Neid muss man sich erarbeiten

24.08.2012  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: Ahlsdorf / Eibner / Dura
Neid muss man sich erarbeiten
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Clubverbote und Charter-Auflösungen bremsen nicht alles aus. Die Hells Angels-Szene lebt noch immer. Wir sprachen mit dem Presidenten des Hells Angels MC Reutlingen. BN: Ingo, ein Hells Angels-Charter nach dem anderen löst sich selbst auf. …
Clubverbote und Charter-Auflösungen bremsen nicht alles aus. Die Hells Angels-Szene lebt noch immer. Wir sprachen mit dem Presidenten des Hells Angels MC Reutlingen

Ingo, President HAMC Reutlingen
Ingo, President HAMC Reutlingen

BN:
Ingo, ein Hells Angels-Charter nach dem anderen löst sich selbst auf. Die restliche Szene hält den Ball flach. Nur du hältst dich nicht zurück und begibst dich ins Rampenlicht der Öffentlichkeit, zuletzt mit einer gewaltigen Biker-Hochzeit im Juni. Ist in der schwäbischen Provinz die Bikerwelt noch in Ordnung?


Ingo: Warum auch nicht? Ich bin mir ja sicher und weiß ganz genau, dass der Hells Angels Motorcycle Club keine kriminelle Vereinigung ist.
Aber nachdem die Behörden nicht schnell genug die Charter nach vorgegebenem Schlachtplan verbieten konnten, hatten sie kurzerhand die Strategie geändert und versucht, einen Deutschland- oder gar Europa-Presidenten aus dem Hut zu zaubern. Das wäre Frank Hanebuth vom nunmehr aufgelösten Charter Hannover gewesen. Mit ihm hätten die Behörden einen Repräsentanten für einen Dachverband und einen von oben nach unten strukturierten Motorrad Club gehabt. Das wäre eine bundesweite Struktur gewesen, die nach Vereinsgesetz bundesweit hätte verboten werden können. Natürlich nicht nach Strafrecht, denn dafür bestehen ja selbst nach Einschätzung der Polizei keine Ansatzpunkte. Die Polizei und die Justizbehörden wissen ganz genau, dass eine bundesweite Struktur mit einem Anführer bei uns nicht möglich ist. Eine unserer wichtigsten Regeln lautet: One Man – One Vote. Jeder hat bei uns genau eine Stimme. Unser Club ist demokratisch, und zwar basisdemokratisch. Auch dafür würden wir kämpfen.
Und rede nicht von der „schwäbischen Provinz“. Hier sind ein paar Städte mit mehreren hunderttausend Einwohnern zusammengeballt. Bei uns in der Region ist es genauso wie überall, wo es Hells Angels gibt. Wir werden von den Strafverfolgungsbehörden verdächtigt, kriminalisiert, zu Schuldigen gesprochen noch ehe überhaupt über eine Anklageerhebung entschieden worden ist. Das läuft nach dem Motto: Die Täter haben wir schon, die passende Tat werden wir noch finden. Dazu benutzen sie Journalisten, die unreflektiert das übernehmen, was ihnen die Pressesprecher der Polizei, Vertreter der Gewerkschaft der Polizei oder das LKA oder BKA mittteilen. Fast keiner der Berichterstatter ist mal zu uns gekommen und hat mal gegengecheckt, ob das alles so stimmt.
Glauben sie, die Behörden lügen nicht, weil die der Wahrheit verpflichtet sind? Naheliegend, dass die Journalisten den Behördeninformationen glauben und sich von Polizei und Justiz benutzen lassen. Aber selbst wenn die Strafverfolger nicht lügen, heißt das nicht, dass sie die ganze Wahrheit sagen. Sie können ja einfach entlastende Dinge für sich behalten, da gibt es ja Möglichkeiten ohne Ende. Beim Umgang des Verfassungsschutzes mit den Naziterrorzellen lief das nicht anders.

Chris wird in Handschellen und Fußfesseln zum Prozess geführt ...
Chris wird in Handschellen und
Fußfesseln zum Prozess geführt ...

