Monitor

02.07.2014  |  Text: Ulrike Heitmueller  |  
Monitor
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In der Operation "Monitor" wurden seit den 90er Jahren die Daten von Rockern in ganz Europa erfasst. Wir sprachen mit einem der Begründer des Projektes Wir konnten ein Interview mit Jürgen Storbeck führen.
In der Operation „Monitor“ wurden seit den 90er Jahren die Daten von
Rockern in ganz Europa erfasst.
Wir sprachen mit einem der Begründer des Projektes

Wir konnten ein Interview mit Jürgen Storbeck führen. Storbeck ging nach seinem Jurastudium zum Bundeskriminalamt (BKA), dort wurde er später Leiter der Ermittlungsabteilung für Organisierte Kriminalität (OK). 1992 wechselte er zunächst nach Straßburg und 1994 nach Den Haag, um die neu entstehende europäische Polizeiorganisation „Europol“ aufzubauen. Er wurde ihr Direktor und blieb es bis 2004. Bis zum Jahr 2011 nahm er verschiedene Funktionen in Bundes- und Landesministerien wahr.
Inzwischen ist Storbeck im Ruhestand und berät internationale Organisationen, wie das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (United Nations Office on Drugs and Crime, UNODC). Außerdem begleitet er Forschungsprojekte.
Unter Storbeck entstand bei Europol deren spezifische Computer-Systematik. Sie führt ein Datenbanksystem aus so genannten Arbeitsdateien zu Analysezwecken (Analysis Work Files, AWF). Diese AWFs bildeten den Kern der Arbeit und wurden oft als „Herzstück“ Europols bezeichnet. Es handelt sich bei einem AWF um ein Datenfile zu einem bestimmten Kriminalitätsgebiet oder einer Personengruppe, zu dem oder der Europol den EU-Mitgliedstaaten oder auch assoziierten Drittstaaten eine operationale Unterstützung bieten will. Ein AWF enthält Angaben zu Personen, Fakten sowie Recherche- und Analyseergebnisse. AWFs sind das erste und einzige legale derartige Werkzeug auf europäischer Ebene. Mit der Zeit entstanden gut 20 unterschiedliche AWFs zu verschiedenen Themen. Inzwischen hat Europol seine IT-Systematik umgebaut, die ehemaligen AWFs heißen jetzt „Focal Points“.



BN: Herr Storbeck, wie kam es, dass die gerade erst entstehende Europäische Polizeiorganisation „Europol“ ausgerechnet eine Datenbank zum Thema der Rockerkriminalität aufbaute?

Storbeck: Das fing ganz einfach an. Zunächst haben wir uns bei Europol auf den Informationsaustausch und die Weitergabe von Informationen aus verschiedensten nationalen und internationalen Quellen spezialisiert. Dann haben wir relativ schnell – das waren schon mit die ersten Rekrutierungen – auch Analytiker eingestellt.

BN: Analytiker? Wann war das?

Storbeck: Das war 1994. Wir hatten einerseits zwei operative Analytiker, die aus den vielen Informationen Hinweise für Verhalten oder Aktivitäten von kriminellen Organisationen herausfiltern sollten und andererseits strategische Analytiker für Lageberichte, Bedrohungs- und Risikoanalysen. Die vier ersten Analytiker waren zwei Engländer und zwei Niederländer. Mit ihnen, Ermittlern und Juristen war dann zu organisieren, wie man Informationen in Dateien einspeichert, bearbeitet und weiterleitet: Wer soll Zugriff haben, wer soll einspeichern, wer soll bearbeiten, wer soll davon profitieren, und wie schaffen wir ein in sich gesichertes Umfeld? Ich habe mich da persönlich mit eingebracht.
In rudimentärer Form gab es so etwas schon auf dem Markt, zum Beispiel bei den Engländern, interessanterweise auch bei Geheimdiensten in Skandinavien, also in Dänemark und Schweden, und in den Niederlanden. Aber nicht in dieser ausgefeilten Form, insbesondere nicht mit diesem gesamten Hintergrund von Datensicherheit und Datenschutz.

Infokasten

„Deutschland war durch Rockerkriminalität sehr stark betroffen.“

BN: Wie war denn das bei der Operation „Monitor“?

