Unter falscher Flagge

21.06.2017  |  Text: Tilmann Ziegenhain  |   Bilder: Tilmann Ziegenhain, Archiv BIKERS NEWS
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Unter falscher Flagge
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Die Marke „Hells Angels“ zählt zu den bekanntesten der Welt. Der Club muss sich deswegen weltweit gegen Fälschungen und Missbrauch seiner Insignien zur Wehr setzen – und davon gibt es immer mehr …
… BN: Wann und wie fing das an mit den Fälschungen und der unerlaubten, kommerziellen Nutzung eures Namens und eures Logos?
Django: Nachdem 1966 das Buch von Hunter S. Thompson erschienen war, wuchs das öffentliche Interesse. Richtig angefangen mit der kommerziellen Nutzung hat es mit der Filmindustrie. Die Verwendung unseres Namens und des Death Heads in Büchern und Filmen wurde früher durch einzelne Verträge geregelt. Und in dem Zusammenhang haben wir festgestellt, dass Leute mit unserem Namen und unserem Logo Geld verdienen und Schindluder treiben. Die erste Firma, die wir ausfindig gemacht haben, nannte sich „All American Company“ und stammte aus New Jersey – die haben damals Pins mit dem Death Head hergestellt. Also wurde beschlossen, dass man sich auf anderer Ebene wehren muss. Wir haben einfach keinen Bock, dass jemand mit unseren Abzeichen Geld verdient.

„Das Ganze wächst parallel
mit dem medialen Interesse“


Gibt es so etwas wie Boom und Flaute? Böse Zungen behaupten, das Interesse an euren Colours habe nach den Konflikten der letzten Jahre abgenommen, zumindest hierzulande  …
Django: Es ist eine aufsteigende Kurve. Und die bekam einen steilen Schub, als das mit dem Internet anfing.

Bibo: Ich kümmere mich seit 2010 um das Thema; als ich angefangen habe, kam ungefähr alle drei Monate ein Anruf – heute gibt es täglich welche.

Fähnrich: Das Ganze wächst parallel mit dem medialen Interesse. Und mittlerweile gibt es ja täglich Neuigkeiten über den Club.

Über wie viele Fälle reden wir derzeit?
Django: Mittlerweile sind die Verstöße so krass – allein im letzten Oktober waren es rund 500 Fälle, und zwar nur auf Ebay.

Bibo: Mit Ebay haben wir allerdings einen Vertrag – dort können wir unser Copyright gut durchsetzen.

Der Hells Angels MC betreibt zur Durchsetzung seines Urheberrechts eine Firma mit dem Namen „Hells Angels Motorcycle Club Corporation“. Wann wurde diese Firma gegründet, was genau sind ihre Aufgaben?
Bibo: Die Aufgaben sind ausschließlich der Schutz unseres Namens und unserer Logos – für den Club. Gegründet wurde sie in den Siebzigern, in Europa hat sie in den Achtzigern angefangen.

Django: In Europa lief das zunächst anders, wir mussten unsere Kennzeichen in jedem Land separat schützen, je nach nationalem Recht. Dann wurde das Madrider Abkommen überarbeitet, das die rechtliche Lage vereinheitlicht hat. (Gemeint ist das Protokoll zum Madrider Abkommen, das Deutschland 1996 unterzeichnet hat. Anm. d. Red.)

Fähnrich: Das Gute an dem Madrider Protokoll ist: Das sind auch Länder dabei, die nicht in der EU sind. Insgesamt sind es über 90 Staaten, die sich verbindlich daran halten.

Django: Die Corporation wurde auch gegründet, um sich in Ländern zu schützen, wo der HAMC nicht vertreten ist oder die das Abkommen nicht unterschrieben haben.

Wie ist die Corporation aufgebaut?
Bibo: Wie eine ganz normale Firma. Sie wird von Membern verwaltet und geleitet – und von spezialisierten Anwälten vertreten.

