Parken für Biker

24.08.2012  |  Text: Julie Hecker  |  
Parken für Biker
Alle Bilder »
Die Heidelberger sind strenge Menschen. Auf Gehwegen geparkte Bikes werden nicht geduldet. Aber wo dürfen Motorradfahrer nun eigentlich parken? Wenn die Ordnungshüter kommen, dann scheidet das die Biker. Nur die wirklich coolen Biker bleiben cool. …
Wenn die Ordnungshüter kommen, dann scheidet das die Biker. Nur die wirklich coolen Biker bleiben cool. Sie zahlen aber auch den Preis dafür.
So geschehen vorm Café „Frollein Bent“ am Neckarmünzplatz in Heidelberg. Holger und seine fünf Kumpels waren dort eingekehrt. Ihre Bikes hatten sie dicht an die Rückseite des Wartehäuschens der Bushaltestelle gereiht. So behielten sie vom Café aus ihre Bikes im Blick, und nicht mal im Dunkeln wäre ein japanischer Tourist drübergestolpert.
Aber dann kamen die Gesetzeshüter vom Ordnungsamt und steckten ihre Knöllchen hinter die Scheibenwischer der ersten Autos. Gleich würden die Bikes drankommen, so viel wussten Holger und seine Jungs. Denn in der Heidelberger Innenstadt fährt das Amt eine scharfe Linie, auch gegen Motorräder auf dem Bürgersteig. Zwei von Holgers Kumpels sprangen auf, schoben ihre Bikes vom Bushäuschen und wollten den Platz räumen. Halt, einer schoss noch ein Foto mit dem Handy, und dann fuhren die beiden auf die andere Seite des Blocks, um dort eine Zigarette zu rauchen. Als sie zurückkamen, hatten die anderen drei ihre Knöllchen bereits unter der Sattelschlaufe: 15 Euro fürs coole Sitzenbleiben. Nur Holger, der – weil er mitten in Heidelberg wohnt – mit seinem Stadtroller vorgefahren war, kassierte keines. Obwohl sein Rollerchen als einziges Zweirad nicht am Bushäuschen, sondern mitten im Weg stand.


Und dann kamen die Knöllchen. Wie aufgeschnürt standen die Bikes dicht an der Rückwand des Bushäuschens. Nur der Roller (grüner Pfeil) stand mitten im Weg. Das vordere Bike (roter Pfeil) stand auch in der Reihe, wurde nur unmittelbar vorm Foto vom Besitzer rausgeschoben, um weggefahren zu werden
Und dann kamen die Knöllchen. Wie aufgeschnürt standen die Bikes dicht an der Rückwand des Bushäuschens. Nur der Roller (grüner Pfeil) stand mitten im Weg. Das vordere Bike (roter Pfeil) stand auch in der Reihe, wurde nur unmittelbar vorm Foto vom Besitzer rausgeschoben, um weggefahren zu werden

Kurioses Heidelberg

Eigentlich ist die rechtliche Lage klar und unmissverständlich: Ein Motorrad muss auf einem normalen Parkplatz parken, wie ein Auto auch. Allerdings werden Motorräder, die einen Autoparkplatz blockieren, schnell zum öffentlichen Ärgernis. Kein normal denkender Mensch käme deshalb auf die Idee, als Motorradfahrer eine Fünf-Meter-Parklücke dicht zu machen. Weil innerstädtische Motorradparkplätze selten sind und sowieso nie vor der Tür zu finden, parken viele Biker einfach auf dem Gehweg. Das macht Sinn, spart Platz – ist aber rechtlich verboten.
In den meisten Städten wird das Gehweg­parken von den Behörden trotzdem geduldet, andere wiederum gehen rigoros zur Sache und brummen falsch abgestellten Motorrädern regelmäßig ein Ticket auf. In der Praxis heißt das: Ob ein falsch geparktes Moped einen Strafzettel erhält oder nicht, bleibt Glückssache! 
Besonders kurios ist die Situation in Heidelberg. Dort klagen Verkehrsteilnehmer nicht nur über absurde Ampelschaltungen, die den Verkehrsfluss behindern. Die Stadt hat obendrein mehrere ausgewiesene Motorradparkplätze. Sie liegen jeweils mehrere Kilometer voneinander entfernt. In den meisten Fällen müssen also selbst Biker Fußmärsche für einen Besuch in der Stadt einkalkulieren. Aber diese Motorradparkplätze müssen benutzt werden, denn der zuständige Gemeindevollzugsdienst der Stadt geht unerbittlich gegen falsch geparkte Motorräder vor.
Dann aber unterscheidet er noch zwischen Motorrädern und Rollern, und das mit System. Ein anderer Biker, dessen Namen wir hier nicht nennen, hatte einen zuständigen Mitarbeiter vom Ordnungsdienst darauf angesprochen und die entsprechende Antwort erhalten: „Roller haben ein kleines Kennzeichen, und deshalb werden sie in Heidelberg wie Fahrräder behandelt.“ Diese Antwort erfolgte natürlich mündlich und formlos, nicht schriftlich.