Storbeck: Der AWF Monitor war einer der ersten, vielleicht sogar der erste File, und auf jeden Fall von Anfang an ein ganz bedeutungsvoller.

BN: Warum?

Storbeck: Weil man interessanterweise für bestimmte eingegrenzte Kriminalitätsbereiche, wie zum Beispiel für größere Rauschgiftorganisationen und teilweise auch für terroristische Organisationen, schon national starke Datafiles hatte. Die waren vergleichbar mit den Arbeitsdateien, aber kaum kriminalitätsübergreifend. Gerade hinsichtlich der Rocker war das im wesentlichen noch Patchwork. Das galt so auch für Deutschland, und Deutschland war durch Rockerkriminalität ja sehr stark betroffen.

BN: Und wie kam es dann zur Arbeitsdatei?

Storbeck: Der Vorschlag kam von Spezialisten der betroffenen Länder, vor allem von den Skandinaviern. Die hatten riesige Ermittlungsprobleme in der Zeit. Auch wir – das heißt Deutschland – hatten größere Rockerverfahren, im Ruhrgebiet, Schwerpunkt Dortmund, und teilweise Düsseldorf. Das Bundeskriminalamt hatte damals auch gegen Rocker ermittelt, zum Beispiel gegen den Gremium MC. Der große Vorteil für uns war, dass es eine Informationsfülle und nationale Dateien gab, die wir erstmals international zusammenfügen konnten. Und so bekamen wir innerhalb kürzester Zeit eine für europäische Verhältnisse große Datei, eine große Analysedatei. Die wurde später eben auch von Kanada oder den USA für die dortigen Verfahren genutzt.

BN: Warum ausgerechnet Rocker? Sie hatten ja schon einiges zu Terroristen, und auch die Arbeitsdatei zum Thema Geldwäsche ist deutlich größer, oder?

Storbeck: Ja, heutzutage. Aber das muss man auch historisch sehen. Von Mitte der 90er Jahre bis 2001 war Europa international durch Terrorismus weniger betroffen. Die Geldwäschedatei war dagegen interessant, weil sie Bezüge zu unterschiedlichen Kriminalitätsfeldern hatte und sich aus den verschiedensten Einzelverfahren speiste. So haben wir ein großes Verfahren gegen Menschenhandel unterstützt, bei dem osteuropäische Prostituierte über verschiedene Transitstaaten nach Italien verschoben und verkauft wurden. Ermittelnd waren Österreich, Italien und noch einige andere Staaten beteiligt. Aus dieser Datei waren natürlich auch viele Geldwäsche-Aktivitäten zu vermelden, die dann teilweise für andere Ermittlungszwecke mit genutzt werden konnten. Denn diese Geldwäscher, zum Beispiel eine irische Gruppierung, haben für verschiedenste Institutionen krimineller Art gearbeitet. Für Drogenhandel, Menschenhandel. Deshalb wurde die Datei natürlich immer größer, weil die Daten aus verschiedenen Bereichen kamen.

BN: Europol hat die Operation Monitor ja schon sehr früh beschlossen, schon 1996.

Storbeck: Ja ...

BN: Und auf wessen Initiative? Sie haben gesagt, Skandinavien?

Storbeck: Skandinavien, Schweden und Dänemark, dann hat Finnland das gleich mit unterstützt.


„Wir haben ein Riesenproblem, Rocker werden immer radikaler.“

BN: Waren Sie damals dabei, bei dem ersten Treffen? …

 