„Tagebücher für Kinder, Jeansknöpfe, lauter so ’ne Scheiße – das habe ich früher alles gekauft …“

Aber wenn das geistige Eigentum des Clubs in Deutschland doch bereits durch das Madrider Abkommen geschützt ist – warum arbeitet die Corporation dann überhaupt in Deutschland?
Bibo: Es geht vor allem um Informationsaustausch, ich arbeite mit anderen Ländern zusammen. Wenn ich erfahre, auf Ebay-Deutschland läuft was – dann checke ich das, leite es weiter und es wird gestoppt.

Django: Heute geht das, früher musste man immer erst ein Exemplar als Beweis besorgen: Tagebücher für Kinder, Jeansknöpfe, lauter so ’ne Scheiße – das habe ich früher alles gekauft, um einen Nachweis zu haben und bin damit zu einem Fachanwalt in England, der sich darum gekümmert hat.

„Das ist ein Wettlauf gegen
die Zeit, weil die Fälscher
schnell dazulernen“


Verfolgt ihr alle Fälle – oder versucht ihr es zumindest?
Bibo: Die Corporation sucht sich heute Fälle aus, die Sinn machen, bei denen also halbwegs Aussicht auf Schadenersatz besteht. Wir reden hier von Hunderten von Fälschungen – das ist eine Flut, die auf einen zukommt. Und mit dem Internet wurde das wie gesagt immer schlimmer – denn zu Ebay kamen Amazon und viele weitere Seiten. Es ist wie Detektivarbeit, immer rauszufinden, wer die neueste Fälschung hergestellt hat.

Fähnrich: Und weil keiner Bock hat, sich mit den Details zu beschäftigen, machen das Rechtsanwälte.

Budde: Die Corporation gibt dem Club ein regelmäßiges Update. Dann heißt es immer „Wir sind bei Land XY angelangt.“ Da muss man sich laufend drum kümmern, sich überall rechtlich schützen und irgendwann geht es wieder von vorn los. Da laufen nämlich Fristen ab. Die Corporation hat ständig zu tun.

Django: Das ist ein Wettlauf gegen die Zeit, weil die Fälscher schnell dazulernen. Du verfolgst einen Fall und bis du bei der verantwortlichen Firma bist, ist sie umgezogen oder es gibt schon eine neue. Ich war mal in Thailand bei einem Juwelier, mit einem Bruder. Der sagte dann auf einmal „Dreh mal deinen Clubring nach innen.“ Es gibt dort Leute, die schauen eine Minute auf so einen Ring und schnitzen ihn dann nach.

Bibo: Und wissen oft gar nicht, was dahinter steckt.

Die Corporation hält offiziell die Rechte am Namen „Hells Angels“ und dem Death Head – fallen auch noch weitere Elemente und Designs unter die geschützte Marke „Hells Angels“?
Django: Hauptsächlich sind es der Clubname und der Death Head. Und in dem Zusammenhang eine Reihe weiterer Symbole.

Zum Beispiel die individuellen Death Heads der Charter? Hat eigentlich jeder Charter einen eigenen Death Head?
Django: Nicht alle haben einen, aber viele. Auch die sind zum Teil explizit geschützt.

Bibo: Unser Clublogo ist in verschiedenen Ausführungen geschützt. Das kann man nachlesen im Madrider Abkommen samt Abbildungen. Man kann auch sehen, für welche Kategorien das gilt, also zum Beispiel Kleidung.

Django: Auch „Big Red Machine“ fällt da­runter. Die Marke habe ich 1994 in Deutschland gegründet und den Namen für Be­kleidung, Lederwaren, Schmuck, Aufkleber und jede Form von Werbeträgern schützen lassen.

Fähnrich: Das Protokoll umfasst aber nicht alles – andere Länder haben zusätzlich weitere, spezifische Sachen geschützt.

Wie viel Geld verdient die Corporation?
Fähnrich: Gar nichts, im Gegenteil: Sie kostet Geld. Wir geben Geld aus, um die Marke zu schützen. Der größte Kostenfaktor sind die Anwälte; und die beste Lösung, die sie erreichen können, ist, dass die Produktion eingestellt wird. Die Corporation kümmert sich vor allem um Fälle in den USA, die sich lohnen.

