LOW RIDER S

17.06.2016  |  Text: Michael Ahlsdorf  |   Bilder: Volker Rost
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LOW RIDER S
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Tuner können einpacken. Jetzt liefert die Company selbst eine Harley mit 200 Sachen
Wenn sie zu stark ist, seid ihr zu schwach. Also seid gewarnt, denn es ist wie im Turbobooster eines Videogames eurer Kinder. Plötzlich zieht die Landschaft Streifen und was auch immer vor euch passiert: Wenn ihr drauf reagieren wollt, liegt es schon hinter euch.
Das sind Gefühle, wie wir sie von Serienherstellern hochgezüchteter Bikes kennen. Aber von einer Harley? Jau, die Low Rider S kann das.
Schon während des Vorspiels wollen wir in die Knie sinken. Auf Knopfdruck springt der Big Twin mit einem gewaltigen Beben an. Dazu wuchtet sich der mächtige Schnorchel des Heavy-Breather-Luftfilters zitternd unter dem Tank hervor, denn dieser Motor ist im wörtlichen Sinne losgelassen.

Harley-Davidson Low Rider S (FXDLS)
Harley-Davidson Low Rider S (FXDLS)

Es handelt sich um eines der Triebwerke aus der „S“-Reihe, die angetreten ist, mit dem Vorurteil aufzuräumen, dass Harleys „overchromed, but underpowered“ wären. Diese Motoren spielen in der 100-PS-Liga mit. Und in der Low Rider S ist er in Gummiblöcken gelagert, er poltert also ohne Ausgleichswellen, die den Motoren immer ein Stück Lebenskraft vom Tisch ziehen.
Eingesparte Ausgleichswellen bringen übrigens nicht zwingend fünf Pferdchen mehr, auch wenn diese Zahl an Stammtischen oft kursiert. Die Jungs auf dem Leistungsprüfstand von Motorrad Höly in Schriesheim erklären uns den Sachverhalt genauer: Ein Motor ohne Ausgleichswellen kann allenfalls giftiger sein, denn er muss weniger Masse in Schwung bringen. Und so fällt unser Leistungstest der Low Rider S ernüchternd aus: Harley-Davidson hatte im Datenblatt der Low Rider S zwar fünf PS mehr versprochen, also nicht 92 PS, wie im Fall der ausgleichsgewellten Fat Boy S, sondern 97 PS. Auf dem Leistungsprüfstand offenbarte sie aber im vierten Gang nur 95,15 PS. Damit liegt die Low Rider S sogar unter den 97 PS, die die Fat Boy S auf dem Leis-tungsprüfstand freigesetzt hatte.

Der Motor ist in Gummiblöcken gelagert. Darin kann er frei vibrieren und benötigt keine Ausgleichswelle
Der Motor ist in Gummiblöcken gelagert. Darin kann er frei vibrieren und benötigt keine Ausgleichswelle

Die Abstimmungen von Harleys Big Twins scheinen mithin Glückssache zu sein. Reine Kopfsache sind sie allemal, denn gefühlt verspüren wir von diesen Zahlen nichts, zumal schon bei 2200 Umdrehungen das Drehmoment-Plateau beginnt.
Die Einsparung der Ausgleichwellen dient umso spürbarer der Laufkultur des Twins. Ist der Motor warm, dann rappelt’s in seinem Gehäuse zwar ein bisschen wie im Schuhkarton, aber nur im Leerlauf. Darüber wird alles gut. Seine ausgleichsgewellten Brüder glänzen dagegen auch in den niedrigen Drehzahlen darüber nicht mit Kultur. Sie klickern unter 3000 Umdrehungen sogar wie eine Kiste Legosteine und nerven mit Ruckeln. Alles das wird offensichtlich von dem Kettentrieb der Ausgleichswellen verursacht, denn der Motor der Low Rider S hat das nicht.

Der Drehzahlmesser liegt ziemlich weit unten und damit nicht im Blickfeld des Fahrers. Man hätte ihn auch in der Lampenschale unterbringen können
Der Drehzahlmesser liegt ziemlich weit unten und damit nicht im Blickfeld des Fahrers. Man hätte ihn auch in der Lampenschale unterbringen können

Mit ihm könnt ihr sogar unter 2000 Umdrehungen entspannt cruisen. Dann stampft er weich und wuchtig vor sich hin, entspannt euer Gemüt mit sympathischen Vibrationen. Aus dem Quark kommt er dann aber noch nicht. Auch in den Gummilagerungen bricht erst nach 3000 Umdrehungen der Krieg aus, der knapp über 5500 durch den Drehzahlbegrenzer zum Rückzug wird.
Aber den Krieg dazwischen wollt ihr haben! Ein kurzer Dreh am Gasgriff, noch bevor ihr den Gang eingelegt habt, und schon wisst ihr: Dieses Triebwerk will genommen werden. Es antwortet umgehend mit lüsternem Radau. Wer da nur ans Cruisen denkt, der ist ein Schmuserocker, der nicht verstehen will.