Storbeck: Ja, klar. Damals war das alles Chefsache. Das Treffen hatte bei uns stattgefunden. Die Europol-Kooperation ist so organisiert, dass es als Kunden oder Partner zu Europol die nationalen Einheiten gibt, also die nationalen Dienststellen, deren Chefs, also die Heads of National Unit, die HENUs sich alle zwei Monate bei Europol getroffen und diskutiert haben: Was ist wichtig, wo sind Bedrohungen, wo muss was gemacht werden?
Und das Projekt Monitor ergab sich aus dem ständigen Informationsaustausch, den wir selber geleistet haben, der über uns lief. Aber eben auch, weil die skandinavischen HENUs sagten, wir haben ein Riesenproblem, Rocker werden immer radikaler. Es werden jetzt sogar Kriegswaffen mit eingesetzt. Was ist zu machen?
Und dann gingen die Fragen in die Runde: Habt ihr ein Problem? Antwort: Damals meist ein klares Nein. Zu der Zeit haben die Spanier, die Franzosen, die Italiener gesagt: Wir haben überhaupt kein Problem mit Rockern. Die Engländer haben gesagt: Ja, ein gewisses Problem gibt es bei uns. Und bei den Niederländern hatten Rocker schon fast eine soziale Stellung erreicht, der Chef der Hells Angels war zum Beispiel mehrfach in Talkshows zu der damaligen Zeit eingeladen.
Also, es war ein sehr unterschiedliches Bild, und man hat dann gesagt, wir wollen jetzt was machen, um die Bedrohung zu analysieren und Ermittlungsansätze zu gewinnen, und dann haben wir eben Ende ’96 diesen Analysis Work File dargestellt.
Die Schwierigkeit war von Anfang an, dafür lage- und ermittlungsrelevante wichtige Daten zu bekommen. Nationale Dienststellen haben sich aus verschiedenen Gründen häufig geweigert – nicht offiziell, aber de facto – , wichtige Informationen zuzuliefern. Wir mussten mit solchen Großverfahren eben auch Vertrauen erwecken.

BN: Warum?

Storbeck: Dies ist ein Phänomen, das haben Sie bei der Kriminalpolizei und bei anderen Diensten auch immer wieder: Wissen ist Macht. Da gab es ungeheure Vorbehalte, Informationen an andere Dienststellen und gar internationale Organisationen abzugeben – die heute noch in gewisser Weise bestehen, aber dadurch, dass sich Europol und das Instrument der AWF so bewährt haben, doch zum großen Maße abgebaut sind.
Auch deshalb war das für uns sehr wichtig, dass wir ein sehr geschütztes Umfeld für die Behandlung von Informationen, von Daten, hatten. Und wir mussten die Garantie geben, dass ja keine Daten ohne Genehmigung an Dritte herausgehen.

comic


BN: Es wurden ja dann ungefähr 20 Analysis Work Files erstellt?


Storbeck: Am Anfang hatten wir vier, fünf, und ich bin sicher, es wurden dann mehr als zwanzig. Ein Analysis Work File heißt nicht, dass damit ein Kriminalitätsbereich voll abgedeckt wird. Er zielt normalerweise sehr stark auf eine Gruppierung oder auf ein, zwei oder drei nationale Großverfahren, die irgendwie miteinander verknüpft sind.
Ein rechtlich und fachlich interessantes Problem war die Frage: Wie bekommt man die Information aus Analysis Work Files in eine Datei, die dann eben auch für andere Zwecke genutzt werden kann? Beispiel Geldwäscher: Wenn das Geldwäscheverfahren zu Ende ist, dann wird der Analysis Work File geschlossen. Ich hatte eine irische Gruppierung erwähnt, und zu dieser gehörten mindestens 60 bis 100 verschiedene Einzelkontakte zu anderen Gruppierungen. Was macht man mit den Informationen über diese Kontakte, die für das Hauptverfahren nicht mehr relevant
waren?
Man kann nicht ausermitteln. Irgendwann ist Schluss, da gibt es Kompetenzprobleme, aber es gibt auch rechtliche Probleme: Man kann nicht einfach weiter ermitteln. Und dann muss man sich bemühen, dass dieses Wissen zu anderen kriminellen Aktivitäten nicht sofort verloren geht. Aber das ist wieder ein eigenes Thema, das sehr stark juristisch belastet ist.

BN: Wegen des Datenschutzes? Die meisten AWFs müssen doch nach drei Jahren gelöscht werden, und es muss auch immer notiert werden, wann sie gelöscht werden und so weiter?


Storbeck:
Ja ...

BN: Was das Rockerprojekt betrifft: Da wurde ja dann Monitor 2 gegründet, oder?