Gibt es denn viele Fälle in den USA?
Django: Nein, 90 Prozent stammen aus Asien.

Bibo: Es gab aber einige prominente Fälle in den USA. Wir haben dort zum Beispiel mal gegen Disney geklagt. Da ging es um einen Film. Oder gegen eine Schmuckfirma in New York.

„Wer seine Marke nicht schützt, verliert sie“

Dass die Hells Angels mit Anwälten gegen Missbrauch ihres geistigen Eigentums vorgehen, dürfte den wenigsten bekannt sein. Viele dürften auch sagen, es passe nicht zum Image des Clubs  …
Django: Früher hat man das noch anders geregelt. Heute gibt es die Corporation und ihre Anwälte. Wir sind dazu gezwungen, denn wer seine Marke nicht schützt, verliert sie.

„Beim Kauf will uns
niemand schädigen,
beim Verkauf ist es anders“


Was für Leute sind das aus eurer Sicht, die sich die klassischen 1:1-Fälschungen des Colours übers Internet kaufen und dann auf ihre Westen nähen? Gibt es da gewisse Gemeinsamkeiten? Suchen diese Leute den Kontakt zu euch oder versuchen sie eher, sich nicht erwischen zu lassen?
Django: Das ist Sympathie. Die möchten eben auch gern dabei sein …

Fähnrich:  … schaffen es aber nicht.

Django: Ich kann an einer Hand abzählen, dass jemand mit unserem Colour Scheiße bauen wollte.

Bibo: Es geht auch nicht um die Person, die darin rumläuft. 90 Prozent von denen haben nichts Böses im Sinn. Die haben Bock auf uns und finden uns cool.

Fähnrich: Ja, die allermeisten wollen uns nicht schaden, sondern uns eben supporten.

Django: Man kann es so zusammenfassen: Beim Kauf will uns niemand schädigen, beim Verkauf ist es anders.

Ist schon mal jemand mit einem kompletten gefälschten Colour bei euch aufgetaucht und hat sich als Hells Angel ausgegeben?
Django: Nein, so ein Fall ist mir nicht bekannt.

Zumindest, wenn man die Bogus-Charter außer Acht lässt; also die örtlichen Gruppen, die sich einfach ohne offizielle Legitimierung das Colour auf die Kutte genäht haben. Einige dieser Charter wurden nachträglich anerkannt. Ironie der Geschichte, dass selbst einige echte Hells Angels zunächst „unechte“ waren?
Django: Ja, mehrere MCs in England, Amsterdam, Paris waren Bogus-Charter.

„Die Behörden sind nicht willens oder in der Lage zu erklären, was verboten ist“

Müssten die Filme im Rahmen des Vereinsgesetzes nicht auch aus dem Verkehr gezogen oder zensiert werden?
Budde: Im Moment wissen wir es nicht, wir würden es ja gern wissen. Aber die Behörden sind nicht willens oder in der Lage zu erklären, was verboten ist und was nicht. Dabei muss man als Bürger doch wissen, was rechtens ist und was nicht!

Fähnrich: Es wird sicher irgendwann eine Richtlinie kommen, die das für alle Länder regelt. Die derzeitige Unsicherheit ist ein Stück weit gewollt. Man kann in einem Gesetz eigentlich nicht sagen, eine Banane muss aussehen „wie“ ein rechter Winkel – und keiner weiß, ob damit schon 79 Grad gemeint sind. Das verschärfte Vereinsgesetz bietet aber so viel Spielraum, von Schriftzug und Death Head bis hin zu mehr. In Berlin wurde bereits ein Support-Shirt beschlagnahmt.

Wo können Interessierte denn zurzeit Support-Sachen kaufen, die offiziell vom Club kommen und die man straffrei tragen darf?
Fähnrich: Da die jetzige Rechtslage bundesweit unterschiedlich ausgelegt wird, könnte auch Support-Stuff betroffen sein. Bis das geklärt ist, ist das in den offiziellen Shops zu haben.

