Daytona Bike Week

29.04.2016  |  Text: Carsten Heil  |   Bilder: Carsten Heil
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Gut 300 000 Biker feierten in Florida ausgelassen die 75. Daytona Beach Bike Week – auch wenn die großen Bikeshows in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht sind Interview auf Daytonas „best rock station“, schrill berichtet die Reporterin live vom Cabbage Patch. „Hier ist totale Bikerparty angesagt. Hier gibt es alles – Truthahnschenkel, …
Gut 300 000 Biker feierten in Florida ausgelassen die 75. Daytona Beach Bike Week –
auch wenn die großen Bikeshows in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht sind


Ärgerlich für Harley: Die Mopedcops von Daytona fahren keine E-Glides mehr, sondern Victory-TourerInterview auf Daytonas „best rock station“, schrill berichtet die Reporterin live vom Cabbage Patch. „Hier ist totale Bikerparty angesagt. Hier gibt es alles – Truthahnschenkel, Verkaufsstände, Musik, ähhh, Leder und Tausende Motorräder. Es ist so phantastisch, so unglaublich, so absolut großartig.“ Während der Befragung durcheilen die Lady mindestens zwei Höhepunkte und unter Schnappatmung wiederholt sie mehrmals „Turkey-Legs. Party. Vendors. Leather. Unbelievable. So absolutely amazing!“
So läuft das in Daytona. Überall gibt es mehr oder weniger interessante Events, irgendwelche Bagger-Bikeshows, Lackdesign-Contests, Triker-Treffen, Boss-Hoss-Paraden, BBQ, Livemusik, Party. Und alle schreien lauthals die Wichtigkeit und Einmaligkeit ihrer Zusammenkunft in die Welt – auch wenn es letztlich meist kaum der Rede wert ist.
Im Falle des Cabbage Patch geht allerdings wirklich was. Hier draußen, südöstlich der Stadt, steigt jedes Mal eine der fettesten Partys der Bike Week: Es wird gesoffen, als gäbe es kein Morgen, stattliche Ladys catchen in öligem Weißkraut und unzählige Bands rocken sich die Eier aus der Hose. Am anderen Ende der Stadt liegen die großen Biker-Saloons wie Iron Horse und Broken Spoke –
das Programm ist das gleiche. Hier feiern die, die nicht auf irgendwelchen MC-Events oder einer von Hunderten privater Partys im Umkreis von 50 Meilen rund um Daytona abhängen.


Flanieren auf der Main Street

Daytona Bike WeekDer Rest blubbert durch die Gegend oder flaniert mit oder ohne Bike über Daytonas Main Street. Es gibt weltweit keinen zweiten Motorrad-Hotspot, der ähnlich bunt, schrill und überdreht ist. Während sich die Coverbands im Full-Moon-Saloon und gegenüber bei Dirty Harrys mit voll aufgedrehten Reglern battlen, mischt sich das Bollern, Blubbern und Kreischen Hunderter Verbrennungsmotoren mit dem fetten Hiphop-Beat aus den Soundanlagen der schwarzen Baggertreiber zu einem irren akustischen Inferno. Der visuelle Wahnsinn steht dem kaum nach: Möchtegernkomiker tuckern auf schwülstigen Trikes im Batmankostüm durch die Menge, andere schlüpfen in riesige Kuscheltiergewänder, um wenigstens ein kleines bisschen der kostbaren Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Andere bringen ausgewachsene Pythons mit, die man sich für einen Dollar für ein Foto um den Hals legen kann. Die gleiche Nummer gibt’s dieses Jahr auch wieder mit Aras und – neu – Kakadus. Tigerbabys gab es auch schon.
Mittendrin ziehen christliche Biker mannshohe Holzkreuze hinter sich her, um der Welt das Leiden Christi näherzubringen, während eine Gruppe Hare-Krishna-Jünger in all dem Trubel völlig schmerzfrei ihr Mantra trällert und dabei selig vor sich hin tanzt. Dazwischen kreuzt Grandma im Donald-Trump-Shirt die Straße: „Make America great again“. Ach ja ...


Motorrad-Multikulti

Daytona Bike WeekEs sind noch immer überwiegend Harley-Tourer unterwegs, auf denen meist ältere Biker in schlecht geschnittenen Walmart-Jeans, schwarzem Harley-Shirt und weißen Tennissocken sitzen. Aber mehr und mehr der alten Knochen können oder wollen sich den Trip nach Florida nicht mehr leisten. Oder sind zu gebrechlich geworden. Ihren Platz haben Latinos und Schwarze eingenommen, die bevorzugt mit Bling-Bling-Hifi-Baggern und glitzernden Langschwingen-Hayabusas durch die Main Street mäandern. Dazwischen tummeln sich MC-Member, Custombike-Hipster und Supersport-Freaks, die zum Daytona- 200-Rennen in der Stadt sind. Und Ladys jeder Altersklasse auf jeglicher Art von motorisiertem Zweirad. Mehr Motorrad-Multikulti ist kaum vorstellbar – mehr Toleranz auch nicht. Vor wenigen Jahren haben die Bullen hier noch für jeden Furz die silberne Acht klicken lassen und säckeweise Tickets für verkehrstechnische Lapalienverstöße verteilt. Jetzt muss man es schon reichlich übertreiben, ehe die Cops einschreiten. Die Stadt will die Gäste ihrer lukrativsten Veranstaltung nicht vergraulen, es sind eh schon viel weniger als zu den absoluten Hype-Zeiten der 90er- und frühen 2000er-Jahre. Damals sollen es eine halbe Million gewesen sein, heute mögen es noch 300 000, vielleicht 400 000 sein. Zählen lässt sich das ohnehin nicht.