Holger am Tatort bei Tage. Er kennt die Heidelberger Verhältnisse und bewegt sich innerhalb der Stadt nur mit dem kleinen Zweirad
Holger am Tatort bei Tage. Er kennt die Heidelberger Verhältnisse und bewegt sich innerhalb der Stadt nur mit dem kleinen Zweirad

Wo Motorräder parken dürfen

Tatsache ist: Die Behörden hätten sich nach dem Muster der meisten Städte durchaus kulant zeigen können und das Gehwegparken dulden können.
Und das, obwohl die Rechtslage anders aussieht. In § 12 Abs. 4 Satz 1 der Straßen­verkehrsordnung (StVO) ist es für alle festgelegt: „Zum Parken ist der rechte Seitenstreifen, dazu gehören auch entlang der Fahrbahn angelegte Parkstreifen, zu benutzen, sonst ist an den rechten Fahrbahnrand heranzufahren. Das gilt in der Regel auch für den, der nur halten will; jedenfalls muss auch er dazu auf der rechten Fahrbahnseite rechts bleiben.“ Wer auf dem Gehweg parkt, verstößt somit gegen diese Regel, es sei denn, es existiert ein Schild oder eine entsprechende Parkflächenmarkierung, die das Gehwegparken erlaubt. Ein solches Schild stand natürlich nicht am Heidelberger Neckarmünzplatz.

Die Unteren Straßenverkehrsbehörden der Länder entscheiden im Einzelfall, wo Gehwegparken geduldet werden kann. Dabei sind sie an die Vorgaben der die StVO begleitenden lokalen Verwaltungsvorschriften (VwV-StVO) gebunden. Nach VwV-StVO darf das Parken auf Gehwegen zum Beispiel geduldet werden, „wenn genügend Platz für den unbehinderten Verkehr von Fußgängern gegebenenfalls mit Kinderwagen oder Rollstuhlfahrern auch im Begegnungsverkehr bleibt, die Gehwege und die darunter liegenden Leitungen durch die parkenden Fahrzeuge nicht beschädigt werden können und der Zugang zu Leitungen nicht beeinträchtigt werden kann sowie die Bordsteine ausreichend abgeschrägt und niedrig sind. Die Zulassung des Parkens durch Markierung auf Gehwegen ist dort zu erwägen, wo nur wenigen Fahrzeugen das Parken erlaubt werden soll“ (VwV-StVO zu Anlage 2 lfd. Nummer 74 Parkflächenmarkierungen). Diese Verwaltungsvorschrift wird allgemein auch als Richtlinie für die Duldung von Motorrädern auf Gehwegen angewendet.