Storbeck: Es gibt ja eine interne Datenschutzeinheit bei Europol, die zwar nicht fachlich, aber natürlich personalführungsmäßig gegenüber dem Europol-Direktor weisungsgebunden ist. Und außerhalb gibt es dann die Europol-Datenschutzkommission. Das ist international zusammengesetzt, und dann noch mal von außen kontrolliert.


„Aus Informationen wird Intelligence gemacht.“


BN: Wie profitieren eigentlich die Mitgliedsländer von einem AWF?

Storbeck: Sie haben verschiedene Vorteile. Der erste ist ein allgemeiner Lagebericht. Der zweite sind Bedrohungsanalysen. Der dritte sind Risikoanalysen. Aber was ganz wichtig ist: Aus diesen Analysis Work Files gibt es Ermittlungsansätze. Man sagt: „Aus Informationen wird Intelligence gemacht.“ Intelligence ist „information made for action“.

BN: Wie funktioniert das? Geht Europol auf die einzelnen Mitgliedstaaten zu und spricht Warnungen aus? Oder gibt Dokumente heraus? Oder gehen die Mitgliedstaaten auf Europol zu?


Storbeck: Letztlich ist es in einem Stadium, wo dann die Ergebnisse kommen, ein Geben und Nehmen, und das geht per Telefon oder E-Mail, über gesicherte Nachrichtennetze, die Europol aufgebaut hat. Wie zum Beispiel das neue System Siena, das genutzt wird zur Informationsübertragung, zur Übertragung von ganzen Analyse-Ergebnissen, Berichten, die genaue Hinweise geben: Vorsicht, derjenige, der innerhalb der Hells Angels für Waffen zuständig ist, ist bei euch, der befindet sich jetzt gerade in dem und dem Gebiet, der fährt da und da hin, schaut mal, vielleicht ist da das Waffendepot der Hells Angels. Und Analytiker gehen in dem entscheidenden Moment häufig sogar zum Einsatzteam im Land.

BN: Hat sich eigentlich bei Europol durch die Operation Monitor die Einstellung gegenüber Rockern geändert? Und in den Mitgliedstaaten, hat sich so die Einstellung geändert?

Storbeck: Ja, ich glaube, die Einstellung hat sich sich folgendermaßen geändert: Man hat in den Niederlanden und europaweit die Bedrohung, die kriminelle Energie der Rocker ernster genommen. Ich hab ja schon gesagt, die waren vorher teilweise „Folklore“, waren in Talkshows.
Man hat in Frankreich auf Grund dieses AWFs erstmals versucht, überhaupt mal festzustellen, ob sie ein Rockerproblem haben. Nach französischen Erkenntnissen damals gab es ja keine Rockerkriminalität, bis die französische Polizei sie nachher auch dort festgestellt hat. Und man hat in Deutschland stärker gemerkt, wie stark die internationalen kriminellen Beziehungen sind, wie die zusammenarbeiten. Und man hat eben, glaub ich, auch über diesen AWF dann stärker auch mit anderen Staaten zusammengearbeitet. Im kleinen Grenzverkehr, zum Beispiel Nordrhein-Westfalen – Niederlande, funktionierte das schon. Aber die kriminellen Netzwerke von Skandinavien bis Spanien sind gar nicht bekannt gewesen und wurden nicht ernst genommen.


„Die Hells Angels haben auch stark mit Rauschgift gehandelt.“

BN: Und was ging da bis Spanien?

Storbeck: Es galt zumindest für die Beschaffung von Kokain – und die Hells Angels haben ja auch stark mit Rauschgift gehandelt, wobei Kokain und synthetische Drogen von besonderem Interesse waren. In Spanien waren Bezugsquellen, Bezugswege, von wo Kokain herkam, das ist ja von Südamerika häufig dort angelandet. Und ich glaube, es war Ende der 90er, da veranstalteten die Hells Angels sogar ihr Jahrestreffen, den World Run, in Spanien. Und da hatten wir denn auch Europol-Beamte vor Ort.

BN: Und die haben etwas über Kokain rausgefunden?