Trauerspiel Bikeshows

Daytona Bike WeekDamals waren auch die Bikeshows noch von Bedeutung, die Rat’s Hole Show sogar das weltweit wichtigste Custombike-Event. Nach jahrelangem Location-Hopping hat sie seit letztem Jahr ihre Heimat auf dem Parkplatz hinter dem Indian-Händler in der North Beach Street gefunden. Zwischen Fressständen und irgendwelchem Geschlonz sind ein paar Handvoll Umbauten verstreut, die meist weder neu noch besonders geil sind. Ein Trauerspiel. Die Boardwalk-Show hingegen findet wie eh und je an der Vergnügungsmeile am Main-Street-Pier direkt an der angrenzenden Strandpromenade statt, die Qualität der Exponate ist aber ebenfalls unterirdisch. Auch Harleys Ride-in-Show, einst kostspielig vor Daytonas Kongresszentrum in Szene gesetzt und letztes Jahr im multimedialen Dschungel komplett untergegangen, hat sich nun in die Sümpfe rund um den Broken-Spoke-Saloon verzogen. Das kommt zwar authentisch rüber, geht aber in Sachen Qualität und Quantität der gezeigten Maschinen ebenfalls als waschechter Flop durch. Bliebe noch die Oldschool-Chopper-Show vor Willies Tropical Tattoo, wo sich reichlich abgefucktes Material und einige echte Perlen des Custombike-Buildings finden. Hier geht was, vor allem Bärte, Tattoos, Hakenkreuze und SS-Runen. Mexikaner und Schwarze sieht man hier nicht. Letztere ziehen ohnehin ihr eigenes Black-Bike-Week-Ding in Daytonas Assi-Vierteln durch. Da wiederum wird man als Weißer nicht gerade mit offenen Armen empfangen. Sonst wohl auch niemand, angeblich gab es dort allein im Januar und Februar 17 Morde. Bandenkrieg mit Schusswaffengebrauch – sparen wir uns und gehen lieber dahin, wo’s friedlich ist.


Sanierter Speedway

Daytona Bike WeekDer Daytona International Speedway wurde für viele Millionen Dollar saniert und aufgebrezelt. Richtig hübsch gemacht, die ganze Front entlang der 32-Grad-Steilkurve wurde aufgestockt und neu verkleidet und genau hier haben sich nun auch die großen Motorradhersteller breitgemacht, die ihre Zelte bislang immer auf dem Wiesenparkplatz am Nordwestzipfel aufgestellt hatten. Besser ist das, wenngleich der attraktivere Standplatz mit horrenden Preisen bezahlt werden muss. Ein „Prezel“ kostet schlappe sechs Bucks, ein Bier verwerfliche acht Dollar. Immerhin, neue Mopeds gucken kostet nix, genauso wenig wie Harleys Wall of Death oder die Victory-Stuntshow.


Konkurrenz für Milwaukee

Daytona Bike WeekApropos Harley: Hat man in Milwaukee in den letzten Jahrzehnten das dicke V2-Geschäft ohne ernsthafte Konkurrenz gemacht, hat Harleys oberster Boss nun zugegeben, die Schlagkraft des Polaris-Konzerns mächtig unterschätzt zu haben. Denn mag es vielleicht einfach nur ärgerlich sein, dass Daytonas Mopedcops nicht mehr auf E-Glides, sondern auf Victory-Tourern unterwegs sind, ist spätestens mit der glanzvollen Wiederauferstehung Indians klargeworden, dass es diesmal ernst ist. Die Customizer stürzen sich wie die Irren auf die neuen Chiefs und Scouts und die Präsenz der neuen Indianer-Bikes auf den Straßen ist nicht zu übersehen. Mit der Doppelzange aus Victory als junger Musclebike-Marke und Indian für die Daytona Bike WeekTouring- und Klassikfraktion tut Polaris dem Platzhirsch schon richtig weh. Mal schauen, wie die Company auf die neuen Herausforderungen reagiert …
So bleibt als Fazit, dass die Daytona Bike Week sich auch in der 75. Auflage treu geblieben ist: Sonne, Meer, Mopeds und Party satt –
ein Saisonstart, den man zumindest einmal mitgemacht haben sollte. Allein schon wegen der Truthahnschenkel und des, ähhhh, Leders.



Wie immer trafen sich die deutschen Biker am Donnerstag High Noon zum Gruppenfoto. Programm gibt es keines, das „Krautmeeting“ ist einfach nur ein Treffpunkt für Landsleute
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Stand:23 June 2018 00:47:30/motorrad/events/daytona+bike+week_164.html