Budde: Für offiziellen Support-Stuff gilt: Es steht „Support“ drauf – nicht „Hells“, „Angels“ oder der Death Head.

Fähnrich: Wer ernsthaftes Interesse hat: Es gibt genug Orte, an denen man uns findet. Es wäre optimal, dass wir auch wissen, wer unseren Support-Stuff trägt. Es finden regelmäßig Treffen und Partys statt, es gibt verschiedenste Wege und Möglichkeiten. Wer bemüht ist, der findet uns auch.

„Für uns war es schwer zu ver­stehen, dass der BIKERS NEWS gerade in so einer Zeit so
ein Fehler passiert“


In den Swapmeet-Kleinanzeigen unserer Februar-Ausgabe wurde ein kreisrundes Support-Patch mit dem Logo und dem Schriftzug des Hells Angels MC Nomads angeboten. Das Tragen von Logo und Schriftzug ist aber Membern vorbehalten – offizieller Support-Stuff war es also nicht, sondern eine nicht autorisierte Raubkopie. Diese Anzeige ist uns im Stress der Druckabgabe durchgerutscht. Hat es in eurem Umfeld Reaktionen auf diesen Fehler gegeben? Habt ihr jemanden mit einem dieser Patches rumlaufen sehen – oder gab es andere Probleme im Zusammenhang mit dieser Anzeige?
Budde: Für uns war es zunächst einmal schwer zu verstehen, dass gerade in so einer Zeit so ein Fehler passiert. Wenn es in der BIKERS NEWS erscheint, dem „Zentralorgan der kriminellen Rocker“ oder der „Biker-Bravo“, hat das eine anderen Stellenwert, als wenn es bei Ebay passiert. Wenn es die BN bringt, ist es wie autorisiert. Auch deswegen machen wir ja dieses Interview, um das zu klären und richtigzustellen.

Fähnrich: Eine Gegendarstellung und Entschuldigung auf Seite 87 ist zu weit hinten und wird nicht beachtet. Mit diesem Interview können wir den Schaden vielleicht begrenzen, denn die Ausgabe lässt sich ja nicht mehr rückgängig machen. Das kann noch in fünf Jahren gelesen werden. Fakt ist: Es gab Leute, die gedacht haben, dass das okay ist und sie es tragen dürfen. Und das gerade zu der jetzigen Zeit und in Berlin, wo sowieso immer alles brodelt. Man gießt nicht nur Öl ins Feuer, sondern es entstehen neue Brandherde.

Bibo: Man torpediert sich ja dadurch ein Stück weit selbst – und das können wir natürlich überhaupt nicht gebrauchen.

Fähnrich: Das Problem ist: Heute braucht jemand einfach nur damit rumzulaufen – er muss sonst ja nicht mal was Strafbares machen. Viele Leute verstehen nicht, was erlaubt ist und was nicht. Wir wissen es ja selbst nicht genau, weil es bislang keine offizielle Weisung der Behörden gibt.

Von Einzelfällen, also Privatpersonen, die mehr oder weniger professionell Fälschungen erstellen bis hin zu großen Modefirmen, die für ihre Kollektionen ein nahezu identisches Logo verwenden, hat es schon alles gegeben. Was kommt häufiger vor, was ist das größere Problem und warum?
Django: Sticker, kleine Patches und so weiter – das ist der größte Teil.

Bibo: Es gibt auch große Firmen, die unser Logo kopieren.

Fähnrich: Die Tür wurde von den Großen zwar geöffnet. Aber großer Firmen kann man habhaft werden. Das ist einfacher als mit den kleinen Anbietern. Alles, was man erreichen kann, ist, dass diese Firmen vom Markt verschwinden. Aber es gibt Tausende Zwischenhändler – das ist das Hauptproblem.

Django: Und die haben mit dem Internet heute ganz andere Möglichkeiten.

Bibo: Und durch die Anonymität im Netz fühlen sie sich geschützt.    «
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Stand:18 July 2018 05:05:11/motorrad/berichte/unter+falscher+flagge_176.html