Storbeck: Nein, aber sie haben Erkenntnisse angereichert. Zum Beispiel ist ja oft die Rollenverteilung bei einer kriminellen Organisation nicht klar. Das gilt auch für Rocker.
Nun arbeiten Rocker häufig nach stark vorgegebenen Strukturen, das ist historisch so bedingt, das sind ja in der Entstehungsgeschichte alles ehemalige Militärs gewesen, die das aufgebaut haben. Und dann ist das ganz klar: Der Erste Offizier ist bei Formationsfahrten da oder der Unteroffizier oder der Waffen- und Gerätewart, der hat die und die Position. Und wenn man einen World Run hat, dann fahren die natürlich auch mit ihren Maschinen ein, und dann weiß man, nach der Hierarchie: Vorne ist der Chef des betreffenden Chapters, rechts außen meinetwegen der Waffenmann, links ist der für Finanzen und so weiter, das ist der Vorstand, der hat genaue Positionen. Also nehmen Sie das auf und sagen: Aha, gehen wir mal davon aus, dass die in ihrer Tradition bleiben – und dafür spricht alles, die weichen nie ab –, dann wissen wir zumindest, wie die Verteilung im Vorstand gegenwärtig ist. Das sind so Informationen, die man sammeln kann. Oder: Wer hängt die meiste Zeit mit den anderen zusammen. Warum? Daraus kann man Rückschlüsse ziehen.
Aber das ist nicht so, dass wir feststellen konnten, ob jetzt Kokain übergeben wird – die Hells Angels wären ja verrückt, wenn sie bei so einem Event ihren kriminellen Handel machen!

BN: Hat sich Europol durch die Erkenntnisse aus den AWFs selbst auch verändert?

Storbeck: Natürlich.

BN: Wie denn?

Storbeck: Nur wenn Sie die AWFs haben und damit eben auch die Kriminalität richtig beurteilen können, können Sie Prioritäten setzen. Zum Beispiel haben wir aus den AWFs gelernt, dass IT eine immer größere Rolle spielt. Dass immer mehr Kriminalität abwandert aus dem normalen Leben in das virtuelle Leben. Darauf hat sich Europol vorbereitet. Das führt dazu, dass Europol jetzt das Cybercrime Center der EU geworden ist – letztes Jahr, Beschluss des Europäischen Parlaments, der EU, und der Mitgliedstaaten des Councils, Kommission und EU. Der Bereich wird jetzt extrem ausgebaut.


„Wir mussten sehr früh die Bedeutung der Geldwäsche berücksichtigen.“

BN: Und hat sich auch durch die Arbeit am AWF Monitor etwas bei Europol geändert?

Storbeck: In einzelnen Maßnahmen natürlich. Wir haben, wie gesagt, an Monitor gerade zu Beginn gemerkt, wie wichtig Vertrauensschutz ist, wie wichtig Sicherheit ist, wie wichtig es ist, auch aus verschiedenen Fakultäten der kriminalpolizeilichen Tätigkeit Leute hinzuzuziehen: Wir mussten sehr früh auch die Bedeutung der Geldwäsche mit berücksichtigen. Der normale Ermittlungsansatz damals in den Mitgliedstaaten war: Da ist irgendwo Gewalt, aufgrund von Schutzgelderpressung, und jetzt ermitteln wir.
Zusätzlich versuchten wir festzustellen, wohin die kriminellen Erlöse gehen. Wir stellten fest, was das für Einkünfte sind und auch, wie diese Einkünfte wieder investiert wurden. Uns wurde klar, dass es eine große Rolle spielt, einfach zu wissen, wer letztlich die finanziellen Vorteile hat, um so dann wieder die wahre Macht festzustellen. Und deshalb haben wir eben auch verstärkt Leute geholt, die sich mit dieser Umwandlung von Gewalt zu Geld und von Geld dann zu Investitionen auskannten.

BN: Was waren das für Leute, die Sie geholt haben?

