Osmanen Germania BC

24.06.2016  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: Michael Ahlsdorf
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Osmanen  Germania  BC
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Wie dicht bewegen sich die Osmanen an unserer Szene? Wir haben sie besucht, denn wir wollten es wissen
Als Mehmet den Raum betritt, erheben sich alle Mann. Es sind die Sergeants at Arms aller Osmanen-Chapter – und Mehmet ist ihr President. Die Sergeants haben zuvor ihre Handys abgegeben, denn jetzt ist Versammlung. Mehmet ruft noch einen Mann und bittet ihn um eine Anwesenheitsliste. Dann bittet er uns, den Raum zu verlassen. Was jetzt besprochen wird, bleibt unter den Brüdern.
Aber für den Abend haben sie uns wieder eingeladen, ein Boxkampf würde stattfinden, nur Sparring. Mehmet wolle schauen, was seine Sergeants können.

Fäuste zeigen: Die Osmanen kurz vor der Fahrt zum internen Box-Turnier
Fäuste zeigen: Die Osmanen kurz vor der Fahrt zum internen Box-Turnier

Nur Sparring? Wir sehen Zermin am nächsten Tag auf der großen Party zum einjährigen Bestehen des Osmanen Germania BC. „BC“ steht für „Boxclub“, aber äußerlich sind die Osmanen kaum von unseren Rockern zu unterscheiden.
Die Osmanen nehmen das Boxen ernst. Zermin, der Sergeant at Arms, hat vom Sparringskampf ein Veilchen mitgenommen. Aber er erklärt uns stolz: „Ich hab gewonnen. Kannst du fotografieren. So sehen Sieger aus!“

„… aber ich hab gewonnen!“ Zermin zeigt sein Veilchen vom Boxkampf des Vorabends. Der Schriftbalken „Profighter“ steht für „Professional Fighter“
„… aber ich hab gewonnen!“ Zermin zeigt sein Veilchen vom Boxkampf des Vorabends. Der Schriftbalken „Profighter“ steht für „Professional Fighter“

Er steht in der engeren Runde um Mehmet, der an diesem Abend ein Podium besteigt. Sein Blick schweift über den See des Partygeländes, um dessen Ufer seine Brüder sich aufgereiht haben. Es dürften ein paar hundert sein und Mehmet ruft ihnen einen Schwur entgegen, den sie wiederholen. Laut schallt er über das Wasser. Sie beschwören die Bruderschaft, die Familie der Osmanen.
Nachts würde er arbeiten, arbeiten wie alle im Club, erklärt Mehmet danach, aber tagsüber wären die Osmanen seine Familie. Und um das ein letztes Mal zu bekräftigen, ruft er es noch dreimal über den See: „Osmanen!“ Die Brüder rufen zurück: „Germania!“ Und Mehmet schließt: „Ich liebe euch alle!“
Diese Familie ist innerhalb nur eines Jahres immer größer und größer geworden. Und nun kommen erneut einige Prospects an die Reihe. Nicht alle, denn auch die Osmanen beteuern, nicht jeden zu nehmen. Mustafa zuerst. Er wird das Osmanen-Patch bekommen. Aber davor stehen noch 13 Sekunden, denn die 13 hat für die Osmanen eine besondere Bedeutung (siehe Interview). In diesen 13 Sekunden dürfen alle Sergeants auf Mustafa einschlagen. „Auch ins Gesicht?“, fragt noch einer der Sergeants. „Klar“, sagen die anderen. Und los geht’s. Mustafa steckt ein, er beugt sich, als die Schläge auf ihn niederprasseln – aber 13 Sekunden gehen doch schnell vorüber. Dann überreicht Mehmet ihm das Patch, das Mustafa mit rotgeschlagenem Gesicht in Empfang nimmt und küsst. „Wer hat mir den Leberhaken versetzt?“, fragt er danach noch lachend in die Runde.

Mustafa kassiert 13 Sekunden lang Schläge …
Mustafa kassiert 13 Sekunden lang Schläge …

Drei weitere Prospects kommen auch noch dan. Nur einer geht innerhalb dieser 13 Sekunden kurz in die Knie. „Aufstehen, aufstehen!“, rufen die anderen ihm zu und heben ihn an, während sie weiter auf ihn einschlagen. Dann hat auch er es durchgestanden.
Klar, die Osmanen sind ein Boxclub, da muss man zeigen, was man wegstecken kann. Und so ist diese Membertaufe für alle Beteiligten eine letzte Prüfung, aber auch ein großes Vergnügen. Für die neuen Member auch. Ihnen stehen danach die Tränen in den Augen. Nicht wegen der Schmerzen, sondern wegen des erhebenden Moments.