Es gibt offizielle Motorradparkplätze, und diese müssen benutzt werden
Es gibt offizielle Motorradparkplätze, und diese müssen benutzt werden

Das Verkehrszeichen 315

Die hochoffizielle Erlaubnis zum Gehwegparken wird durch das Verkehrszeichen 315 „Parken auf Gehwegen“ angezeigt. Das Zeichen erlaubt Fahrzeugen mit einem zulässigen Gesamt­gewicht bis zu 2,8 Tonnen das Parken auf Gehwegen. Das sollte also auch für eine Boss Hoss reichen. Im Zeichen wird bildlich dargestellt, wie die Fahrzeuge aufzustellen sind. Wie aber platziert man dort die Boss Hoss?
Durch ein Zusatzschild kann die Parkerlaubnis beschränkt sein, insbesondere nach der Dauer, zugunsten der mit besonderem Parkausweis versehenen Bewohner, Schwerbehinderten mit außergewöhnlicher Gehbehinderung und Blinden. Die Ausnahmen gelten nur, wenn die Parkausweise gut lesbar ausgelegt sind.
Das Zusatzschild „nur mit Parkschein“ kennzeichnet den Geltungsbereich von Parkscheinautomaten. Der Anfang des erlaubten Parkens kann durch einen waagerechten weißen Pfeil im Schild, das Ende durch einen solchen, in entgegengesetzter Richtung weisenden Pfeil gekennzeichnet werden. Frage ist nur: Wer bringt an seinem Motorrad einen Parkschein an?
 

  Es fährt nicht jeder mit Armaturenbrett und Windschutzscheibe durch die Gegend.

Motorradparkplätze in Heidelberg, es gibt sie in einem Abstand von  jeweils mehreren Kilometern. Biker dürfen nur diese Parkplätze benutzen, sonst kassieren sie Knöllchen. Obendrein besteht das Risiko,  dort von Autos zugeparkt zu werden
Motorradparkplätze in Heidelberg, es gibt sie in einem Abstand von jeweils mehreren Kilometern. Biker dürfen nur diese Parkplätze benutzen, sonst kassieren sie Knöllchen. Obendrein besteht das Risiko, dort von Autos zugeparkt zu werden

Laufkundschaft erwünscht

Am Heidelberger Neckarmünzplatz stand natürlich kein Verkehrszeichen 315, allerdings wurden weder Fußgänger behindert, noch Leitungen beschädigt oder der Zugang zu diesen versperrt. Damit lässt sich zumindest darüber streiten, ob die Beamten hier nicht doch ein Auge hätten zudrücken können, und zwar so, wie sie es auch vor Rollern zudrücken.
Uns kam diese Regelung unsinnig vor, wir haben bei der Stadt nachgefragt. Sie antwortete mit einer schriftlichen Verlautbarung: „Der Gemeindevollzugdienst beanstandet in der Regel alle ordnungswidrig abgestellten Motorräder und Roller. Es gibt hier keine Differenzierung bezüglich der Ahndung, auch nicht dann, wenn ein 50er-Roller nur ein kleines Versicherungskennzeichen besitzt und baulich etwas kleiner als ein Motorrad ist. Dagegen sind Fahrräder nicht kennzeichenpflichtig und können daher nicht verwarnt werden. Insbesondere in der Innenstadt werden alle Krafträder, die verbotswidrig
z. B. auf dem Gehweg parken, konsequent vom Gemeindevollzugsdienst beanstandet. In den Randgebieten dagegen wird das Parken auf Gehwegen eher geduldet, vorausgesetzt es liegt keine Behinderung vor.“
Eine Behinderung lag in unserem Fall nicht vor, das damals schnell geschossene Foto beweist es. Aber es handelte sich beim Tatort eindeutig um die Innenstadt. Absurd, aber nach der Heidelberger Linie logisch. Die Cafés in der Heidelberger Innenstadt bleiben auf Laufkundschaft angewiesen. Biker müssen sie meiden.

Der einzig legale Motorradparkplatz am Neckarmünzplatz befindet sich im „Frollein Bent“. Diese Lösung bietet sich nur für ein Motorrad an – und nur, wenn alle anderen Gäste draußen sitzen
Der einzig legale Motorradparkplatz am Neckarmünzplatz befindet sich im „Frollein Bent“. Diese Lösung bietet sich nur für ein Motorrad an – und nur, wenn alle anderen Gäste draußen sitzen
 
 

 

  Teilen
Topseller im Shop
Topseller im Shop
Stand:24 June 2018 08:58:43/motorrad/berichte/parken+fuer+biker_128.html