Storbeck: Die kamen natürlich aus dem Bereich der Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität. Aber wenn wir zum Anfang gesagt haben: Wir machen jetzt die große Untersuchung, wir unterstützen die internationalen Ermittlungen gegen Rocker mit einem Analysis Work File und möchten dafür jetzt mal zwei Spezialisten für Wirtschaftskriminalität haben, dann hätten die alle gesagt: Ja, spinnt Ihr denn? Das sind doch brutale Banden, Ihr müsst da die Gewaltkriminalität-Spezialisten nehmen.
Dieser neue, umfassende Ansatz bildete sich dann im Laufe der Ermittlungen raus. Wir benötigten Leute, die sich zum Beispiel im Transportwesen auskennen, also zum Beispiel von der Guardia de Financia oder vom Zoll, weil die wissen, wie Transporte denn überhaupt erfolgen: Wie können denn zum Beispiel überhaupt zwei Tonnen Cannabis sicher in ein Land transportiert werden, wer kommt denn dafür in Frage? Das kann man ja nicht mit dem Fahrrad von Neukölln schaffen, sondern Sie brauchen heutzutage einen Container. Also: Wie transportiert man einen Container von Marokko nach Buxtehude? Lädt man den auf einen LKW? Nimmt man einen Zug? Nimmt man die Kanäle? Also: Es wurde dabei immer klarer, wie viel Spezialwissen man auch haben
muss.
Solche Spezialisten kann man aber auch nicht ständig bei Europol vorhalten. Deshalb war für uns klar, wir mussten sehr schnell auch ein Team von nationalen Experten haben.

BN: Und wie viele nationale Experten haben Sie sich aufgebaut zum Thema Monitor?

Storbeck: Das weiß ich nicht. Das können 100 sein, das können aber auch nur 50 sein. Wir haben Dateien für Spezialisten angelegt, die uns von den Mitgliedstaaten empfohlen wurden.


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„Monitor war sehr wichtig für den Anfang.“

BN: Gab es vielleicht mehr Kompetenzen bei Europol, die Sie aufgrund Ihrer Erkenntnisse zum Thema „Rocker“ erlangen konnten?

Storbeck: Nein, ich glaube nicht, dass es jetzt zusätzliche Kompetenzen dabei gab. Monitor war sehr wichtig für den Anfang, das war wirklich einer der zwei, drei wichtigsten Analysis Work Files. Das ist ganz klar.

BN: Warum?

Storbeck: Das hat Europol auch bei den nationalen Dienststellen bekannt gemacht. Das ist ganz unbestreitbar. Monitor war eine der zwei, drei wichtigsten Arbeitsdateien.

BN: Warum? So viele Rocker gibt es doch gar nicht.

Storbeck: Erstens, weil wir einerseits diesen einseitigen starken Ansatz nur sehr national geprägter Ermittlungen verändert haben. Zwar gab es für Bereiche, wie Drogen oder Terrorismus, schon grenzüberschreitende Arbeitsgruppen. Aber nicht oder nur ausnahmsweise im Einzelfall für eine kriminelle Gruppierung an sich, das heißt eine spezielle organisierte Kriminalitätsgruppierung wie die Rocker. Das war also eigentlich ein richtiger großer neuer Ansatz.
Und das zweite war: Gerade durch Monitor, durch diesen AWF, haben sich sehr stark diese gemeinsamen Ermittlungen ergeben, die so die Vorstufe der Joint Investigation Teams waren. Diese JITs sind so eine Art Sonderkommissionen, die inzwischen sogar im EU-Rechtshilfeübereinkommen von 2001 in Artikel 13 als Instrument der Internationalen Zusammenarbeit verankert sind. Das heißt, in diesem Rechtshilfeverfahren können auch Staatsanwälte oder Richter, Untersuchungsrichter, Polizeibeamte und Zollbeamte mitarbeiten. Und in Naples II, dem Abkommen des Zolls, sind diese Teams als Customs Investigation Teams verankert.

BN: Das heißt, Monitor hat auch dazu beigetragen, dass Europol sich entwickelt hat?

Storbeck: Das war ein wichtiger Punkt. Und ein dritter Punkt ist, dass Europol dann relativ bald zumindest auf diesem Gebiet sehr stark anerkannt war. Und zwar sowohl in den Mitgliedstaaten als auch in Drittstaaten: Anfang 2000 haben wir Analytiker und zuständige Spezialisten, die eigentlichen Ermittler, zu Gerichtsverfahren nach Kanada geschickt. Da war eine Riesenkette von, glaub ich, 25 Morden im Rahmen von Auseinandersetzungen in Kanada geschehen. Die Europol-Experten sind als Zeugen drüben gehört worden, um vor den dortigen Gerichten dann eben diese transatlantischen Beziehungen, das ganze Geflecht, aber auch die Strukturen klar zu machen. Das war damit eine transatlantische Anerkennung von Europol, insofern wurde Europol dadurch auch in Kanada und den USA bekannt.