Links ein Vertreter der Black Jackets. Die Streetgang war zu Gast beim Boxclub
Links ein Vertreter der Black Jackets. Die Streetgang war zu Gast beim Boxclub

„Eine Gedenkminute noch!“, ruft Mehmet, bevor die Party losgeht. Jetzt schweigen die Osmanen am Ufer des Sees. Die Gedenkminute gilt ihrem vor Kurzem auf dem Motorrad verunglückten Bruder.
Rocker sind sie nicht, die Osmanen, aber einige fahren doch Motorrad. Längst stehen nicht nur Migranten in ihren Reihen. Und vereinzelt haben wir unter ihnen auch ehemalige Member aus großen MCs wiedererkannt. Wie dicht die Osmanen sich damit an unserer Szene bewegen, das wollten wir in einem Interview klären.
 

„Die Migranten sind klüger geworden“

Wir sprachen mit Mehmet, dem World President  des Osmanen Germania BC

Mehmet, Osmanen Germania BC: „Wir sind wie Rocker: Eine Bruderschaft mit den üblichen Bewährungszeiten.“
Mehmet, Osmanen Germania BC: „Wir sind wie Rocker: Eine Bruderschaft mit den üblichen Bewährungszeiten.“

BN: In der Mai-Ausgabe hatten wir ein Interview mit dem Osmanen Frankfurt BC veröffentlicht. Die Frankfurter wollten klarstellen, dass sie nicht mit dem Osmanen Germania BC verwechselt werden wollen. Ist das jetzige Interview eure Reaktion darauf?

Mehmet: Ja. Die Frankfurter behaupten in dem Interview, sie hätten sich von uns getrennt. Aber wir hatten uns von ihnen getrennt. Das war uns dort zu sehr die „Ich AG“ eines Einzelnen.


Klar ist zumindest, dass ihr tatsächlich aus dem Osmanen Frankfurt BC hervorgegangen seid, denn die geben für ihre Gründung das Jahr 2011 an, während ihr heute euer Einjähriges feiert, oder?

Das mit dem Jahr 2011 stimmt, aber danach ist einiges passiert, was wir hier besser nicht erzählen. Für uns gilt: Ein Name bleibt bis zum Tod, wir werden uns nicht auflösen lassen. Und es stimmt, als Osmanen Germania BC bestehen wir offiziell seit dem Jahr 2015. Wir feiern nun also unser Einjähriges.


Im Unterschied zu den Frankfurtern dürftet ihr größer sein, sonst würdet ihr nicht den Bottomrocker „Germania“ tragen. Wie viele Leute seid ihr, wo seid ihr, und in wie vielen Chaptern?

Wir tragen den Namen „Germania“ auch mit Rücksicht auf unsere deutschen und christlichen Brüder. Unsere Bruderschaft steht über der Religion und über den Nationen. Wir haben über 60 Chapter in Deutschland, Österreich, der Schweiz und in der Türkei. Ein Chapter hat bei uns 15 bis 20 Mann. Jetzt könnt ihr das selbst zusammenrechnen.


Die Strukturierung in Chaptern lässt darauf schließen, dass ihr eine der „rockerähnlichen Gruppierungen“ seid, wie die Polizei es in ihren Pressemitteilungen immer formuliert. Wie dicht bewegt ihr euch an der Rockerszene? Seid ihr eine Streetgang, eine Türsteher-Vereinigung oder wirklich nur ein Boxclub?

Wir sind keine Rocker. Wir sind ein Boxclub, dafür stehen die Buchstaben „BC“. Aber wir sind wie Rocker eine Bruderschaft mit den üblichen Bewährungszeiten. Klar, Türsteher haben wir auch ein oder zwei im Club. Aber wir sind weder eine Türsteher-Vereinigung noch eine Streetgang.


Es heißt, ihr würdet mit bestimmten MCs paktieren. Was ist da dran, um welche Clubs handelt es sich?

Wir paktieren mit niemandem.


Die Antwort haben wir erwartet.

Definitiv mit niemandem. Uns wurde auch mal unterstellt, wir würden mit den türkischen Hells Angels paktieren. Das stimmt nicht. Wir paktieren mit niemandem und wir unterstützen niemanden.


Ihr habt auch Motorradfahrer im Club. Ist daran eine Entwicklung abzulesen? Wollt ihr noch weiter in die Rockerszene einsteigen?

