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Norwegen im Juni … Für die größte unabhängige Harley-Party des Jahres ist allein schon der Weg das Ziel Norwegen im Juni ist nichts für Weicheier. Da helfen auch Mitternachtssonne und warmer Golfstrom nichts.
Norwegen im Juni … Für die größte unabhängige Harley-Party des Jahres ist allein schon der Weg das Ziel
 
Norwegen im Juni ist nichts für Weicheier. Da helfen auch Mitternachtssonne und warmer Golfstrom nichts. Aber wer noch von der Superrally 2004 in Schweden Frostbeulen hatte, und wer sich wie Hannibal im Jahr danach zur Superrally über die schneeschauerlichen Alpenpässe nach Rom gekämpft hatte, konnte sich im norwegischen Vinstra wie zuhause fühlen. Denn diesmal hatte der 1986 gegründete unabhängige Harley-Davidson Owners Club Norway H-DOCN die Superrally ausgerichtet.
Und wie in jedem Jahr ist die Superrally immer das, was der einzelne daraus macht. Ihr Weg ist das Ziel – und der Weg beginnt an der deutschen Grenze. Von Flensburg nach Skagen führt die dänische Autobahn nämlich an Silkeborg vorbei, 1993 Schauplatz einer der gelungensten Superrallys. Das Ende von Dänemark in Skagen ist ein geeigneter Zwischenstop auf dem Weg nach Norwegen. Sowohl von Frederikshafen als auch von Hirthals laufen Fähren nach Norden aus – und unsere ist gebucht von Hirthals nach Bergen.

Härtetour über endlose Fjorde

Bergen hat den zweifelhaften Ruf, die regenreichste Stadt Norwegens zu sein. Und als die Fähre dort anlegt, schifft es auch schon. Also rein in die Klamotten und ab auf die Landstraße. Schnell wird die Landschaft wild und verwegen. Wasser hat Norwegen wahrlich genug zu bieten: Gigantische Wasserfälle rauschen neben der Landstraße in die Tiefe – woher die gespeist werden, erleben wir gerade selbst. Die Uferstraßen müssen aus dem blanken Felsen gefräst sein, so eng laufen sie an den Fjorden entlang. Und man kommt auf diesen engen Straßen auch nur langsam voran, teils sogar nur einspurig mit Ausweichplätzen. Wer einmal das Speedlimit von 80 km/h erreicht, kann sich glücklich schätzen.
 
Am Nachmittag hat das Wetter ein Einsehen, und wir entschließen uns, die Knochen auf einer längeren Fährfahrt über einen dieser Fjorde zu trocknen. Von Gudvangen führt eine Fährtverbindung zwei Stunden und zwanzig Minuten nach Kaupanger. Die Fahrt durch den engen Naoryfjord lässt die nassen Kilometer schnell vergessen: Ist die Sonne am Himmel, lassen die Landschaften den Atem stocken. Senkrecht fallen die Felswände in die Fjorde und gehen dort ebenso tief weiter. Der Naoryfjord mündet in den 204 Kilometer langen Sognefjord, der zudem mit 1308 Metern auch noch der tiefste Fjord Norwegens ist. Zwar ist es am späten Abend noch taghell – aber jetzt fragen wir uns doch nach einer der zahlreichen Hütten durch.

Kilometerfressen bis zur nächsten Hütte

Am nächsten Tag geht es weiter durch die Fjordlandschaft. Einmal mehr sind die Distanzen gigantisch, und das Wetter ist nicht immer freundlich. Auf der Anfahrt zum Geiranger-Fjord liegen rechts und links zwei Meter hohe Schneemauern! Gefrorene Seen und eisiger Wind lassen keine große Fahrlaune aufkommen, doch die Kilometer bis zur nächsten Hütte wollen gefressen werden.
Das musste auch Bernhardt Weiß aus Fürth erkennen, der den Trollsteg auf dem Weg zur Superrally von Norden anfuhr: Über 8.000 Kilometer auf einer 1958er Panhead samt Abstechern zu Nordkapp und Lofoten lagen hinter ihm – eine Frosttour, wenn auch noch die Hütten geschlossen sind.
Der Rest des Weges nach Trondheim ist wieder von erhöhter Luftfeuchtigkeit gekennzeichnet, die erst an der E6 etwas nachlässt. Trondheim ist nicht nur die ehemalige Hauptstadt von Norwegen, hier brach auch Leif Erikson um das Jahr 1.000 herum zu seiner Amerikafahrt auf. Doch die Stadt ist auch der Geburtsort der norwegischen Chopper- und Custom-Szene. In einer ehemaligen Wehrmachtsbaracke – „Brakka“ auf norwegisch – schrauben die Jungs vom Rams MC schon seit über 30 Jahren an Custombikes „Made in Norway“. Die Einladung zum Übernachten in diesen historischen Hallen sollte keiner ablehnen.
Die Anreise nach Vinstra zieht sich zäh dahin: Die E 6 ist die Hauptverkehrsader von Norwegen – und entsprechend viele Lastwagen sind auf den 280 Kilometern unterwegs. Das Wetter legt auch noch mal nach, und so toben auf den Hochebenen Schneesturm und Eisregen. Auf dem Eventgelände zittern diese Nacht schon zwischen 500 und 1.000 Unverdrossene bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt.