„Sie können das nicht mit dem Anschlag aufs World Trade Center vergleichen.“

BN: Das heißt, Europol hat sich durch die Rocker schon verändert, ist größer geworden?

Storbeck: Das wuchs mit und hat im Tagesgeschäft einen starken Einfluss gehabt. Aber dass Europol durch Monitor groß geworden ist – das stimmt nicht. Sie können das nicht mit dem Anschlag aufs World Trade Center vergleichen. Da hab ich nämlich auf einen Schlag plötzlich Geld und Personal gekriegt, fast mehr, als man brauchte! Das war bei den Rockern nicht so.
Andere Staaten haben gesagt, Italiener oder selbst die Spanier: Was investierst du denn, Storbeck, für diese blöden Rocker? Das ist überhaupt kein Problem, das ist eine Folkloregruppe! Ich hab auch Kritik bekommen, weil wir zu viel investiert hatten.

BN: Ich hab gelesen, dass Monitor eingerichtet wurde, damit man sehen könnte, welche Verbrechen in der Drogenkriminalität man mit Rockern in Verbindung bringen könnte.

Storbeck: Das war ein ganz wichtiger Punkt, weil da der beste Anfasser war. Mit Schutzgelderpressung können Sie sehr schwer internationale Beziehungen darstellen: Wenn, sagen wir mal, ein Bordell oder eine Gastwirtschaft in Antwerpen Schutzgelder zahlen muss, da holt man nicht die Schlägertrupps, die Einschüchterer aus Hannover. Das machen die selber. Aber beim Drogenhandel, da brauchen Sie den Transport, manchmal – bei synthetischen Drogen – schon die Produktion, meinetwegen in den Niederlanden und Belgien, und Sie müssen den gesamten Weg, von der Produktion bis hin zum Verteilernetz, vergegenwärtigen, und der ist grenzüberschreitend.
Ähnliches gab es auch, und deshalb war das die zweite Priorität, bei Menschenhandel, beim Handel mit Prostituierten. Da hat man natürlich auch diese internationalen Bezüge. Da hat man ja nicht gesagt: Ihr in Hannover, guckt Euch mal Mädchen von der Schule an, die Ihr dazu bringt, dass sie Prostitution machen. Die hat man woanders her geholt. Aus vielerlei Gründen, die will ich gar nicht jetzt vertiefen. Aber da kann man auch länger drüber reden. Das war eindeutig, dass das international zuging.
Es ging teilweise auch mit Waffenhandel. Und natürlich dann eben die Geldwäsche, das war der dritte Ansatz, aber der kam eben erst später.
Also wir hatten angefangen und mussten ja auch die nationalen Dienststellen bis hin zur Politik gewinnen, dass wir das machen. Und die sagten: „Drogen – oh ja, Drogen – ist gefährlich, da machen wir mit!“ Dagegen: „Mit dem Menschenhandel haben wir überhaupt gar kein Problem!“ Das sagten sie so lange, bis Mitte der 90er Jahre in Dünkirchen Chinesen in Containern erstickt sind. Das war dann ein Riesenaufschrei und da hat man eben Menschenhandel dazu genommen, und Prostitution kam als Spezialgebiet gleich damit hinzu. Damit konnten Sie auch solche Ermittlungen überhaupt international organisieren.

BN: Wie entstand die damalige Entscheidung für den AWF „Monitor“, also die Entscheidung, gerade Rocker zu untersuchen? Als gemeinsame strategische Entscheidung im Sinne einer Strategie, um die IT-Systematik aufzubauen?

Storbeck: Ich habe Sie so verstanden: Erstens wollten die HENUs die IT-Systematik tauglich für Personengruppen machen. Sie haben darum eine Gruppierung für ein AWF ausgewählt. Zweitens wollten sie als europäische Polizeiorganisation internationale Ermittlungen „lernen“, und haben darum eine internationale Gruppierung ausgewählt.