Einige von uns fahren Motorrad.


Du selbst auch?

Ich habe eine MV Agusta. Aber wir werden ein BC bleiben!


Kommen denn auch MCs auf eure Party?

Uns werden sicher auch Member von Motorradclubs besuchen, aber sie werden dann keine Farben tragen.


Dann mal die frechste Frage: Vor zehn Jahren, im Rockerkrieg, konnten die großen Clubs Leute wie euch gut brauchen. Ihr hättet ziemlich schnell deren Colours gekriegt. Jetzt handeln sie euch als Bösewichter, die selbst in der Rockerszene niemand haben will. Klingt wie verraten und verkauft.

Mag sein, dass die Rocker uns mal wollten. Aber wir wollen nicht zu denen. Die Migranten sind klüger geworden. Sie wollen nicht mehr in den großen Clubs dienen. Sie wollen dort nicht mehr die Arbeit für andere machen. Sie wollen was vom Kuchen abhaben.


Also gibt es ihn doch, den Kuchen, von dem wir alle gerade sagen, dass es ihn nicht gebe?

Uns betrifft das nicht. Uns geht es um keinen Kuchen, weder im Rotlicht noch in der Drogenszene. Wir sind und bleiben ein Boxclub.


Also stehen Übertritte oder gar ein Patchover nicht zur Debatte?

Patchover? Nie im Leben! Eher würde ich mich erschießen.


Die Migranten haben in den letzten Jahren in unserer Szene mächtig Wellen geschlagen und für schlechte Schlagzeilen gesorgt. Habt ihr den Rockern der alten Schule was zu sagen, um ihre erhitzten Gemüter abzukühlen?

Äußerlich kann der Eindruck entstehen, dass wir euch kopieren und damit ins Gehege kommen. Aber wir wollen uns von euch nichts abgucken. Wir wollen unsere eigene Kultur aufbauen. Dabei machen wir vielleicht auch Fehler.


Die hatten wir vor vielen Jahrzehnten ja auch mal gemacht.

Es gibt da eine türkische Weisheit: Ein Kind fällt hin, steht wieder auf, fällt hin, steht wieder auf. So lernt es das Laufen. Das trifft auch auf uns zu. Dann können wir später sagen, das haben wir selbst erreicht.


Klingt alles ganz unschuldig. Wie kommt es dann zu den vielen Horrormeldungen über euch?

Schlechte Nachrichten verkaufen sich wohl besser. Mal hieß es, wir würden zum IS gehören, mal hieß es, wir wären Faschisten ... Vielleicht liegt das auch daran, dass wir so schnell gewachsen sind. Dabei sind wir nicht in eine einzige Straftat verwickelt. Das muss deutlich gesagt werden.


Ihr habt trotzdem das polizeiliche Konzept der „Sensibilisierung“ zu spüren bekommen?

Richtig. Wir hatten eine perfekte Location für unsere Einjahresfeier aufgetrieben. Das hatte sich rumgesprochen. Die Polizei zeigte dem Bürgermeister daraufhin ein Rap-Video von uns und fragte ihn, ob er solche Leute in seinem Ort haben will. Der Wirt der Location hatte da auch keine Wahl mehr, er hat uns schließlich abgesagt. Wir mussten einen neuen Platz finden.


Besteht da noch die Möglichkeit, euch mal in Clubhäusern zu besuchen, um euch kennenzulernen?

Das kommt sicher. Wir bauen unser Clubhaus gerade aus. Bis dahin verrate bitte nur, dass du uns in einem Gewerbegebiet im Raum um Frankfurt besucht hast. Und eines bleibt klar, wenn man mal eine Party von uns besucht: Wenn wir unsere Farben tragen, trinken wir keinen Alkohol und nehmen keine Drogen!


Keine Drogen? Ihr tragt die „13“ auf der Kutte. Bei einigen von uns steht das für „M“, also für Marihuana.

Kennst du die Jahreszahl 1453? Das ist nach eurer Zeitrechnung das Jahr der Eroberung Istanbuls durch die Osmanen. Wenn du die einzelnen Ziffern zusammenzählst, kommst du auf 13. Die „13“ kriegt bei uns aber nicht jeder. Sie wird nur besonders verdienten Membern verliehen.


Und was heißt „Kana Kan“ auf eurem Siderocker?

„Blut für Blut“. Du siehst, wir haben wirklich eine eigene Kultur.


Info: www.facebook.com/OsmanenGermaniaBC
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