BN: Okay, nehmen wir den Fall um deinen Bruder Chris. Das war eigentlich eine ziemlich normale Kirmes-Schlägerei nach einem Fußball-Länderspiel. Der Prozess endete aber mit zweieinhalb Jahren ohne Bewährung. Wäre er deiner Meinung nach anders ausgegangen, wenn Chris kein Hells Angel gewesen wäre?

Ingo:
Ich glaube, es wäre nicht mal zu einer Anklage gekommen, wenn er kein Hells Angels Member gewesen wäre. Dazu muss man wissen, dass es sich ja eigentlich um eine eingewilligte Körperverletzung gehandelt hat. Eine kurze Schilderung des Sachverhalts: Eine Gruppe von Männern hatte einen von uns, der zivil, also ohne Patch, und nur mit ein paar Damen unterwegs war, zusammengeschlagen, weil er die Damen in Schutz nehmen wollte, auf die einer der Männer eingetreten hatte, weil sie ihn während einer Fußballsiegesfeier nassgespritzt hatten. Es handelte sich wohlgemerkt nicht um die letzte EM, sondern um ein Spiel, das vier Jahre zurückliegt.
Mit den Worten: „Falls du ein Rückmatch mit uns willst, ruf ein paar Kumpels von dir!“ zogen die andern Richtung Marktplatz. Als dann einige sich der Herausforderung stellten und ihre Gruppe begriff, wen sie zuvor feige zusammengeschlagen hatten, ergriffen alle die Flucht.
Wie auch immer, bei der Verhandlung vor dem Landgericht waren wie immer mal einige Beweisanträge, um die Wahrheit der Geschichte zu untermauern, abgelehnt worden. Nicht zu vergessen: Chris hatte ein Attest, dass er verhandlungsunfähig sei. Das war nicht nur eine Krankmeldung. Das war ein Attest von einem Arzt, der ihn Monate behandelt hatte, nicht nur eine halbe Stunde, wie ein Gutachter, der vom Gericht gestellt wird.
Aber das ist gerade in Revision. Da es also noch ein laufendes Verfahren ist, möchte ich nicht mehr dazu sagen.
„Vielleicht hat die Justiz einen diktierten Fahrplan bekommen.“

 ... jenseits der Polizeikette bekunden seine Freunde und Brüder ihre Solidarität
... jenseits der Polizeikette bekunden seine Freunde und Brüder ihre Solidarität

BN: Nun hat aber Chris, zumindest nach richterlicher Einschätzung, „nachgetreten“. Ein Brauch der in der Rockerszene unehrenhaft ist ...

Ingo: Die Frage erübrigt sich, wenn du die Geschichte wirklich kennen würdest. Da kann man nicht von „Nachtreten“ reden, bei der Vorgeschichte von vieren gegen einen. Aber wie du so schön bemerkst, ist das nur die richterliche Einschätzung, die ja nicht der Wahrheit entsprechen muss.
Wie ihr seit der Veröffentlichung in der Frankfurter Zeitung sicher selbst wisst, gibt es eine sogenannte Polizeibibel über
die Vorgehensweise mit Rockern. Vielleicht
hat die Justiz auch einen von oben diktierten Fahrplan bekommen, um gegen Rocker vorzugehen.

BN:
Damit sprichst du was an, das wir sowieso fragen wollten: Gerade kursiert die Meldung von einem sogenannten „Drehbuch“, das die Polizei für den Umgang mit Rockern hätte. Wir halten das für eine typische Sommerloch-Meldung. Denn wenn es ein Drehbuch gibt, dann gibt es das doch sowieso schon seit Jahren. Es beinhaltet frühmorgendliche SEK-Einsätze mit Eintreten der Türen und Fesseln mit Kabelbindern und grundsätzlich das Erschießen des Hundes im Hause …

Ingo: Genau. Das gibt es schon seit Jahren. Aber nun haben die Journalisten es endlich schriftlich. Vorher hätte das nie jemand geglaubt.