„Anhand von Rockerkriminalität die OK-Bekämpfung unter Einschaltung von Europol lernen“

BN: Lag der Grund darin, dass die HENUs sicher waren, dass Rocker gefährlich sind? Oder wollten sie herausfinden, ob sie gefährlich sind, beziehungsweise wie gefährlich sie sind? Wie war das Verhältnis zwischen dem strategischen Vorgehen, dem Aufbau des AWF-Systems und kriminalistischen Erkenntnissen?

Storbeck: Nach meiner Erinnerung waren die Entwicklung der IT- und Analysesystematik und -technik und der Aufbau von Monitor Parallel-entwicklungen. Einerseits gab es folgende Strategie: Informations- und Analysedateien sollten so entwickelt werden, dass sie sowohl der Methodik und den Informationsbeständen von Mitgliedstaaten entsprachen oder ihnen flexibel angeglichen werden konnten, als auch dass sie den unterschiedlichen nationalen rechtlichen Vorgaben Genüge taten und schließlich für operative Zwecke, also Ermittlungen, nützlich waren.
Andererseits suchten wir bei Europol und in einigen Mitgliedstaaten nach Fallkomplexen von internationaler Dimension, die in den Zuständigkeitsbereich von Europol fielen, bei denen Europol „added value“ geben konnte, und bei denen die mitwirkenden Mitgliedstaaten auch bereit waren, umfassend Informationen – auch sensibler Natur – an Europol zu geben. Letzteres war je nach Mitgliedsstaat und dortigen Behörden nicht selbstverständlich.
Bei der Entscheidung, ein AWF zur Rockerkriminalität anzulegen, half die Tatsache, dass gerade die skandinavischen Staaten, die Niederlande und auch UK Europol positiv gegenüberstanden und gute Erfahrungen mit operativer Analyse auf nationaler Ebene gemacht haben. Die Idee, anhand von Rockerkriminalität die OK-Bekämpfung unter Einschaltung von Europol zu lernen, spielte bei den Überlegungen eine Rolle, wobei das Reizvolle war, dass dieser Ansatz nicht nur einen Kriminalitätsbereich, wie zum Beispiel Rauschgift, betraf, wo ohnehin schon recht gut und auch über Europol zusammengearbeitet wurde, sondern dass hier die Organisationsstruktur und die Vernetzung verschiedener Kriminalitätsformen im Mittelpunkt stand. Auf Grund dieses zeitlichen Zusammenfallens und der Geeignetheit der Thematik wurde der AWF Monitor eine der ersten und wichtigsten AWF mit langer „Lebensdauer“.Das Interview führte Ulrike Heitmüller. Sie wurde 1967 in Hamburg geboren und hat in Frankreich und Tübingen Theologie studiert. Seit 2000 lebt  sie als freie Journalistin und  Autorin in Berlin.  In ihren Artikeln geht es um das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit, um die Folgen der technischen  Entwicklungen für Staat und  Gesellschaft. Ihr Freund ist Mitglied in einem Motorradclub.
Aber auch andere AWFs spielten in dieser frühen Phase aus verschiedenen Gründen eine wichtige Rolle. Es gab also keine klare Entscheidung, AWF Monitor zum Modell für künftige AWFs zu machen und die Technologie nur oder vor allem anhand dieses AWFs zu entwickeln.
Nordische HENUs waren im Übrigen sicher, dass Rocker gefährlich sind und international kriminell agieren. Deutschland und Großbritannien sahen die Gefährlichkeit, aber nicht unbedingt die internationale Dimension, während die anderen Staaten die kriminelle Energie der Rocker eher unterschätzten.













Das Interview führte Ulrike Heitmüller.
Sie wurde 1967 in Hamburg geboren und
hat in Frankreich und Tübingen Theologie studiert.
Seit 2000 lebt sie als freie Journalistin und
Autorin in Berlin. In ihren Artikeln geht es um das Verhältnis
von Freiheit und Sicherheit, um die Folgen der technischen
Entwicklungen für Staat und Gesellschaft.
Ihr Freund ist Mitglied in einem Motorradclub.
 
 


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