps Austria
Harry und der MC The Corps Austria

„Nein. Ich möchte nicht mehr tauschen.“



BN: Wenn du heute an deine Zeit als Rockerpräsident zurückdenkst: Würdest du gerne deinen Bürgermeistersessel wieder gegen deine Präsidentenkutte tauschen?

Harry: Ich bin, sofern es mir meine Zeit erlaubt, mit dem Bike unterwegs. Wohin und mit wem, das entscheide ich jetzt selbst. Jedes Jahr bin ich auch mit meinen alten Freunden vom Club für ein paar Tage unterwegs, und wir haben dabei eine Menge Spaß.
Weil ich vielen anderen Hobbys nachgehe, hält sich das Biken leider auch in Grenzen. Deshalb zu deiner Frage: Nein. Ich möchte nicht mehr tauschen. Die Zeiten der Verpflichtung und Regeln, wie sie beim MC gegolten haben, möchte ich nicht mehr wiederhaben. Als ich die Funktion des Bürgermeisters übernommen hatte, übernahm ich auch Verantwortung, und dieser Verantwortung bin ich mir durchaus bewusst.

BN: Welche Möglichkeiten siehst du als leidenschaftlicher Motorradfahrer, jetzt als Politiker, um Interessen anderer Biker zu vertreten?

Harry: Ich stehe voll hinter dieser Leidenschaft, und die Freunde von früher kennen mich auch als Biker. Heute sieht man mich zwar öfter im Anzug und Krawatte als mit Lederjacke und Kutte, doch so oft es geht, nehme ich die Termine auf meiner Kawasaki wahr. In meiner Gemeinde gibt es sehr viele motorradbegeisterte Menschen. Auch mein Bruder, mein Vater und mein Neffe fahren Motorrad. Ich denke, dass es keine Berührungsängste oder Probleme zwischen den Bikern und der Bevölkerung gibt, solange jeder seine Grenzen achtet. Falls es zu einer Überschreitung kommt, kenne ich beide Seiten. Ich werde dann versuchen, für alle eine vernünftige Lösung zu vermitteln. Mit der nötigen Toleranz auf beiden Seiten ist das jedoch nicht notwendig.

BN: Welche Ziele hast du als Bürgermeister?

Harry: Ihr könnt euch denken, dass es in einer Gemeinde von 23 Quadratkilometern mit über 3000 Einwohnern immer was zu tun gibt. Wir haben gerade einige Projekte für 2014 in Arbeit. Da geht es um die komplette Umgestaltung des Ortszentrums und der Hauptverkehrswege. Der Straßenbau und auch die Fertigstellung der Straßenbeleuchtung halten uns auf Trab. Unser Ort entwickelt sich seit Jahren positiv, und das ist gut so. Allerdings muss sich auch die Infrastruktur entsprechend anpassen, und das optimal umzusetzen, das ist unter anderem mein Job.

Im Jahr 2006:  Schon als Biker suchte Harry  den Kontakt  zu Politikern
Im Jahr 2006: Schon als Biker suchte Harry den Kontakt zu Politikern

„Natürlich hatten wir auch in unserem Clubhaus Besuch von der Polizei.“


BN: Du hast sicher schon von der Null-Toleranz-Politik in Deutschland gehört, bei der den Motorradclubs der Kampf angesagt wurde. Dort werden regelmäßig Hausdurch­suchungen in Clubhäusern und Privatwohnungen von Bikern durchgeführt. Bei der Anfahrt zu Bikerfesten sperrt die Polizei Straßen, um Personenkontrollen durchführen zu können. Man versucht, ein Waffenverbot für Offiziere in MCs durchzusetzen. Wie siehst du die Situation in Österreich?


Harry: In den Jahren, in denen ich den MC geleitet habe, hat es bei uns nichts von alldem gegeben. Ich habe auch noch nie von solchen Polizeiakti­onen gehört. Gut, ich bin mittlerweile auch schon sechs Jahre weg von der Bikerszene. Natürlich hatten wir auch öfter in unserem Clubhaus Besuch von der Polizei, doch die Beamten schätzten uns und kamen lediglich auf ein Schwätzchen vorbei. Auch habe ich noch von keinem Treffen in Österreich gehört, an dem es zu Personenkontrollen kam. Vom Waffenverbot will ich gar nicht sprechen.
Dass es bei uns so ruhig zugeht, verdanken wir wohl auch der Gründung der Österreichischen Biker Union (ÖBU), einem Dachverband der Clubs. So gesehen. Welchen Sinn hätte eine Kampfansage der Politik gegen österreichische Clubs, wenn es eh keine Probleme gibt?

Harry und seine Tochter Sarah
Harry und seine Tochter Sarah

„Möglicherweise kann ich was Positives für die Motorradfahrer bewirken.“


BN: Als Bürgermeister hast du den ersten Schritt in die Politik gesetzt. Kannst du dir vorstellen, noch weiter politisch aktiv zu werden, zum Beispiel in der Landespolitik oder gar in der Regierung?

Harry: Ich denke, wenn sich die Gelegenheit bietet, sollte man die Möglichkeit nutzen. Wenn ich dadurch die Möglichkeit bekomme, auf höherer Ebene etwas zu verändern, warum nicht?
Der Mensch wächst mit der Herausforderung. Möglicherweise kann ich dabei was Positives für die Motorradfahrer bewirken.

BN:
Und deine privaten Ziele?


Harry: Mit meiner Familie und Freunden noch viele private Projekte verwirklichen. Das reicht von den gemeinsamen Hobbys bis zum Urlaub. Ansonsten passt alles!

 



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Stand:22 June 2018 05:26:43/motorrad/berichte/ich+moechte+nicht+mehr+tauschen_144.html