Saftige Preise verursachen einen Skandinavien-Schock

Zum letzten Mal gastierte die Superrally vor 15 Jahren in Norwegen. Und die Nordländer wissen noch immer, wie man eine Party schmeißt. Das Gelände ist sorgfältig ausgesucht und gut vorbereitet. Aber mit satten 80 Euro Eintritt setzt die Rally neue Maßstäbe. Was nicht mal den morgendlichen Kaffee beim Frühstück einschließt. Der kostet nochmals zwei Euro extra!
 
Doch die meisten Besucher haben nach den ersten Kilometern in Skandinavien ihren Preisschock schon hinter sich – und geboten wird einiges: Musik auf zwei Bühnen, mit namhaften Bands, wie Pat Savage, Peer Gynt, Uriah Heep und Rock’n’Roll-Legende Dave Edmunds.
Und endlich zeigt sich Norwegen am ersten offiziellen Rallytag von seiner schönsten Seite: Strahlend blauer Himmel und Temperaturen über dem Gefrierpunkt machen die Anreise für die heute Ankommenden zur Freude. Kennzeichen aus ganz Europa ziehen in Konvois durchs Gudbrandsdalen und von Norden über die E 6: Holland, Deutschland, Italien, Griechenland, Polen, Tschechische Republik und sogar Andorra. Und das alles „on the road“, denn die Fähren sind komplett ausgebucht. So sind am Donnerstag schon über viertausend Leute auf dem Platz, tausend mehr als vor 15 Jahren über die ganze Party.
 
Von den Berghängen der „Peer Gynt Hochstraße“ eröffnet sich ein hervorragender Blick auf das Tal bei Vinstra und die dahinter aufragenden schneebedeckten Bergriesen. Unten baut sich eine Zeltstadt auf, aus der nonstop der Donner der V-Twins zu den Bauernhöfen und Ferienhäusern heraufschallt.
Trotz der am gleichen Samstag stattfindenden Bikeshow in Norrtälje – für skandinavische Customizer ein Muss – rollen die eigentlichen Fahrer nach Norwegen. Bis am Sonntag die erste Abreisewelle das Tal erdröhnen lässt, zählt der Veranstalter über 10.000 Besucher.
Die „Lazy Boys“ – Norwegens Harley-Dealer aus Oslo – schmeissen das Werkstattzelt: Hier geht die Nacht über das Licht nicht aus. Als größter von zehn verbliebenen Harley-Händlern ist die Crew Tag und Nacht im Einsatz. Wegen der großen Entfernung und der hohen Lebenshaltungskosten ist die Händlermeile in diesem Jahr eher klein geraten. Natürlich sind norwegische Customizer vertreten – zum Beispiel „Custom Speed“ aus Trondheim mit seinem 30-Inch over Chopper, der gerade in der Nacht zuvor fertiggestellt wurde – doch nach den großen Namen sucht man vergebends. Die niederländischen Walz Repräsentanten hissten die „Hardcore“ Flagge und „Jekill & Hyde“ Auspuffanlagen sorgen jeden Morgen für den Weckdienst im Dealercamp.

Ein Blick auf die norwegische Biker-Szene

Auf etwa zehntausend Harleys wird der norwegische Maschinenpark geschätzt, ohne die zahlreichen Custombikes, die im Laufe der Jahre in den Clubhäusern aufgebaut werden oder aus anderen skandinavischen Ländern kommen. Allein der gastgebende Harley-Davidson Club Norwegen zählt 2.300 Members. Die Clubszene ist reichhaltig – und vor allem harmonisch: Sowohl in Oslo als auch Trondheim ko-existieren Hells Angels, Bandidos und Outlaws. Auf der Superrally hatten die großen Clubs natürlich ihre Terrains abgesteckt. Aber auch dort ertönte kein Weckkonzert per Polizeihubschrauber. Der kreiselte ein paar Runden am Nachmittag, aber vorwiegend regulierte die Polizei den Verkehr. Die Kontrollen erfolgten stundenweise außerhalb des Festgeländes, aber niemals so massiv wie in Schweden.
Für Verstimmung sorgte die Eingangskontrolle vom Campground zum Festgelände, insbesondere durfte man Getränke nicht von einem Teil der Rally auf den anderen nehmen. Das hatte seine Gründe in der Lizenzvergabe, die in Norwegen etwas anders funktioniert.
Mit Bikeshow, Bikerhochzeit und „Strong Man“ Wettbewerb war der Samstagmittag schnell gelaufen. Und dann folgte die Party. Gut, daß es hier nie richtig dunkel wird. Nach dem Auftritt von Dave Edmunds wurde es am Horizont schon wieder hell. Die Uhren gehen im Norden eben anders.
 
Text und Bilder: Horst Rösler


Der Artikel steht auch in der BIKERS NEWS 7/06.
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Stand:23 June 2018 00:57:57/motorrad/berichte/superrally_066.html