Ein kurzer Dreh am Gasgriff: Dieses Triebwerk will genommen werden
Ein kurzer Dreh am Gasgriff: Dieses Triebwerk will genommen werden

Die Low Rider S ist ein Luder. Was immer ihr mit ihr macht, sie steckt das weg. Klar, sie ist nämlich eine Dyna mit ordentlichem Schwingenfahrwerk hinten und zubeißender Doppelscheibe vorn. Die mittigen Fußrasten machen sie sogar kurvenwillig. Damit könnt ihr sie nicht überfordern.
Nur ab 180 Sachen scheint sie abheben zu wollen, jedenfalls unter leichtgewichtigem Fahrer. Ihre Nadel haben wir trotzdem auf 200 gekriegt, ohne körperliche Mühe, weil die Scheinwerferschale tatsächlich den Winddruck nimmt.
Dass die Low Rider S mit dieser Windschale aussieht, wie aus dem Fuhrpark der Sons of Anarchy gegriffen, muss uns nicht scheren. In den USA fährt man keine 200 Sachen, das macht man nur auf der Autobahn in Germany – und das jetzt auch mit einer Harley.

Die Lampenschale dient nicht nur als Drogenversteck. Dahinter schafft ihr 200 Sachen ohne Genickstarre
Die Lampenschale dient nicht nur als Drogenversteck. Dahinter schafft ihr 200 Sachen ohne Genickstarre
Im vierten Gang gibt die Low Rider S ihre Höchstleistung (blau) von 95,15 PS bei 5000 Umdrehungen ab. Das Drehmoment-Plateau (rot) ist bei 2200 Umdrehungen erreicht
Im vierten Gang gibt die Low Rider S ihre Höchstleistung (blau) von 95,15 PS bei
5000 Umdrehungen ab. Das Drehmoment-Plateau (rot) ist bei 2200 Umdrehungen erreicht

 

TECHNISCHE DATEN „Low Rider S (FXDLS)“

Motor
Typ: Twin Cam 110
Hubraum: 1801 ccm
Verdichtungsverhältnis: 9,2:1
Bohrung x Hub: 101,6 x 111,1 mm
Leistung: 71kW (97 PS)/5250 U/min
Drehmoment: 156 Nm/3500 U/min
Gemischaufbereitung: Kraftstoffeinspritzung 48 mm, Electronic Throttle Control (ETC)
Zündung: Transistorzündung
Luftfilter: Heavy Breather
Emissionen: Euro III
Primärantrieb: Duplex-Kette
Kupplung: Mehrscheiben-Ölbadkupplung
Getriebe: Sechsgang
Sekundärantrieb: Zahnriemen

Fahrwerk
Rahmen: Doppelschleifen-Stahlrohr-Rahmen
Gabel: Telegabel, Standrohrdurchmesser 49 mm
Heck: Zweiarmschwinge, zwei Federbeine
Lenkkopfwinkel: 31 °
Gabelwinkel: 32 °
Nachlauf: 128 mm
Bremsen (mit ABS serienmäßig)
vorn: zwei Scheibenbremsen, gelocht, Ø 300 mm, Vierkolben-Festsattel
hinten: eine Scheibenbremse, gelocht, Ø 292 mm, Zweikolben-Schwimmsattel
Federweg
vorn: 130 mm
hinten: 54 mm
Felgen
vorn: 19 x 2.50, 10-Speichen-Leichtmetallgussrad
hinten: 17 x 4.50, 10-Speichen-Leichtmetallgussrad
Serienbereifung
vorn: Michelin Harley-Davidson Scorcher „31“ 100/90 B19 57H
hinten: Michelin Harley-Davidson Scorcher „31“ 160/70 B17 73V

Maße und Gewichte
Höchstgeschwindigkeit: 195 km/h
Leergewicht: 305 kg
Radlastverteilung
vorn: 141 kg
hinten: 164 kg
Zulässiges Gesamtgewicht: 492 kg
Zuladung: 187 kg
Länge: 2390 mm
Breite: 900 mm
Höhe: 1170 mm
Sitzhöhe: 685 mm
Radstand: 1630 mm
Tankinhalt: 17,8 l
Preis: ab 19.785 Euro
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Stand:23 June 2018 00:52:38/motorrad/bike-portraets/low+rider+s_166.html