Der „Ride with the Angels“ im letzten Jahr. Vor dem Other Place des HAMC Reutlingen versammelten sich 600 Biker
Der „Ride with the Angels“ im letzten Jahr. Vor dem Other Place des HAMC Reutlingen versammelten sich 600 Biker

„Plötzlich sind in jedem Plattenbau sogenannte Streetgangs entstanden.“

BN: So ändern sich die Zeiten. Deshalb noch mal: Selbst wenn es im Fall von Chris anders war, so ist doch das Nachtreten leider längst üblich. Hat sich in den letzten Jahren was im Ehrenkodex der Rocker geändert? Oder versteigen die alten Biker sich in der Illusion, dass früher alles besser war?

Ingo: Wir machen uns schon lange nichts mehr vor – angesichts der Hetzkampagnen, Stimmungsmache und die stereotypischen Schlagzeilen in der Medienlandschaft: Waffenhandel, Drogenhandel und dass wir anscheinend Millionen und Abermillionen verdienen. Wo, verfickt, sollen denn all die Millionen sein? Das wäre ja für die Polizei einfach zu ermitteln. Also müssten sie ja wissen, dass das nicht stimmt. Aber durch die jahrelangen Scheißhausparolen in den Medien sind plötzlich in jedem Plattenbau sogenannte Streetgangs entstanden. Die Polizei und die Strafverfolgungsbehörden sind dafür verantwortlich. So sieht’s aus, und jetzt ist ihnen alles außer Kontrolle geraten, und sie wollen uns dazu benutzen, um ihre ganze Scheiße vor der Öffentlichkeit zu vertuschen.

BN:
Du hast doch inzwischen selbst sogenannte „Migranten“ in deinem Charter?

Ingo: Einen Member und einen Prospect. Und was heißt „Migranten“? Der Member ist hier in der dritten Generation, der ist so gesehen deutsch. Der Hells Angels MC ist eben weder politisch orientiert noch verfolgt er wirtschaftliche Ziele. Deshalb sind wir nicht kontrollierbar, was Regierungen und Verwaltungsbehörden gar nicht mögen.

BN:
Bleiben wir bei deinen Migranten. Hast du die, weil ihr nun weltoffen seid, oder weil die schlagkräftiger sind?

Ingo:
So ein Quatsch! Wir waren schon immer weltoffen. Das hat doch mit Schlagkräftigkeit nichts zu tun. Bei denen hat es einfach gepasst, die hängen schon seit sieben Jahren mit uns rum. Und in Hinsicht auf Schlagkräftigkeit muss ich mich über meine deutschen Brüder nicht beklagen. Da brauche ich keine Migranten. Aber Tatsache ist, dass es in vielen Gegenden sowieso nur noch Migranten gibt. Wo soll man da die Deutschen hernehmen?
Und jetzt pass mal auf: In manchen Chartern haben wir schon drei Generationen als Mitglieder. Der gemeinsame Nenner des Hells Angels Motorcycle Club ist die unbedingte Zusammengehörigkeit, die Bruderschaft.
Das ist keine Floskel, sondern das lebe ich jeden Tag durch die Nähe, die ich zu den Brüdern
habe.
Und ich ahne, welche Frage du als nächste stellen willst, deshalb hier gleich die Antwort: Natürlich dreht es sich bei uns auch um das Bike, wobei für mich der Mensch wichtiger ist als das Bike.

 

„Die bürgerliche Presse veröffentlicht keinen positiven Bericht mehr über uns.“

BN: Okay, dann ein Letztes zu den üblichen Vorwürfen: Ihr hattet euch für Kindergärten engagiert, Aktionen gegen Kinderpornographie unterstützt, und du hattest sogar öffentlich Fußball gespielt. Sollte das der Öffentlichkeit verkaufen, dass Rocker Gutes tun, oder war dir das eine echte Herzensangelegenheit?


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Stand:22 June 2018 05:04:28/motorrad/berichte/neid+muss+man+sich+erarbeiten_128.html